Tim Keller – für alle, die nicht zu viel Zeit haben!

Leser des Leiterblogs wissen es: ich mag Tim Keller. Seine Art zu denken. Wie er Fragen des Glaubens aufgreift. Wie er theologisch präzise und zugleich kulturell anschlussfähig kommuniziert.

Bemerkenswert ist auch: Erst mit Mitte 50 begann Keller, seine Predigten und Gedanken systematisch in Buchform zu veröffentlichen – und dennoch ist ein beeindruckend umfangreiches Werk entstanden. Zählt man Artikel, Predigten und Vorträge dazu, liegt hier ein gewaltiger Schatz. Im pastoralen Alltag fehlt allerdings oft die Zeit, diesen Schatz wirklich zu heben. Ehrenamtlichen ergeht es noch schlechter. Meist bleiben es einzelne Texte, Zitate oder Predigten – wertvoll, aber fragmentarisch.

Genau hier setzt Matt Smethurst an. Er hat sich der großen Aufgabe gestellt, Kellers Arbeiten und sein Denken systematisch zu durchdringen und zusammenzuführen. Das Ergebnis ist das Buch Über das christliche Leben.

Dieses Buch fasst das Wirken von Tim Keller (1950–2023) in beeindruckender Weise zusammen. Jedes Kapitel beleuchtet einen zentralen Aspekt des christlichen Lebens. Smethurst schöpft dabei aus über 40 Jahren Predigten, Konferenzvorträgen und Büchern und destilliert daraus theologisch fundierte, zugleich äußerst praktische Einsichten. Wann er das alles gemacht hat? Faszinierend! Und ein großer Gewinn für uns. Ein Gewinn – sowohl für Leiterinnen und Leiter als auch für Menschen, die ihren Glauben reflektiert und alltagsnah leben wollen.

Für mich ist dieses Buch ein echtes Geschenk: für alle, die weiterhin von Tim Kellers Arbeiten profitieren möchten, ohne sich durch das gesamte Gesamtwerk arbeiten zu können.

Verbum Medien hat das Buch ins Deutsche übersetzt und mit einem Vorwort von Prof. Dr. Philipp Bartholomä veröffentlicht. Dieses Vorwort ist dabei mehr als nur eine Einführung – es eröffnet einen klugen Zugang zu Kellers Ansatz und zeigt auf, warum sein Denken gerade heute so relevant ist.

Der Verlag und Philipp Bartholomä haben dem Leiterblog freundlicherweise erlaubt, dieses Vorwort hier in voller Länge zu veröffentlichen.

Dafür: Danke, Philipp. Danke, Verbum Medien.


Vorwort von Philipp Bartholomä

Tim Keller hat die prägenden Einflüsse unseres Lebens, einmal mit den Jahresringen eines Baumstamms verglichen: Wenn man einen Menschen durchsägt, sollte er viele Ringe haben. Was besonders für Pastoren und geistliche Leiter wichtig ist, gilt letztlich für uns alle: Es ist weise, unterschiedliche theologische Stimmen zu hören und in das eigene Denken zu integrieren. Zweifellos wollte Keller selbst seine eigenen Überzeugungen und Schwerpunkte daher lediglich als ergänzungsbedürftigen Beitrag zu einer ganzheitlichen Theologie verstanden wissen. Dennoch verdanken ihm viele geistliche Verantwortungsträger entscheidende Weichenstellungen für ihr theologisches Denken und ihre Gemeindepraxis. Auch mein persönlicher theologischer und pastoraler Stamm enthält einige Jahresringe, die wesentlich auf Tim Kellers Einfluss zurückzuführen sind. So hat der im Alter von 72 Jahren verstorbene Keller auch hierzulande tiefe Spuren hinterlassen und in die unterschiedlichsten kirchlichen Kontexte hineingewirkt. Seine Bücher und Predigten faszinieren und prägen bis heute über theologische Grenzen und Denominationen hinweg. Selbst in einigen Teilen der akademisch-universitären Praktischen Theologie hat man von diesem amerikanischen Pastor Notiz genommen und in seinem Wirken wertvolle Impulse zur Erneuerung der Kirche entdeckt. Umso erfreulicher, dass Matt Smethurst in diesem Buch die Kernüberzeugungen Kellers umsichtig herausgearbeitet hat und damit zum ersten Mal alle wesentlichen Aspekte seines Gesamtwerks an einem Ort zugänglich macht. Dabei wird deutlich: Tim Kellers Lehre und Dienst sind vor allem von theologischer Ausgewogenheit, einem klaren Fokus auf das Evangelium und nicht zuletzt von pastoraler Integrität geprägt.

