Menschen mit Format | 1 | Hirte oder Leiter?

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Nach der erfolgreichen SOMMERREIHE 2013 von Thomas Härry machen wir auch 2014 Fortsetzung. Unser diesjähriger SOMMERBLOGGER heißt SWEN SCHÖNHEIT und ist Autor des Handbuches für Führungskräfte „Menschen mit Format“. Ein Dank an den Autor und den Verlag!

Grundlagen

Mann muss nicht „fromm“ sein um zu bemerken, dass Jesus eine geniale Führungskraft war. Wenn „Führung“ „Einfluss“ bedeutet, dann ist Jesus in der Pole-Position! Bis heute erreicht uns sein Einfluss. Unsere Kultur, Kunst, Wissenschaft, Werte, Kultur … ist ohne ihn nicht zu erklären. Kann man denn von Jesus tatsächlich „leiten lernen“? Swen Schönheit ist davon überzeugt und hat ein Buch darüber geschrieben: „Menschen mit Format“.

Die Sommerreihe auf dem LEITERBLOG bringt aus diesem Handbuch für Führungskräfte Auszüge für erfahrene und erprobte Leiter und Leiterinnen. Aber auch für angehende Führungskräfte und für Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen. Führung ist ein „kritischer Faktor“ in unserer Gesellschaft, Politik, Sport, Wirtschaft, Bildungswesen, Verwaltung … Deshalb lohnt es sich von Jesus leiten zu lernen! Starten wir durch:

Braucht es überhaupt Führung?

Beginnen wir mit den Grundlagen. Braucht es überhaupt Führung? Sind wir nicht alle gleich? Und wenn man schon von Leitung reden will, müsste man dann nicht viel mehr vom Hirtendienst reden, als von Führung, Leitung oder vielleicht sogar von Management? Geben wir das Wort dem Autor Swen Schönheit:

Leiten lernen bei Jesus | Grundlagen

„Letztlich sind wir alle gleich!“

Im demokratisch aufgeklärten Westen … lebten wir mit den geistigen Folgen von 1968. Ich bekam das hautnah in meiner Ausbildung als Vikar zu spüren. Im Predigerseminar wollte, sollte oder durfte niemand so richtig. Die Studienleiter (wir waren alle per „Du“) wollen uns natürlich nichts beibringen, sondern lediglich moderieren. Frontaler Unterricht war von vorgestern! Die Gruppe bestimmte das Thema und redete in endlosen Debatten letztlich nur über sich selbst. Der verpönte „Vikars-Vater“ war zum partnerschaftlichen „Mentor“ mutiert. Schöne neue horizontale Welt, in der keiner über den anderen herrschen sollte. Ich lernte damals das Stichwort „Herrschaftsstrukturen“ kennen, das ähnlich vernichtend klang wie in frommen Kreisen das Prädikat „unmoralisch“ oder „unbiblisch“! Leitung erfolgte also etwa nach der Devise: Jeder mischt ein bisschen mit, doch am Ende trägt niemand die Verantwortung. So sind bis heute viele Gemeinden „aufgebaut“: Wir machen alle alles gemeinsam …

Schafe, die Führung brauchen …

Die Bibel ist bei ihren zentralen Aussagen über Leitung von einer weniger spannenden Tiergattung geprägt: Den Schafen! Warum nur diese netten, harmlosen Vierbeiner? „Wenn sie sich selbst überlassen bleiben, folgen sie den immer gleichen Pfaden, bis diese zu ausgetretenen Gräben werden. Sie grasen immer die gleichen Hügel ab, solange, bis eine Wüste daraus geworden ist. Sie verschmutzen ihr eigenes Gehege, bis es von Krankheiten und Ungeziefer versucht ist“, beschreibt ein erfahrener Hirte seinen Dienst. „Das beste Mittel gegen dieses Übel besteht darin, dass der Hirte seine Herde ständig in Bewegung hält.“[i] Gott scheint Schafe besonders zu lieben – jedenfalls sind sie für die Bibel das zentrale Bild, um den Bedarf an guter Führung zu beschreiben. Vielleicht soll uns dieser Vergleich demütig halten und vor Augen führen, wie sehr wir alle auf Hilfe von außen angewiesen sind, egal in welcher Position!

