Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 6

Anfang des Jahres hatte ich fast drei Monate Zeit, um etwa 20 Gemeinden im deutschsprachigen Europa und in den USA kennen zu lernen. Was ist von diesen Gemeinden zu lernen, die christozentrisch und relevant in ihrer Kultur wirken? 

Im ersten Teil habe ich die Kerneinsichten “Auftrag und Momentum” beschrieben. Der zweite Teil hat das Thema “Leitung” aufgegriffen. Dann habe ich die Frage nach der “Gemeindegröße” aufgeworfen und sie mit dem Stichworten “Movement”, “missional” und “attraktional” vertieft. Heute schließe ich die Reflexion meiner Studienreise zu relevanten Gemeinden mit dem „Generalschlüssel“ zur relevanten Gemeinde: Jüngerschaft!

Die Impulse für eine „relevante Gemeinde“ werden nicht durchschlagend sein und nur eine Episode bleiben, wenn diese Frage nicht die vorrangige Priorität erhält! Sie ist das HERZ der relevanten Gemeinde! In allen relevanten, dynamischen und einflussreichen Gemeinden meiner Reise ist das unübersehbar. Die missionale Bewegung, die Jüngerschaft per Definition mehr betont als es möglicherweise eine rein attraktionale Gemeinde tut, reflektiert dieses Thema als den entscheidenden Punkt, wie dieser Beitrag zeigt. Was also in der Theorie schnell von allen Seiten Zustimmung bekommt, ist in der Praxis aber „tricky“, richtig schwierig umzusetzen. Aber der Reihe nach:

Das ist den Leitern wichtig: Jüngerschaft!

In den Hintergrundgesprächen mit Verantwortlichen in Gemeinden wird mir immer wieder eines deutlich: Es geht um Jüngerschaft. Nicht um Zahlen, Veranstaltungen, Bekehrte, gesellschaftliche Relevanz und Einfluss oder um die Idee „missionalen Gemeindebaus“ als solches. Es geht immer um Jüngerschaft! Darum, dass Menschen zu hingegebenen Nachfolgern von Jesus werden. Das ist der Auftrag von Jesus. Er sagt ja nicht: „Gründet Gemeinden! Baut Missionswerke! Bildet Netzwerke! Macht tolle Gottesdienste! Lindert die soziale Not.“ Er sagt: „Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.“ Macht Menschen zu meinen Jüngern!

Und diese Jünger veranstalten Treffen und Gottesdienste, gehen anders ihren Berufen nach, leben mit ihren Familien, machen das Evangelium bekannt, helfen in der Nachbarschaft, treten für soziale Gerechtigkeit ein, kümmern sich um Bedürftige, geben von ihrem Vermögen usw. Das mag für Leute, die ihre Art von Gottesdiensten besonders lieben, ihre Kirche über alles mögen, Gemeinschaft im Kleinen um jeden Preis bewahren wollen, ihre Denomination hoch halten, ihren Musikstil verteidigen usw. einen Stich versetzen. Aber es muss klar gesagt werden: Das, was uns oft an Gemeinde wichtig ist, ist nicht die Priorität. Es ist nur die Folge, die Konsequenz, die Wirkung! Diese relevanten Gemeinden stellen das alles eben nicht in den Mittelpunkt, sondern Jüngerschaft. Natürlich nutzen sie alle sinnvollen Möglichkeiten, um den Auftrag „Menschen zu Jesus zu rufen und aus ihnen Nachfolger von Jesus zu machen“ wirksam umzusetzen. Deshalb hat ihre Art Gemeinde zu bauen, Programme zu gestalten, Musikstile zu wählen … mit ihrer Zielgruppe zu tun. „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Wie ein Missionar die Sprache der Leute lernt die er erreichen will, so versuchen diese Gemeinden die Sprache ihrer Zielgruppe zu sprechen, zu der Gott sie geschickt hat. Deshalb diese äußerlichen Formen und die Sprache der Kultur (Musik, Kunst, Medien …). Sie wollen verstanden werden, Christus bekannt machen und Menschen in die Nachfolge rufen.

Jüngerschaft: Der kritische Punkt!

Missionswissenschaftler mahnen schon seit längerer Zeit und reden uns ins Gewissen: In der Kirche der westlichen Welt ist in den letzten Jahrzehnten ein großer Mangel entstanden: Wir „machen so wenig Jünger!“. In der Regel formen wir die Leute, die Jesus bei uns kennen lernen, zu Besuchern, Konsumenten, Beobachtern …, aber nicht zu hingegebenen Nachfolgern von Christus. „Fans, nicht Follower!“ Das sei die große Schwäche der westlichen Kirche. Ich kann das natürlich nicht übergreifend beurteilen. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten habe ich oft darüber nachgedacht, warum so wenige Leute in den Gemeinden, in denen ich als Pastor tätig war, hingegebene Nachfolger wurden. Oft habe ich damit gekämpft. An „Jüngerschaftsprogrammen“, Kursen, Kreisen und Angeboten hat es nicht gefehlt. Aber unter dem Strich hat es wenig gebracht.

