Menschen mit Format | 8 | Visionen oder Wunschträume?

Vision

Einer der stärksten Pfeile im Köcher eines Leiters ist die Vision. Darin sind sich viele Fachleute sehr einige. Bill Hybels definiert Vision als das „Bild der Zukunft, das Leidenschaft erzeugt.“ Das ist kraftvoll, wenn ein Team von Leuten, eine Kirche, ein Pfadfinderstamm, eine Jugendgruppe, ein Unternehmen … mit Begeisterung zusammen unterwegs ist. Vision ist ein wesentlicher Schlüssel dazu. Swen Schönheit, der Sommerblogger des Leiterblogs 2014 denkt heute der Frage nach, was Visionen von Wunschträumen unterscheidet.

Visionen oder Wunschträume?

Obwohl Jesus Gottes Sohn war und mit göttlicher Autorität ausgestattet war, leistet er sich keine Autonomie. Der griechische Text legt eine Art Analogie nahe: Jesus schaut dem Vater zu und dann ahmt er ihn nach. Wie ein Junge seinem Papa beim Basteln zuschaut und dann dasselbe nachbaut. Alles Lernen beruft auf dem Vorbild. So vollzog Jesus zu seiner Zeit im sichtbaren Bereich genau das, was der Vater im Unsichtbaren schon vorbereitet hatte. Vielleicht betete er gerne mit den Worten seines Vorfahren David: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.“ Oder er berief sich auf die Zusage: „Ich unterweise dich und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. Ich will dir raten; über dir wacht mein Auge.“ (Ps 16,8; 32,8) Der Blickkontakt zu seinem himmlischen Vater gab ihm Sicherheit, die Nähe zu ihm schenkte ihm Geborgenheit, auch in Momenten der Bedrängnis.

Vision: Eine Beziehungsfrage?!

Loren Cunningham, der Gründer des internationalen Missionswerks „Jugend mit einer Mission“ schreibt dazu in seinem Buch „Bist du es, Herr?“: „Die Führung Gottes ist in erster Linie eine Beziehung mit dem Gott, der führt.“ Die Voraussetzung, um Gottes Führung zu erleben, ist immer das Vertrauen zu ihm! Manchmal sind es einfach nur Träume in unseren Herzen, von denen wir nicht genau wissen, ob Gott sie so bestätigen wird. Dennoch sollten wir sie ernst nehmen und vor Gott bewegen. Loren Cunningham macht uns Mut: „Lege deine Träume auf den Altar: sie werden eines Tages als etwas noch Größeres auferweckt werden!“[1] Weil Gott uns nicht zu einem vorgefertigten Projekt, sondern zu einer dynamischen Beziehung berufen hat, zeigt er uns in der Regel nicht den kompletten Masterplan für unser Leben. Er führt uns schrittweise. Er zeigt uns genau so viel, wie wir begreifen können und für den nächsten Schritt brauchen. Er schenkt uns ein Puzzleteil nach dem anderen – und puzzelt sogar gemeinsam mit uns! Paulus war gewiss, dass Gott, „der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird“ (Phil 1,6 | jeweils EÜ).

Macht Vision die Führungskraft unabhängig?

Dies bedeutet allerdings auch, dass wir aus Visionen niemals Ansprüche ableiten können. Visionen setzen Glauben in uns frei, sie wecken unsere Erwartung, sie stecken andere an. Doch sie halten uns abhängig von Gott: Was Gott in uns durch seinen Geist „gezeugt“ hat, das muss auch durch ihn „zur Geburt“ kommen. Die ganze Rede von Visionen meint letztlich: Gott bringt seine Realität zu uns auf die Erde – und er tut es durch uns!

Wir haben einen Mangel an Vision!

