Ulrich Eggers: Sollen Leiter „groß“ oder „klein“ denken? Wir sehnen uns nach Größe! Ist das richtig?

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Ich war beeindruckt – und mein großer Bruder stolz: Unsere Heimatstadt sei der größte Stackbusch-Hafen Europas, erzählte er mir strahlend. Was für ein Glanz über uns kleine Jungs aus dem lieblichen Städtchen Bremervörde – nur: Was eigentlich ist Stackbusch? Und wie wichtig war diese Höchstleistung? (Der Ordnung halber: Stackbusch sind große Birkenreisig-Bündel, die im Wasserbau als Unterlage für Steindämme verwendet werden). Einige Jahre später sah ich bedauernd ein, dass von diesem Rekord nicht allzu viel Glanz in meine Kindheit scheinen konnte.

Wir sehnen uns nach Größe!

Aber so ist das eben: Wir sehnen uns nach Größe. Größe verleiht Glanz. Wir sonnen uns gerne darin. Sie zieht uns magisch an. Größe ist das Kriterium – positiv wie negativ. Wir können sie hassen – weil wir uns durch sie fertig gemacht fühlen. Oder lieben – weil wir in irgendeiner Form Anteil an ihr haben. Groß ist gut! Große Verheißungen, große Zahlen! Größe, die mir Wohlgefühl, Selbstbewusstsein, Anerkennung gibt. Es ist fast wie eine Sucht in uns, von Anfang an erlernt. Das Vergleichen und Positionieren steckt tief in uns drin. Auch in der Kirche. Auch in uns Christen.

Denn schließlich ist ja auch Gott groß. Also muss groß gut sein. Und wo etwas groß ist, kann Gott nicht weit sein. Und wenn etwas klein oder kümmerlich ist – ja, wo war da Gott? Haben wir etwas verkehrt gemacht? Wie kann er zulassen, dass so was passiert?

Dabei wissen wir natürlich, dass man differenzieren muss. Groß ist weder automatisch gut – noch schlecht. Aber es hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Ist ein starkes Argument. Viel mehr als klein. Deswegen ist „groß“ ein komplizierter Zustand. Groß kann süchtig machen. Den Blick vernebeln. Groß macht was mit uns. Und deswegen müssen wir unsere latente und intuitive Sucht nach allem, was groß ist, bekehren. Durchschauen. Hinterfragen. Verstehen. Müssen unsere Motive prüfen. Vielleicht sogar umkehren – mindestens aber eine gehörige Portion Vorschuss-Misstrauen entwickeln. Größe verlangt Reife.

Ich hätte so gern … etwas Großes geleistet.

„Wir wollten auch mal so etwas machen wie Du“, erzählt jemand in einem Leserbrief. „Wir hatten so gehofft, es bricht etwas Großes auf!“ Leider wurde dann nichts aus den großen Träumen. „Deswegen habe ich Gott aus den Augen verloren“, schreibt die junge Frau. Enttäuschung. Stackbusch-Hoffnungen: Etwas Großes sollte es sein. Aber das Große ist nicht gekommen – also wende ich mich von Gott ab. Äußerlich oder innerlich. Vergeblich gehofft. Falsch gerechnet. Kommt von Gott nicht immer Großes? Und erkennen wir Gott nicht gerade in den großen Dingen so besonders gut?

Ich hätte so gern … etwas Großes geleistet. Großes erlebt. Großes bekommen: Eine tolle Ehe. Erfolgreiche Kinder. Ein schönes Haus. Ein großes Gehalt. Eine große Gemeinde. Großen Umsatz, großen Erfolg, großartige Noten, große Anerkennung. Das Kleine ist weit weniger interessant. Wird übersehen. Gar nicht erst gesucht. Wozu sind wir schließlich mit Gott unterwegs?

Dabei wissen wir es eigentlich: Das Große steckt im Kleinen. Fast alles Große fängt klein an. So wie Gott mit seinem Sohn. Wonach also suchen wir? Wo und wie erkennen wir Gott am Werk? Was ist uns wichtig?

