
Wir haben kein Wissensproblem.
Wir haben Zugriff auf exzellente Theologie, durchdachte Konzepte und unzählige Ressourcen. Noch nie war es so leicht, sich Wissen anzueignen.
Und trotzdem bleibt etwas aus.
Wirkung.
Bewegung.
Kraft.
Denn Theorie allein trägt nicht. Wenn sie keine sichtbare Realität hervorbringt, beginnt man, sie infrage zu stellen.
Vielleicht zu schnell.
Stell dir einen Motor vor:
Perfekt konstruiert. Jedes Teil sitzt. Alles ist durchdacht.
Und doch passiert nichts.
Wäre dein erster Gedanke: Die Theorie stimmt nicht?
Oder würdest du prüfen, ob überhaupt Treibstoff im Tank ist?
Genau hier liegt ein blinder Fleck der Kirche.
Wenn Dynamik fehlt, wenn geistliche Lebendigkeit abnimmt, wenn missionarische Kraft ausbleibt, reagieren wir oft mit theologischer Nachjustierung. Wir erklären neu, gewichten um, formulieren vorsichtiger. Manchmal wird auch die ganze theologische Konstruktion in Frage gestellt. Nicht wenige stehen dann – oft desillusioniert – ganz blank da. Alles ist verloren. So schade.
Aber was, wenn das Problem nicht im „Know-how“ liegt – sondern in der fehlenden „Power“?
Ich komme selbst aus einer Prägung, die genau diesen Aspekt betont: die Kraft des Heiligen Geistes.
Und ja – hier ist nicht alles gesund gelaufen.
Es gab Übertreibungen. Schieflagen. Dinge, die Vertrauen gekostet haben. Sogar Missbrauch, Lüge und sehr viel Schein. Ich bin froh, dass das nicht verborgen bleibt. Die Opfer haben es verdient, während etliche in meiner „Bubble“ mehr mit dem „Täterschutz“ und „Markenschutz“ halten. Das macht mich unendlich traurig. DENNOCH:
Diese Fehlentwicklungen entkräften nicht die Grundlage!
Sie fordern uns heraus, reifer damit umzugehen.
Denn die Verheißung bleibt:
„Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist …“ (Apg 1,8)
Kirche ist von Anfang an auf diese Kraft hin gedacht.
Nicht als statisches System, sondern als gesandte Bewegung.
Der kanadische Pastor und Leadership-Experte Carey Nieuwhof verweist auf eine ernüchternde Beobachtung: Nur etwa 1 % der Kirchen in den USA erreichen Menschen wirksam mit dem Evangelium.
Ob die Zahl exakt stimmt, ist fast zweitrangig.
Die Richtung ist schwer zu übersehen.
Wenn wir Jesu Worte ernst nehmen, müssen wir zumindest fragen:
Haben wir ein Kraftproblem?
Nicht nur organisatorisch.
Nicht nur kulturell.
Sondern geistlich.
Auch bei uns zeigt sich ein ähnliches Spannungsfeld.
Es gibt Aufbrüche. Neue Gemeinden. Ermutigende Geschichten.
Und gleichzeitig viel Stagnation im Großen.
Die durchgreifende, selbstvergessene missionarische Bewegung, die das Umfeld prägt – sie bleibt oft aus.
Und vielleicht haben wir uns schneller damit arrangiert, als uns lieb sein sollte.
Seit Jahren bewegt mich deshalb eine Spannung:
Wie sprechen wir über den Heiligen Geist so, dass wir weder in Extreme kippen noch die Erwartung verlieren?
Wie bleiben wir gleichzeitig:
- tief in der Schrift verwurzelt,
- offen für das Wirken Gottes,
- und konkret im Alltag wirksam?
Denn beides gehört zusammen:
solides „Know-how“ und gelebte „Power“.
Das eine ohne das andere führt entweder zu trockener Theorie – oder zu orientierungsloser Erfahrung.
