DER HOHE PREIS: GEISTLICHE ERWECKUNG & LEITUNG

2 Millionen Engländer besuchten die Kampagne mit Billy Graham 1954 in London. Ein geistlicher Aufbruch, eine geistliche Erweckung! Aber was war der Preis für den »Leiter« Graham? Auf welche Widerstände traf er und mit welchen Umständen musste er zurechtkommen? Kann das heute Führungskräfte inspirieren, lehren, ermutigen? Hier kommt ein fantastischer Blick hinter die Kulissen dieses historischen Events. Am Ende des Post habe ich historische Filmaufnahmen eingefügt. 

BILLY GRAHAM: EINE LEGENDE

Billy Graham (1918 – 2018) ist sicher eine Legende des 20. Jahrhunderts. Nicht nur für Christen. Seine Trauerfeier am letzten Freitag hat das deutlich gemacht. Auch die Tatsache, dass er zuvor als erst vierter US-Bürger (Privatperson) die Ehre bekommen hat, im US Captiol Rotunda geehrt zu werden ist bemerkenswert, wie das TIMES MAGAZINE hier berichtet.

Der außergewöhnlichen Geschichte Grahams gelang mit der Kampagne in Los Angeles 1949 der große Durchbruch. Etwa 350.000 Leute waren in das Zelt gekommen, die Medien berichteten offensiv und Billy Graham war mit einem Schlag bekannt. London 1954 ist aber die historische Evangelisation, die auch für Billy Graham immer besonders geblieben ist. Es ist die größte, vielleicht auch wichtigste Veranstaltungsreihe seines Dienstes geworden, meint die Billy Graham Library.

Ein Blick hinter die Kulissen 
Blenden wir uns jetzt in eine längere Schilderung von Billy Graham selbst ein, die uns den Blick »hinter die Kulissen« ermöglicht. Sie zeigt uns, welchen Preis er als Leiter in jenen Tagen bezahlte. Wir begegnen dabei dem »Pastor Amerikas« und bekommen Einblick in seine Gesinnung, aber auch in seine Entschlossenheit. Welche Demut er zeigt, wie er dem Auftrag nachgeht, scheinbar unlösbaren Herausforderungen begegnet, ist grandios. Und mächtig inspirierend! Die heutigen »Erfolge« geistlicher Leiter und ihrer Rezeption in den sozialen Medien dürfen gerne noch einmal im Licht dieser Schilderungen überdacht werden. 😉


Ich danke dem Brunnen Verlag für die freundliche Erlaubnis, diesen etwas längeren Text (als üblich auf dem LEITERBLOG) zu veröffentlichen. Am Ende findet der Leser noch die Kurzfilme, die direkt ins Geschehen mitnehmen. Doch nun: Billy Graham!


LONDON, 1954

Und doch hatte ich auch Angst. In meinem ganzen Leben war ich noch nie mit einem solchen Gefühl der Unzulänglichkeit an eine Sache heran­ gegangen wie an die Evangelisation in London. Wenn nicht Gott das Werk tat, dann konnte es nicht getan werden. Aber war ich nicht, wie manche Kritiker meinten, mit fünfunddreißig Jahren zu jung für so eine überwälti­gende Aufgabe? Sicher, fand ich, aber ich wusste auch, dass ich nur das tat, was Gott mir aufgetragen hatte. Innerlich kreiste ich oft um die Frage: Für wen hältst du dich eigentlich? Aber dann erinnerte mich Gott daran, dass ich viel mehr nach ihm selbst fragen sollte, dem allmächtigen Gott.

Als Ruth und ich nach New York fuhren, um an Bord der SS United States zu gehen, setzte ich für die Medien ein tapferes Lächeln auf, doch im Stillen musste ich mir die geistliche Grundwahrheit ins Gedächtnis rufen, die ich schon vor langer Zeit gelernt hatte: dass ich in meiner Schwachheit stark werde durch die Gnade Gottes.

Vor der Abreise besuchte ich noch meinen Freund Henry Luce von Time und Life, um ihn um Rat zu bitten. Er sagte: ,,Wenn Sie auch nur einen Zoll Berichterstattung im Daily Mirror oder einer der anderen Londoner Tageszeitungen bekommen können, so wird das viel helfen.”

In England ging bereits die düstere Prognose um, die Evangelisation werde ein Reinfall. Die Briten hielten nicht viel von Amerikanern, die über den Teich kamen, um sie zu retten. Schon früher hatten schillernde ameri­kanische Persönlichkeiten sie nicht sonderlich beeindruckt. ,,Billy Graham wird in London auf die Nase fallen”, schrieb ein Redakteur. ,,Billy Graham wird mit eingekniffenem Schwanz in die USA zurückkehren”, äußerte sich recht hämisch ein Bischof.

Im Februar schrieb der Daily Worker, das Organ der britischen Kom­munistischen Partei, unter der Schlagzeile ATOMBOMBEN-EVANGELIST: ,,Billy Grahams Aufenthalt hier dürfte uns Gelegenheit zu stiller Heiter­keit geben.” Und weiter hieß es in dem Artikel. ,,Er wird uns überzeugen wollen, dass der Sieg des Friedefürsten um so sicherer wird, je mehr Atombomben Amerika anhäuft.”

Die Evangelisation wurde von rund tausend Gemeinden im Großraum London getragen, davon gehörten zwei Drittel zur anglikanischen Staats­kirche. Viele Pastoren beteiligten sich vermutlich nur widerwillig. Sie erwarteten nicht viel Gutes und beteten, dass kein bedeutender Schaden entstehen möge. Der Gottesdienstbesuch in Großbritannien hatte einen Jahrhunderttiefpunkt erreicht, und es gab wenig Anzeichen für den reli­giösen Aufschwung, der sich in den USA bereits zeigte.

