WILLOW: OPFER. TÄTER. RETTER.

Das Drama von Willow sucht nach Erklärungen. Viele sagen, dass sie das alles sehr verwirrt. Irgendwie passt alles nicht einfach zusammen. Ratlosigkeit macht sich breit. Und immer neue Versuche, das Dickicht zu durchdringen. Ob es je gelingt? David Andreas Roth hat in einem Kommentar zu einem Beitrag auf dem LEITERBLOG zu Willow das »Drama-Dreieck« als eine Art Denkhilfe, keine Erklärung angerissen! Ich fand das interessant und habe ihn gebeten, seine Denkhilfe mit uns zu teilen. Hier ist sie:

Die Gegenmacht

Ein Blick auf die Rolle der Retter im Drama von Willow

Ich gebe zu: Ich habe das Gefühl gern, jemanden gerettet zu haben. Das hat mich und vor allem andere schon in kuriose Situationen geführt. Ich wollte Menschen retten, die konnten sich ganz gut selbst wehren. Ich habe auch schon Menschen vor etwas retten wollen, dem sie nie ausgesetzt waren. Und, auch das ist wahr: manchmal, ja manchmal habe ich auch wirklich jemandem aus einer üblen Situation heraushelfen können.

Analysierend kann man sagen, dass ich Teil eines Spieles geworden bin. Ich habe eine Rolle im „Drama-Dreieck“ eingenommen. Dieses Erklärungsmuster wurde Ende der 1960er Jahre zuerst in der Literaturanalyse eingeführt und ist heute ein hilfreiches Analysewerkzeug in vielen Konfliktsituationen.

Opfer – Täter – Retter

Drei „Rollen“ im Drama sind zu vergeben: Opfer, Täter und Retter. Jede dieser Rollen kann selbstverständlich weiblich oder männlich besetzt werden.

Das Opfer ist oder wirkt unschuldig und zu Unrecht angegriffen, verletzt, unwissend, herabgesetzt, hilflos. Es ist dem Täter allem Anschein nach ausgeliefert.

Der Täter, oft auch „Verfolger“ genannt, ist oder wirkt wie der Mächtigere, der sich schuldig macht ohne Mitgefühl, seine Überlegenheit ausnutzt, Informationen hat und zurückhält, über andere urteilt, andere klein macht und sie einschüchtert.

Der Retter, oft auch „Helfer“ genannt, ist oder wirkt wie der Held, der dem Opfer zur Seite steht und gegen das Unrecht des Täters aufsteht, sich schützend vor das Opfer stellt und Gerechtigkeit einfordert.

Die Retter im Willow-Drama-Dreieck

Im Zusammenhang mit den aktuell bekannt gewordenen Vorgängen bei Willow fiel mir zuerst die Retter-Rolle auf. Vielleicht ja genau deshalb, weil mir diese Rolle so vertraut ist.

Ich denke, es lässt sich aus dem, was bekannt geworden ist, einiges von der Dynamik des „Drama-Dreiecks“ aufzeigen.

Was sich für mich natürlich nicht erkennen lässt ist, wer „Recht“ hat und wer „Schuld“. Auch welche Motivation letztlich bei Einzelnen hinter ihrem öffentlichen Auftreten steht, kann ich nicht bestimmen. Manchmal offenbaren die Mittel den eigentlichen Zweck – und manchmal offenbaren die Mittel auch nur den Grad der Verzweiflung, wenn ein Rettungsversuch nicht gelingen will.

»Manchmal offenbaren die Mittel den eigentlichen Zweck – und manchmal offenbaren die Mittel auch nur den Grad der Verzweiflung, wenn ein Rettungsversuch nicht gelingen will.«

Nur einer blickt durch

Das Dreieck entsteht im eigentlichen deshalb, weil der Mensch in der Helferrolle den Durchblick hat. Der Helfer oder Retter sieht die Beziehung zwischen Opfer und Täter: Das Opfer erkennt er. Den Täter bestimmt er.

Manchmal wird er zu Hilfe gerufen. Nicht selten braucht er das aber nicht, denn er muss feststellen, dass er der einzige ist, der genug Durchblick hat, um die Beziehung zwischen Opfer und Täter klar sehen zu können. Und oft fehlt natürlich dem Opfer auch die Kraft, sich gegen die Übermacht des Täters auch nur als Opfer zu erkennen zu geben. Der Helfer weiß das.

Leider gibt es solche Situationen. Und leider sind sie in Gemeinden gar nicht selten. Häufig fehlen Kontrollinstanzen für die, die mit Macht betraut sind. Da ist niemand, der unabhängig und nur Gott, dem Gewissen und dem Reich Gottes verpflichtet ist und die Berechtigung durch die Gemeinde hat, Vorwürfe zu prüfen, gegebenenfalls einzugreifen und Unrecht wirksam zu beenden.