Eine ausgewogene Theologie

Gespeist von seinen langjährigen Erfahrungen im Gemeindedienst in der von ihm gegründeten Redeemer Presbyterian Church im säkularen Manhattan, New York, verstand es Keller wie kaum ein anderer, eine überzeugende theologische Vision für Kirche und Gemeinde in einem nach-christentümlichen Umfeld zu entfalten. Seine über seinen Tod hinausreichende Anziehungskraft beruht nicht zuletzt darauf, dass er theologisch und kommunikativ zusammenhielt, was zunehmend auseinanderzudriften scheint. Sowohl seine Theologie als auch seine Gemeindeaufbauarbeit wurzelten in einer Haltung, die man im Umgang mit der Bibel zwar als „konservativ“ bezeichnen kann, die gleichzeitig jedoch jenseits von Konservatismus an die gegenwärtige Kultur anschlussfähig ist. Keller suchte bewusst nach neuen Wegen, wie der für alle Zeiten gültige Inhalt des Evangeliums unter aktuellen Bedingungen so plausibel wie möglich geglaubt, gelebt und kommuniziert werden kann. Und in seiner Verkündigung und Apologetik gelang es ihm in überzeugender Weise, nicht nur den Intellekt, sondern auch die 

Emotionen anzusprechen. In Smethursts verdichteter Zusammenschau wird besonders deutlich, dass Keller in allem die Balance zwischen ungesunden, einseitigen Extrempositionen suchte. Ohne profillos zu werden, plädierte er wo immer möglich für ein durchdachtes „Sowohl-als auch“ anstelle eines häufig irreführenden „Entweder-oder“.

So nimmt er bei der Auslegung biblischer Texte zwar einerseits deren historische und literarische Bedeutung unbedingt ernst, andererseits liest er sie stets auch im Licht der Guten Nachricht von Jesus Christus (Kapitel 1). Sünde versteht er nicht nur als Übertretung göttlicher Gebote, sondern interpretiert sie darüber hinaus von ihrer Wurzel her als Götzendienst und „fehlgeleiteter Liebe“ (Kapitel 2). Das christliche Leben basiert für ihn auf unserer persönlichen Gottesbeziehung. Als Gegenkultur zu dem individualistischen Lebensstil unseres Zeitalters benötigt es aber zwingend einen freundschaftlichen Rahmen und eine verantwortliche Gemeinschaft, in der gegenseitige geistliche Rechenschaft möglich ist (Kapitel 4). Auch im Zusammenhang von Glaube und Arbeit will Keller entgegengesetzte Extreme vermeiden: aus Bequemlichkeit und Faulheit könne man zu wenig arbeiten, aber aus fehlgeleitetem Erfolgsstreben auch zu viel. Gleichzeitig sieht er sowohl in der rein negativen Darstellung der mit Arbeit verbundenen Mühe, als auch in der naiv-utopischen Beschreibung der aus Arbeit erwachsenden Erfüllung einen Gegensatz zur ausgewogenen Sicht der Bibel (Kapitel 5). Keller betont darüber hinaus mit allem Nachdruck die evangelistische Ausrichtung von Kirchen und Gemeinden, bekräftigt aber gleichzeitig deren diakonischen Auftrag und die Notwendigkeit, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen (Kapitel 6). Auch im Rahmen seiner „Theologie des Gebets“ formuliert er keine unnötigen Dualismen. Stattdessen verdeutlicht er, dass theologische Reflexion und geistliche Erfahrung ebenso zusammengehören wie Gotteserkenntnis und im Gebet ausgedrückte Intimität mit Gott (Kapitel 7). Wenn Keller auf seine pastorale Art schließlich über den Umgang mit Leid nachdenkt, verbindet er eine realistische Sicht auf die dunklen Seiten des Lebens mit einem hoffnungsvollen Blick auf die christliche Auferstehungshoffnung. So manövriert er auch hier behutsam zwischen lebensfremdem Triumphalismus und hoffnungslosem Zynismus und beschreibt das Leben in der Nachfolge in existentieller Tiefe als „leidvoll und traurig und dennoch von Freude durchdrungen“ (vgl. 2 Kor 6,10; Kapitel 8).