Die Frage, die unter meinen Nägeln brennt

Das ist also am Ende meiner Studienreise die Frage, die mir zunehmend unter den Nägeln brennt. Ich stelle sie den Leitern immer und immer wieder: Wie macht ihr das? Wie ist das mit Jüngerschaft bei euch? Das Leben der Leute ist voll, der Beruf fordert von vielen Menschen in der westlichen Welt „unanständig“ viel, dominiert das ganze Leben. Die Leute sind platt am Abend des Arbeitstages. Soziologen sprechen von einer „Leistungsverdichtung“: In der gleichen Zeit müssen Leute immer mehr leisten! Das laugt auch die Leute, die in unsere Gemeinden kommen, aus. Und dann treffen sie noch uns Verantwortliche in der Kirche mit unseren Erwartungen an sie! Ich habe dazu schon ein paar Zeilen im Blog gepostet. Sicher, die „Ego-Mentalität“ nimmt zu (Matt. 24,12): Auch Christen sind sehr mit sich beschäftigt. Die „was-bringt-mir-das-Mentalität“ begegnet mir auch oft. Ist der christliche Konsument ein Produkt der charismatisch-pfingstlichen Frömmigkeit, der ich zugehöre? Wie werden Leute selbstlos, großzügig, dienend, bescheiden, gebend …? Zeigen also die Eigenschaften, die ein Jünger hat? Also, wie „geht“ es? Und zwar in unserer Kultur, in unseren Rahmenbedingungen, die wir nicht verändern können?

Geduldig geben mir diese erfolgreichen Leiter Einblick in ihr Herz, ihre Gedanken, Erfahrungen … Viele wertvolle Impulse nehme ich auf. Ein Puzzle setzt sich über die Reise zusammen. In Chicago bekomme ich dann unverhofft das ganze Bild. Nein, die Überraschung kommt nicht durch die tolle Arbeit von Willow Creek! Die Community Christian Church steuert die fehlenden Puzzleteile bei.

EXPONENTIAL – Wirklich Jünger machen!

Dave Ferguson und sein Bruder Jon öffnen mir die Augen. Ihre Geschichte haben sie in dem Buch „Exponential“ aufgeschrieben. Die Grundidee habe schon einmal hier etwas skizziert. Ich treffe auf Ideen, die ich schon seit meiner Hinwendung zu Jesus kenne. Nichts Neues! Neu ist der Umgang mit den bekannten Gedanken. Die konsequente Anwendung, Umsetzung und Entwicklung. Eine Art Gemeinde zu bauen, wo der Prozess „Jünger-zu-machen“ im Zentrum steht. Programmen, Gruppen, Gottesdienste, Bands, Gemeindegründungen … sind „Nebenprodukte“, „Folgen“ davon, weil die Christen ihre Berufung ergreifen und leben. Theoretisch denke ich das auch schon lange. Aber meine Praxis ist effektiv genau umgekehrt. Ich muss immer wieder in Programme u. Projekte investieren, da sie nicht „von selbst“ durch Christen erwachsen, denen Gott die Gaben anvertraut hat. Ich muss als Pastor immer wieder die Leute suchen, die begabt sind, von Gott dafür vorgesehen wurden, damit sie „es machen“. Wenn ich es anders mache, kommt oft nur wenig „in die Gänge“. Das wäre an sich nicht so schlimm. Aber es trifft immer wieder Kernbereiche des Gemeindelebens. Da habe ich als Leiter kaum eine Wahl. Sicher, ich habe auch schon mit dem iPod Lobpreis geleitet, weil keine Musiker zur Verfügung standen. Witzig war das aber nicht! „Mein“ Weg ist aber auch nicht die Lösung: Ich finde so oft auch nicht die Leute als Mitarbeiter und Leiter, die die Programme und Projekte brauchen! Manchmal ist es einfach ein Dilemma. Aber mir dämmert: Der ganze Ansatz ist falsch. Ich muss Mut aufbringen und Glauben, dass es anders gedacht ist.

Die Fergusons zeigen mir einfache Möglichkeiten auf, um Jüngerschaft „alltagstauglich“ auf den Weg zu bringen! Die Wohnzimmergemeinde im Großraum Chicago ist auf über 6000 Leute in einem Netzwerk von Gemeinden angewachsen. Dave steht der größten Konferenz von Gemeindegründern vor, die zuletzt über 45.000 Teilnehmer hatte. Leute wie Bill Hybels, Rick Warren, Craig Groeschel, Alan Hirsch, Wayne Cordeiro, Mike Frost, Tim Keller, Francis Chan, Chris Hodges, Gene Appel, Neil Cole … kommen und ermutigen die Gründer, unterstützen Dave auf dem Weg. Ich frage mich immer wieder: Ist das amerikanische Kultur? Klappt das auch in Deutschland? Sind das Methoden oder Prinzipien? Was ist für uns gut, was nicht? Mein Entschluss reift: Ich will das unbedingt ausprobieren wenn ich wieder in Deutschland bin. Und andere ebenfalls dazu einladen!

