Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 5

Anfang des Jahres hatte ich fast drei Monate Zeit, um etwa 20 Gemeinden im deutschsprachigen Europa und in den USA kennen zu lernen. Was ist von diesen Gemeinden zu lernen, die christozentrisch und relevant in ihrer Kultur wirken? 

Im ersten Teil habe ich die Kerneinsichten “Auftrag und Momentum” beschrieben. Der zweite Teil hat das Thema “Leitung” aufgegriffen. Dann habe ich die Frage nach der “Gemeindegröße” aufgeworfen und sie mit dem Stichwort “Movement” vertieft. Heute setze ich die Beobachtungen zur Gemeindegröße mit den Begriffen „missional“ und „attraktional“ fort.

Gemeinden, die missional und attraktional ticken

Während in den letzten Jahren der missionale Ansatz auf Kosten des attraktionalen Gemeindemodells profiliert wurde, versöhnen sich seit einiger Zeit die beiden Ansätze. Alan Hirsch ist mir bei der Suche nach Gemeinden behilflich, die das Beste aus „beiden Welten“ verbinden.

Attraktional …

So sitze ich in Gemeinden, die klasse Gottesdienste gestalten. Hier würde ich sofort meine Nachbarn, Bekannte und Freunde mitnehmen, die keine Christen sind. Und die meine Freunde auch wollen. Denn „nur privat“ ist für sie „Sekte“. Eine Öffentlichkeit spricht für sie von Seriosität!

Diese attraktionalen und attraktiven Gemeinden bieten (bis auf eine Gemeinde) keine „auf Hochglanz polierte Show“. Leute stehen auf der Bühne, die einfach ihre Gaben einbringen, in hoher Qualität und angenehmer Natürlichkeit! Nicht perfekt, aber richtig gut. Ganz klar: Sie haben sich vorbereitet, richtig gut geübt, sind mit Spaß dabei und haben sich bei dem, was auf der Bühne läuft, etwas gedacht! Die Ergebnisse begeistern: Tolle Musik, klare, gewinnende Kommunikation, toller Medieneinsatz, bewegende Predigten … und alles ist persönlich, warm und menschlich geprägt. Die attraktionale Erfahrung in angenehmster Art. Hier bin ich gern. Oft denke ich das. Im wöchentlichen Programm des Gemeindelebens finde ich jeweils nur einige ergänzende Angebote zum Gottesdienst. Nicht sehr viel! Wie geht es aber weiter, wenn man in so einer Gemeinde ankommen will?

Missional …

Das bringt uns zum „missionalen Ansatz“. Gut, früher hat man zu „missional“ vielleicht „missionarischer Lebensstil“ gesagt. Das Modewort heute ist eben „missional“. Junge Leiter haben es „erfunden“ weil sie müde waren, Evangelisation als eine Aktion zu sehen. Vielmehr sehen sie „Mission“ (Sendung) als einen Lebensstil. Ein von Gott in die Welt gesandt sein, dass ist die übergreifende Wirklichkeit, die das ganze Leben eines Christen bestimmt: Immer lebe ich als Christ, immer stehe ich in dieser Sendung Jesu. Bei den Freunden, im Beruf, der Familie, meinen Hobbys, im Urlaub, wenn ich im Krankenhaus liege … Die Idee einer missionalen Gemeinde liegt darin, dass die Christen der Gemeinde für ein Leben als Nachfolger Jesu in dieser Welt fit gemacht werden. Das spricht mich an. Ganz egal wie man es nennt! Ob Modewort oder nicht. Seit über 2 Jahrzehnten ringe ich in Gemeinden genau darum! Wie oft habe ich gepredigt, dass wir nicht in einem christlichen Biotop bleiben dürfen. Dass Gemeinde unser Trainingslager ist, die Meisterschaft aber im Alltag, mitten unten den Menschen, ausgespielt wird. Da gilt es! … In zukünftigen Beiträgen im Blog will ich diesem Thema weiter nachgehen.

Keine fromme Vollbeschäftigung!

Ich erlebe in den missionalen Gemeinden also nur ein begrenztes Programm. Konkret: Etwa 20% der Gemeindeleute engagieren sich in Aufgaben und Diensten „in der Gemeinde“. 80% haben einen Schwerpunkt in ihrer Lebensrolle, die sie als „missionale Christen“ ausfüllen wollen, sagen mir die Leiter. Fast alle Christen in den Gemeinden treffen sich in kleinen Gruppen, oft 1x in der Woche. Dort teilen sie ihr Leben. Lesen die Bibel. Beten gemeinsam. Beten für die Freunde. Dienen sich gegenseitig und begleiten einander in schwierigen Lebensherausforderungen. Gemeinsam als „kleine, missionale Gemeinschaften“ dienen sie zusammen ihrer Nachbarschaft, in sozialen Projekten, in den Themen ihrer Stadt oder in Projekten der Weltmission. Nicht „Kreise“ sondern „Gemeinschaften“! „Programme“ sind nicht der Anlass, sondern der Ausfluss dieser Gemeinschaften! Die Gemeinde stellt nur die Grundstruktur bereit: Leiter werden trainiert und begleitet, damit SIE Gruppen ins Leben rufen, in denen Christen geistlich wachsen und zusammen dienen. Gemeinsam rufen diese Christen mit ihren Gemeinschaften die Initiativen für ihre Stadtteile, für Kinder, für Arme, für Kranke, für Bedürftige, für Geschäftsleute, für Mütter, für Väter, für Schulen, für ……… ins Leben! Sie feiern z.B. als Christen, die in der Sendung von Jesus leben, ihren Geburtstag nicht nur mit ihren Familien, engagieren sich in Beiräten, an Schulen, Vereinen … Ich treffe auf Leute, die einfach anders leben, weil sie anders sind. Das ist der Grundbaustein dieser „anderen Gemeinden“. Nicht Methode, Modell … sondern Menschen! Sehr herausfordernd für mich. Ich denke an die Heimat:

Deutsche Realität?

