Tim Keller: Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden | Teil 2

keller

PRINZIPIEN DER GRÖSSENDYNAMIK: Bücher über Gemeindegrößen zu lesen kann verwirrend sein, da jeder die Größenkategorien unterschiedlich aufteilt. Das kommt daher, dass es viele Variablen in einer Gemeindekultur und -geschichte gibt, die bestimmen wann genau eine Gemeinde eine neue Größenschwelle erreicht. Zum Beispiel weiß jeder, dass ab einem bestimmten Punkt eine Gemeinde zu groß wird, um von nur einem Pastor geleitet zu werden. Leute fangen an sich darüber zu beschweren, dass sie keine angemessene pastorale Fürsorge mehr bekommen. Die Zeit ist gekommen, neue Mitarbeiter hinzuzufügen. Aber wann passiert das? In manchen Gemeinschaften geschieht dies, wenn die Besucherzahl auf 120 angestiegen ist, während es in anderen Gemeinden erst soweit ist, wenn ca. 300 Menschen regelmäßig zum Gottesdienst kommen. Dies ist in großem Maße davon abhängig wie die Erwartungen sind, wie die Mobilität der städtischen Bevölkerung ist, wie schnell die Gemeinde wächst und so weiter. Ungeachtet der Variablen wird der Punkt, an dem ein zweiter Pastor hinzugefügt werden sollte, gewöhnlich die „200er-Schwelle“ genannt. Dies ist ein guter Mittelwert; dennoch sollten Sie nicht vergessen, dass ihre eigene Gemeinde diese Schwelle an einem anderen Punkt erreichen kann.

Jetzt kommen wir zu den allgemeinen Trends und Veränderungen die folgen, wenn eine Gemeinde wächst.

ZUNEHMENDE KOMPLEXITÄT

Je größer die Gemeinde, desto weniger haben die Mitglieder gemeinsam. Es gibt mehr Vielfalt an Faktoren wie Alter, familiärer Status, ethnische Zugehörigkeit und so weiter. Demzufolge braucht eine Gemeinde von 400 Mitgliedern vier bis fünf Mal so viele Programme als eine Gemeinde mit 200 – nicht nur zwei Mal so viele. Größere Gemeinden sind um ein Vielfaches komplexer als die kleineren unter ihnen. Sie haben verschiedene Gottesdienste, Hauskreise und Lehrangebote und irgendwann sind es mehrere Gemeindeversammlungen innerhalb einer Gemeinde.

Zudem gilt: Je größer die Gemeinde desto mehr Mitarbeiter müssen pro Kopf hinzugefügt werden. Oft wird anfänglich bei einem Zuwachs von je 150-200 Gottesdienstbesuchern ein Mitarbeiter hinzugefügt. Eine Gemeinde mit 500 Mitgliedern mag zwei bis drei Vollzeitmitarbeiter haben, aber irgendwann muss u.U. auf 75-100 neue Leute ein neuer Mitarbeiter angestellt werden. So kann es sein, dass eine Gemeinde mit 2000 Mitgliedern 25 Mitarbeiter hat.

VERÄNDERUNG DER VERANTWORTUNGSBEREICHE VON EHRENAMTLICHEN

Auf der einen Seite gilt, je größer die Gemeinde, desto mehr Entscheidungsprozesse fallen auf die Vollzeitmitarbeiter ab im Vergleich zur Gesamtgemeinde oder auch zu den ehrenamtlich Verantwortlichen. Die Ältesten oder auch die Leitung befassen sich zunehmend mit Angelegenheiten auf höchster Ebene, die das Gesamtbild betreffen. Das bedeutet, je größer eine Gemeinde umso mehr Entscheidungsprozesse werden an die Vollzeitmitarbeiter weitergeleitet, weg von der Gemeinde und den ehrenamtlichen Führungspersonen. Unnötig zu erwähnen, dass vielen Ehrenamtlichen dabei sehr unwohl ist.

Auf der anderen Seite ist es so, je größer die Gemeinde desto mehr werden die grundlegenden pastoralen Aufgaben wie Krankenhausbesuche, Jüngerschaft, Begleitung des geistlichen Wachstums und Seelsorge von Ehrenamtlichen übernommen anstatt von professionellen Geistlichen.

Allgemein gesagt gilt: In kleinen Gemeinden werden Grundsätze von vielen beschlossen und Gemeindearbeit von wenigen ausgeübt, während in großen Gemeinden Gemeindearbeit von vielen gemacht wird und Grundsätze von wenigen beschlossen werden.

