Beziehungen, Sex … Nachtrag von N.T. Wright

Tim Keller erwähnte vor einiger Zeit, dass der große Gegner des christlichen Glaubens nicht mehr die Frage nach der Wahrheit oder der anderen Religionen ist, sondern die Frage der Beziehungsethik.

Das ist der Hintergrund der Artikelreihe zur Beziehungsethik auf dem Blog. Nun bin ich auf einen Beitrag von N.T. Wright zum gleichen Thema gestoßen, den ich mit der freundlichen Erlaubnis des Verlages ergänzend zu der Artikelreihe veröffentliche.

N. T. Wright oder Tom Wright, ist Research Professor of New Testament and Early Christianity und einer der führenden neutestamentlichen Theologen und Leben-Jesu-Forscher im englischen Sprachraum. Also ein ausgewiesener Fachmann zur Frage, wie das Verständnis der Sexualität zur Zeit Jesu und der jungen Kirche in der Gesellschaft war und wie die Lehraussagen des Neuen Testamentes zur Sexualität zu sehen sind.

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„Tötet daher, was in den verschiedenen Bereichen eures Lebens noch zu dieser Welt gehört: sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, ungezügelte Leidenschaft, böses Verlangen und die Habgier (Habgier ist nichts anderes als Götzendienst). Wegen dieser Dinge bricht Gottes Zorn über die herein, die nicht bereit sind, ihm zu gehorchen. Auch ihr habt euch früher so verhalten; euer ganzes Leben wurde von diesen Dingen bestimmt. Doch jetzt legt das alles ab, auch Zorn, Aufbrausen, Bosheit und Verleumdung; kein gemeines Wort darf über eure Lippen kommen. (Kolosser 3,5-8)

Das Problem besteht natürlich darin, dass die moderne Welt, genau wie ein Großteil der antiken Welt, zu dem Schluss gekommen ist, dass das, was manchmal »ein aktives Sexualleben« genannt wird, nicht nur die Norm ist, sondern dass niemand, der richtig bei Trost ist, darauf verzichtet. Die einzige Frage ist: Welche konkreten Formen sexueller Aktivität empfindest du als aufregend, erfüllend oder den Lebenswert steigernd? Die frühe und die normative christliche Tradition hebt sich an dieser Stelle gemeinsam mit der großen jüdischen Tradition und an dieser Stelle sogar mit der späteren islamischen Tradition vom normalen Ansatz des Heidentums in seinen alten und modernen Formen mit einem strengen »Nein« ab.

Jesus selbst sprach ganz ernst über die Begierden, die aus dem menschlichen Herzen aufsteigen: Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit etc. (Markus 7,21-22) Sexuelles Fehlverhalten wird hier neben allen möglichen anderen genauso wichtigen Dingen genannt; das soll jedoch keine Ausrede sein, als ob es keine große Rolle spielen würde. Während der gesamten ersten christlichen Jahrhunderte, als jede Art von Sexualpraktik, die in der Menschheit jemals bekannt war, in der antiken griechischen und römischen Gesellschaft weit verbreitet war, bestanden Christen wie Juden darauf, dass die ausgelebte Sexualität auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau zu beschränken sei. Heute wie damals denkt der Rest der Welt, das sei verrückt. Der Unterschied besteht leider darin, dass heute auch die halbe Kirche dasselbe denkt.

Christen und Juden waren aber nicht verrückt. Im Hinblick auf die neue Schöpfung muss betont werden, dass es sich eben um eine neue Schöpfung handelt. Es wird uns zwar im Neuen Testament gesagt, dass Fortpflanzung in Gottes neuer Welt nicht mehr nötig sein wird, weil die Menschen nicht mehr sterben werden. Dennoch deuten gerade die Bilder, mit denen die Bibel diese neue Welt beschreibt, an, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau, die so zentral in die Story der Schöpfung in Genesis 1-2 eingewoben ist, kein zufälliges oder befristetes Phänomen ist, sondern vielmehr die Tatsache symbolisiert, dass die Schöpfung selbst das von Gott gegebene Leben und die Möglichkeit zur Fortpflanzung in sich trägt. Ich denke hier an die Bilder von der Hochzeit des Lammes (Offenbarung) oder von der neuen Welt, die aus dem Mutterleib der alten geboren wird (Römerbrief). Wenn man die Frage aus dieser Blickrichtung betrachtet, befindet man sich bereits im Gegensatz zu der Art, auf die in unserer gegenwärtigen Kultur die Sexualität fast vollständig von den Fragen der Bildung von Gemeinschaft und Beziehungen getrennt wurde. Sexualität ist heute weithin zu einem der Wege degeneriert, auf dem ich mein Recht einfordere, mir mein eigenes Vergnügen auf meine eigene Weise zu verschaffen. Um es drastisch auszudrücken: Sex ist kein Sakrament mehr, sondern ein Spielzeug.

Die Argumentation, die Paulus im 1. Korintherbrief verwendet, ist besonders aufschlussreich im Hinblick auf die Art, wie wir die ganze Frage des christlichen Verhaltens angegangen sind. Es ist nicht egal, was du mit deinem Körper tust, sagt Paulus, weil »Gott den Herrn auferweckte und auch uns durch seine Kraft auferwecken wird«. (1. Korinther 6,14) Mit anderen Worten: Gerade weil das ultimative Ziel weder in einem unkörperlichen Himmel noch schlicht in einer Reorganisation des Lebens auf der gegenwärtigen Erde besteht, sondern in der Erlösung der gesamten Schöpfung, besteht unsere Berufung darin, heute auf eine Weise in unserem Körper zu leben, die das Leben antizipiert, das wir dann leben werden. Eheliche Treue ist ein Echo und eine Antizipation der Treue Gottes gegenüber der ganzen Schöpfung. Andere Arten von sexueller Aktivität symbolisieren und verkörpern die Entstellungen und den Verfall der gegenwärtigen Welt.

Mit anderen Worten: Christliche Sexualethik ist nicht einfach eine Ansammlung alter Regeln, die wir heute locker beiseitelegen können, weil wir es besser wissen (…). Wir können uns auch nicht über das Neue Testament damit beschweren, dass wir sagen, alle Begierden, die wir in der Tiefe unseres Selbst finden, müssten von Gott gegeben sein (…). Jesus war an dieser Stelle völlig klar. Es ist wahr: Gott kennt unser tiefstes Verlangen; aber das berühmte alte Gebet, das diese Tatsache (mit Zittern) anerkennt, folgert daraus nicht, dass jedes Verlangen daher befriedigt und so ausgelebt werden muss, wie es ist, sondern es sagt, dass jedes Verlangen gereinigt und geheilt werden muss:

Allmächtiger Gott, dem alle Herzen ein offenes Buch sind, dem alles Verlangen bekannt ist, und vor dem kein Geheimnis verborgen ist: Reinige die Gedanken unserer Herzen durch die Inspiration deines Heiligen Geistes, damit wir dich vollkommen lieben und deinen heiligen Namen würdig erheben; durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen“

S. 229 – 231, aus: Tom Wright, Warum Christ sein Sinn macht © 2009 Johannis bei SCM Hänssler, D-71088 Holzgerlingen, www.scm-haenssler.de; Kostenlos anrufen und bestellen: 07031/7414177 oder über www.scm-shop.de
 

johannis_Christsein_Druck 13.01.09:Layout 1

Hinweis: Das Buch ist zur Zeit für € 2,95 zu erhalten! (Stand: 5. September 2013)

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