Meine über drei Jahrzehnte Gemeindeerfahrung in Deutschland. Ist das, was ich hier sehe, auch bei uns möglich? Sind viele Christen in deutschen Gemeinden nicht voll mit ihrem Beruf, ihren Familien, ihrer Freizeit … beschäftigt. Wollen sie überhaupt „missional“ leben?

Wie oft (selten) habe ich es erlebt, dass Leute von sich aus solche Initiativen starten und über eine längere Zeit voranbringen? Was machen wir falsch? Wo liegt der Denkfehler? Was ist der Unterschied? Sollten wir uns damit abfinden? Ist eine andere Zukunft möglich? Ich stoße auch auf andere Voraussetzung in den USA, als sie mir aus Deutschland vertraut sind. Was sind die Schlussfolgerungen daraus? Später mehr dazu auf dem Blog!

Mir fällt auch auf, dass diese 20-80 Aufteilung nur funktionieren kann, wenn die Gemeinde groß genug ist. Denn sie müssen alle grundlegenden Dienste auch abdecken. Sie brauchen eben auch jeden Sonntag eine Person an der Technik, viele Leute im Angebot für die Kinder, Segnungsteam usw. Und einander zu dienen, Funktionen füreinander zu haben wie ein Körper, ist ja keine Konsequenz eines falschen Gemeindemodells, sondern Identität der Gemeinde von Jesus (1. Kor. 12, Rö 12, Eph. 4) Wie auch immer: Es besteht auch in diesen Gemeinden – wie in kleinen Gemeinden – ein hoher Bedarf an Leitern, die vernetzen, voranbringen und anleiten. Das ist der kritische Punkt! Wird das alles bei uns mehr möglich werden, als wir es bislang sehen? Ich bin sehr nachdenklich.

Was bleibt …

Anfangs bin ich sehr skeptisch! Klappt das wirklich mit dem „missionalen Gemeindeaufbau“? Ist das nicht am Ende eine soziale Aktion, die gerade sehr angesagt ist, bei der aber der Glaube auf der Strecke bleibt? Die Kombination überzeugt mich schließlich: Dieser attraktionale Teil des Gemeindelebens, der nicht auf Kosten des gelebten Christseins im Alltag geht, ergänzt den missionalen Ansatz, der den Glauben mitten ins Leben bringt. Nicht die Methode, Begriffe oder Trends entscheiden, sondern das Herz! Christen wollen Jesus folgen. Lebensveränderung geschieht. Im missionalen Impuls liegt ein großes Lernfeld für den Teil der deutschen Christenheit, mit dem ich verbunden bin. Auch für mich selbst.

FAZIT: Gemeinden in der westlichen Welt brauchen Beides: Den dynamischen  inspirierenden und prägenden Gottesdienst, in dem der Heilige Geist in der Gemeinschaft erlebt und Christus mit Vollmacht verkündigt wird. Und den Lebensstil, der von Christus und seiner Sendung durchdrungen ist. Christen, die in der Mission Gottes „So sehr hat Gott die Welt geliebt …“ ihren Platz einnehmen und sich von der Liebe Gottes ebenfalls senden lassen. Für solche Gemeinden ist in Deutschland noch viel Platz. In den Städten und auf dem Land. Werden wir solche Gemeinden werden, bauen und multiplizieren?

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5 Antworten zu Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 5

  1. Ralph schreibt:

    Ob wir es werden? Das liegt an jeder Gemeinde und jedem Leiter. Wir können es! Jedem steht der Weg offen. Ich fände einen Austausch cool, wo solche Gemeinden wachsen mit welchen Erfahrungen. Wir aus Bad Hersfeld sind dabei!

  2. arnosadventure schreibt:

    Mich begeistert die „Schienen-Strategie“ auch total. Ich lebe mein Leben dort wo ich bin als Christ, versuche dort mit andern Christen Licht zu sein UND weiß ich kann Freunde/Kollegen/Nachbarn an einen Ort mitnehmen für den ich mich nicht schämen muss, der nicht von Anfang wirkt wie eine Sekte oder lauter Klischees über Kirche erfüllt.

    Ich denke, dass dieses Leben nur richtig in der Kombination der beiden Schienen funktioniert. Wie ein Zug der nur dann ordentlich fährt wenn das Gleis vollständig ist.

    „Die Gemeinde“ muss einen Platz bieten an dem man „sorglos“ jemanden mitbringen kann, dann fällt es mir leichter missional zu leben. Andererseits wenn ich missional leben will werde ich auch schauen, dass meine Gemeinde attraktiv ist…

    Interessante Gedanken die weiter einsinken und klar werden müssen. Wir bleiben dran!!! 🙂

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