Wenn die Gemeinde wächst … | 2

Es gibt eine Verzerrung des Bildes über Gemeindewachstum, die man kennen sollte. Mit einer kleinen »Autokorrektur« kann diese Verzerrung aber behoben werden.

Sie hilft, um zu einem gesunden und stimmigen Bild von Wachstum zu kommen. Meine These: Am Ende ist dieses Bild das, was jede Kirche braucht, um motiviert und voller Leidenschaft dem Auftrag von Jesus zu folgen. Zu den Einzelheiten:

Die Verzerrung

Ursache: »Die Kirchen, die das Bild von Gemeindeentwicklung und Wachstum prägen, sind in der absoluten Minderheit!«

Sie sind zwar »erfolgreich«, aber nicht repräsentativ. Statistisch betrachtet also der erste Mangel. Dann: Wachstum und Größe sind Dimensionen, die inhaltlich noch wenig aussagen. Was wächst warum, wie, wozu? Viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Leiter sind fasziniert von Zahlen. Rick Warren wird diese Aussage zugeschrieben: »Pastoren sind die Einzigen, die große Gemeinden lieben.« Oha, mit dieser Überzeichnung will Warren sicher auf eine Gefahr hinweisen, die nicht zu unterschätzen ist.

Die Klärung

Wachstum ist nicht das Ziel der Kirche, sondern ein »Abfallprodukt«! Es entsteht, wenn eine Kirche konsequent dem Auftrag von Jesus aus Matthäus 28,19f folgt. Und damit ist noch nicht geklärt, ob ein gesundes Wachstum 3%, 5%, 10% oder 30% pro Jahr ist. Aus der Perspektive der Organisationsentwicklung ist ein Wachstum von mehr als 7% pro Jahr so oder so eine enorme Herausforderung an die Strukturen und für die Führungskräfte.

Das Ziel der Kirche ist – neben dem Auftrag, Gott zu ehren und zu verherrlichen – Menschen die gute Nachricht von Jesus weiterzusagen, Christen zu Nachfolgern »zu machen« (!) und Gottes Liebe ganz praktisch den Armen, den Minderheiten und den Unterdrückten zu zeigen. Wenn sie das tut, die Kirche, dann wird ein Wachstum – Prozentzahlen lassen wir jetzt mal außer acht – eintreten!

Megachurches

Zurück zu den Megachurches, die mit großen Zahlen viele Leiter beeindrucken 😁😉: Nur 3% aller Kirchen in Nordamerika gehören zu dieser Gruppe der »Megachurches«. 62 % dieser amerikanischen Megachurches sind in der Zwischenzeit zu Multisite Churches geworden. Also Gemeinden, die weitere Standorte (national oder auch international) unterhalten.

8000 Multisite Kirchen gibt es aktuell in den USA. 8000, das sind keine 2% aller Kirchen in Nordamerika! Sie haben aber einen überproportionalen Einfluss und prägen das Bild. Wie kommt das?

»Die Leiter dieser Kirchen sind auch die Leiter, die auf den Konferenzen sprechen und die Bücher schreiben, die andere lesen.« | Dave Ferguson

Sie haben eine Stimme, weil sie Erfolg haben, etwas vorweisen können, das Beachtung findet. Ungeklärt ist häufig, wie das Wachstum zustande kam. Ein Seiteneinschub aus der hiesigen Szene.


Wir haben eure gut ausgebildeten, großartigen Mitarbeiter bekommen!

Steffen Beck, der Mitgründer und Leiter der ICF Karlsruhe, hat auf dem Symposium Mission der EKD und SCM in Berlin diese prägnante und offene Aussage in die Runde gegeben. Er dankte besonders Steffen Kern (Leiter der Apis, Gemeinschaftsverband in Baden Württemberg), der als ein wichtiger Vertreter der Gemeinden, die manche ans ICF abgegeben haben, mit in der Runde saß.

Steffen räumte sehr klar und offen ein, dass viele ICF’ler einen Hintergrund in den Landeskirchen, Gemeinschaften, CVJM und Freikirchen haben. Tolle Mitarbeiter, die an anderer Stelle ausgebildet wurden! Sie halfen entscheidend mit, dass sich das ICF so fix entwicklen konnte. Herausgekommen ist dabei eine Kirche, zu der sich nun auch viele Leute, die keinen Bezug zum Glauben haben, einladen lassen. An dieser Stelle: Danke Steffen, für Deine Offenheit. Großartig!

Wachstum durch Transfer

Es gehört in Nordamerika und auch in unseren Breiten zu einer Wirklichkeit, die offen und ehrlich betrachtet werden muss: Viele unserer schnell wachsenden Kirchen wachsen auch und gerade durch Leute, die bereits Christen sind und die von der genialen Art, wie Kirche in den neuen Gemeinden gelebt wird, angezogen werden.

