Exponential (5): Mentor, Coach oder Ausbilder?

Was braucht es, um einen Christen zu einem Jünger zu formen? Einen Mentor? Einen Coach? Einen Seelsorger? Oder einen Ausbilder? Alle vier Ansätze fördern Menschen in bestimmten Lebensphasen und haben ihre Berechtigung und Stärken! Sie werden nicht gegeneinander ausgespielt. Je besser wir aber ihre Rollen und Stärken verstehen, je effektiver können wir zur „richtigen Wahl der Mittel“ finden.

Ausbilder!

Um einen Christen auf den Weg der Nachfolge Jesu zu bringen und die grundlegenden Fertigkeiten einzuüben, schlägt „Exponential“ den Ausbilder vor. Warum? Weil dieser Ansatz am effektivsten den Rahmen bietet, der den Jüngerschaftsprozess fördert. Schauen wir kurz zum Profil des Mentoring und Coaching, um diesen Gedanken besser zu verstehen. Dazu habe ich mich mit Dr. Tobias Faix rückgeschlossen, der ein ausgewiesener Experte und Autor zum Thema ist. Zusammen mit dem Pfarrer Stefan Pahl gründete Tobias Faix das Christliche Mentoring Netzwerk. Hier sein Vorschlag die Begriffe zu definieren:

Mentoring, Coaching, Seelsorge …

Mentoring hat einen förderungsorientierten Fokus: Es wird prozessorientiert gearbeitet, ein Ziel kann sich verändern oder sogar erst später herausgearbeitet werden. Es geht um eine Förderung und Unterstützung eines Mentees in seinem grundsätzlichen Lebensentwurf: Begabung und Berufungen erkennen, Werte entwickeln und Gaben entdecken und freisetzen.

Coaching hat einen zielorientierten Fokus: Fragt, was ist das Ziel? Wie ist der Ist-Zustand? Welche Handlungsalternativen gibt es, um das Ziel zu erreichen? Zu welchen praktischen Schritten ist der Mentee entschlossen? Welche konkreten Veränderungswünsche hat der Mentee?

Seelsorge hat einen problemorientierten Fokus: Es kann punktuell gearbeitet werden. Es ist zeitlich unabhängig, kann auch einmalig sein. Es geht um konkrete Hilfestellung eines Problems. Ein Vertrauensverhältnis muss nicht aufgebaut werden.“

Ausbildung

Der Seelsorger, Mentor und auch der Coach leben davon, dass sie auf das reflektieren, was sie von ihrem Mentee oder „Coachee“ hören. Das begrenzt die Ressourcen und ist immer auch eine Art Engführung, Filterung! Der Ausbilder sieht im Gegensatz unmittelbarer, wo der Azubi steht. Weil er ihn erlebt, beobachtet, begleitet. Weil die Vereinbarung zur „Ausbildung, zur Korrektur, zum Feedback …“ Grundbestandteil des Verhältnisses ist.

In Deutschland ist diese Form der Ausbildung seit Jahrzehnten sehr erfolgreich! Viele Studiengänge versuchen die Stärken des Ansatzes mit der Idee des Dualen Studiums aufzugreifen!

Ein Beispiel dazu …

In meiner ersten Ausbildung habe ich einen praktischen Beruf gelernt. Es begann damit, dass der Ausbilder uns den Umgang mit einer 300er Schrupp-Feile erklärt hat. Dann bekamen wir unser Stück U-Stahl das wir jetzt, nach dem wie es unser Ausbilder uns gezeigt hatte, bearbeiten sollten. Das war gar nicht einfach! Wir wollten uns rausreden, haben über die Feilen geschimpft, das U-Stahl beschuldigt und die Arbeitsbedingungen. Aber unser Ausbilder kannte sich in seinem Geschäft aus, wusste um die Qualität der Werkzeuge und den Werkstoff. Er schaute uns genau zu und in vielen mühsamen kleinen Schritten machte er uns immer wieder vor, wie es sein sollte. Er beobachtete uns sehr genau und gab uns ein realistisches, wenn auch manchmal schmerzhaftes Feedback! Wir lernten langsam, aber sicher, unser Handwerk. Wenn der Ausbilder sich nur auf das verlassen hätte, was wir ihm aus unserer Sicht zu berichten hatten, dann hätten wir uns zwar gut gefühlt, aber wir hätten unser Handwerk nicht gut gelernt. Und zugegeben: Mit der Zeit entwickelten wir auch eine sehr gute Selbstwahrnehmung, die die Qualität unseres Urteils sehr verbesserte. Das 1. Lehrjahr musste echt unter uns aus dem 3. Lehrjahr schließlich leiden … Wir waren sehr unbarmherzig mit ihren Leistungen, egal was sie uns sagten … 🙂

Die Stärke des Azubi-Ansatzes

Das ist die Stärke des Azubi Ansatzes. Es gibt sicher Lebensphasen, in denen ein Coaching, Mentoring oder die Seelsorge für den nächsten Schritt besser geeignet ist als der Azubi Ansatz. Aber für die grundlegende Formung und das Training in Jüngerschaft, Mitarbeiterschaft u. Leitung ist der Azubi Ansatz einfach genial. Warum?

  1. Weil er wirklich ansetzt, wo der Azubi steht!
  2. Weil er konkret vormacht, was der Azubi lernen soll!
  3. Weil er kleine Schritte geht und ein handlungsorientiertes Lernen ermöglicht!
  4. Weil er ein direktes Feedback gibt!
  5. Weil er davon ausgeht, dass der Azubi Zeit und Übung braucht!
  6. Weil er den Azubi fordert, aber nicht überfordert!
  7. Weil er die Möglichkeit direkt und realistisch eröffnet, Erfolge und Fortschritte zu sehen und zu feiern!
  8. Weil er den Azubi (und Ausbilder) davor schützen kann, einen subjektiven Filter vorzuschalten!
  9. Weil er die Möglichkeit zur angemessenen Verantwortungsübernahme bietet!
  10. Weil er das „Handwerk“ gründlich erlernen lässt!

Ich ermutige darüber nachzudenken. Führungskräfte sollten ganz neu die Möglichkeit der Ausbildung in Betracht ziehen und den eigenen Lebens- und Führungsstil so verändern, dass Zeit und Raum dafür frei wird.

Was nötig ist!

Es gilt geeignete Azubis zu finden, ein klares Ausbildungskonzept zu entwickeln und in einen konsequenten „Ausbildungslebensstil“ zu investieren. Optimal ist eine ganze „Kultur der Ausbildung“. Nur wenn wir mit Absicht, Überlegung und einem Plan das Thema aufgreifen, werden wir aus Besuchern Nachfolger von Jesus machen, die ihre Berufung entdecken, seriös entwickeln und selbst wiederum andere zu Jüngern formen. Und das ist „kritisch“ für unsere Gemeinden, egal welcher Prägung sie anhängen!

Nächster Beitrag: Was hindert mich daran, als Führungskraft selbst zu einem Ausbilder zu werden?

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