Der Leiter ist anders! Und einsam! | Teil 2

Kann ein Pastor Freunde in der Gemeinde haben?

Ich habe im Studium am Theologischen Seminar gelernt, dass ich in der Gemeinde als Pastor keine Freunde haben kann. Natürlich kann ein Pastor Freundschaften in seiner Gemeinde aufbauen! Doch etliche Fragen stellen sich dabei:

  • Ist das gut für die Gemeinde, wenn der Pastor Freundschaften in der Gemeinde aufbaut?
  • Und wenn er keine Freundschaften in der Gemeinde baut, ist das gut für die Gemeinde?
  • Und was ist gut für den Pastor, seine Frau, seine Familie als Personen, was brauchen sie? Geht es ihnen gut wenn sie Freundschaften bauen, oder eben nicht? Wie ist die langfristige Auswirkung davon?
  • Kann ein Pastor in einer Gemeinde Freundschaften so bauen und pflegen, wie das andere Leute in der Gemeinde tun?
  • Oder ist seine Rolle und Stellung so ANDERS, dass das von der „Natur der Sache“ eigentlich auf Dauer nicht gut gehen kann?
  • Einsamkeit also auch für die angestellten Führungskräfte der christlichen Gemeinde?

Mit einigen Kommilitonen haben wir uns über diese These anfangs sehr aufgeregt, dann lustig gemacht. Wir dachten, dass wir eine andere Generation sind. Dass uns das auf jeden Fall gelingen wird. Weil wir auf andere Art Gemeinde bauen. Viele anfängliche Erfahrungen machten uns dabei Mut. Es hat Jahre gedauert und brauchte manche schmerzhafte Erfahrung bis wir begannen zu verstehen, was uns die Dozenten sagen wollten. Manches lernt man erst über Zeit und mit Schmerzen. „ERFAHRUNG IST DAS WAS MAN HAT, NACHDEM MAN ES GEBRAUCHT HÄTTE.“

Warum sind Freundschaften in der Gemeinde für Pastoren von Natur aus schwierig?

Die pastoraltheologische These „Der Pastor ist anders“ von Manfred Josuttis, die er in seinem Buch „Der Pfarrer ist anders“ vorstellt, erhellt den Hintergrund zur Problematik. Denn „ANDERS SEIN“ ist Teil der Genetik der Berufung und des Berufes.

Der Pastor ist anders!

Josuttis sagt, dass dies eine FESTSTELLUNG, eine ABSICHTSERKLÄRUNG, eine FORDERUNG und ein VORWURF zugleich ist! Schauen wir uns die ersten beiden Punkte kurz an:

Feststellung

  1. Tätigkeit hebt sich von den meisten Berufen ab
  2. Arbeitszeiten sind anders
  3. Übliche Trennungen sind kaum/nicht möglich
    1. Beruf – Familie
    2. Arbeit – Freizeit
    3. Öffentliche Berufsausübung – privates Leben

Wenn man z.B. zu einem Geburtstag geht, an dem man viele Leute der Gemeinde trifft: Sind die Gespräche dann beruflich oder privat? Oder wechselt das in einem Gespräch häufiger? 

Absichtserklärung

  1. Ein Pastor will auch anders sein!
  2. Er erlebt sich daraus in der Spannung zwischen dem Auftrag, dem er zu folgen sucht und der Erwartung, die die konkrete Gemeinde an ihn hat?
  3. Wessen Angestellter bin ich? Gottes oder von Menschen? Sieht er sich als von Gott gesandter und berufener Diener oder angestellter Mitarbeiter?
  4. Er will auch andere verändern. Das treibt ihn bei der Verkündigung an, im Gemeindeaufbau. Lebensveränderung durch Gottes Wort und Geist. Die Gemeinschaft der Gemeinde soll verändernd in die Welt wirken.
  5. Er will daher nicht die Erwartungen der Leute erfüllen, sondern der Berufung und Beauftragung des Missionsbefehles Jesu folgen, auch ggf. gegen die Wünsche der Leute!
  6. Er hat einen Auftrag, der mit den Menschen ringt. Innerhalb u. außerhalb der Gemeinde.
  7. Wenn er seinen Predigthörern im Alltag begegnet, will er mit seiner anderen Lebensführung überzeugen!
    1. Er will für Gott leben
    2. Nicht für Geld!
    3. Nicht für Karriere!
    4. Nicht für Anerkennung!
  8. Er will nicht um der Macht willen dem Beruf nachgehen!
  9. Sondern aus Liebe dienen
  10. Anders sein ist ihm Pflicht – Wunsch – Belastung
  11. Er erlebt sich immer wieder als Gegenüber der Gemeinde

Forderung und Vorwurf folgen im nächsten Beitrag.

