Hat jeder eine andere Definition?

Das ist eine wichtige Ausgangsfrage, weil sich viele weitere Fragen daran anschließen und klären lassen. Ein gutes Verständnis davon, was Leitung ist, legt das Fundament, auf dem wir aufbauen.

Das Thema Leitung ist in den letzten 15 – 25 Jahren „explodiert“. Während im Jahr 2003 ca. 14.000 Bücher Amazon.com zum Thema aufrufen ließen, waren es 2024 schon über 60.000 Bücher! 

Viele Studien, Modelle und Definitionen sind im Umlauf. Sie alle haben einen Blickwinkel, von dem aus sie auf das Thema schauen. Ihr Färbung:

  • akademisch,
  • soziologisch,
  • ökonomisch,
  • pädagogisch

Deshalb variieren ihre Einsichten und Schlussfolgerungen. Und deshalb „streitet“ man auch um die richtige Definition von Leitung, Führung.

Die Überlegungen ranken oft um POSITION, PERSON, ERGEBNISSE oder PROZESSE!

Wird man zu einer Leitungsperson,

weil man die passende

  • Position – Amt, Rolle, Titel – einnimmt?
  • Person – Charisma – hat?
  • Ergebnisse – Manager – produziert?
  • Prozesse – agile Führung – erfolgreich begleitet?

Vier Bezugspunkte, die Menschen tatsächlich in Führungsrollen bringen. Ob sie dann geeignete Führungskräfte sind, steht auf einem anderen Blatt.

Keith Grint ist ein renommierter britischer Akademiker und Experte auf dem Gebiet der Führung und Management. Er hat einen Klassiker zur Führung geschrieben (Leadership – A Very Short Introduction) und kommt zu diesem Schluss:

Leitung bedeutet unterschiedliches für unterschiedliche Leute.“ | Keith Grint

In „Leadership: A Very Short Introduction“ bietet Grint einen Überblick über die wichtigsten Theorien und Praktiken der Führung und diskutiert deren Anwendung in verschiedenen Kontexten.

Grint betrachtet Führung als eine soziale Konstruktion, die stark von den Interaktionen und Interpretationen der Beteiligten abhängt. Er schlägt vor, dass effektive Führung oft mehr mit der Schaffung eines gemeinsamen Sinns und der Mobilisierung von Menschen zu tun hat als mit autoritären Befehlen.

Essenz: „Ohne Nachfolger, kann man kein Leiter sein!“ (Keith Grint)

Ein griffiges Bild von John C. Maxwell

„Wenn du denkst das du leitest, aber niemand folgt dir, dann gehst du nur spazieren.“ John C. Maxwell

Führung ist Mangelware!

Das schlussfolgerte schon 2008 eine IBM Studie, die vielfach bestätigt werden konnte, bis in unsere Zeit:

Auf allen Ebenen der Gesellschaft, Kirche, Wirtschaft … werden Führungskräfte gesucht u. gebraucht. Aber es gibt zu wenige! Weltweit! | IBM Global Human Capital Study 2008

Leitung, Führung bedeutet – unabhängig von der konkreten Definition – immer: Nachfolger haben. Und das bedeutet, dass die Führungsperson einen EINFLUSS auf andere ausübt.

Die kürzeste Definition: Einfluss

Die kürzeste Definition von dem, was unter Führung und Leitung verstanden wird, ist EINFLUSS. Wenn Du Leute nicht beeinflussen kannst, dann kannst Du sie nicht leiten, führen! Dann bist Du nur ein Spaziergänger, um es mit Maxwell zu sagen. 😊

„Wenn du denkst das du leitest, aber niemand folgt dir, dann gehst du nur spazieren.“ John C. Maxwell

Wie Menschen versuchen Einfluss zu gewinnen …

Nun fließen die Themen zusammen: Menschen versuchen Einfluss über ihre Position zu erlangen, (ich bin hier der Vorgesetzte, der, die …), oder über ihre Person (Charisma), Ergebnisse (ich kann was, seht ihr das nicht! Keiner hat es so drauf …) oder über erfolgreich moderierte und begleitete Prozesse (Mit ihm/ihr macht das voll Spaß, bringt was, holt das Beste aus mir heraus …)

Was auch immer der Ausgangspunkt ist, am Ende steht die Prüffrage: entfaltet sich EINFLUSS? Und da „Leiten“ immer „Menschen leiten“ bezieht sich der Einfluss der Führungskraft immer auf Menschen. Prozesse, Projekte, Programme, Events, Organisationen … werden immer von Menschen gestaltet. Einfluss als Führungskraft meint, Einfluss auf Menschen auszuüben. Ist das nicht auch gefährlich? YES! Die ganze Geschichte der Menschheit dokumentiert den „Segen“ und den „Fluch“ von Einfluss! 