Erste Schritte

Jetzt bin ich wieder einige Monate in Deutschland. Tatsächlich probiere ich diese Impulse in ersten Schritten in Esslingen aus und habe etliche Verbündete in ganz Deutschland gefunden, die auch damit beginnen. Wir sind in einer Testphase. Gerade habe ich das Gefühl in einem sehr entscheidenden Umbruch zu stehen, der die altbekannten Einsichten neu ordnet. Gemeindebau, der im Kern Menschen in die Jüngerschaft führt. Ein gemeinsamer Weg, der Leiter hervorbringt, die im Kern Jünger sind. Ein Weg den auch Künstler, Geschäftsleute, Sportler, Lehrer, Fachangestellte, Ingenieure, Musiker, Techniker, Erzieher, Schreiner, IT Fachleute … gehen können. Ein Weg, der sie zuerst zu Nachfolgern von Jesus macht und sie dann als Nachfolger aktiviert. Sie bringen ihre Gaben und Berufungen in den Rollen ihres Lebens an den Start. Sie leben ihre Bestimmung.

Wow, ich habe viel Feuer gefangen zum Ende der Reise! Und Hoffnung, Mut, Glauben bekommen: Gemeinde kann so anders sein! Gott will etwas NEUES bewirken. Und ich will dabei sein. Unbedingt!

Hier endet meine Reflexion und gleichzeitig beginnt die Praxis, von ich in Zukunft auf dem Blog berichten werde.

Gesamtfazit:

Die relevante Gemeinde der Zukunft, die Einfluss in ihrem Umfeld ausübt ist auf Christus ausgerichtet, vom Heiligen Geist erfüllt, verwurzelt in der Bibel und liebt leidenschaftlich diese Welt. Sie besteht aus Jüngern, die gemeinsam ihrem Auftrag nachkommen, dabei Momentum (Schwung) haben und starke Leiter an der Spitze zulassen. Diese Gemeinde wächst sich zu einem Netzwerk aus, das vielschichtig die Gesellschaft durchdringt. Die Jünger leben missional und gestalten gemeinsam anziehende Treffen, in denen die Gegenwart Gottes kraftvoll erfahren wird. Die erste Gemeinde in Jerusalem war so eine Gemeinde. Unsere Kultur braucht wieder solche Gemeinden. In der „Version 21“! Eben für das 21. Jahrhundert. Wo sind die Leiter, die sich von Gott gebrauchen lassen wollen, um so eine Gemeinde zu bauen?

Am Ende meiner Studienzeit ist für mich klar: Ich möchte so ein Leiter werden! Gott will, dass ich so ein Leiter bin.

Über lotharkrauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
Dieser Beitrag wurde unter Die Person des Leiters, Lothars Leiterpost, Speziell für Pastoren abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 6

  1. Norbert Knöll schreibt:

    Hallo Lothar, mit großem Interesse habe ich angefangen deinen Blog zu lesen. Ich habe den Hinweis von Konstantin Kruse bekommen, mit dem ich befreundet bin.
    Ich leite hier die Gemeinde Vaterhaus in Nürnberg und war jetzt drei Monate in einer Studienzeit und davon 2 Monate in den USA Westküste). Dort habe ich die Gemeindegründungsbewegung Soma besucht, dessen Leiter Jeff Vanderstelt ein Vorreiter im Bereich Gemeindegründung; Jüngerschaft, missionale Gemeinschaften etc. ist (war früher der Leiter der WC Jugendarbeit in Chicago).
    Ich beschäftige mich seit über 2 Jahren mit dem missionalen Gemeindebau und für mich ist das Thema „multiplizierende Jüngerschaft“ zu meinem Lebensthema geworden.
    Ich sehe auch total die Notwendigkeit hier zu investieren und das ins Zentrum der Gemeindearbeit zu stellen. Ich sehe aber auch die Herausforderungen und meine bisherigen Ansätze waren gut, aber noch nicht so fruchtbar.
    Deshalb flog ich in die USA um von Gemeinden zu lernen, die da weiter sind und vor allem um die Praxis kennen zu lernen. Ich habe einiges gutes gesehen und mehr verstanden, bin aber total interessiert mich mit Gleichgesinnten hier in Deutschland auszutauschen und zu vernetzen.
    Falls es die Möglichkeit gibt, würde ich mich gerne mal mit dir treffen um mehr von deinen Erfahrungen in den USA und Deutschland zu hören und ich kann dir auch einiges von meinen Erfahrungen berichten.
    Wäre super, wenn wir in Kontakt kommen könnten. Blessings
    Norbert Knöll

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s