Über lotharkrauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
Dieser Beitrag wurde unter Die Person des Leiters, Fitness für Leiter, Lothars Leiterpost, Speziell für Pastoren abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Der Leiter ist anders! Und einsam! | Teil 2

  1. Uta Over schreibt:

    Aus meiner Sicht sind Pastoren genauso Mitglied in einer Gemeinde wie jedes anderes Mitlgied auch. Hießt es nicht in der Bibel, dass wir ein Leib sind, verschiedene Glieder, verschiedene Aufgaben jedoch ein Leib, eine Familie? In einer Familie kann man nur überleben wenn man Beziehungen, Freundschaften lebt. So auch in der Gemeinde. Es heisst: an ihrer Liebe untereinander werdet ihr sie erkennen. Weshalb soll der Pastor hier „anders“ sein? Aus meiner Sicht ist es unnatürlich und ungesund in der Gemeinde keine Freunde zu haben. Egal ob man Pastor ist oder nicht. Da gilt für alle dasselbe, weil wir alle nur Menschen sind und die Freundschaften brauchen um gesund zu bleiben. Gott hat uns als Beziehungswesen geschaffen. Wenn ich in der Gemeinde keine Freunde habe fällt es mir total schwer die Gemeinde als Ganzes von Herzen zu lieben; alles für sie zu geben; treu zu ihr zu stehen egal was kommt. Habe ich keine Freunde wird zunehmend eine innere Distanz zur Gemeinde entstehen.
    Wenn ein Pastor innige Beziehungen, gute Freundschaften in der Gemeinde lebt, so ist er ein gutes Vorbild von dem man gerne etwas lernen möchte. Der Preis dafür ist hoch, weil Verletzungen werden nicht ausbleiben wenn man so lebt. Ich wünsche mir sehr, dass sich die Führungskräfte der Gemeinden unterscheiden von den Führungskräfen der Wirtschaft, wie der Spiegel schreibt (siehe Teil 1 dieser Rubrik). Ich wünsche mir, dass die Pastoren nicht einsam sind, weil sie sind mir genauso lieb und wichtig wie jedes andere Mitglied in der grossen Gemeindefamilie. Wir brauchen einander! Wir sitzen alle im selben Boot und sind alle irgendwie „anders“ – nicht nur die Pastoren 🙂

  2. David Andreas Roth schreibt:

    Reblogged this on Von mir aus und kommentierte:
    Im Esslinger Leiterforum werden derzeit Vorstellungen von Manfred Josuttis zur Andersartigkeit des Pfarrers dargestellt. Völlig klar, dass das zunächst eine Darstellung der Thesen eines anderen ist. Mich hat es daran erinnert, dass Klaus Douglass einmal gesagt hat, dass er Jahre gebraucht hat, bevor er gemerkt hat, dass sein Beruf – Pfarrer – in der Bibel gar nicht vorkommt. Hier ein paar – ergänzende Thesen von ihm. Sozusagen als Ergänzung.
    Klaus Douglass ist Pfarrer, Unternehmensberater und Autor. Er war einer der Motoren für die Umgestaltung der landeskirchlichen Andreasgemeinde in Niederhöchstedt bei Frankfurt. Sein Buch “Die neue Reformation” setzte sich zum Jahrtausendwechsel kritisch mit der Situation “seiner Kirche” auseinander. Hier ein paar Zitate zum Thema Rolle, Position und Verhalten des Pastors.

    “Wir haben die Wahl zwischen dem allgmeinen Priestertum der Laien oder dem allgemeinen Laientum unserer Priester. (…) Selbst ein multitalentierter Superpfarrer vermag in 80 Stunden pro Woche nicht einmal ansatzweise das zu leisten, was 50 oder gar 100 normal begabte Gemeindegleider in 2-3 Wochenstunden einzubringen in der Lage sind.”
    “Wenn wir unseren Gemeinden mitteilen, dass jeder Christ ein ‘Geistlicher’ ist und entsprechend – vielleicht im Kleinen, aber doch mit großer Beständigkeit – Aufgaben auszuüben hat, die landläufig als Aufgabe eines Geistlichen angesehen werden, provozierenn wir damit den Ärger der Leute. Warum um alles in der Welt sollen sie plötzlich Dinge tun, für die ihrer Meinung nach der Pfarrer zuständig ist? Wenn sie heute in einer Gemeinde im Ernst die These aufstellen wollen, dass ‘jeder Christ ein Mitarbeiter’ zu sein habe, dergestalt, dass er seine natürlichen und geistlichen Gaben in den Dienst Christi stellt, werden Sie ind er Regel auf großes Befremden stoßen.”
    “Nicht alle, aber viele von denen, die auf Besuch durch ‘die Gemeinde’ warten, sind durchaus in der Lage, selbst zur ‘Gemeinde’ zu werden und andere zu besuchen.”
    “Der evangelische Pfarrer soll nicht Priester sein, der das Heil vermittelt und ‘verwaltet’, sondern soll die Gläubigen anleiten, selber zu ‘Priestern’ zu werden. Seine Aufgabe ist es, sie in die Lage zu versetzen, selber die Bibel auszulegen, Seelsorge zu üben, Fürbitte zu tun, Wunden zu heilen, den Glauben weiterzugeben und dergleichen mehr. (…) Das Ganze zielt also auf eine größtmögliche Mündigkeit und Unabhängigkeit der Gemeinde von ihren Pastoren ab.”
    Auch wenn es faktisch so ist, dass Pastoren und Pfarrer anders gesehen werden als „andere Menschen“. Auch wenn es so ist, dass sie selbst diese Einsamkeit spüren. Es muss nicht so bleiben… Ich bin gespannt wie es im Leiterforum weitergeht.

  3. Pingback: Der Leiter ist anders! Und einsam! | Teil 3 | Esslinger Leiterforum

  4. Pingback: Der geheime Schmerz eines Pastors (3) | DER LEITERBLOG

Kommentare sind geschlossen.