Wenn die Gemeinde wächst … | 1

Im Sommer 2014 gab es Sonntage bei uns im ländlichen Gifhorn, an denen 85 Personen unseren Gottesdienst besuchten. Ist das gut oder schlecht?

Die durchschnittliche BFP Gemeinde hat 73 Mitglieder. Spulen wir vor: Vor zwei Wochen, also etwas mehr als 5 Jahre später, konnten wir zu einem ganz unspektakulären Sonntag 512 Personen in unseren beiden Gottesdiensten begrüßen. Ist das gut oder schlecht?

Wachstum: Sehnsucht, oder Schreckgespenst?

Manche wünschen sich Wachstum so sehr! Und ja, wachsende Gemeinden machen von sich reden, dienen als Vorbilder und ihre Leiter sind begehrte Konferenzredner.

Doch es gibt auch genau das Gegenteil: Es wird vor dem Wachstum gewarnt! Warum eigentlich? Sind ernsthafte Gefahren in Verzug? Oder ist da Neid und Eifersucht im Spiel? Das ist ja ein großes Thema in der Bibel.

Und noch ein dritter Weg: Wachstum wird relativiert! Wachstum? Völlig überbewertet und nicht wirklich nötig. Qualität, nicht Quantität entscheidet.

Wer hat recht, welchen Fokus sollte man setzen? Muss man sich Gedanken machen, wenn eine Kirche wächst oder sollten eher graue Haare wachsen, wenn sie stagniert oder sogar rückläufig ist?

Einige Vorbemerkungen

Ich denke, dass wir genauer fragen müssen. Warum? Weil Wachstum wie eine Droge ist. Man kann sich daran berauschen, geblendet werden und sogar ersticken.

Wachstum also per se schlecht? Nein! Es gibt ja viel gesundes Wachstum! Das Kind in der Familie, eine Setzling auf dem Feld, die Äpfel am Apfelbaum. Das ganze Leben ist von gesundem Wachstum geprägt, alles nach seiner Art!

Und ja, es gibt auch ein Wachstum, das keiner will: Krebs, im Körper eines Menschen! Schulden, auf dem Bankkonto des Privathaushaltes. Fehler, in Softwareprogrammen. Versprechungen von Politikern, die ihren Vorteil im Auge haben. …

Gesund oder ungesund?

Das ist also die Frage, die wir der Frage nach dem Gemeindewachstum voranstellen. Hauptsache gesund sollte die Kirche sein, höre ich immer wieder. Stimmt. Und wenn sie gesund ist, was passiert dann, frage ich zurück. Ein gesundes Kind wächst gesund, aber es wächst. Wenn das Wachstum bei 90 cm aufhört, wirft das bei den Betroffenen Fragen auf, oder?

Was ist ein gesundes Wachstum?

Eine gute Frage. Eine wichtige Frage, die sehr entscheidend ist. Mir wird dann im Gespräch gesagt, dass ein normales Wachstum wünschenswert wäre. Was aber ist normal, also die Norm? Welche Toleranzen gehören dazu?

Ideologische Vorfestlegungen, die einschränken?

Gibt es Unterschiede zwischen dem gesunden Wachstumspotential in Kirchen, weil sie eine unterschiedliche Bestimmung von Gott haben, einer unterschiedlichen Berufung zu folgen haben? Hat der Schöpfer für seine Kirche eine Monokultur vorgesehen, einen Megatrend, den man wie einer Blaupause folgen muss, ganz gleich wie der Kontext ist? Oder gibt es unterschiedliche Ansätze, die je nach Kontext sinnvoll sind. Wie eine Werkzeugkiste, die eben nicht nur den Hammer kennt.

Ist die Vielfalt bei Gott der Plan? Wenn ja, bräuchte es aber wirklich Mut es anders zu machen, als „alle anderen“. Und was ist, wenn der Weg, den man geht, nicht angesagt ist? Hipp, cool, geil, Instafähig, fotografierbar … ? Jüngere Leiter schlagen sich hier vermutlich mehr rum, als meine Generation.

Und was ist, wenn eine Kirche von Gott aufgefordert wird, die früheren Erfahrungen mit Gott dankbar ins Archiv zu packen und mit ihm zu neuen Ufern aufzubrechen? Sich auf Neues einzulassen? Auf Styles, mit denen die nächste Generation ihres Kontextes mehr anfangen kann? Auch das stellt mancherorts eine große Hürde da.