Überall im Land dämmern Gemeinden vor sich hin und schlafen langsam ein aus Mangel an klarer Vision. Man hat über Jahre hinweg seine Insider-Mentalität gepflegt, man kreist um sich selbst und man leidet an hausgemachten Krankheiten. Mangelndes Geld ist oft nur noch das äußere Symptom eines sterbenden Gemeindeorganismus. „Wenn keine Vision da ist, verwildert ein Volk.“ (Spr 29,18) Nur in dem Maß, wie Leiter mit einer klaren Vision vorangehen, kann der Neuaufbruch gelingen. Allerdings reicht es nicht, im Sinne einer Zukunftswerkstatt „unseren Traum von Kirche“ zu entwickeln. Dies kann ein erster Schritt sein, um aus der Stagnation herauszukommen. Doch wenn wir beginnen, „Kirche von morgen“ zu träumen, muss mehr dabei herauskommen als die gesammelten Wünsche ihrer Mitglieder. Denn Kirche ist nicht primär dazu da, menschliche Ansprüche zu erfüllen, sondern „Haus Gottes“ zu werden, in dem der lebendige Gott sein Hausrecht ausüben kann. Eins aber ist gewiss: Gott redet zu denen, die bereit sind ihm zu gehorchen!

Beachte folgende Aspekte bei der Entwicklung deiner Vision

  • Halte schriftlich fest, was Gott dir zeigt (Hab 2,2-3). Überarbeite deine Vision in regelmäßigen Abständen. Plane dazu Zeiten der Stille und des Hörens ein.
  • Kommuniziere deine Vision: zunächst im geschützten Rahmen gegenüber Freunden und den wichtigsten Partnern, dann vor anderen Leitern und Mitarbeitern.
  • Erwarte Ergänzungen, Bestätigung und Präzisierung deiner Vision durch andere. Gottes Geist spricht zum „Leib Christi“, nicht nur zum Einzelnen. Wir halten immer nur „Puzzleteile“ in Händen (vgl. 1.Kor 12,13; 13,12).
  • Rechne realistisch mit den Feinden deiner Vision: durch wohlmeinende, doch im tiefsten entmutigende Stimmen auch von Glaubensgeschwistern; durch äußere Umstände, die deiner Vision ein „unmöglich“ entgegenhalten; durch satanische Störmanöver (vgl. Mt 16,21-23).
  • Suche gezielt Förderer deiner Vision, die für dich und mit dir beten! Suche den Schutzraum von Geschwistern, die deinen Glauben stärken, deine Zweifel kennen und deine Gedanken weiter „schärfen“ (vgl. Spr 27,17).
  • Sammle Umsetzer, die deiner Vision „Hände und Füße“ geben. Bedenke: Eine Vision ohne entsprechende Aktion bleibt theoretisch – und damit tot. Gott möchte nicht, dass seine Angebote auf Erden vertan werden. Dies bedeutet immer einen Schmerz im Himmel!

Abschließend soll noch einmal Bill Hybels zu Wort kommen: „Jede Vision beinhaltet konkrete, für die Gemeinde entscheidende Angebote und Aktivitäten, aber sie schließt auch klar Dinge aus, die ihre Energie in die falsche Richtung lenken würden. … Nichts macht das Erlösungspotenzial einer Gemeinde schneller zunichte als der Versuch, allen Menschen alles zu sein. Keine Gemeinde kann alle Erwartungen abdecken.“[2]

[1]     Loren Cunningham, Bist du es, Herr?, Tübingen (1984), S. 188, 208
[2]     Hybels, Mutig führen, S. 54
Titelfoto: (c) Lothar Krauss
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Swen Schönheit
Swen Schönheit ist seit 1989 Pfarrer an der Apostel-Petrus-Gemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Als Gründungsmitglied des Netzwerks „Gemeinsam für Berlin“ engagiert er sich seit vielen Jahren für die Einheit der Christen in der Stadt und die Förderung jüngerer Leiter. Seit November 2012 ist Swen Schönheit mit einer viertel Pfarrstelle bei der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung Deutschland als theologischer Referent tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.
Buchcover
Menschen mit Format, Leiten lernen von Jesus, Swen Schönheit, Asaph-Verlag, 320 S., € 17,95 | eBook: € 14,95
Die Kurzrezi zu “Menschen mit Format” auf dem Leiterblog gibt es hier.

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