Zurück an Bord der SS United States

Jeden Morgen traf sich unsere kleine Reisegruppe – Grady Wilson, Dawson Trotman (der schon zuvor zu Seelsorgeschulungen in England gewesen war), Dr. Paul Rees (Pastor der Bundesgemeinde in Minneapolis), Paul Maddox, Dr. und Mrs. Wade Freeman, Ruth und ich – zum Gebet und Bibelstudium. Jeden Nachmittag marschierten Ruth und ich ums Deck; ich fühlte mich körperlich besser als jemals zuvor.

 

Am Sonntag morgen predigte ich auf Einladung des Kapitäns in einem Gottesdienst für die Passagiere, wobei das Schiff so schaukelte, das ich mich an der kleinen Kanzel und dem Mikrofon festhalten musste. Die mei­sten Passagiere und ein Großteil der Mannschaft kamen und füllten den Ballsaal bis auf den letzten Platz. Am nächsten Morgen traf die erwähnte Nachricht über den Versuch des Unterhausabgeordneten ein, mir die Einreise nach England zu verweigern.

Einige Stunden später erfuhr ich weitere Einzelheiten – und die klan­gen nicht sehr ermutigend. Zwei Tage zuvor hatte der Journalist Hannen Swaffer im London Daily Herald unter der riesigen Schlagzeile „ENTSCHUL­DIGE DICH, BILLY – ODER BLEIB WEG!” geschrieben, ein in Amerika verbreite­ter Kalender der Billy Graham-Gesellschaft enthalte in einem Gebetsauf­ ruf für die Londoner Evangelisation die folgende Aussage: ,,Was Hitlers Bomben nicht geschafft haben, hat der Sozialismus mit all seinen Übeln binnen kurzem fertig gebracht.”

Dies sei, meinte er, eine unverschämte Beleidigung der Labour-Partei und ihrer vierzehn Millionen Anhänger. ,,Billy Graham hat uns übler ver­leumdet, als es sonst irgendjemand seit dem Krieg gewagt hat”, schrieb er.

„Es ist eine niederträchtige Lüge, und ich fordere den Bischof von Barking auf, sich von all diesem ignoranten Unsinn zu distanzieren, bevor der von ihm geförderte Big-Business-Evangelist seine Evangelisation eröffnet … Und ich fordere ihn auf, Billy Graham zur Buße zu rufen, bevor er die Unverschämtheit besitzt, uns bekehren zu wollen!”

Sofort sprang der Aufruf auf die Titelseiten der anderen Londoner Zeitungen über. Diese Medienaufmerksamkeit besaß ihre eigene traurige Ironie: Bisher hatten die britischen Zeitungen kaum eine Zeile über die bevorstehende Veranstaltung verloren, obwohl schon seit geraumer Zeit Christen im gesamten Commonwealth und in den Vereinigten Staaten für den Erfolg der Evangelisation beteten.

Hektisch besprach ich mich über Funktelefon mit Jerry in London und nahm Kontakt zu unserem Büro in Minneapolis auf, um mir Klarheit über die Fakten zu verschaffen. Allmählich ergab sich ein Bild. Offenbar war der Text der Broschüre, die zur Fürbitte und zur finanziellen Unterstützung für die Londoner Evangelisation aufrief, in den USA von jemand verfasst wor­den, der nicht viel über Großbritannien wusste. In den Druckfahnen war tatsächlich das Wort socialism verwendet worden (wenn auch nur mit kleinem s; die Zeitung hatte das in ein großes S geändert, wodurch das Wort kon­kret auf die Labour-Partei bezogen wurde). Doch als einer unserer britischen Unterstützer einen Korrektur-Abzug zu sehen bekam, entdeckte er sofort das mögliche Missverständnis und änderte das Wort in Säkularismus um. Leider hatte die Druckerei aufgrund einer Verwechslung dann doch die un­korrigierte Version verwendet. Obwohl nur zweihundert Broschüren ge­druckt worden waren, bevor der Fehler entdeckt und korrigiert wurde, geriet – wie, habe ich nie herausgefunden – eine davon in die Hände von Mr. Swaffer. Sobald wir die Fakten kannten, gab Jerry eine Presseerklärung heraus. George Wilson und ich übernahmen die volle Verantwortung, entschul­digten uns telegrafisch bei den Parlamentsmitgliedern, versuchten den Fehler zu erklären und äußerten unser Bedauern über das durch uns verur­sachte Mißverständnis.

 

Als die United States kurz im französischen Le Havre anlegte, stürmte eine Schar Reporter und Fotografen das Schiff und umringte uns. Ich bemühte mich, so vorsichtig und freundlich wie möglich zu sein, und ver­sprach, das ganze Problem geradezurücken, sobald ich in England einträfe. Einer der Journalisten war Reporter des London Daily Herald, und ich bat ihn, seinem Kollegen Bannen Swaffer herzliche Grüße von mir auszu­richten. Swaffer, der Spiritist (und offenbar ein erbitterter Gegner des Christentums) war, ließ sich nicht erweichen. Doch der empörte Labour­ Abgeordnete, Mr. Geoffrey de Freitas, nahm unsere Entschuldigung an.

Ein paar Tage später traf ich mich mit ihm und einigen seiner Kollegen, um mich persönlich zu entschuldigen. Bei unserer Ankunft in Southampton ging ein Kahn voller Pressever­treter – fünfundzwanzig Reporter und ein Dutzend Fotografen – längsseits unseres Linienschiffes. Zweifellos waren sie hinter meinem Skalp her. Mit an Bord befand sich auch eine bekannte Filmschauspielerin, aber ich glaube, sie wurde nur von einem Reporter interviewt. Uns blieb nichts übrig, als um Weisheit zu beten und so höflich und zuvorkommend wie möglich zu sein.