Wir sind also vorab gefordert nicht zu eng zu denken, nicht zu eindimensional ans Werk zu gehen. Gemeindebau ist ein Geschenk von Gott, ein Handwerk von Berufenen und eine Kunst, die entdeckt werden will.

Genauer fragen …

Wir fragen daher genauer, was wir unter einem gesunden Wachstum verstehen wollen. Zu kompliziert? Vielleicht. Aber die Wirklichkeit von Organismen ist eben komplex.

Gesundes Wachstum von Kirchen?

Welche Faktoren sollten wir reflektieren, um zu guten Antworten auf unsere Fragen zu kommen? Der Weg: Mehr Fragen stellen … Zum Beispiel:

  1. Welche Dimensionen von Wachstum meinen wir?
    1. Wachstum der Besucherzahlen? Jede Zahl steht ja für Menschen …!
    2. Wachstum der Zahlen durch Menschen, die bei uns zum Glauben finden?
    3. Wachstum der Zahlen durch Menschen, die zu uns aus anderen Kirchen wechseln?
    4. Wachstum der Zahlen durch Menschen, die große Familien gründen?
    5. Geistliches Wachstum? Reife? (was ist das genau?)
    6. Wachstum des %-Anteils der Mitarbeitenden im Verhältnis zu den Besuchern.
    7. Wachstum der Finanzen?
    8. Wachstums der Großzügigkeit: Anzahl an Menschen, denen geholfen wird. Vor Ort, oder auch international?
    9. Wachstum der Sendungskapazität: Wie viele Leute sendet die Gemeinde? Zur theologischen Ausbildung? Als Missionare? In Vereine u. soziale Initiativen vor Ort. Zur Gründung neuer Kirchen?
    10. Wachstum an Personen, die Leitungsverantwortung übernehmen?
    11. Wachstum der Anzahl von Azubis, die wir ausbilden?
  2. Was ist unsere Berufung als Gemeinde?
    1. Kennen wir unsere konkrete Bestimmung, für unseren Ort, unseren Kontext?
    2. Leben wir in dieser Bestimmung? Haben wir alle Angebote und Dienste darauf abgestimmt. Passt die Strategie. Ist das konsequent, was wir tun. Führt das zum Ziel? …
    3. Oder suchen wir noch unsere Bestimmung, kopieren ein Erfolgsmodell, weil es sexy ist, angesagt, gut zu fotografieren?
  3. Welche Rahmenbedingungen treffen wir an? Sind wir in einer Region mit geistlichem Aufbruch oder in einer Region, die kaum geistliches Leben hat? Beispiel: Welche Dynamik wird eine Gemeinde in Baden-Württemberg im Unterschied zu einer Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern entwickeln? Besucherzahlen, Mitarbeiter, Geschwindigkeit der möglichen Entwicklung …
    1. Sind wir in der Großstadt oder auf dem Land?
    2. Haben wir einen natürlichen Zustrom an z.B. Studenten, jungen Familien, gut ausgebildeten Leuten, Kreativen …? Oder ist es eher selten, dass neue Leute in die Region kommen (Arbeitssituation, kein Ballungsraum, wenig Bildungsangebote …)?
  4. Welche Leiterpersonen hat Gott der Kirche geschenkt?
    1. Leaders attract Leaders! Leiter ziehen Leiter an! Künstler ziehen Künstler an. Musiker Musiker. …
    2. Welche Leute mit Einfluss prägen die Gemeinde? Wer ist da, mit wem startet man?
    3. Es kommt auch auf Menschen an, durch die Gott handelt. Epheser 4,11. Wen hat Gott in der konkreten Ortsgemeinde hingestellt.

Welche Fragebereiche sollten noch dazukommen? Was ist noch nötig für eine gesunde Entwicklung? Was sollten wir erwarten, was mit Vorsicht bedenken? Nutze die Kommentarfunktion.

Fragen über Fragen, die wir uns in der neuen Serie auf dem Leiterblog anschauen. Bis zum nächsten Mal …

Über Lothar Krauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
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2 Antworten zu Wenn die Gemeinde wächst … | 1

  1. Hartmut Knorr schreibt:

    danke, Lothar. Gute Gedanken!

  2. Pingback: Wenn die Gemeinde wächst … | 2 | DER LEITERBLOG

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