WORAN GEMEINDEERNEUERUNG SCHEITERT | TEIL 4

Egoismus. Ups, das klingt hart! Richtig. Aber es ist ein Fakt. Und »Fakten sind Freunde!«. Beste Prozesse der Veränderung und Erneuerung können am Egotrip von Einzelnen oder Gruppen scheitern. Wer genau sind die Egoisten, von denen wir reden müssen?

Jeder kann das sein!

In Konzernen wie VW oder Thyssenkrupp werden sie vermutet. Auch in der Politik oder der Verwaltung müssten sie zu finden sein. Aber in der Kirche?

Jeder kann im Gemeindeprozess in diese Rolle geraten. Wenn aber Leute mit viel Einfluss auf einen Egotrip kommen, wird es brandgefährlich! Deshalb zunächst die Frage, wer die Einflussreichen einer Kirche sind, die sich besonders zu reflektieren haben?

  • Gemeindeleiter
  • Älteste
  • Pastoren
  • Verdiente Mitarbeiter
  • Große Geldgeber
  • Leute mit spitzer Zunge
  • Familiendynastien 
  • Gebetskreise
  • Hauskreise

Jede Person (oder auch Gruppe), die weitreichenden Einfluss hat, steht in der Gefahr. Dazu muss man keine Position begleiten, keinen Titel tragen oder auf der Bühne erscheinen.

Der blinde Fleck!

Warum sieht man selbst seine eigene egoistische Komponente so schwer? Weil wir für unsere Egotrips blind sind. Schon Jesus gibt mit in seinem Vergleich »Splitter – Balken« den Hinweis darauf (Matthäus Evangelium, Kapitel 7). Bei anderen ist ein Egotrip schneller zu erkennen, bei einem selbst ist das viel schwieriger! Was hilft jetzt?

Feedback

Der blinde Fleck kann durch Feedback erhellt werden. Je wahrscheinlicher ich davon ausgehe, dass ich mich verrennen und auf einen Egotrip im frommen Gewand geraten kann, desto eher werde ich das Feedback von vertrauenswürdigen Leuten schätzen und suchen. Gerade auch von Leuten, die nicht zu meinem Lager gehören, aber als aufrechte und ehrliche Typen bekannt sind. (Die Feedbackregeln finden sich hier.)

Feedback erhalte ich auch durch die regelmäßige Beschäftigung mit der Bibel (Hebräer 4,12). Der Heilige Geist hat schon so manches auf dem Weg bei mir aufgedeckt.

Die Grundeinstellung der Selbstreflexion ist ein weiterer Schlüssel. Kaum eine andere Fähigkeit dient mir als Verantwortlichen mehr als die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Ich zähle diese Fähigkeit zu den entscheidenden Kompetenzen, die wirksame Führungskräfte entwickelt haben.

Zwei weitere »Gefährder«, die mich ungewollt zum Egoisten machen:

Gabenprojektion

Das ist ein Klassiker, der Prozesse der Erneuerung und Veränderung scheitern lässt. Wenn einflussreiche Leute ihre Gaben und Berufungen auf die ganze Gemeinde projizieren.

Hier ein paar Beispiele, die beliebig fortgesetzt werden können:

  • Der evangelistisch begabte Mitarbeiter sieht den Weg der Erneuerung darin, dass die ganze Gemeinde am Samstag Vormittag in der Fußgängerzone ihren Glauben bekannt macht.
  • Im Gegensatz dazu wird ein lehrbegabter Mitarbeiter die Lösung eher im intensiven Bibelstudium suchen und empfehlen, dass es wöchentlich für alle angeboten werden sollte.
  • Eine weitere klassische Gabenprojektion ist die des Gebetes. „Wir müssen vor allem beten …“ ist vom berufenen Beter zu hören. Frühgebet für alle, das wird den Durchbruch bringen, oder ein wöchentlicher Gebetsabend für alle, der zur Priorität werden müsste.
  • Die Liste wäre mit Lobpreis, soziale Dienste, klare Strukturen, bessere Veranstaltungen u.a.m. fortsetzbar. Alle Begabungen, die Gott Leuten schenkt, können zu einer Projektion verwendet werden.

Wo liegt das Problem? Es sind ja alles gute Begabungen, die sich hier zu Wort melden. Das Problem liegt in der Projektion meiner Begabung und Berufung auf die gesamte Gemeinschaft. Was für mich wichtig ist, muss für alle wichtig sein!

Was für mich wichtig ist, muss für alle wichtig sein!

So zu denken ist sehr egoistisch und unrealistisch! Warum? Weil es verkennt, dass die anderen Wege und Berufungen, die gleichzeitig nötig und von Jesus aktiviert werden, alle gebraucht werden (1. Korinther 12, Epheser 4,11f …).

Und es setzt den eigenen Schwerpunkt der Berufung und Begabung zum Maßstab für alle. Ich musste schon so manchen leidenschaftlichen Beter sagen, dass Jesus nicht nur gebetet hat. Er hat auch gelehrt, geruht, zusammen mit anderen gegessen, geheilt …

Angst

Der zweite Klassiker ist die Angst. Ich habe Angst vor Veränderung. Keiner gibt es gerne zu, aber die meisten Menschen hassen Veränderungen. Warum? Weil sie Verunsicherung und Abweichung vom Gewohnten bedeuten. Und weil sie ein umdenken und umlernen erfordern. Das wiederum heißt, dass man seine persönliche Komfortzone verlassen muss. Nicht einfach …

Das wiederum heißt, dass man seine persönliche Komfortzone verlassen muss. Nicht einfach …

Das alles kann Angst auslösen. Deshalb darf die Gemeinde den Schritt der Veränderung auch nicht gehen! Man sagt das in der frommen Gemeinde dann nicht so offen! Aber vielleicht mit diesen Worten: »Ich habe noch keinen Frieden darüber! Wir sollten noch mehr darüber beten, vielleicht fasten … Oder: Ich habe den Eindruck, dass das jetzt noch nicht dran ist! …« Gott sagt uns oft in seinem Wort: »Hab keine Angst, fürchte Dich nicht!«


»Es soll also alles so laufen, wie es mir richtig erscheint. Und wenn es mich überfordert, Angst in mir auslöst, dann muss es gestoppt werden oder ich steige aus. Innerlich oder äußerlich.«


Fragen zur Selbstreflexion

  • Stehe ich in der Gefahr meinen Egotrip zu fahren?
  • Wen könnte ich von meinen Freunden um ein Feedback bitten?
  • Wen könnte ich von der Gruppe derer um ein Feedback bitten, die mich eher kritisch begleiten?
  • Wo neige ich zu einer Gabenprojektion?
  • Habe ich im Zusammenhang mit der Projektion überhebliche, selbstgefällige, stolze, geringschätzige … Gedanken?
  • Mit welchen Ängste muss ich kämpfen?
  • An welcher Stelle verlässt mich der Mut und die Angst hat die Oberhand?
  • Wann habe ich eine Angst zuletzt fromm bemäntelt?
  • Was sollte ich in Folge dieser Reflexion anpacken?

THESE 4: Der Egoismus einflussreicher Personen oder Gruppen in einer Gemeinde kann den Prozess der Erneuerung und Veränderung zum Scheitern bringen. Dabei kann der Egotrip aus unterschiedlichen Motiven sich speisen und in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten.


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Über Lothar Krauss

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