Zur Ausgewogenheit Kellers gehört – auch das wird in Smethursts Studie deutlich –, dass er tief aus dem Reichtum christlicher Tradition schöpft (von Augustinus über Martin Luther und Jonathan Edwards, bis zu C.S. Lewis und Martyn Lloyd-Jones) und gleichzeitig aufgeschlossen mit neueren theologischen und missionarischen Entwürfen im Gespräch ist. Auch (partei-)politisch ließ er sich nie vereinnahmen und war so eine wohltuend ausgewogene Stimme inmitten kirchlicher und gesellschaftlicher Polarisierungen. Angesichts der theologischen und gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, in die wir auch in unserem Umfeld gestellt sind, kann Keller uns ein leuchtendes Vorbild darin sein, feste biblisch-reformatorische Überzeugungen reflektiert, durchaus pointiert, aber auch in einem respektvollen und gewinnenden Tonfall zu vertreten.

Das Evangelium im Zentrum

Ferner steht Tim Keller für eine Sicht auf das christliche Leben, die konsequent im Evangelium gegründet ist (Kapitel 3). Er wurde nicht müde zu betonen, dass das Evangelium nicht einfach nur ein guter Rat für ein gelingendes Leben ist, sondern eine gute Nachricht über das, was Christus für uns getan hat. Natürlich müsse die Gute Nachricht von der unverdienten Gnade Gottes im Leben der Gläubigen spürbare Auswirkungen haben. Das Evangelium dürfe allerdings weder mit diesen Auswirkungen verwechselt noch unabhängig von ihnen betrachtet werden. Keller war es wichtig, Gesetz und Evangelium nicht nur zu unterscheiden, sondern in einer biblisch angemessenen Weise aufeinander zu beziehen. So wurde er zu einem wegweisenden Vertreter eines theologisch ausgewogenen Evangeliums-Verständnisses zwischen religiös-moralistischer Gesetzlichkeit und einem beliebigen und letztlich ungehorsamen Relativismus.

Denn das Evangelium, das hat Keller eindrücklich anhand des Gleichnisses von den zwei verlorenen Söhnen in Lukas 15 gezeigt, wird ständig von zwei Feinden bedroht. Der „gesetzliche Feind“ reduziert das Evangelium auf den leistungsorientierten Versuch, ein heiliges, gottgefälliges Leben zu führen. Dann lautet die scheinbar gute Nachricht: „Gott vergibt dir deine Sünden, aber jetzt liegt es an dir!“ Damit aber wird subtil der Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes sowie Moral und gute Werke zum Fundament christlicher Identität. Der „relativistische Feind“ dagegen reduziert das Evangelium auf eine Art religiös-mündige Selbstverwirklichung. In diesem Fehlschluss lautet die scheinbar gute Nachricht: „Gott liebt dich, und du kannst machen, was du willst!“ Das passt dann zwar leichter zum gesellschaftlichen Mainstream, steht aber nicht mehr im Einklang mit der biblischen Gesamtbotschaft.

Gerade auch angesichts aktueller theologischer Debatten scheint mir kaum etwas dringlicher und notwendiger zu sein als die Einsicht, dass man im Blick auf das Zentrum unseres Glaubens nicht nur auf einer, sondern auf zwei Seiten vom Pferd fallen kann. Keller warnt uns, nicht zwischen den Extremen zu pendeln. Diese Warnung sollten wir dringend hören und ernst nehmen. Es besteht kein Grund (wie allzu oft suggeriert wird), sich zwischen einer harten, konservativ-gesetzlichen Enge und einer relativistischen Beliebigkeit zu entscheiden. Es gibt nicht nur diese beiden Wege, sondern den „dritten Weg“ des Evangeliums zwischen „gesetzlichem Krampf“ und „billiger Gnade“ ohne Nachfolge und Glaubensgehorsam. Es ist Kellers bleibender Verdienst, uns diesen Weg gewinnend, kraftvoll und leidenschaftlich vor Augen gestellt zu haben.

„Die meisten Probleme sind die Folge einer mangelnden Ausrichtung am Evangelium. Fehlentwicklungen in der Gemeinde und sündige Strukturen in unserem Leben sind letztlich darauf zurückzuführen, dass wir die Auswirkungen des Evangeliums zu wenig durchdenken und das Evangelium nicht gründlich genug begreifen und annehmen. Oder positiv gesagt: Das Evangelium verändert unser Herz, unser Denken und unsere Haltung zu absolut allem. Wenn in einer Gemeinde das Evangelium in seiner Fülle ausgelegt und umgesetzt wird, dann wird hier eine einzigartige attraktive Verbindung von moralischer Haltung und Verständnis für andere entstehen.“1 

Kellers evangeliumszentrierte Theologie ist ein wichtiges Erbe, das wir dankbar und bleibend bewahren sollten. Denn nur durch eine konsequente Ausrichtung am Evangelium entstehen geistlich gesunde und missionarisch wirksame Gemeinden.