Einfluss ist ein zweischneidiges Schwert!

Weiß ich, dass ich beeinflusst werde? Unbewusst beeinflusst zu werden, ohne darüber entscheiden zu können, ob ich das möchte, kann man als Manipulation auffassen. Und die ist immer nur auf der Kurzstrecke erfolgreich.

Wer will schon manipuliert werden? Selbst Meister der Manipulation werden ihre Schwierigkeiten haben, wenn sie selbst zum Opfer einer Manipulation werden. Obwohl wir realistisch erkennen müssen, dass wir uns alle gegenseitig beständig beeinflussen. Oft ohne es zu bemerken. Also die Grauzone ist nicht gerade klein.

Wenn aber die Absicht „böse“ ist, die Führungskraft das Team bewusst „hinters Licht“ führt weil sie weiß, dass die Leute sonst nicht mitziehen würden … 

Manipulation führt am Ende immer zu einem Vertrauensverlust!

„Vertrauen ist die Währung des Leitens!“ Einer meiner Lieblingssätze zum Thema! Woher ich ihn habe? Keine Ahnung. Aber ich habe ihn schon sehr lange. Gehört und vielfach praktisch erlebt. Daher noch mal groß:

„Vertrauen ist die Währung des Leitens!“

Entscheidungen treffen!

Entscheidungen! Das ist sicher ein weiteres Erkennungszeichen einer Führungskraft. Fredmund Malik, ein emeritierter Professor an der renommierten Business-School in St. Gallen hat mir diesen Satz in mein „Leiterstammbuch“ geschrieben:

»Wer entscheidet ist die Führungskraft.« Fredmund Malik

Leitungspersonen treffen die ENTSCHEIDUNGEN. Sie können das, wollen das, drücken sich nicht davor, übernehmen die Verantwortung dafür … Das ist ein wesentlicher Teil der Arbeit von Leitungspersonen, Manager und mit einem anderen Schwerpunkt als Leiterinnen und Leiter auch die Führungskräfte (vgl. die Unterscheidung in früheren Episoden).

Wer kontrollieren darf, ist die Führungskraft.

Leiter sind legitimiert Entscheidungen zu treffen, die auch Machtverhältnisse berühren. Damit schließt sich die Frage nach der Kontrolle an. Wer kontrolliert, kann auch sanktionieren. Hier ist „de facto“ eine Macht- und Einflussposition, von der wir sprechen. Die Frage der Kontrolle ist ebenfalls ein wichtiges Führungsinstrument. Zum Wohl der Organisation UND zum Wohl des Teams.

In der nächsten Episode schauen wir auch da genauer hin. Entscheidungen, Kontrolle. Das Thema wird tatsächlich oft recht schnell emotional.

Zusammenfassung

Gute Leitung ist legitimer Einfluss, dem sich Menschen (bewusst) zuordnen. Eine Leitungsperson sein bedeutet Nachfolger zu haben. Keine Leitung ohne Nachfolger.

Leitung bedeutet darüber hinaus auch, Entscheidungen legitim treffen zu können (und zu müssen) und die Aufsicht zu führen. Kontrolle und – im letzten Fall auch Sanktionen, also Konsequenzen bei Fehlentwicklungen.

Check Dich mal: hast Du Nachfolger? Einfluss? Magst Du entscheiden? Und auch Aufsicht führen, kontrollieren u. ggf. auch Konsequenzen durchsetzen? 

Meinen »Einfluss« reflektieren

Mit diesem Arbeitsblatt zur Selbstreflexion kannst du beginnen. Wie steht es um deinen Einfluss? Wie schätzt du ihn selbst ein? Wie beurteilen das andere Leute deines Umfeldes. Freunde, Kollegen, Begleiter und auch deine Kritiker?

Einfach auf das Icon klicken …

Hier geht es zum Video & Audio der Episode 06.


Kommentare

3 Antworten zu „06_Einfach leiten | Wie definiert man Leitung?”.

  1. […] 05 | 31.08.24   | Leitung: ist das eigentlich »biblisch«? […]

  2. Avatar von Oliver Hänsel
    Oliver Hänsel

    Hallo Lothar,

    ganz herzlichen Dank. Du investierst jetzt nochmal ganz viel um uns Dein Wissen und Deine Erfahrungen sehr strukturiert und nachvollziehbar weiterzugeben. In einem Format das einen an die Hand nimmt und mit dem man arbeiten kann. Und Du gibst dies alles gerne und fröhlich umsonst weiter.

    Chapeau und herzlichsten Dank

    Shalom

    Oliver

    1. Vielen lieben Dank für diese wertschätzenden Worte.