Natürlich stellten die Reporter Fragen zu dem Aufruhr mit dem Kalen­der, aber ihre Neugier ging weit über dieses Thema hinaus. So wollten sie zum Beispiel wissen, ob ich einen besonderen Wasserkrug für Taufen bei mir trage. Und sie machten großes Aufheben darum, dass ich nicht den Hals­ kragen eines Geistlichen trug, sondern eine rotgemusterte (!) Krawatte.

Viele Reporter umringten auch meine Frau und wollten wissen, ob sie Make up trage. Einer von ihnen vertraute Ruth seine Enttäuschung an: „Wir hatten grellbunte, handbemalte Krawatten, auffällige Socken und eine Art Massenhysterie erwartet, aber Ihr Mann ist ja ein ganz gewöhn­licher Bursche.” Als wir an Land gingen, standen wir vor laufenden Fernsehkameras.

,,Wer hat Sie eigentlich zu uns eingeladen?” „Meinen Sie nicht, dass Sie in Ihrem eigenen Land dringender gebraucht werden?” ,,Was wollen Sie im Hinblick auf Rußland unternehmen?”

Die normalen Leute in Großbritannien hingegen waren herzlich und gastfreundlich. Als wir durch den Zoll gingen, begrüßte uns ein Beamter. ,,Willkommen in England, und viel Glück, Sir”, wünschte er. ,,Wir brau­chen Sie.” Seinen herzhaften Händedruck werde ich nie vergessen. Vor der Zollabfertigung erwartete uns eine größere Menschenmenge aus Südengland. ,,Ich bete für Sie, Sir”, sagte ein Hafenarbeiter. ,,Gott segne Sie”, rief ein Soldat.

Es war großartig, das aus London angereiste Team zu sehen. Sie kehrten sofort in die Hauptstadt zurück; und als sie gegen halb acht dort ankamen, prangten unsere Bilder bereits auf den Titelseiten der Abend­zeitungen. Was immer uns in den kommenden Tagen erwartete – zumin­dest wussten wir, dass die britische Presse uns nicht mehr ignorierte!

Die Nacht verbrachten Ruth und ich mit Grady Wilson und Paul Rees (die während der Evangelisation an verschiedenen Orten im Raum London predigen wollten) nicht weit von Southampton im Haus unseres alten Freundes Oliver Stott. Als wir am nächsten Tag in unser Zugabteil dritter Klasse stiegen, um nach London zu fahren, hatte der Schaffner ein freundliches Wort für mich: ,,Ich habe nicht viel mit dem Glauben am Hut”, meinte er, ,,aber ich könnte ein bisschen davon gebrauchen.”

Unser Team traf sich zum Bibellesen und Beten. Viele unserer Unter­stützer hatten uns wegen der schlechten Presse bereits den Rücken gekehrt. Die Lage schien ernst. Wer noch zu uns stand, musste heftige Tiraden sei­tens der Presse und von Pastorenkollegen befürchten. Worauf musste ich mich einstellen?

Als wir am Waterloo- Bahnhof ankamen, waren wir überwältigt, wie viele Menschen sich zu unserem Empfang dort eingefunden hatten. Die Zeitun­gen berichteten am nächsten Tag, dies sei die größte Menschenmenge seit der Ankunft von Mary Pickford und Douglas Fairbanks 1924 gewesen. Eine Schlagzeile lautete:. FILMSTARS – ALSO WARUM NICHT BlLLY?” Das Gedränge war besorgniserregend; wir fürchteten, schier zer­quetscht zu werden. Immer wieder hallte ein „Gott segne Sie! Willkom­men in England!” durch die Luft. Und dann stimmte die Menge einen Choral an.

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Gleich vor dem Bahnhof stürzte sich wieder die Presse auf uns. Einer der Reporter wollte wissen, ob diese riesige Menge am Waterloo-Bahnhof nicht als religiöse Fanatiker einzuschätzen seien.

„Nein. Es sei denn, Sie betrachten auch einige der führenden britischen Kirchenleute, Generäle und Parlamentsabgeordneten und all die Christen, die für unsere Versammlungen gebetet haben, als Fanatiker.” Auch Ruth war von Reportern umringt, die ihr Fragen stellten.

,,Ist es schwer, mit Ihrem Mann zu leben?” ,,Müssen Sie ihn mit Samthandschuhen anfassen?” „Macht es Sie nicht manchmal eifersüchtig, wieviel Aufmerksamkeit Ihr Mann genießt?”

Wir brauchten zwanzig Minuten für die hundert Meter vom Bahnhof zu den wartenden Autos. Wäre nicht Donn Moomaw vorausgegangen, ein ehemaliger American-Football-Star von der Universität von Süd-Kalifor­nien, der als Evangelisationshelfer mitgereist war – wir hätten es wohl kaum geschafft! Wir wohnten im Hotel Stratford Court, ganz in der Nähe der Oxford Street – vermutlich das kleinste und billigste Hotel in London. Wir hatten es bewusst ausgewählt, um auch hier jeder Kritik vorzubeugen, wir würden verschwenderisch auftreten.

Den einzigen Luxus, den wir in London genossen, verdankten wir der Ford Motor Company. Sie stellte uns für unseren Aufenthalt in Groß­britannien zwei kleine Autos mit Fahrern zur Verfügung. Zu verdanken hatten wir diese Schützenhilfe unserem Freund Horace Hull, einem Auto­mobilhändler aus Memphis, und dem Ford-Vizepräsidenten Ernie Breech. Er hatte unsere Veranstaltung in Detroit zusammen mit seinen Top-Mana­gern besucht und uns anschließend in sein Haus eingeladen, um uns näher kennenzulernen.