ZUNEHMEND GEPLANTES VORGEHEN

Je größer die Gemeinde, desto systematischer und wohldurchdachter muss die Aufnahme neuer Leute erfolgen. Während eine Gemeinde wächst, fallen Neuankömmlinge weniger auf. Folglich werden neue Leute nicht spontan und völlig natürlich willkommen geheißen und eingeladen. Wege um Menschen reinzuholen müssen geklärt sein oder mit Hilfe folgender Fragen festgelegt werden:

  • Wie kommen Neuankömmlinge hierher?
  • Wie werden sie von der Gemeinde identifiziert?
  • Wo lernen suchende Menschen etwas über die Bedeutung, Inhalte und Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens?
  • Wer wird sie auf diesem Weg begleiten?
  • Wo werden Gläubige integriert?
  • Wer wird ihnen dabei helfen?

Je größer die Gemeinde, desto schwieriger wird es, Freiwillige zu gewinnen. Folglich bedarf es einer besseren Organisation für diesen Prozess. Warum ist dem so? Erstens, je größer die Gemeinde desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand, den du nicht kennst, dich für die Mitarbeit gewinnen will. Es ist viel einfacher, jemandem „Nein“ zu sagen, den man nicht kennt, als jemandem, den man gut kennt. Zweitens ist es einfacher, sich weniger verantwortlich für die Gemeindearbeit einer großen Gemeinde zu fühlen: „Die haben hier doch genügend Leute – die brauchen mich nicht.“ Deshalb gilt, je größer die Gemeinde desto besser organisiert und formaler muss die Mitarbeitergewinnung laufen.

ZUNAHME AN SICH WIEDERHOLENDER KOMMUNIKATION

Je größer die Gemeinde, desto besser muss die Kommunikation sein. Ohne verschiedene Formen und sich wiederholende Nachrichten werden sich Leute außen vor gelassen fühlen und sich beschweren: „Das wurde mir nicht gesagt.“ Man merkt, dass man in einer höheren Größenkategorie angekommen ist, wenn solche Beschwerden häufig geäußert werden. Informelle Kommunikationsnetzwerke (Ankündigungen von der Kanzel, Anmerkungen im Gemeindebrief und mündliche Weitergabe) reichen nicht aus, um jeden zu erreichen. Die Führungsverantwortlichen müssen mehr Zeit aufwenden, um gut zu kommunizieren.

ZUNAHME AN EVENTQUALITÄT

Je größer die Gemeinde, desto mehr Planung und Organisation muss in Veranstaltungen investiert werden. Generell wird in größeren Gemeinden eine höhere Qualität erwartet, und Veranstaltungen können nicht einfach so zusammengeschustert werden. Spontane Last-Minute-Arbeit funktioniert nicht (mehr).

Je größer die Gemeinde, desto höher muss die ästhetische Messlatte liegen. In kleineren Gemeinden basiert das Erleben der Anbetung vor allem auf den horizontalen Beziehungen unter denjenigen, die teilnehmen. Musikalische Darbietungen von ungeübten und nicht besonders talentierten Sängern werden nichtsdestotrotz geschätzt, weil „wir sie alle kennen“ und sie Mitglieder der Gemeinschaft sind. Aber je größer die Gemeinde ist, desto stärker basiert die Anbetung auf der vertikalen Beziehung – auf einem Gefühl von Transzendenz. Wenn ein Außenstehender kommt, der die Musiker nicht kennt, wird mittelmäßiges Singen und Spielen ihn von der Anbetung ablenken. Er oder sie hat keine Beziehung zu den Musikern, um den Mangel an Begabung auszugleichen. Deshalb gilt: Je größer die Gemeinde, desto eher wird die Musik zu einem Faktor der Einbeziehung.

ZUNEHMENDE OFFENHEIT FÜR VERÄNDERUNGEN

Je größer die Gemeinde, desto häufiger und plötzlicher treten Veränderungen ein. Warum?

Erstens haben kleinere Gemeinden einen eher geringen Durchlauf: Individuelle Mitglieder fühlen sich mächtig und gebraucht und bleiben deshalb dabei.

Zweitens gilt: Je größer die Gemeinde ist, desto mehr Macht zur Entscheidungsfindung geht von der gesamten Gemeinde auf die Führungspersonen und angestellten Mitarbeitern über. Zu viel passiert, als dass die Gemeindeversammlung, der gesamte Vorstand oder sogar die komplette Mitarbeiterschaft alle Entscheidungen als Gruppe treffen können. Wenn Entscheidungsvollmacht zunehmend in den Händen individueller Mitarbeiter oder ehrenamtlicher Bereichsleiter liegt, passiert Veränderung schneller. Entscheidungen können zügig getroffen werden, ohne dass jeder alles genehmigen muss.