Jedenfalls zieht sich durch das ganze Alte und Neue Testament wie ein roter Faden Gottes Suche nach geeigneten Leitern, „damit das Volk des Herrn nicht wie eine Herde ohne Hirte ist“ (4.Mose 27,17; vgl. Mt 9,36). Bereits im Alten Testament wird Gott als der „Hirte Israels“ bezeichnet, der über Generationen sein Volk „wie eine Herde gehütet“ hat (Ps 80,2; 95,7). Jesus hat diesen Titel übernommen mit dem markanten Satz: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte opfert sein Leben für die Schafe.“ Für uns bedeutet dies, dass es in aller Welt keinen besseren Leiter gibt als Jesus: In ihm hat der Gott des alten Bundes endgültig Gesicht gezeigt und Gestalt angenommen! Und Jesus lädt uns alle ein, seiner guten Leitung zu folgen: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh 10,11.27 | jeweils NLB) Gute Leiter werden wir, wenn wir lernen Jesus zu folgen und wenn wir uns Jesus selbst als Vorbild nehmen!

Wenn wir das – gar nicht so romantische – Bild vom Schäfer und seiner Schafherde auf uns wirken lassen, zeigen sich einige Überraschungen im Blick auf Leitungsfragen:

1.    Welt und Gemeinde lassen sich nicht trennen!

Als Hirten werden im Alten Testament Leiter unterschiedlicher Art bezeichnet, Könige und Heerführer, aber ebenso Priester und Propheten. Das Volk zu „weiden“ meint also nichts anderes als es zu leiten (2.Sam 5,2; 7,7; Jer 2,8; 23,1-4). Als die Juden in Babylon im Exil lebten, einem für sie gottlosen Ausland, ließ Gott die Propheten sagen, Nebukadnezar habe „für mich gearbeitet“. Israels Erzfeind als Gottes Werkzeug? Später bezeichnet Gott den mächtigen Perserkönig Kyrus als „mein Hirte“ (Hes 29,20; Jes 44,28). Schließlich war er es, der Israel die Rückkehr ins Heimatland und den Neuanfang dort ermöglichte. In unseren Gemeinden sind wir gewohnt, das Leben in „weltliche“ und „geistliche“ Bereiche aufzuteilen. Doch diese künstliche Trennung ist dem Alten Testament zutiefst fremd! Auch für uns heute gilt: Gute Leiter werden überall gebraucht, im Raum der Kirche ebenso wie in den Bereichen unserer Gesellschaft. Gott sucht gute Hirten für die Menschen „drinnen“ wie „draußen“!

2.    Gott lässt sich von uns vertreten!

Wenn Gott im Alten Bund von sich selbst als „Hirte“ spricht, zeigt er ebenso handfeste wie behutsame Seiten (Hes 34,11-16; Jes 40,11). Als Hirte ist er unser Vater. Dennoch hat er diesen Titel nicht für sich selbst reserviert. Auch wir Menschen sollen einander zu guten Hirten werden: „Füttere meine Lämmer! Hüte meine Schafe!“ beauftragt Jesus seinen Schüler Petrus nach der Auferstehung (Joh 21,15-18 | jüd). Trotz seines Versagens wurde Petrus wieder eingesetzt in seinen ursprünglichen Auftrag und Jesus hat ihm sein gesamtes Mitarbeiterteam anvertraut (vgl. Lk 22,32). Tatsächlich übernahm Petrus den Hirtenstab und wurde ein anerkannter und vollmächtiger Leiter der ersten Gemeinde. In seinen Briefen spricht er wiederum die Ältesten in den Gemeinden als „Hirten“ an, die sich ein Vorbild an Jesus nehmen sollen (1.Pt 5,2-4). Der Titel des guten Hirten ist also nicht geschützt! Die gute „Marke“ wird von Gott auf uns Menschen übertragen. Wenn wir auf diesem Hintergrund vom Pastor sprechen (lateinisch Hirte oder Schäfer), kann es also nur um Jesusähnliche Leitung gehen!