Pastorale Integrität

Schließlich kommt es nicht von ungefähr, dass Matt Smethurst seine Synthese der theologischen Grundüberzeugungen Tim Kellers mit einem Verweis auf dessen Integrität beendet. Keller „begehrte für sich keine großen Dinge“ (Jer 45,5), er machte nie viel Aufhebens um sich selbst. Seine beeindruckende Erfolgsgeschichte wurde nicht von diskreditierenden Skandalen geschmälert. Im Unterschied zu manch anderen Pastoren großer Megachurches baute Keller keine persönliche Plattform für sich. Er wollte auch nicht seine eigene Marke bewerben. Obwohl er die größeren kirchlichen Zusammenhänge strategisch im Blick hatte und sich in verschiedenen überregionalen Initiativen engagierte, verstand sich Keller immer zuerst als Pastor einer lokalen Kirche. Bis zu seinem 55. Lebensjahr machte er nur durch vereinzelte Publikationen auf sich aufmerksam.  Den Großteil seiner Bücher veröffentlichte Keller erst nach Jahrzehnten treuer, pastoraler Arbeit, also auf dem glaubwürdigen Fundament eines sichtbaren track records. Alles, was Keller über das christliche Leben lehrte, wurde beständig und demütig im Alltag seines Gemeindedienstes auf Tauglichkeit geprüft. Seine gewachsene Social-Media-Reichweite nutzte er nicht für Selfie-durchtränkte Selbstdarstellung. Vielmehr wollte er seine Follower auf gute Inhalte hinweisen. Auch der vor Jahren vollzogene Nachfolgeprozess innerhalb der Redeemer Presbyterian Church und die damit verbundene Weitergabe von Verantwortung und Macht an die nächste Generation von Pastoren zeugt von Kellers uneigennützigem Charakter und davon, dass ihm das bleibende Wohl seiner Gemeinde wichtiger war als sein „eigenes Reich“. Aus der Ferne kann man das nur als vorbildlich betrachten.

Sowohl Kellers enge Mitarbeiter, Freunde und Kollegen, die ihn gut kannten, als auch Mitglieder seiner Gemeinde bemerkten in den Tagen nach seinem Tod unisono, dass es keine Diskrepanz gab zwischen seiner Lehre, seinem öffentlichen Auftreten und dem Mann, den sie privat erlebten. Sie beschreiben Keller als demütig, aufrichtig und zugänglich. Freundlichkeit, Güte und Herzlichkeit zeichneten ihn aus. Er war weder distanziert noch unnahbar und trotz seiner internationalen Reputation – so bezeugten es viele – einfach „einer von uns“. Im Medienmagazin Pro wurde er durchaus treffend als der „Uneitle“ bezeichnet.2 In vielerlei Hinsicht war Keller also der Gegenentwurf zu einem narzisstischen Leiter; ein unbedingt notwendiges Korrektiv angesichts einer Kultur der Selbstdarstellung, die unsere Vorstellungen und Leitbilder des pastoralen Dienstes zunehmend prägt.

Tim Keller über das Leben als Christ ist eine praktische und geistlich anregende Zusammenfassung des theologischen Vermächtnisses eines klugen Theologen und leidenschaftlichen Pastors. Dabei wird Seite für Seite deutlich, wie sehr Jesus Christus nicht nur die Mitte von Kellers Theologie und pastoralem Dienst, sondern auch das Zentrum seines persönlichen Glaubenslebens war. Möge Kellers Erbe auch im deutschsprachigen Raum bleibenden Einfluss ausüben und noch in vielen weiteren theologischen bzw. geistlichen Baumstämmen glaubensstärkende Ringe hinterlassen.


^1 Timothy Keller, Center Church: Kirche in der Stadt, 3. Aufl., Gießen: Brunnen, 2018, S. 63.
^2  Anna Lutz, „Zum Tod von Tim Keller: Der Uneitle“, Pro Medienmagazin, 25.05.2023, online unter: https://www.pro-medienmagazin.de/zum-tod-von-tim-keller-der-uneitle/ (Stand: 26.03.2025).

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