Dann braucht es die Retter und Helfer.

Wer etwas gegen Macht macht, macht es meist mit Macht

Nicht selten sind es Übergriffe aus Macht- und Überlegenheitsempfinden heraus, die einen Retter auf den Plan rufen: Die Täter meinen, sie hätten immer Recht, sie könnten sich Übergriffe gegenüber Schwächeren leisten, weil niemand wagt, etwas zu sagen, weil sie unentbehrlich sind, weil sie geschützt werden.

Es geht um Macht. Und wer etwas gegen Macht macht, macht es meist mit Macht. Gerade die Retter stehen in der Gefahr, selbst zu Tätern zu werden. Sie kämpfen mit den Mitteln, deren Auswirkung sie bekämpfen. Ein paar Erfahrungen und Beobachtungen:

  • Sehr typisch ist das Untergraben von Maßnahmen der wirklich Verantwortlichen. Man sieht diese Maßnahmen als unzureichend oder falsch. Dann allerdings verweigert man die Mitarbeit, die die Unzulänglichkeiten aufdecken könnte. Wissen, das zur Aufklärung der Vorwürfe wichtig wäre, wird zurückgehalten, Mitarbeit, die den Prozess beschleunigen könnte, wird verweigert. So kann man sicher sein, das Ergebnis der Untersuchungen am Ende auf jeden Fall angreifen zu können.
  • Sehr typisch ist es dann auch, einen Katalog von Forderungen aufzustellen, gerade so als hätte man selbst das Mandat und nicht eine selbstgewählte Aufgabe. Man will Macht ausüben – ohne die Verantwortung dafür tragen zu müssen. (Bei der Gruppe der Anklagenden ging das bis zur Auswahl der Sachverständigen und der Erstinformation über Ergebnisse.) Hier muss ich nun wieder aufpassen, mich nicht zum Retter für Bill Hybels zu machen, denn er passt sehr genau in die Opfer-Rolle eines neuen »Drama-Dreiecks«.
  • Die von der Gemeinde eingesetzten Verantwortlichen werden als Komplizen des Täters angesehen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kommt die hässliche Zwillingsschwester der Macht mit ins Spiel: Die Angst bis hin zur Paranoia.
  • Gar nicht selten fehlt das Mandat sowohl von der Gemeinschaft als auch von den Opfern. Wenn ein Opfer sich nicht vertreten lassen will, sucht man nach anderen. Man hat den Täter ja bereits ausgemacht, also muss die dritte Position im Dreieck sich ebenfalls besetzen lassen. Leider führt das Dramadreieck häufig nicht zur Stärkung der Opfer in ihrem Kampf für Gerechtigkeit, sondern zu weiterer Entmündigung. Das Dramadreieck wird schmaler, der Retter tritt vor das Opfer und braucht es im Eigentlichen nur noch als Munitionslieferanten. (Jodi Walle hat darauf eindrücklich hingewiesen.)
  • Noch eine Technik von Rettern, die nicht das für sie notwendige Ansehen finden: Sie suchen, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste, eine Öffentlichkeit, die Ihnen zustimmen könnte. Dabei sind sie häufig nicht wählerisch in der Auswahl ihrer Verbündeten. (Warum veröffentlicht eine Zeitung wenige Monate vor dem Ausscheiden von Bill Hybels, obwohl sie eindeutig nicht genug in der Hand hat, um damit auch nur ein Gericht zu beschäftigen? Das hat nichts damit zu tun, dass diese Zeitung sich als moralische Instanz versteht oder als Leuchtturm des Investigativ-Journalismus.)

Hier muss ich nun wieder aufpassen, mich nicht zum Retter für Bill Hybels zu machen, denn er passt sehr genau in die Opfer-Rolle eines neuen Dramadreiecks.

Immer neue solcher Dreiecke werden eröffnet, wenn man in unklaren Situationen nicht zunächst einmal davon ausgeht, dass es nicht um Schuld oder Unschuld geht. Manchmal braucht es die Retter, das ist keine Frage. Doch es muss bei allem Eifer zuerst darum gehen, einen Sachverhalt genau aufzuklären. Danach kann dann mit moralischen und rechtlichen Maßstäben gemessen und beurteilt werden.

So schön es ist, ein Retter zu sein: Im wahren Leben hält der Retter durch das Beharren in seiner Rolle häufig Opfer in ihrer Opferrolle, findet sogar dort Täter, wo vielleicht gar keine sind, oder steht durch sein Verhalten einer Aufklärung durch die Verantwortlichen im Weg.

