UND WENN ICH DAS „PROBLEM“ BIN?

»Was ist deine Konsequenz, wenn du feststellst, dass die Gemeinde, die du leitest, sich im Kreis dreht? Liegt es wirklich nur an Systemen oder Programmen, die verändert werden müssen? Oder bist du als Pastor vielleicht der Grund? Hat das vielleicht nicht nur etwas mit dem Mangel an Leitern, usw. zu tun, sondern mit uns, den Haupt-Leitern? Wow, was für eine harte und schmerzhafte Frage!« schreibt Markus Wandres, Pastor in Göppingen. 

Reif für eine neue Aufgabe? Sollte ich wechseln?

Im Oktober postete ich auf dem LEITERBLOG einen Beitrag zu dieser Frage. Gordon MacDonald hatte 8 Faktoren im Laufe der Jahre ausgemacht die anzeigen können, dass ein Wechsel dran ist. Markus Wandres, einer meiner früheren Studenten am Theologischen Seminar schrieb mir. Theoretisch sei das alles schon klar. Wenn man aber wechselt, vielleicht sogar den Beruf wechselt, weil man für die Aufgabe als Hauptleiter nicht so gut geeignet ist, würde man schon besondere Erfahrungen machen. Nicht überall träfe das auf Verständnis. Meine Neugier war geweckt und ich fragte Markus, ob er seine Geschichte und die damit verbundene Erfahrung mit uns teilen wolle. Er war bereit. Hier kommt sie:

Meine persönliche Reflexion

An und für sich betrifft mich diese Frage nicht, habe ich doch gerade einen „Wechsel“ hinter mir. Neugierig klicke ich dennoch auf den Artikel, denn die Gedanken von Gordon MacDonald interessieren mich. 

Was der Leiterblogger Lothar Krauss hier zusammengestellt hat, packt mich dann aber doch. Von den 8 Faktoren haben mich vor einem Jahr nicht alle betroffen, aber viele der Überlegungen sind mir doch sehr gut bekannt. Ohne sie damals zu kennen, hatte ich mir viele der Fragen von MacDonald gestellt. Durch die Reflexionen dieser Fragen war letztlich zu dem Punkt gekommen, dass für mich ein Wechsel dran wäre.

Reaktionen von Kollegen …

Was mich jedoch seit meinem Entschluss zu wechseln immer wieder wundert, ist die Reaktion anderer Pastoren und Leiter, wenn ich ihnen meine »Wechsel-Geschichte« erzähle. Denn die häufigste Reaktion ist: »Wow, das ist echt mutig, dass du den Schritt so gegangen bist!«. Das verblüfft mich! Warum? Weil mein Schritt für mich nicht in erster Linie mutig war, sondern eher konsequent oder logisch. 

Was ist meine Geschichte?

Vor 16 Jahren habe ich den Weg in den hauptamtlichen Dienst eingeschlagen. Warum? Weil ich das Empfinden hatte, Gott hat eine Berufung auf mein Leben gelegt und diesem Ruf wollte ich treu sein. Ich bin leidenschaftlich und konsequent den Weg gegangen. In all diesen Jahren habe ich unzählige Predigten, Seminare und Konferenzen zum Thema Nachfolge, Konsequenz, Berufung, Leitung, Pastorendienst, Gemeinde, usw. gehört, besucht und selbst gehalten. 

Der Grundtenor war dabei immer: »Wenn Gott ruft, dann ist es Zeit aufzubrechen! Dabei ist es äußerst wichtig unsere Berufung mit voller Hingabe zu leben und nicht an Aufgaben und Ämtern festzuhalten. Die Gemeinde gehört nicht uns (Pastoren), sondern Jesus Christus!«

Vielleicht kennst du diese Predigten, vielleicht hast du sie selbst auch schon gehalten? Aber was passiert wenn wir beginnen, uns selbst diese Fragen von Gordon MacDonald zu stellen? Uns auf einen Prozess der Selbst- und Fremdreflexion unseres Dienstes einzulassen? 

Was passiert dann?

Was passiert wenn du merkst, dass die Gaben, die du hast, nicht deckungsgleich sind mit dem, was die Gemeinde benötigt? Benötigt um noch mehr zu dem zu werden, was sie ist, um es mit dem Untertitel des Buches EXPONENTIAL von Dave u. Jon Ferguson zu sagen? Stellst du dir diese Frage überhaupt? 

Wenn sich die Gemeinde im Kreis dreht!

