Tim Keller: Führungsprinzipien für die Entwicklung wachsender Gemeinden | Teil 1

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Einer der häufigsten Gründe für Fehler in der pastoralen Führung ist Blindheit gegenüber der Bedeutung der Größe einer Gemeinde. Größe hat einen enormen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit einer Gemeinde. Es gibt eine „Größenkultur“, die tiefgreifend beeinflusst, wie Entscheidungen getroffen werden, wie sich Beziehungen entwickeln, wie Effektivität beurteilt wird und was Pastoren, Angestellte und ehrenamtliche Führungspersonen tun.

Der markante Unterschied!

Zumeist sehen wir die Hauptunterschiede zwischen Gemeinden in ihren verschiedenen kirchlichen oder theologischen Ausrichtungen. Doch damit unterschätzen wir den Einfluss, den Größe auf die Funktionsweise von Gemeinden hat. Der Unterschied, wie Gemeinden mit 100 oder 1000 Mitgliedern leben und arbeiten, kann weitaus größer sein als der Unterschied zwischen einer reformierten oder baptistischen Gemeinde von gleicher Größe. Ein Angestellter, der von einer Gemeinde mit 400 in eine Gemeinde mit 2000 wechselt, durchläuft in vielerlei Hinsicht eine größere Veränderung, als wenn er oder sie von einer kirchlichen Glaubensrichtung in die andere gewechselt wäre.

Eine große Gemeinde ist nicht einfach die größere Ausgabe einer kleinen Gemeinde. Die Unterschiede in der Art wie man kommuniziert, Gemeinschaft entwickelt und Entscheidungen trifft sind so groß, dass die Führungsqualitäten, die in den verschiedenen Gemeindegrößen benötigt werden, nahezu komplett andersartig sind.

GRÖSSENKULTUR

Jede Gemeinde hat ihre eigene Kultur, die mit der Größe einhergeht und akzeptiert werden muss. Die meisten Leute tendieren dazu, eine bestimmte Gemeindegröße mit ihrer Kultur zu bevorzugen. Und leider geben die meisten ihrer favorisierten Größenkultur einen moralischen Stellenwert, während sie andere Größenkategorien als geistlich und moralisch zweitklassig einstufen. Sie bestehen darauf, dass die einzig biblische Art, eine Gemeinde zu gestalten bedeutet, nur eine bestimmte Größenkultur zu leben – selbst wenn die Gemeinde, zu der sie gehören, viel zu groß oder viel zu klein ist, um in diese Kultur zu passen.

Zum Beispiel: Wenn einige in einer Gemeinde mit 2000 Mitgliedern denken, sie müssten den Hauptpastor ohne große Probleme persönlich telefonisch erreichen können, so bestehen sie auf eine Art pastorale Fürsorge, wie sie in einer unter 200 Mitgliedern großen Gemeinde üblich ist. Natürlich wäre der Pastor schnell überfordert. Dennoch werden diese Mitglieder die Ansicht vertreten, dass er seiner biblischen Pflicht als Hirte nicht gerecht wird, wenn er nicht erreichbar ist.

Ein anderes Beispiel: Der neue Hauptpastor einer 1500 Mitglieder großen Gemeinde besteht darauf, dass nahezu alle Entscheidungen per Übereinstimmung unter allen Ältesten und Angestellten getroffen werden müssen. Bald wird sich die Leitung jede Woche für sechs Stunden treffen. Weiterhin mag der Pastor die Ansicht vertreten, dass Angestellte, die selbstständig Entscheidungen treffen, unverantwortlich handeln oder die Gemeinschaft übergehen. Einer Gemeinde eine Größenkultur überzustülpen, die ihrer Größe nicht (mehr) entspricht, wird ernsthaften Schaden anrichten und die Gemeinde letztendlich wieder auf eine Größe zurückstutzen, die zu solchen Vorgehensweisen passt.

Ein weiteres Beispiel: Neue Mitglieder, die sich gerade einer kleineren Gemeinde angeschlossen haben, nachdem sie jahrelang eine viel größere besucht haben, werden sich vielleicht über den Mangel an professioneller Ausführung der Gemeindearbeit beschweren und behaupten, dass dies einen Mangel an geistlichem Wertebewusstsein zeige. Das eigentliche Problem jedoch ist, dass in einer kleinen Gemeinde Ehrenamtliche die Dinge tun, die in einer großen Gemeinde von Vollzeitmitarbeitern geleistet werden. Weiterhin kann es sein, dass sich neue Mitglieder der kleinen Gemeinde über die Predigten des Pastors beschweren, da sie nicht so rhetorisch brillant und gut recherchiert sind wie sie es von ihrer großen Gemeinde her gewohnt sind. Während der Pastor einer großen Gemeinde mit vielen Mitarbeitern es sich leisten kann, bis zu 20 Stunden pro Woche in die Predigtvorbereitung zu investieren, kann der Pastor einer kleinen Gemeinde, der vieles alleine bewältigen muss, nur weniger als die Hälfte an Zeit dafür verwenden.