Der differenzierte Blick

Und auch das muss gesagt werden: Die Leute, die sich den neuen Kirchen anschließen, würden vielleicht nicht mehr eine Gemeinde besuchen, wenn es diese jungen Gemeinden nicht gäbe! Was ist also der Punkt? Der Punkt ist, dass Transfer nicht der A-Plan von Gott für die Kirche ist! Sein Plan? Menschen sollen den Gott des Universums durch Jesus kennenlernen und zu Nachfolgern von Jesus werden, die bisher nichts von ihm wussten. Das ist der A-Plan! Dazu bevollmächtigt ER sein Kirche! Exkurs beendet! 👊😁


Zurück zum verzerrten Bild

Die These war, dass die Leiter von 3% der Kirchen Nordamerikas (oder auch nur 2%, wenn man von den Multisite Kirchen ausgeht) ein Bild von Kirche zeichnen, das prägend – aber z.T. verzerrt – ist, da sie eine laute Stimme durch ihren Erfolg bekommen.

Dave Ferguson bestätigte diesen Sachverhalt neulich im Interview mit Christianity Today:

»Ich denke, es liegt daran, dass 62 Prozent der Megakirchen Multisite sind, und Megakirchen haben immer noch den größten Einfluss. Sie sind immer noch der am schnellsten wachsende Teil der Gemeinde in Nordamerika. Die Leiter dieser Kirchen sind auch die Leiter, die auf den Konferenzen sprechen und die Bücher schreiben, die andere lesen.«

Die Frage: ist das berechtigt?

Ist ihre Erfahrung, ihre Lernkurve wirklich die, die die Kirche als ganzes braucht, um ihrem Auftrag wirksam nachzukommen? Dave selbst ist nicht von der Megachurch, der großen Kirche per se überzeugt, obwohl er eine der innovativsten Megachurches in Nordamerika leitet. Im Gespräch mit der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT sagte er das sehr deutlich:

»Dave Ferguson findet, dass das der falsche Ansatz ist: Möglichst viele Menschen in große Gebäude zu locken, das sei nicht die Mission des Christentums. Es gehe nicht um Sitz-, sondern um Sendungskapazitäten, lautet einer seiner liebsten Slogans. Lieber viele kleine Kirchen im ganzen Land als riesige an wenigen Orten.« | DIE ZEIT

Der Schritt von der Megachurch zur Multisite Church hat etwas in Bewegung gebracht, was einen guten Effekt haben kann, meint Dave:

»Ich denke, ein großer Gewinn ist die Wiedereinführung von Multiplikation und Reproduktion in der Kirche. Die Kritik an der Gemeinde-Wachstumsbewegung war, dass sie sich auf das Wachstum konzentrierte und vergaß, dass der Zweck des Wachstums darin besteht, zu senden. Wir wachsen in unseren Gemeinden, um Jünger auszusenden, um neue Gruppen, neue Gemeinden und andere Formen der Ekklesia zu gründen.«

Wenn Wachstum ein Abfallprodukt wird, weil eine Kirche sich auf den Kernauftrag zurückbesinnt und ihn mit Leidenschaft verfolgt, dann ist sie auf dem richtigen Weg. Das kann selbstverständlich in der Megachurch genau so der Fall sein, wie in der kleinen Landgemeinde.

Die Autokorrektur:

Die Frage ist dann nicht mehr, wie groß eine Kirche ist oder wie schnell sie wächst, sondern ob sie Menschen auf dem Weg zu Gott begleitet, ob sie Christen zu Nachfolgern formt und ob sie Menschen in ihre Berufung freisetzt. Wenn das konsequent und voller Leidenschaft gelebt wird, haben wir eine starke Kirche vor uns. Ob sie nun 25, 50, 250, 1000 oder 10.000 Leute erreicht.

Wenn dieser Ansatz zu einer Autokorrektur im Verständnis von gesundem Wachstum wird, haben wir schon viel erreicht! Dann werden auch Leute von kleinen Kirchen, die das Richtige richtig tun – im Sinne des Auftrages von Jesus – auf die Bühnen kommen und die nächste Generation von Leitern gesund inspirieren. Ihre Bücher werden gelesen und ihre Podcasts gehört werden, weil sie so konkret helfen.

Ob dann noch die großen Konferenzhallen wie bisher gefüllt werden, die Reiseindustrie weiterhin gut daran verdient und christliche Leiter weiter um den Globus jetten, kann ich nicht sagen. Aber dass Kirchen aller Größen mit Leidenschaft und Wirksamkeit das Land im Namen Jesus »auf den Kopf stellen«, das würde wohl unvermeidbar sein. Wenn das kein Abenteuer ist, dass jeden Langstreckenflug und jede »mega-geniale-hammer-unfassbar-…« Konferenz in den Schatten stellt? Da bin ich mir ziemlich sicher 😂! Das ist das letzte große Abenteuer, dass es zu erleben gibt. Übertrieben? Von der Ewigkeit derer betrachtet, die durch solche Kirchen Gott kennenlernen, sicher nicht!

Wir haben als Kirche im Brauhaus den Auftrag von Jesus für uns in drei Schlagworten zusammengefasst: Wir wollen Menschen erreichen | prägen | senden. Das ist der Fokus in allem was wir denken, planen und tun. Wenn das passiert, sind wir »on Track«, auf Spur. Wir stehen aber noch sehr am Anfang … 👊😉

Gemeindewachstum? So sehe ich es! Bis zum nächsten Mal …

Teil 1

Fotos: Steffen Beck, (c) FeG Deutschland, Titel: Pixabay

Über Lothar Krauss

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Eine Antwort zu Wenn die Gemeinde wächst … | 2

  1. Andi Neumann schreibt:

    so, so, so gut. ehrlich und notwendig.

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