Für unsere Gemeinschaft – die VivaKirche in Mannheim – habe ich deshalb eine kleine Lehrserie entwickelt. Als eine Einladung:
Wir wollen mit einer gesunden Mitte unseren Glauben dynamisch und auftragsorientiert leben.
Zu einer Nachfolge, die verwurzelt ist – und zugleich kraftvoll.
Zu einem Glauben, der nicht nur erklärt, sondern bewegt.
Fragen, die bleiben
Vielleicht sind es diese Fragen, die uns weiterbringen:
- Wo habe ich mich an ein kraftloses Christsein gewöhnt?
- Wo ersetze ich fehlende Erfahrung durch mehr Erklärung?
- Rechne ich konkret damit, dass der Heilige Geist heute wirkt?
- Und was würde passieren, wenn ich ihm tatsächlich Raum gebe?
Vielleicht liegt das Problem nicht im Bauplan.
Sondern darin, dass wir gelernt haben, mit leerem Tank zu leben.
Und vielleicht beginnt Erneuerung genau hier:
nicht mit der nächsten Idee –
sondern mit einer neuen Offenheit und Sehnsucht.
Gesund und Verwurzelt in der Verheißung von Jesus.
Auftragsorientiert und kraftvoll.
Apostelgeschichte 1,8 eben.

8 Antworten zu „Die (fehlende) Kraft der Kirche“
Vielen Dank Lothar für dein Herz, die Leidenschaft und Tiefgang. Sei gesegnet und von Gottes Geist mächtig gebraucht.
Gruß
Vielen Dank für den Impuls, allerdings habe ich selbst eine etwas andere Antwort auf die Frage, warum in sehr vielen Gemeinden so wenig vorangeht. Es mangelt schlicht und ergreifend an Gebet. Durchdachtes, leidenschaftliches und ausharrendes Gebet ist das Markenzeichen des Herrn Jesus und es fehlt in vielen Gemeinden komplett. Und damit meine ich nicht primär schlecht besuchte Gebetsgemeinschaften… die sind nur Symptom eines tiefer liegenden Problems. Sehr viele Christen haben sehr wenig bis keine Ahnung von Anbetung, Fürbitte oder Sündenbekenntnis. Während Jesus Stunden im Gebet verbrachte, ist beten (meine eigene Umfrage, nicht repräsentativ) leitende Mitarbeiter in EFGs ca. 15 Minuten am Tag. Die Idee, eine Nacht durchzubeten, oder zu fasten ist fast gänzlich unbekannt. Und dann wundern wir uns, dass schwach sind, uns der Kontakt nach oben fehlt? Jakobus schreibt. „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet!“ ich denke, es ist so einfach.
Alles Liebe und Gottes Segen jf
Wie würdest du den Zusammenhang „Gebet“ u. Heiliger Geist betrachten? Und wie würdest du die Aussage von Jesus in Apg. 1,8 mit deiner Beobachtung verstehen?
Ich hab gerade einmal kurz bei Logos gefragt, welche Bibeltexte Gebet und Heiliger Geist in Verbindung bringen:
Hier sind die wichtigsten Bibelstellen, die Gebet und den Heiligen Geist verbinden:
* **Römer 8,26–27** — Der Geist hilft uns in unserer Schwachheit; er tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen, und Gott kennt die Absicht des Geistes
* **Galater 4,6** — Gott hat den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, damit wir „Abba, Vater” rufen können
* **Epheser 6,18** — Betet allezeit im Geist mit Bitten und Flehen für alle Heiligen
* **Philipper 4,6–7** — Bringt eure Anliegen im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott
* **1. Thessalonicher 5,17–18** — Betet ohne Unterlass und dankt in allen Dingen
* **Judas 20** — Betet im Heiligen Geist und bewahrt euch in der Liebe Gottes
* **Johannes 4,24** — Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten
* **Sacharja 12,10** — Der Heilige Geist wird als „Geist der Gnade und des Gebets” beschrieben
* **Lukas 11,13** — Der Vater wird denen, die ihn bitten, den Heiligen Geist geben
* **1. Korinther 14,14–15** — Wenn ich im Geist bete, betet mein Geist, aber mein Verstand bleibt fruchtlos
Diese Stellen zeigen, dass der Heilige Geist das Gebet ermöglicht, leitet und vertieft — er ist nicht nur eine Kraft, die uns zum Beten bewegt, sondern aktiv an unserem Gebet beteiligt.