Das bedeutet, dass ein weiser Pastor auf mitfühlende aber klare Art und Weise den Leuten gegenübertreten muss, die mit der Gemeindekultur nicht klarkommen. Das ist ähnlich wie mit Menschen, die sich nicht an das Leben in einer geografisch anderen Kultur gewöhnen können, die so anders ist als das, was sie gewohnt sind. Einige Menschen sind in Sachen Organisation und Struktur sehr misstrauisch, was oft auf schlechte Erfahrungen zurückgeht. Andere können nicht damit umgehen, dass der Prediger nicht auch ihr direkter Pastor ist. Wir müssen ihnen klarmachen, dass sie das Unmögliche in einer Gemeinde dieser Größe erwarten. Wir dürfen ihnen nicht unterstellen, dass es unreif wäre, wenn sie sich nach einer anderen Gemeinde umsehen, auch wenn wir niemanden aktiv ermutigen wollen, die Gemeinde zu verlassen.

GESUNDER WIDERSTAND

Jede Gemeinde hat Aspekte ihrer natürlichen Größenkultur, denen widerstanden werden muss. Größere Gemeinden haben große Schwierigkeiten damit, den Überblick zu behalten, welche Mitglieder die Gemeinde oder sogar den Glauben verlassen. Dies sollte niemals als unvermeidlich hingenommen werden. Vielmehr sollte eine große Gemeinde stets danach streben, ihre pastorale Fürsorge und Jüngerschaft zu verbessern.

Es ist unumgänglich für eine große Gemeinde, organisatorische Methoden aus der Geschäftswelt zu verwenden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass Gemeindearbeit zu sehr ergebnisorientiert und auf in Zahlen Messbares fokussiert wird (wie z.B. Gottesdienstbesuch, Mitgliedschaft, Spendeneinnahmen) anstatt auf Heiligkeit und Charakterwachstum. Auch hier sollte diese Tendenz nicht als unvermeidlich hingenommen werden. Es sollte fortwährend nach neuen Strategien Ausschau gehalten werden, die Liebe und Tugenden hervorbringen.

Die kleine Gemeinde verschafft natürlicherweise unreifen, unverblümten, eigensinnigen und zerbrochenen Mitgliedern einen hohen Grad an Macht über den ganzen Leib. Da jeder jeden kennt, kann der Widerstand von Familien oder kleinen Gruppen gegen die Richtung, die ein Pastor oder die Leitung einschlagen wollen, eine ganze Gemeinde blockieren. Wenn sie damit drohen, die Gemeinde zu verlassen, wird die Mehrheit der Leute die Leitung dazu drängen, von ihrem Vorhaben abzusehen. Es ist extrem schwierig, eine komplette Übereinstimmung über Programme und Richtungsentscheidungen in einer Gruppe von 50-150 Leuten zu erzielen, besonders in unserer heutigen vielschichtigen und zerstückelten Gesellschaft. Und doch haben kleine Gemeinden ein ungeschriebenes Gesetz, dass mit jeder neuen Initiative, die begonnen werden soll, nahezu jeder zufrieden sein sollte. Verantwortliche in einer kleinen Gemeinde müssen mutig genug sein, unreife Mitglieder zu führen und zu konfrontieren, trotz der Unannehmlichkeiten, die damit einhergehen.

Es gibt keine perfekte Größe für eine Gemeinde. Jede Größe bringt enorme Schwierigkeiten aber auch viele Möglichkeiten für Dienste mit sich, die Gemeinden anderer Größen nicht durchführen können (zumindest nicht so gut). Nur gemeinsam können Gemeinden jeglicher Größe all das repräsentieren, was Christus für seine Gemeinde möchte.

TEIL 1 | 2 | 3 | 4
Im 2. Teil bespricht Tim Keller die Prinzipien der Größendynamik.
(c) Redeemer City to City | 1359 Broadway, Suite 1102 | New York, NY 10018 | w timothykeller.com | www.gospelinlife.com | fb redeemerctc | tw redeemerctc | Übersetzung der deutschen Version und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
(c) der deutschen Übersetzung: DER LEITERBLOG 2014

HINWEIS: Tim Keller ist ein genialer Prediger. Für begrenzte Zeit ist seine bemerkenswerte Predigt zum Thema „Wie mit Leid umgehen?“ hier zum kostenlosen Download erhältlich!

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