Nachdem sich die Menschenmenge vor dem Stratford Court zerstreut hatte und die Reporter gegangen waren, traf sich das Team zu einer inter­nen Sitzung. Ich sprach ein wenig darüber, wie wir uns als Amerikaner in Großbritannien verhalten sollten. Auch General Wilson-Haffenden, der Vorsitzende des Evangelisationskomitees, sagte ein paar Worte. Dann sprachen wir über einen am selben Tag erschienenen Zeitungsartikel im London Daily Herald, der auf äußerst unfreundliche Weise den Bischof von Barking kritisierte. ,,Wie kann nur ein Bischof der Kirche von England einen Evangelisten wie Billy Graham unterstützen?” fragte der Redakteur Hannen Swaffer in diesem Beitrag.

Wir hatten gerade beschlossen, für den Bischof zu beten, als die Tür aufging und er selbst hereinkam. ,,Machen Sie sich nicht die Mühe, für den Bischof zu beten”, sagte General Wilson-Haffenden. ,,Der ist genau da, wo Christus ihn haben will. Krempeln Sie lieber die Ärmel hoch und beten Sie für Hannen Swaffer!” „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Billy”, stimmte der Bischof zu. ,,Wenn die Zeitungen aus Ihnen einen Narren um Christi willen gemacht haben, dann will ich nur zu gern mit Ihnen wie ein Narr erscheinen.” Trotz all meiner Besorgnis war ich mir Gottes Gegenwart gewiss. Wir hörten, dass achthundert treue Christen die gesamte Nacht in einem unbe­heizten Gebäude auf den Knien für die Evangelisation gebetet hatten.

Für den nächsten Morgen war eine Pressekonferenz in der Central Hall in Westminster anberaumt. Ungefähr hundertfünfzig Journalisten und Fotografen drängten sich um die besten Plätze. ,,Das ist eine der größten Pressekonferenzen der letzten Jahre”, verriet mir ein Mitglied des Komi­tees. Ich hatte eine Erklärung vorbereitet, warum wir nach Großbritannien gekommen seien.

,,Ich bin gekommen, um Christus zu predigen”, sagte ich. ,,Wahrschein­lich fragen Sie mich jetzt: ,Glauben Sie, dies ist eine Botschaft, die wir in Großbritannien brauchen?‘ Und darauf muss ich antworten: ,Diese Bot­schaft braucht die ganze Welt!‘ Ich rufe auf zu einer Erweckung, die Männer und Frauen in ihre Büros und Geschäfte zurückkehren lässt, um im Alltag gemäß der Lehre Christi zu leben. Ich predige kein Evangelium der Verzweiflung, sondern das Evangelium der Hoffnung – Hoffnung für den einzelnen, für die Gesellschaft und für die Welt.”

Nach der Erklärung stellte man mir viele Fragen – von meiner persön­lichen Meinung über Senator Joseph McCarthy bis hin zu der Frage, ob ich an die Hölle glaube oder nicht. Bei jeder Frage betete ich darum, dass Gott mir die richtige Antwort schenken möge. An jenem Abend trugen Ruth und ich zum ersten Mal in unserem Leben formelle Abendgarderobe. ,,Um Abendgarderobe und Galauniform wird gebeten”, hatte es auf der eleganten Einladung geheißen. Lord und Lady Luke of Pavenham gaben uns zu Ehren ein Essen im Hotel Claridge’s. Einige der Gäste trafen im Rolls-Royce ein; wir waren froh, in unserem kleinen Ford vorfahren zu können. Bevor wir wussten, wie uns geschah, schüttelten wir Hände und stellten uns vor.

Vor diesem Abend war ich unseren Gastgebern noch nicht begegnet. Als ich Lord Luke vorgestellt wurde, war ich überrascht, einen jungen, freundlichen und gutaussehenden Mann vor mir zu sehen. Als ich ihm erzählte, mir einen englischen Lord als alten Mann mit langem Bart vor­ gestellt zu haben, lachte er herzlich. Er nahm mir sofort meine Befangen­heit in dieser erlauchten Gesellschaft.

Am nächsten Tag sprach ich auf einem Mittagsempfang vor tausend Pastoren. Wer bezahlte dafür? Sid Richardson – der uns bisher noch nie Geld gegeben hatte. Er hatte mir einen Scheck und dazu die folgende Nachricht geschickt: ,,Ich bin froh, dass Sie nach England gehen. Die Leute da drüben trinken gern – hier ist etwas Geld zum Bewirten .“ Der Scheck war auf fünfundzwanzigtausend Dollar ausgestellt! Wir benutzten Mr. Sids Spende, um diese und weitere ähnliche Zusam­menkünfte zu finanzieren.

An diesem Abend war ich Ehrengast im Unterhaus. Der Presserummel um jenen unglückseligen Kalender hatte viel Interesse angefacht. Jetzt wollte jeder einen Blick auf diesen ausländischen Eindringling werfen. Henry Luce hatte mir bekanntlich nahegelegt, mich um eine kurze Berichterstattung in der Zeitung zu bemühen – doch an die bisher geern­tete Art von Berichterstattung hatte er gewiß nicht gedacht. Nun bescherte uns der ganze Trubel um den Kalender-Fehldruck – durch Gottes Vorse­hung – viel mehr Publicity, als wir uns je hätten träumen lassen. Ich konnte kaum den Montag erwarten, an dem die Evangelisation endlich beginnen würde.

Zwischenzeitlich machte mir jedoch eine Erkältung sehr zu schaffen, und ich bemühte mich, zwischen meinen Auftritten und Verpflichtungen genügend Ruhe zu bekommen, um rechtzeitig zur eigentlichen Evangeli­ sation meine Stimme wieder zu haben. Der ungarische Hausdiener in unserem Hotel gab mir in seinem gebrochenen Englisch einen Rat: ,,Dr. Graham, lassen Sie Tag und Nacht Fenster auf, auch wenn kalt.”