… sorry, ich komme mit der Kommentarfunktion noch nicht richtig klar.
Frage: Wie würdest du den Zusammenhang „Gebet“ u. Heiliger Geist betrachten?
Antwort: Wie du richtig mit Verweis auf Apg 1,8 formulierst, stammt die Kraft des geistlichen Lebens vom Heiligen Geist. Mein Eindruck ist nun der, dass wir diese Kraft nicht nutzen. Die von dir aufgeführten Stellen beleuchten recht schön (v.a. Eph 6,18, Jud 20), dass geistlich starkes Gebet immer geistgewirktes und geistdurchtränktes Gebet bleiben muss. Das will ich überhaupt nicht in Frage stellen. Mir geht es um etwas viel Banaleres. Es wird einfach viel zu wenig, viel zu allgemein und mit viel zu wenig „Herzblut“ gebetet (wo ist Fasten, Flehen, Wachen…?). Aber vielleicht ist meine Haltung auch subjektiv verzerrt. Wenn ich Leuten rate, täglich wenigstens eine Stunde zu beten, dann halten die mich meist ein wenig für komisch :-)…
Eine Frage im Zusammenhang könnte ja sein: beten Christen zu wenig, und zu wenig Glaubens- und leidenschaftlos, weil der Geist Gottes in ihnen so wenig Raum bekommt?
… du bringst das super auf den Punkt! Wir können die Spannung nicht auflösen. Ohne Gottes Wirken sind wir aufgeschmissen. Wir sind Reben am Weinstock… Wir müssen uns also keine Sorgen darum machen, dass es uns an Kraft, Wollen und Vollbringen fehlen würde! Bleibt nur noch das Tun 🙂 Und genau hier wird es m.E. brenzlig. Die Imperative im NT zeigen, dass es ein wirkliches Tun meinerseits ist. Gott beschenkt mich im Moment des Gehorsams mit echter Freiheit, damit mein Tun echte Liebe sein kann. Der Geist wirkt werbend, aber nicht vereinnahmend; er wirkt befähigend, aber nicht manipulierend (wenn auch erziehend, was ein wenig in die Richtung geht). Er gibt Freiheit zum Nein, zur Passivität, zur Trägheit/Ermüdung/Gleichgültigkeit/Überdruss an Gott… eben das, was die Kirchenväter unter Acedia subsummieren. Jetzt kann man sich fragen, wo diese Dinge herkommen und wir werden wohl ganz schnell bei Sorgen, Reichtum und Vergnügungen des Lebens (und was es sonst noch an modernen Götzen und Sünden gibt) fündig, die das Wort Gottes (bzw. das, was es an Frucht in meinem Leben bringen will) ersticken. Tja und schwuppdiwupp ist da zu wenig Gebet.
Was steht zu Beginn? Gottes Wirken, ziehen, rufen? Oder des Menschen Initiative. Ich denke an die zweite Sache. Und wenn ich dann suche, bete, ringe … Denke es kommt aus mir, kommt es tatsächlich von ihm. Und mein Teil ist Raum dafür machen. Verhindern, das ist mein Beitrag (negativ!). Bewirken, dass ist Gottes Teil. Es ist eine Spannung, die nicht ganz aufgelöst werden kann! Dass mehr bei Gott liegt, zeigt der Philippertext.
Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht (Johannes 6,44, ELB 2006)
… schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. 13 Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. (Philipper 2,12–13, LU17)