Was ist deine Konsequenz wenn du feststellst, dass die Gemeinde, die du leitest, sich im Kreis dreht? Liegt es wirklich nur an Systemen oder Programmen, die verändert werden müssen? Oder bist du als Pastor vielleicht der Grund? Wow, was für eine harte und schmerzhafte Frage! 

Liegt es an den Leitern oder an dem Leiter?

Warum wächst die Gemeinde nicht über 50, über 100 über 150 Menschen an? Hat das nicht nur etwas mit dem Mangel an Leitern, usw. zu tun, sondern mit uns als den Haupt-Leitern? 

Es fällt schwer …

Ich für meinen Teil habe gemerkt, dass es 1001 Antwort auf diese Fragen gibt, aber dass es mir – und generell uns Pastoren –, oft schwer fällt zu erkennen, dass es vielleicht auch an uns liegt. Warum? Weil wir Pastoren auch nur Menschen sind. 

Wer geht schon freiwillig einen Schritt in die Unsicherheit, den so ein Wechsel immer mitbringt?

  • Wir haben Familien, die versorgt werden wollen,
  • Häuser, die wir gekauft haben (zumindest im Schwabenland),
  • Kinder, die zur Schule gehen und nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden sollen,
  • und und und. 

Das, so zumindest lege ich es für mich aus, ist auch der Grund warum ich so oft höre, dass mein Schritt mutig war. Ich hätte meinen Platz nicht räumen müssen. Die Gemeinde stand stabil, es gab keinen Streit, keine Uneinigkeit, alles schien super zu laufen – wären da eben nicht diese Fragen gewesen.

Was war mein Schritt?

Ich habe festgestellt, dass Gottes Berufung auf meinem Leben nicht das abdeckte, was wir als Gemeinde brauchten, um den nächsten Abschnitt zu gehen. Gleichzeitig hatte ich aber auch nicht den Eindruck, dass ich in eine neue Gemeinde gehen sollte (was eine gewisse Spannung in sich ist, wenn du bis dato der Pastor bist. Würde ich an einem neuen Ort über Zeit diesen Themen wieder begegnen?).

Als durchschnittliche Gemeinde mit etwas über 100 Mitgliedern war es so, dass zwei 100% Anstellungen für uns finanziell nicht machbar waren. Daher war für mich die einzige logische Konsequenz, dass ich meine Stelle freigebe musste. Auf diesem Weg wäre es  möglich, eine andere Person anzustellen, deren Berufung und Begabung besser zu dem passt, was wir als Gemeinde für die nächste Etappe benötigt. Ich habe mit meinen Ältesten diese Gedanken geteilt und gemeinsam haben wir die nötigen Schritte eingeleitet. 

Wenn ich heute auf das letzte Jahr mit all seinen Veränderungen zurück schaue, muss ich sagen: »Gottes Hand war drin!«

Wie es weiter ging:

Wir haben eine neuen Pastor gefunden, dessen Profil zu dem passt, was die Gemeinde braucht. Ich bin weiterhin als Pastor in der Gemeinde dabei, habe auf einen Minijob reduziert und neue Aufgabenbereiche übernommen, die nun zu meiner Berufung und Begabung besser passen. Ich kann jetzt mit einem noch »schärferen Profil« meine Bestimmung leben. Mein neuer Job, den ich im Hauptberuf ergriffen habe, gibt mir die nötige Freiheit dazu. Deshalb kann ich jeden Verantwortlichen, der in einer ähnlichen Situation ist wie ich war nur dazu ermutigen, sich selbst auch diese unbequemen und schmerzhaften Fragen zu stellen. Sie ehrlich zu beantworten und dann im Vertrauen die Antworten umzusetzen, wird unter dem Strich freisetzen. Ob dass dann mutig, logisch oder konsequent ist, ist eigentlich egal. Wichtig für mich und uns ist dabei vor allem eines: wir dürfen wissen, dass Gottes Berufungen ihn nicht gereuen und er Wege hat uns zu gebrauchen. Auch wenn seine Berufungen zunächst nicht immer 100% in den Systemen passen, die wir in den Gemeinden antreffen. 

Markus Wandres, Göppingen

Zur Vertiefung:

Über Lothar Krauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
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Eine Antwort zu UND WENN ICH DAS „PROBLEM“ BIN?

  1. Caroline Günter schreibt:

    Hallo Markus,
    ich habe immer wieder über deinen Beitrag nachdenken müssen. Ich würde zusammenfassen: MUT zur DeMUT!
    Eine Inspiration für mein Leben. DANKE!

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