Es war ohnehin nicht besonders warm in dem Hotel. Also folgte ich seinem Rat und ließ die Fenster offenstehen – und schon bald ging es mir besser. Am Sonntag besuchte das ganze Team einen Gottesdienst. Dafür hat­ten wir die Kirche All Souls am Langharn Place ausgesucht. Bisher hatten wir nie von dieser Gemeinde gehört, und auch den Pfarrer, John Stott, kannten wir noch nicht. Später wurde er einer meiner besten Freunde.

Selbst heute, nach gut vierzig Jahren, haften die Erinnerungen an jenen 1. März 1954 – ein Montag – tief in meinem Gedächtnis. Es war vielleicht einer der denkwürdigsten Tage meiner gesamten Tätigkeit. Ich hatte mir den Tag im Terminkalender freigehalten und verbrachte ihn betend und lesend in meinem Zimmer. Es schien eine Menge Interesse und Unterstüt­ zung für unsere Evangelisation zu geben, doch der Presserummel und die Auseinandersetzung hatten mir tiefe Zweifel eingeflößt, ob tatsächlich Besucher zu der Veranstaltung kommen würden. Und wenn sie kamen, wür­ den sie auch positiv auf meine Predigt reagieren? Am Nachmittag bekam ich Kopfschmerzen. Dann kam ein Anruf, den ich nicht gebrauchen konnte.

Senator Symington informierte mich, er und Senator Bridges seien wie geplant in London, hätten sich jedoch entschlossen, nicht mit mir auf dem Podium zu erscheinen. ,,Es könnte mißverstanden werden”, sagte er, ,,wenn wir Ihre Versammlungen vom Podium aus unterstützen. Ich glaube, wir sollten lieber nicht kommen. Wir haben für heute abend eine Einladung zum Essen mit Außenminister Anthony Eden angenommen und werden Sie vielleicht bei einer anderen Veranstaltung noch sehen.”

Ich war enttäuscht, verstand aber seine Position und sagte ihm das auch. Später erfuhr ich, dass der amerikanische Botschafter Aldrich darauf hin­ gewiesen hatte, dass es vielleicht keinen guten Eindruck mache, wenn sie teilnähmen. Nach dem Wirbel um unseren Kalender-Fauxpas konnte ich nachvollziehen, dass der US-Senat – und der amerikanische Botschafter in Großbritannien – sich zumindest für den Augenblick ein wenig von uns distanzieren wollten.

Eine Zeitung schrieb über jenen ersten Veranstaltungstag, ich verfüge über „alle Tricks des modernen Demagogen”. ,,Nur das Volk scheint für Billy zu sein”, kommentierte eine andere Zeitung und erweckte den Ein­ druck, als seien wir von der Regierung, den verantwortlichen Leuten und der Geistlichkeit im Stich gelassen worden.

Als ich nach dem Anruf von Senator Symington den Hörer auflegte, sank ich niedergeschlagen auf die Knie. ,,Herr”, betete ich, ,,ich kann die ganze Sache nur dir anbefehlen. Ich weiß, dass dein Wille geschehen wird. Es liegt nicht in meiner Hand.”

 

Ein paar unruhige Stunden später rief Jerry aus der Harringay-Arena an. Er klang niedergeschlagen, und mittlerweile verzweifelte ich selbst fast. Vor dem Fenster gingen Graupelschauer nieder, und ich fragte ihn, ob das Wetter dort genauso schlecht sei.

,,Ich fürchte ja”, sagte er. ,,Bisher sind nur einige wenige Leute gekom­men. Dabei sollte die Arena um diese Zeit halb voll sein.” Ich seufzte. ,,Was ist mit der Presse?” „0h, die sind da”, erwiderte er.,,Im Augenblick sieht esso aus, als ob mehr von denen da sind als von uns. Sie machen Fotos von den leeren Sitzplätzen.” In tiefster Seele war ich bereit, zum Gespött der Leute zu werden  … wenn Gott das so wollte. Aber die Aussicht war schreckenerregend.

Eine halbe Stunde später rief Jerry erneut an und sagte, es seien jetzt etwa zweitausend Leute in der riesigen Arena. Zehntausend Plätze waren also noch frei. ,,Was denkst du?” fragte ich. ,,Sieht so aus, als ob wir erledigt sind”, erwiderte er. Als es Zeit wurde, das Hotel zu verlassen, knieten Ruth und ich nieder und beteten noch einmal miteinander. Vor mir sah ich, wie Leute in aller Welt für uns beteten. Zum ersten Mal erhellte sich meine düstere Stim­ mung, und ich faßte wieder Vertrauen, dass Gott sich verherrlichen würde, was immer auch an diesem Abend geschah.

Während der halbstündigen Fahrt zur Arena saßen Ruth und ich Hand in Hand im Wagen. Sonst waren wir oft in Verkehrsstaus geraten, doch an diesem Abend kamen wir sehr gut durch. Wir sahen weder Auto- noch Menschenschlangen. ,,Liebling”, sagte ich zu ihr, ,,laß uns gehen … Und laß uns daran glau­ben, dass Gott einen Zweck damit verfolgt.”

Als wir die Tür erreichten, kam uns Willis Haymaker entgegengerannt. ,,Die Arena ist gerammelt voll!” „Was soll das heißen, gerammelt voll? Wir haben unterwegs kaum jemanden gesehen.” „Der Haupteingang ist auf der anderen Seite. Die Leute kamen größtenteils aus dieser Richtung. Bis zum Platzen voll ist die Arena! Und Hunderte von Leuten stehen noch draußen.”