Bill Hybels erzählt, wie ein völlig zerstrittenes Ehepaar ein letztes Mal gemeinsam in den Gottesdienst geht. Der Termin beim Anwalt steht, die Scheidung ist unterwegs. Aber weil eine Ehe-Predigt auf dem Programm steht, investieren die beiden einen letzten Funken Hoffnung. Und dann hören sie Worte über die Kraft der Liebe und Vergebung. Über das Umkehren und neue Schritte zueinander. Und auf geheimnisvolle Weise geschieht etwas in ihren Herzen – trotz aller Verzweiflung, wider alle Erwartung. Die Hand des einen schiebt sich zögernd und vorsichtig über die Lehne des Sitzes. Und trifft auf die andere Hand, die sich im selben Moment auf den Weg gemacht hat. Und die Hände halten sich fest.

Was ist groß?

Eine Hand, die sich bewegt. Eine Strecke von wenigen Zentimetern. Eine kleine Geste. Wonach suchen wir? Was ist groß?

Noch einmal Hoffnung aufgebracht. Wieder einmal den Mund gehalten. Endlich etwas gesagt. Wieder einen Tag durchgehalten. Es nicht getan. Es doch getan. Es wieder getan. Knurrig die Hand gereicht zur Versöhnung. Ein mühsam abgerungenes Ja. Ein zitterndes Nein. Zum hundertsten Mal Geduld gehabt. Noch einmal ausgehalten. Trotzdem noch einmal vertraut. Trotzdem noch einmal angefangen. Trotzdem nicht weggelaufen.

Wir werden das Große, nach dem wir uns so intuitiv sehnen, nicht bekommen, wenn wir das Kleine übersehen. Das Geringe nicht tun. Den kleinen Anfang missachten. Den ersten Schritt nicht gehen. Den wieder-nochmal-trotzdem-Schritt. Die wieder-nochmal-trotzdem-Treue. Die wieder-nochmal-trotzdem-Tat. Wir bekommen das Große nicht, wenn wir die Senfkörner übersehen. Wir bekommen das Große nicht, wenn wir nach dem Großen suchen – und das Kleine nicht tun. Das Geringe gering schätzen.

Größe ist nicht schlecht.

Aber das Suchen nach Größe und die Liebe zur Größe ist so gefährlich wie manche guten Gaben, mit denen wir erst umgehen lernen müssen: Geld, Lust, Essen, Besitz, Erfolg, Macht.

Ja, Gott kann Großes geben – aber bestimmt nicht, wenn wir das Kleine gering schätzen. Oder ihn nur im Großen sehen, suchen oder erwarten. Und egal, wie es uns gerade geht: Es geht nicht darum, Großes zu tun oder zu wollen, sondern Richtiges. Das, was Gott segnen kann. Das, auf dem Verheißung ruht. Das kleine Samenkorn – aus dem Großes wachsen kann.

Kann! – Große Träume erfüllen sich durch die Menge der kleinen Taten!

Und selbst große Träume erfüllen sich durch die Menge der kleinen Taten. Durch den „langen Gehorsam in dieselbe Richtung“, wie Eugene Peterson es einmal mit Blick auf die Nachfolge Jesu sagt.

Diesen Text hat Uli aus seinem neuesten Buch für „Leiter am Donnerstag“ gerne zur Verfügung gestellt. Weitere tiefe und herausfordernde Gedanken finden sich dort. Ein Rezi zu „Ehrlich glauben“ gibt es hier.
Titel: Ehrlich glauben – Warum Christen so leicht lügen
Autor: Ulrich Eggers
ISBN: 978-3-417265-51-4
Verlag: SCM R.Brockhaus
Seiten/Umfang: gebunden, 208 S., mit Schutzumschlag

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Ulrich Eggersverheiratet, vier erwachsene Kinder. Lebt im Rahmen der WegGemeinschaft e.V./Dünenhof in Cuxhaven (www.Duenenhof.org ). Arbeitet dort als Leiter der AUFATMEN-Redaktion (www.aufatmen.de) und leitet zugleich den SCM-Bundes-Verlag (www.Bundes-Verlag.net) in Witten, einen evangelischen Zeitschriftenverlag mit rund 15 Magazinen für Christen. Ehrenamtlich ist er als Vorsitzender von Willow Creek Deutschland (www.willowcreek.de) aktiv und versucht auch in verschiedenen Projekten vitales Christsein und bewegungsfähige Gemeinden zu unterstützen (www.Glaube-am-Montag.de ). 

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