Grafik 1

„Wenn Sie erfolgreich sein wollen, müssen auch Sie lernen, wie man Menschen mit der Kunst eines Hirten betreut“, wird in Anlehnung an die Bibel als Managementprinzip gelehrt. Es lohnt sich in der Tat, das „Hirtenprinzip“ genauer zu untersuchen:[i] Der gute Hirte steht für persönliche Nähe, Interesse, Fürsorge, Schutz, Orientierung, Förderung und Herausforderung … wunderschöne Bilder, die allerdings erst dann Gestalt annehmen, wenn wir Menschen bereit sind, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen. Anders als die Tierwelt sind wir eben nur begrenzt „programmiert“ zum richtigen Gruppenverhalten. Vielmehr müssen wir uns entscheiden zu einem Lebensstil, der von wirklichem Interesse für andere bestimmt ist. Erst dann kann uns Gott als „Hirten nach meinem Herzen“ gebrauchen (Jer 3,15).

„Führe mich, o Herr, und leite …“

Am Bild vom Hirten und der Herde wird deutlich: Führen können wir andere nur, wenn wir selbst bereit sind, uns von Gott führen zu lassen. Führung und Leitung – dies muss ich zuerst an mir selbst erfahren, bevor ich anderen damit dienen kann.

„Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort;
sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort.
Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.“
[ii]

Wilfried Härle, Professor für evangelische Theologie, nimmt dieses Morgenlied aus dem Gesangbuch zum Anlass, die Begriffe „führen“ und „leiten“ klarer gegeneinander abzugrenzen. Oftmals erscheinen sie austauschbar bzw. werden nach persönlicher Vorliebe verwendet. Führung bezieht sich in diesem Lied auf die Person („mich“), so Härle, Leitung auf den „Gang“ des Beters. Entsprechend lässt sich für uns heute sagen:

  • „Führung“ ist primär „personenbezogene Hilfe zum Erreichen von Zielen“ (vgl. Personalführung, Lebensführung, Kinder werden an der Hand geführt usw.).
  • „Leitung“ dagegen ist eine „organisationsbezogene Aktivität“ (Sitzungen, Organisationen, Gemeinden werden geleitet, wir haben Kirchenleitungen“ usw.).[iii]
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Swen Schönheit
Swen Schönheit ist seit 1989 Pfarrer an der Apostel-Petrus-Gemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Als Gründungsmitglied des Netzwerks „Gemeinsam für Berlin“ engagiert er sich seit vielen Jahren für die Einheit der Christen in der Stadt und die Förderung jüngerer Leiter. Seit November 2012 ist Swen Schönheit mit einer viertel Pfarrstelle bei der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung Deutschland als theologischer Referent tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.
Buchcover
Menschen mit Format, Leiten lernen von Jesus, Swen Schönheit, Asaph-Verlag, 320 S., € 17,95 | eBook: € 14,95
Die Kurzrezi zu „Menschen mit Format“ auf dem Leiterblog gibt es hier.

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[i]        Kevin Leman / William Pentak, Das Hirtenprinzip – Sieben Erfolgsrezepte guter Menschenführung, München (2005), S. 28
[ii]        Lied Nr. 445,5, in: In: Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen, München / Weimar, S. 1556
[iii]        Wilfried Härle, in: Geistlich Leiten – Ein Impuls, epd Dokumentation 6/2012, Hannover (2012), S. 28-29
[i]        W. Phillip Keller, Psalm 23 – Aus der Sicht eines Schafhirten, Wetzlar (21978), S. 72, 74

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