Als ich in ein kleines Büro trat, um meine letzten Vorbereitungen zu treffen, standen plötzlich die Senatoren Symington und Bridges vor mir! „Billy, wir konnten Sie nicht im Stich lassen”, sagte Senator Symington und schüttelte mir die Hand. ,,Der Außenminister hatte Verständnis und hat uns entschuldigt.”

Das einzige Problem waren die Reporter und Fotografen. Als wir auf dem Podium standen, bemerkte ich, dass die ersten zwei oder drei Sitzrei­hen mit Pressevertretern gefüllt waren. Viele von ihnen hatten sich noch gar nicht gesetzt. Ich musste an die Geschichte von Zachäus denken, jenem Zolleinnehmer, der vor lauter Menschen Jesus nicht sehen konnte. Würde die Presse anderen im Weg sein? Doch dann kam ich zu dem Schluß, dass nichts schlimmer wäre als Apathie und Gleichgültigkeit. Schließlich ver­ dankten wir den Journalisten einen Großteil des öffentlichen Interesses. Da musste man ihr auffälliges Gebaren in Kauf nehmen.

Ich berichtete den Zuhörern, überall in der Welt würden Gebetsgrup­ pen an dieser Versammlung in London Anteil nehmen – allein in Indien seien es fünfunddreißigtausend Gruppen, hatten wir gehört. Das war eine Nachricht wert! All unsere Vorbereitung, Werbung und Organisation und selbst meine Predigten: So wichtig diese Dinge waren – verglichen mit der Macht des Gebets waren sie bedeutungslos. Wir standen mitten in einem geistlichen Kampf, und wir brauchten das Gebet um Gottes Eingreifen. Deshalb fanden während der gesamten Evangelisation an verschiedenen Orten in London regelmäßig Gebetsnächte statt.

Unsere beiden Senatoren sprachen ihre Grußworte, und wir hörten uns einige sehr schöne Musikbeiträge an. „Soll ich bereits am ersten Tag die Menschen einladen, ihr Leben Gott anzuvertrauen?” fragte ich den neben mir sitzenden Bischof von Barking „Selbstverständlich!” meinte er und klopfte mir beruhigend auf die Hand.

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Dann predigte ich über das Thema „Ist Gott von Bedeutung?” Fast zweihundert Menschen – aus allen Schichten der Gesellschaft- kamen an­ schließend auf meine Einladung hin nach vorn. Die emotionslosen Briten, wie die Zeitungen sie genannt hatten, ließen ihren Tränen freien Lauf, als sie sich Christus anvertrauten. Ein Beobachter bemerkte später, wie sehr ihm das Knarren der Schuhe auf dem Holzfußboden aufgefallen sei.

Der Fotograf Carl Myders vom Time-Magazin kam mit seiner Kamera mit in den Seelsorgeraum, wo Dutzende von Helfern den Nachvorn­ gekommenen halfen, Christus im Gebet in ihr Leben aufzunehmen. Als Myders merkte, was da vor sich ging, wich er zurück. ,,Das ist kein Ort für einen Fotografen; das ist zu persönlich und heilig”, sagte er.

Während der Graupel in Schnee überging und die öffentlichen Ver­kehrsmittel lahmlegte, überlegten wir, was der zweite Abend wohl bringen würde. Zu unserer großen Erleichterung erschienen mehr als zehntausend Menschen. Darunter waren tausend Chorsänger, die unter Cliffs Leitung traditionelle Choräle und die Lieblings-Gospelsongs der Briten sangen.

In den Vereinigten Staaten hatte es gerade im Repräsentantenhaus eine Schießerei gegeben, bei der zwei Kongreßabgeordnete verwundet worden waren. Ich bat um ein besonderes Gebet für sie. Dieser Vorfall bot den Hintergrund für meine Predigt über die Allgegenwart der menschlichen Sünde und die Tatsache, dass wir alle Gottes Vergebung brauchen.

Selbst meine Kritiker aus der Geistlichkeit konnten an diesem Thema und der Reaktion, die es hervorrief, schwerlich etwas aussetzen. In den fol­ genden Tagen erhielten wir Schützenhilfe aus allen möglichen Richtun­ gen. Der weltberühmte Methodistenpastor Dr. Leslie Dixon Weatherhead schrieb einen wohlwollenden Zeitungsartikel über seine Eindrücke von der ersten Evangelisationswoche. Er versprach, für uns zu beten, und forderte die Kritiker auf, die Gottesdienste zu besuchen und „vorurteilsfrei zu hören”.

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Am ersten Samstag war die Arena eine Stunde vor Beginn der Veran­staltung zum Bersten gefüllt. Ich ging hinaus und sprach zu der Menge vor den Toren. Die Polizei schätzte, dass dreißig- bis fünfunddreißigtausend Leute noch Einlass begehrten. Allein aus Wales seien tausend Leute ange­reist, hieß es. Von da an führten wir an den Wochenenden zwei Veranstal­tungen täglich durch, um dem Ansturm gerecht zu werden.

Am Ende des ersten Monats war die Evangelisation so bekannt, dass die Arena jeweils eine halbe bis zwei Stunden vor Beginn bereits voll besetzt war. Auf einmal kamen auch die „oberen Zehntausend” der Stadt; Bischöfe setzten sich mit auf das Podium. Auch die Zeitungen waren uns freundli­cher gesinnt und unterstützten die Veranstaltung. William Hickey vom London Daily Express schrieb eine der ersten wohlmeinenden Kolumnen. Gott wirkte – und wir konnten nur staunen.