David Andreas Roth, Jahrgang 1963. Seit 1989 verheiratet mit Karin. Im Hauptberuf Redner, im Ehrenamt Pastor bei den Baptisten Metzingen – Kirche mit offenen Armen. Erfahren im Aufbau, im Scheitern und im Wiederaufbau von Gemeinde. Mit Leidenschaft als Redner und als Prediger unterwegs. Mit gleicher Energie in der Gemeinde, in der sozialmissionarischen Arbeit wie auch als Koordinator des Arbeitskreises Asyl Metzingen engagiert. Wanderer sowohl zwischen den Milieus als auch in der Natur.

Zur Vertiefung

Zu den Ereignissen …

Bill Hybels tritt zurück …
Anschuldigungen gegen Bill Hybels …

Über lotharkrauss

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6 Antworten zu WILLOW: OPFER. TÄTER. RETTER.

  1. Hanna schreibt:

    Deshalb ist es immer am besten, sich nach der Wahrheit auszustrecken!

  2. Matze schreibt:

    Der Artikel lässt mich ratlos zurück. Natürlich stimmt es, dass:“ Was sich für mich natürlich nicht erkennen lässt ist, wer „Recht“ hat und wer „Schuld“. “
    Deshalb heisst es ja auch im Wort: Ein jeder prüfe SICH SELBST und erkenne ob er auf dem rechten Weg unterwegs ist. Er bereue und bekenne seine Schuld, bereinige diese und übe Wiedergutmachung, erinnere sich danach an das weisse Gewand durch die Erlösung und gehe dann frohgemut seines Weges. Das ist es eigentlich. Und dazu dürfen wir uns alle gegenseitig durch die allgemeine Priesterschaft ermutigen, was die Mächtigen und nicht so Mächtigen einschliesst
    Es gibt allerdings eine Voraussetzung. Es gibt eine allgemeingültige Wahrheit, an der wir uns prüfen sollen, nämlich an seinem Wort, das uns durch seinen Geist aufgeschlossen wird. Daraus folgt aber nun, dass sich für Gott sehr wohl erkennen lässt wer Recht hat und wer Schuld. Was ist nun die Logik daraus: haben wir den Heiligen Geist gedämpft oder betrübt, dass er uns nicht mehr in die Wahrheit leiten kann, in diesem Fall Bill Hybels oder /und John Ortberg? Oder wird nicht mehr an die allgemeingültige Wahrheit des Wortes Gottes geglaubt?

  3. Christiane schreibt:

    Welche Bedingung muss ein Kommentar erfüllen, um freigegeben zu werden?

    • lotharkrauss schreibt:

      Zuerst: Das ist hier ein privater Blog von mir auf meine Kosten, kein Verdienst damit! 🙂 Mal habe ich mehr Zeit für den Blog, mal weniger. So kann mancher Beitrag für Erstkommentatoren etwas in der Warteschlange festhängen, ist eben so.

      Nun zum Format: Der Kommentar muss sich auf die Inhalte des Beitrages beziehen. Auch soll er kein eigenständiger Artikel sein, der den Blogbeitrag nur als Sprungbrett für etwas anderes nutzen will. Die Meinung die der Kommentar vertritt, kann natürlich ganz von dem abweichen, was ich hier poste. Respektvoller Umgang in Sprache und Haltung sind dabei die Grundlage. 😉

  4. St.Martin schreibt:

    Lieber David,
    danke für diese aufschlussreiche Denkhilfe. Mir hilft es sehr, zu verstehen was sich abspielt und sich leider in aller Welt vielfach wiederholt. Ich hoffe, dass durch deinen Artikel, der eine oder andere nicht in dieses furchtbare Dramadreieck hineingezogen wird.
    Wikipedia: Dramadreieck – drückt es sehr bezeichnend aus:
    …dass es sich bei dem Dramadreieck um ein unreifes, oft dysfunktionales Beziehungsmuster mit weitreichenden Folgen handelt…

    • David Andreas Roth schreibt:

      Herzlichen Dank für diese Rückmeldung. Mir hat das Denkmodell vor allem in meinen eigenen Beziehungen geholfen. Ich kann gut verstehen, wenn andere ratlos zurückgelassen werden. Es geht nicht um „den Schlüssel“ für das Willow-Drama. Es ist ein Werkzeug, zuerst für die Wahrnehmung der eigenen Rolle in anderen Dramen. Und da ist es mir sehr wertvoll. Und als Zweites macht es mich auch mutiger, in meinen Urteilen und vor allem in meinem Verurteilen langsam zu sein und auf Muster zu achten.

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