Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert! (Teil 1)

Tim Keller erwähnte vor einiger Zeit, dass der große Gegner des christlichen Glaubens nicht mehr die Frage nach der Wahrheit oder der anderen Religionen ist, sondern die Frage der Beziehungsethik. Wie leben wir unsere Partnerbeziehungen, wie die Sexualität? Diese Frage wird zu einer großen Hürde für Menschen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden und zu einem Stolperstein für Christen. Nicht wenige verlassen nach einer Zeit die Kirchen und Gemeinden, weil sie die christliche Partner- u. Sexualethik nicht für sich nachvollziehen wollen.

Positionen der Vergangenheit erscheinen Christen heute zunehmend überholt und nicht wenige Gemeinden tolerieren unterschiedliche Formen des Zusammenlebens. In dieser Artikelreihe gehen wir der Frage nach, auf welchem Hintergrund Paulus seine Ethik im Neuen Testament gefunden hat und warum er zu solchen Thesen gekommen sein könnte. Wir werden uns dabei fragen, ob die Gültigkeit seiner Texte noch heute besteht oder ob Korrekturen nötig sind, die Gemeinden u. Leiter vollziehen müssen.

Was wir auf keinen Fall machen können ist, diese Frage zu ignorieren. Denn an der ethischen Frage entscheiden immer mehr Menschen, ob die Nachfolge Jesu ihr Weg werden soll.

1      Einführung

Wir leben in einer Zeit, in der Werte, die lange Bestand hatten, grundlegend in Frage gestellt werden. Einige sprechen statt von einem Wertewandel sogar von einem Wertezerfall.[1] Die Frage nach dem Denken, Handeln und Verhalten[2], in der Unterscheidung zwischen richtig und falsch, führt uns zum Kern der ethischen Frage.[3]

Warum zerfallen Werte, die lange Bestand hatten? Weil jede Ethik ein Fundament braucht, auf dem sie sich gründet. Wenn dieses Fundament in Frage gestellt wird, wirkt sich das unmittelbar auf die Ethik aus. So ergeht es dem christlichen Weltbild in unserer Kultur. „Dogmatik (christliche Lehre) und Ethik (christliches Handeln) gehören untrennbar zusammen.“[4] Da sich unsere Gesellschaft von diesem Fundament des christlichen Glaubens entfernt, gerät unsere Ethik in einen grundlegenden Wandel!

Die Globalisierung, Flexibilisierung und der Wandel hin zu einer Informationsgesellschaft fördern und beschleunigen diesen Prozess.[5] Wir finden uns in einer weltanschaulichen Vielfalt wieder. Was richtig und falsch ist, wird ganz neu verhandelt. Die Postmoderne ist von einer ethischen und weltanschaulichen Pluralität beherrscht.[6] Als letzte Wahrheit gilt, dass es keine letzte Wahrheit gibt. Wir befinden uns in einer interkulturellen Herausforderung, die im Bereich der Ethik besonders greifbar wird. Was können Christen von Paulus lernen, der in ähnlichen Herausforderungen mit der jungen Kirche stand?

Dazu werden wir uns zunächst die dogmatischen Wurzeln und ethischen Perspektiven des Apostels anschauen. Im Anschluss vertiefen wir uns etwas in die Lebenswirklichkeit des griechisch-römischen Reiches und fragen schließlich, wie Paulus die christliche Position – zugespitzt auf die Frage nach der Ehe – in der interkulturellen Herausforderung seiner Zeit vertreten hat.

2      Die Ethik des Paulus

2.1      Hintergrund

Wir müssen nach der Dogmatik des Apostels fragen, wenn wir das Fundament seiner Ethik verstehen wollen. Das ist damit zunächst eine biografische Frage.

Paulus entstammt einer jüdischen Familie aus Tarsus. Die Stadt ist als Handelszentrum eine der bedeutenden Städte des Römischen Reiches. Sie beheimatet eine angesehene Universität und eine große jüdische Kolonie[7]. Viele weltanschauliche Strömungen sind vertreten. Von seinem Vater hat er das römische Bürgerrecht geerbt, ein besonderes Privileg, nicht nur für die Minderheit der jüdischen Familien. Als Jude in der Diaspora spricht Paulus aramäisch und griechisch.[8] Seine Ausbildung erfährt er aber nicht an der Universität in Tarsus, sondern bei Gamaliel in Jerusalem[9]. Die Eltern des Paulus wählen diesen Ausbildungsweg, um so den Assimilierungstendenzen, wie sie die Kinder vieler Juden in Kleinasien erleben, aus dem Weg zu gehen.[10] Gamaliel ist der bedeutendste und einflussreichste theologische Lehrer, den das Judentum im 1. Jahrhundert hervorbringt.[11] So umfasst die Bildung des Paulus eine ausgezeichnete Kenntnis der Tora wie auch der Überlieferung der Väter, für die er ein Eiferer wird[12]. Er ist in der hellenistischen Kultur, den Sprachen des Weltreiches und der Kenntnis der Philosophen, Dichter und Denker seiner Zeit hervorragend bewandert. Das Neue Testament berichtet eindrucksvoll davon.[13]

Welchem Spannungsfeld begegnet Paulus in der Begegnung von Judentum, griechisch-römischer Lebensauffassung und christlichem Glauben? Schauen wir uns zunächst die Grundlinien des Eheverständnisses im Judentum zur Zeit des Paulus und in der griechisch-römischen Welt an.