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Verschiedentlich hatte ich Gelegenheit, im britischen Rundfunk zu sprechen. Aber auch französische, italienische und andere europäische Zei­tungen, Fernsehstationen und Radiosender zeigten Interesse. Berichte über die Evangelisation liefen um die ganze Welt. Die Nachrichtenagentur Associated Press sandte täglich zwei Berichte in die USA, und Eugene Pat­ terson von United Press war einzig dazu abgestellt, über unsere Veranstal­tungen zu schreiben.

In unserem Londoner Büro trafen Einladungen aus ganz England ein: Ich sollte vor dem Vorstand von Lloyd’s sprechen; Mr. Astor, Aufsichts­ratsvorsitzender der Londoner Times, lud mich zum Mittagessen mit sei­ nen Redakteuren ein; und Hugh Cuttlepp, der Chefredakteur des Londo­ ner Daily Mirror, zum Mittagessen im Hotel Brown’s. Ganz London schien auf einmal das Evangelium hören zu wollen. Bis zum Ende der Evangelisation erreichten wir schätzungsweise zwei Millionen Menschen. Mit den Geschichten, die wir über Leute hörten, deren Leben durch Christus verändert wurde, ließe sich ein ganzes Buch füllen. Wiederholt bin ich in verschiedenen Teilen der Welt Menschen begegnet, die in jenen Tagen zu Christus fanden und ihm bis heute dienen, viele davon als enga­ gierte Laien. Als wir 1966 wieder nach London kamen, um eine Evangeli­sation im Earls Court durchzuführen, saßen an einem Abend zweiund­ fünfzig anglikanische Pastoren mit uns auf dem Podium, die alle während der Harringay-Versammlungen zwölf Jahre zuvor zum Glauben gefunden hatten.

Viele Geschichten ließen sich erzählen von Menschen, deren Leben durch die Kraft Christi verändert wurde. Eines Abends bemerkte ein Freund von uns zwei Männer, die sich in eine der hinteren Reihen setzten. Offenbar kannten sie sich nicht, aber schon nach wenigen Minuten waren sie sich lautstark über zwei Dinge einig geworden: Sie mochten keine Amerikaner, und ganz besonders mochten sie keine amerikanischen Evan­ gelisten. Sie wollten sich nur die „Show” ansehen, wie sie sagten, um sich dann darüber lustig zu machen. Doch zu beiden sprach der Heilige Geist. Als die Einladung ausgesprochen wurde, wandte sich der eine der beiden an den anderen und sagte: ,,Ich gehe nach vorn.” Der andere erwiderte: ,,Ich auch. Und hier haben Sie Ihre Brieftasche wieder – ich bin ein Taschendieb.”

Als die Mietzeit für die Harringay-Arena abgelaufen war – die zwölf Wochen waren vorbei, mußten wir die Londoner Evangelisation be­enden. Ich war mit den Kräften am Ende; in den drei Monaten hatte ich dreißig Pfund abgenommen. Auch die anderen Teammitglieder waren völ­lig erschöpft. Bev hatte jeden Abend gesungen; Cliff Abend für Abend die Musiker und den Chor geleitet. Das Tempo, in dem wir arbeiteten, war zermürbend, und doch empfanden wir mitten in all der Hektik die Freude, genau da zu sein, wo wir sein sollten, das zu tun, was wir tun sollten – und zu erleben, wie Gott unser Bemühen segnete.

 

Die letzte Versammlung wollten wir am Samstag, dem 22. Mai, im Wembley-Stadion stattfinden lassen, das hunderttausend Sitzplätze bot. An der Harringay-Arena mußten so viele Leute abgewiesen werden, dass wir Reservierungen von Gruppen entgegennahmen, die sichergehen woll­ ten, die letzte Veranstaltung miterleben zu können. Aber würden tatsäch­ lich hunderttausend Leute zu einer einzigen Veranstaltung kommen?

Schon bald wußten wir: Wembley würde die Menschenmassen nicht fassen können, die kommen wollten. Also mieteten wir zusätzlich das White-City-Stadion an, den zweitgrößten Veranstaltungsort der Stadt. Dort würden wir eine zweistündige Versammlung abhalten und dann mit dem Team im Bus zum großen Finale im Wembley-Stadion fahren.

Allein im White-City-Stadion hatten wir eine unserer größten Zuhörerschaften überhaupt: fünfundsechzigtausend Menschen. Als wir hinterher aufbrechen wollten, sagte man uns, dass die Straßen rund ums Wembley-Stadion schon jetzt verstopft seien. Wir sollten lieber einen Hubschrauber nehmen. Doch das zu organisieren blieb keine Zeit. Wir stiegen in einen Bus und bahnten uns mit Hilfe der Polizei einen Weg durch den Verkehr. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung wur­ den die Tore von Wembley geschlossen; alle hunderttausend Plätze waren besetzt. Jemand führte mich zu einem hohen Aussichtspunkt, von dem aus ich das ganze Stadion überblicken konnte. Es war überwältigend! Für einen flüchtigen Moment war ich in Versuchung, von meinem gewählten Predigtthema „Entscheide heute, wem du dienen willst” ab­zuweichen. Bei so vielen Würdenträgern, Prominenten und Intellek­tuellen im Publikum – Prinzessin Marina, die Mutter des gegenwärtigen Herzogs von Kent (damals noch Herzogin von Kent), saß mit ihren Gästen in der Königlichen Loge – fragte ich mich, ob ich nicht versuchen sollte, mich gelehrt und akademisch zu geben. Doch dann rief ich mir in Erinnerung, dass ich nicht versuchen durfte, irgendwelchen Eindruck zu machen.

Beim Blick auf die riesige Menschenmenge bemerkte ich auf dem Fuß­ballfeld eine größere Bewegung. Die Tore waren wieder geöffnet worden, und weitere zweiundzwanzigtausend Menschen durften hereinstürmen und sich auf den „heiligen Rasen” setzen – Schulter an Schulter bei eisigen Temperaturen unter einem schwarzen Himmel!