Des Weiteren haben wir oben gesehen, dass mit der Größe einer Gemeinde ihre Komplexität wächst und es daher mehr Terminpläne, Veranstaltungen und Programme gibt, die angepasst werden müssen.

VERLUST VON MITGLIEDERN AUFGRUND VON VERÄNDERUNGEN

Je größer die Gemeinde wird, desto eher verliert sie Mitglieder wegen Veränderungen. Wieso? Kleinere Gemeinden versuchen um jeden Preis, den Verlust von Mitgliedern zu verhindern. Als Resultat üben bestimmte Individuen und kleine Gruppen oft Macht aus, die nicht proportional zu deren Anzahl ist. Wenn eine Veränderung vorgenommen wird, wird irgendjemand dies immer als Verlust empfinden; und da die kleine Gemeinde große Angst vor Konflikten hat, wird sie normalerweise keine Veränderung vornehmen, die zu einem Verlust an Mitgliedern führt. Deshalb haben kleinere Gemeinden eher eine stabilere Mitgliedschaft als große Gemeinden.

In größeren Gemeinden haben kleine Gruppen und individuelle Mitglieder viel weniger Möglichkeiten, Macht auszuüben oder gegen Veränderungen Widerstand zu leisten, die sie nicht mögen. Und (wie schon vorher bemerkt) da größere Gemeinden fortwährend Veränderung erleben, verlieren sie regelmäßig Mitglieder, weil „Es jetzt zu groß ist“ oder „Ich den Pastor nicht mehr treffen kann“ oder „Wir nicht mehr spontan in der Gemeinde beten“. Verantwortliche von wachsenden Gemeinden sind eher bereit, Mitglieder zu verlieren, die mit den Abläufen oder der Philosophie des Dienstes nicht einverstanden sind.

VERÄNDERUNG DER PASTORENROLLE

Je größer die Gemeinde, desto weniger ist der Hauptprediger verfügbar, um pastorale Arbeit zu tun. In kleineren Gemeinden ist der Pastor jederzeit verfügbar für die meisten Gelegenheiten und Nöte, für jedes Mitglied oder jede gemeindeferne Person. In größeren Gemeinden gibt es manchmal mehr ehrenamtliche Bereichsleiter, Angestellte und Führungspersonen als die kleinere Gemeinde Mitglieder hat! Also muss der Pastor einer größeren Gemeinde seine Grenzen kennen und mehr Zeit mit Mitarbeitern und „Laienhirten“ sowie im Gebet und Reflexion verbringen.

Je größer die Gemeinde, desto wichtiger werden die Führungsfähigkeiten des Pastors. Predigen und pastoraler Dienst sind ausreichende Fähigkeiten für Pastoren in kleineren Gemeinden, aber wenn eine Gemeinde wächst, werden andere Kompetenzen wichtig. In einer großen Gemeinde sind nicht nur administrative Fähigkeiten im pastoralen Team essentiell wichtig, sondern auch das Entwerfen von Visionen und Strategien.

Je größer die Gemeinde, desto mehr müssen sich die Mitarbeiter im pastoralen Team von Generalisten zu Spezialisten entwickeln. Jeder, vom Hauptpastor angefangen, muss sich auf bestimmte Gebiete des Dienstes fokussieren und sich so auf zwei bis drei Hauptaufgaben konzentrieren. Je größer die Gemeinde, desto mehr muss sich der Hauptpastor auf das Predigen, das Entwerfen und Verfolgen der Vision konzentrieren sowie auf das Identifizieren von Problemen, bevor sie zu Desastern werden.

Schließlich gilt: Je größer die Gemeinde, desto wichtiger ist es für die Pastoren, besonders den Hauptpastor, für eine lange Zeit dabei zu bleiben. Wie schon zuvor bemerkt verändern sich kleinere Gemeinden langsamer und haben weniger Kommen und Gehen. Mit dieser ihr eigenen Stabilität kann eine kleinere Gemeinde den Wechsel eines Pastors alle paar Jahre verkraften, wenn nötig. Doch je größer die Gemeinde, desto mehr sind die Mitarbeiter im Allgemeinen und der Hauptpastor im Besonderen die Hauptquellen von Kontinuität und Stabilität. Ein häufiges Kommen und Gehen in der Mitarbeiterschaft erweist sich als schädlich für eine große Gemeinde.