Während Cliff den großen Chor dirigierte, prasselte Graupel in die Gesichter von Sängern und Zuhörern. Im ganzen Stadion wurden Zehn­ tausende von Schirmen aufgespannt. Ich rechnete schon halb damit, dass nun ein Massenexodus beginnen würde, doch niemand rührte sich vom Fleck. Irgend etwas schweißte uns zusammen – während wir uns mit ein­gezogenen Schultern gegen die Elemente stemmten, durch den strömen­ den Regen blinzelten und der Musik lauschten. Bev sang, und dann hielt ich meine Predigt in aller Schlichtheit. Sobald ich begonnen hatte, war ich dankbar, dass ich nicht der Versuchung nachgegeben hatte, etwas sein zu wollen, das ich nicht war.

Etwa zweitausend Leute wateten durch den Schlamm, um die Einla­ dung zu einem Leben mit Christus anzunehmen. Der Erzbischof von Can­ terbury sprach den Schlußsegen, und die Menschen sangen „0 Gott, dir sei Ehre”. Als wir die Bühne verließen, bemerkte der Erzbischof zu Grady: ,,So etwas werden wir vielleicht erst wieder im Himmel erleben.”

Grady, der so bewegt war, dass er das ganze Protokoll vergaß, umarmte Dr. Fisher. ,,Das ist wahr, Bruder Erzbischof!” stammelte er. Nach dem Ende der Veranstaltung gingen wir in eine Lagerhalle, wo wir viele der örtlichen Komiteemitglieder und Ehrengäste begrüßten und uns von allen verabschiedeten. Dann eskortierte uns die Polizei durch die Menge zum Bus, der inzwischen von Tausenden von Menschen umringt war, die uns Dankesworte zuriefen und Choräle sangen.

Während der Bus sich langsam seinen Weg durch die Menge bahnte, stand ich auf und bat das Team, mit mir zusammen Gott für alles zu dan­ ken, was er getan hatte. Bev sang leise ein Loblied. Das Team stimmte ein, und wir sangen, während der Bus sich durch die rufenden, winkenden Menschen schlängelte. Diesen Abschied habe ich nie mehr vergessen.

Gegen Ende der Evangelisation bemerkte Pfarrer Frank Martin, der eine regelmäßige Kolumne in der Sunday Graphie schrieb, er habe drei der Versammlungen besucht und daraus zwei faszinierende Schlußfolgerungen gezogen: ,,Erstens: dass der christliche Glaube eine lebendige, kraftvolle Sache ist. Und zweitens: dass der christliche Glaube warmherzig, persön­ lich und belebend sein kann.” Meine evangelistische Methode fand er schlicht, aber nicht langweilig. Offensichtlich war er nicht gerade einer unserer begeisterten Unterstützer, doch ich war tief berührt von seinem letzten Satz: ,,Danke, Billy. Sie haben uns mächtig gut getan. Kommen Sie bald wieder!”

Sechs Faktoren, die zur historischen Wirkung beigetragen haben
In seinem Bericht für ein US-Magazin listete Paul Rees sechs Faktoren auf, die seiner Meinung nach zu der historischen Wirkung der Londoner Evangelisation beigetragen hatten:

  1. die Macht des Gebets,
  2. die Vollmacht des Wortes Gottes,
  3. die Wirksamkeit von Organisation und Werbung,
  4. die günstigen Auswirkungen der Teamarbeit,
  5. die Verbindung zu den örtlichen Gemeinden
  6. und das geistliche Vakuum, das darauf wartete, gefüllt zu werden.
Quelle: So wie ich bin, Dr. Billy Graham, 1998, Brunnen-Verlag, S. 229 – 224. Nachdruck mit freundlicher Erlaubnis des Brunnen Verlages.
Quelle Foto: Commons.Wikimedia

Video: Beerdigungsfeier, Billy Graham


Die Abschlussveranstaltungen: Wembley Stadion, London. 120.000 Teilnehmer!

Filmaufnahmen der historischen Evangelisation

Leider bricht das Video nach 1.30 Min. ab. So wird nur ein kleiner Eindruck vermittelt!

Berührende Momente der Trauerfeier – Seine Kinder berichten … WOW!

Alle Reden der Schwester und Kinder in voller Länge

Weitere VIDEOS von BILLY GRAHAM sind hier aufzurufen.

Über lotharkrauss

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2 Antworten zu DER HOHE PREIS: GEISTLICHE ERWECKUNG & LEITUNG

  1. bernhardolpen schreibt:

    Lothar, mal wieder eine Idee der Extraklasse von dir, diesen Auszug aus Billy Grahams Buch zu bringen, samt den Videos. Vielen Dank!! Dem Gedanken übrigens, den Graham in seinem Bericht ausdrückt, dass Briten amerikanischen Predigern gegenüber stets skeptisch gegenüberstanden, kann nicht beigepflichtet werden. Dwight L. Moody hatte seinen Durchbruch, als er bei seiner zweijährigen Kampagne zwischen Juni 1873 und August 1875 im ganzen UK rund 2 1/2 Mio. Menschen erreichte! Anfang des 20. Jahrhunderts bereiste Arthur R. Torrey, Moodys Nachfolger, das ganze UK und weitere Gebiete des British-Empire. Dabei sollen sich etwa 80.000 Menschen für Christus entschieden haben (vgl. Paulus Scharf: Geschichte der Evangelisation, Basel 1964, S. 195, 201.).

    • lotharkrauss schreibt:

      Haben sich die Briten nicht sehr im Widerstand anfangs gegen Moody gestellt? So beschreibt es jedenfalls Pollock in seiner Biografie über Moody (S. 168ff)! Dass er dann später angenommen wurde, ist dann auch berichtet. 😊

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