KLEINER STRUKTURIEREN

Je größer die Gemeinde, desto kleiner der Fürsorgebereich des pastoralen Dienstes.

In weniger großen Gemeinden können Kurse und Gruppen größer sein, weil sich um fast jeden in der Gemeinde direkt von gut ausgebildeten Vollzeitmitarbeitern gekümmert wird, von denen jeder um 50-200 Leute betreuen kann. In größeren Gemeinden müssen aber die internen Gruppen kleiner sein, da sich „Laienhirten“ um die Leute kümmern, von denen jeder für 10-20 Personen sorgen kann, wenn er oder sie die richtige Betreuung und Unterstützung bekommt. Deshalb gilt für größere Gemeinden: Je mehr Kleingruppen man pro 100 Gottesdienstbesucher hat, desto besser ist für jeden gesorgt und desto schneller wächst die Gemeinde.

SCHWERPUNKT AUF VISION UND STÄRKEN

Je größer die Gemeinde, desto stärker konzentriert sie sich darauf, weniger Dinge aber diese gut zu machen. Kleinere Gemeinden sind Generalisten und verspüren das Bedürfnis, alles zu machen. Das kommt von der Macht der Individuen in einer kleinen Gemeinde. Wenn ein Mitglied möchte, dass sich die Gemeinde eines Problems annimmt, dann macht die Gemeinde dahingehend einen Versuch, um ihn oder sie zufrieden zu stellen. Die größere Gemeinde hingegen identifiziert und konzentriert sich auf ungefähr drei oder vier Hauptdinge oder Aufgaben, die sie extrem gut macht, trotz Rufen nach neuen Schwerpunkten.

Des Weiteren gilt, je größer die Gemeinde, desto wichtiger wird eine charakteristische Vision für ihre Mitglieder. Der Grund, in einer kleineren Gemeinde zu sein, sind die Beziehungen. Der Grund, all die Veränderungen und Schwierigkeiten einer größeren Gemeinde zu ertragen, ist, den Auftrag zu erfüllen. Leute treten einer größeren Gemeinde wegen der Vision bei – also muss der spezielle Auftrag klar sein.

Je größer die Gemeinde, desto eher entwickelt sie ihren eigenen Missionsdienst anstatt bestehende Programme zu unterstützen. Kleinere Gemeinden neigen dazu, konfessionelle Missionsanliegen und den Dienst von Werken zu unterstützen. Verantwortliche und Mitglieder größerer Gemeinden fühlen sich eher persönlich vor Gott verantwortlich, das Reich Gottes auszubreiten. Daher versuchen sie, ihre eigenen Missionsdienste zu gründen oder Partnerschaften einzugehen, in denen das Missionswerk der Gemeinde gegenüber stärker rechenschaftspflichtig ist.

Deshalb ist es wichtig, dass in größeren Gemeinden Führungskräfte auf ihre Übereinstimmung mit der Vision und der Philosophie des Dienstes hin geprüft werden, nicht nur auf Lehrpositionen und moralische Standards. In kleineren Gemeinden kommen Leute aufgrund ihrer Zugehörigkeit und Treue für Leitung in Frage. In größeren Gemeinden, wo ein charakteristischer Auftrag und eine spezielle Vision bedeutsamer sind, ist es ebenso wichtig wie selbstverständlich, solche in Führungsaufgaben einzusetzen, die eine gemeinsame Philosophie des Dienstes mit den Mitarbeitern und anderen Verantwortlichen teilen.

TEIL 1 | 2 | 3 | 4
Im 3. Teil bespricht Tim Keller die speziellen Anforderungen und Gegebenheiten von der Hauskirche bis zur Megachurch.
(c) Redeemer City to City | 1359 Broadway, Suite 1102 | New York, NY 10018 | wtimothykeller.com | www.gospelinlife.com | fb redeemerctc | tw redeemerctc | Übersetzung der deutschen Version und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
(c) der deutschen Übersetzung: DER LEITERBLOG 2014

HINWEIS: Tim Keller ist ein genialer Prediger. Für begrenzte Zeit ist seine bemerkenswerte Predigt zum Thema “Wie mit Leid umgehen?” hier zum kostenlosen Download erhältlich!

Like us on facebook

Über lotharkrauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
Dieser Beitrag wurde unter Die Aufgabe der Leitung, Gemeindebau, Speziell für Pastoren abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Tim Keller: Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden | Teil 2

  1. Pingback: Tim Keller: Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden | Teil 3 | DER LEITERBLOG

Kommentare sind geschlossen.