2.2      Eheverständnis im Judentum

2.2.1      Ethik im Wandel

Die ursprüngliche dogmatische Grundlage zur Ehe findet der Pharisäer Paulus in der Tora[14]. Er zieht für sein Verständnis die Mischna[15] hinzu, die später im Talmud[16] verschriftlicht werden wird. Schon in der Tora beobachten wir einen Wandel in der Ethik der Ehe. Ganz offensichtlich prägt die Herkunftskultur der Stammväter, die unterschiedlichen Aufenthaltsorte des Volkes Israels und der Einfluss der sie umgebenden Kulturen ihr wandelndes Verständnis der Ehe[17]. Es bleibt nicht bei dem Bild der Ehe, das in der Schöpfungsordnung gegeben wird. Wie war sie zunächst in der Schöpfungsordnung gedacht? Was wandelte sich im Laufe der Geschichte? Diesen Fragen wenden wir uns jetzt zu.

2.2.2      Schöpfungsordnung

Gott stiftet die Ehe.[18] Sie entspringt seinem Schöpfungswillen, begründet die Liebes- und Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau und ist auf Dauer angelegt. Dabei tritt der Mann ganz aus seiner Herkunftsfamilie heraus[19] und bildet eine neue, unzertrennliche Lebenseinheit mit seiner Frau. Sie kleben aneinander, sagt der hebräische Text. Eine gute Sicht von Sexualität verankert Gott direkt in dieser Schöpfungsordnung. Sie sollen „ein Fleisch“ werden. Das starke Miteinander, die tiefe Gegenseitigkeit und intime Vertrautheit gehört zum Schöpfungswillen Gottes für die Ehe von Mann und Frau.

Im 2. Teil schauen wir nach, ob diese Schöpfungsordnung im Alten Testament durchgehalten wurde oder wie die umgebenden Kulturen Einfluss auf das Verständnis im Judentum genommen haben, von dem Paulus ja historisch geprägt war. 

[1] Helmut Burkhardt, Einführung in die Ethik I. Grund und Norm sittlichen Handelns, 3. Aufl. (Brunnen-Verlag, Gießen, 2012), 13.
[2] Burkhardt, Einführung in die Ethik I, 15; Thomas Schirrmacher, Ethik, 7 Bde., Bd. 1, 5th ed. (SCM Hänssler, 2011), 19.
[3] “Gabler Wirtschaftslexikon,” Gabler Wirtschaftslexikon, n.d.,             http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/2794/ethik-v8.html (eingesehen am 16.01.2013).
[4] Schirrmacher, Ethik, 7 Bde., Bd. 1, 19.
[5] Vgl. Heinzpeter Hempelmann, Nach der Zeit des Christentums: Warum Kirche von der Postmoderne profitieren kann und Konkurrenz das Geschäft belebt. Kirche lebt – Glaube wächst (Brunnen-Verlag, Gießen, 2009).
[6]   Hempelmann, Nach der Zeit des Christentums, 31.
[7] Fredrick F. Bruce, Zeitgeschichte des Neuen Testaments (R. Brockhaus Verlag, 1986), Teil 2, 35.
[8]   Fredrick F. Bruce, Zeitgeschichte des Neuen Testaments, Teil 2, 37.
[9] Apostelgeschichte 22,3.
[10] Fredrick F. Bruce, Zeitgeschichte des Neuen Testaments, Teil 2, 37.
[11] Vgl. Brian Rapske, The Book of Acts and Paul in Roman Custody (Paternoster Press, 1994), 94. zit. in Peterson, David G. Acts of the Apostles. Ivp, 2009. Kommentar zu Apostelgeschichte 22,3 (Olive Tree App, iPad Version, Pillar New Testament Commentary).
[12] Vgl. Anmerkung Nr. 13 zu Überlieferung in: Elberfelder Bibel 2006, Standardausgabe. (R. Brockhaus, 2006), 258.
[13] Vgl. z.B. Titus 1,12, Apostelgeschichte 17,16 – 34. Er zitiert Dichter aus der ihm umgebenden Kultur und seine Briefe zeigen gute Kenntnisse der hellenistischer Rhetorik, Redeformen und Briefschemata. In ihnen gebraucht er viele Begriffe der hellenistischen Popularphilosophie, besonders der Stoa. Z.B. Titus 2,11 – 14. Vgl. Bornkamm, Günther. Paulus. Kohlhammer, 1993.
[14] „Tora ist ein vom Verb jarah („werfen“) abgeleitetes Nomen, das auch lehren oder unterweisen bedeutet. Bei der etymologischen Vorgeschichte ist es nicht verwunderlich, dass Gesetzgebung wörtlich dann auch Schenkung der Tora bedeutet.“ Vgl. Georg Herlitz and Bruno Kirschner, Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens, 4 Bde. in 5 Tl.Bdn, 1. Aufl. (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1992), Bd. IV, 555.
[15] Mischna – dt. Wiederholungen. Erste größere Niederschrift der mündlichen Tora. Eine der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen der Rabbiner. Grundlage für den Talmud, der in zwei Versionen vorliegt, da in der Zeit des babylonischen Exils die Diskussion unter rabbinischen Gelehrten in Palästina u. Babylon unterschiedliche Entwicklungen nahm.
[16] Der Talmud – dt. BelehrungStudium. Er ist eine der bedeutenden Schriften des Judentums, besteht aus zwei Teilen und liegt in zwei Ausgaben vor: Dem Babylonischen und dem Jerusalemer Talmud. Der zeigt auf, wie die Regeln der Tora  im Alltag umgesetzt werden sollen.
[17] „Jüdische Verhaltensformen entwickelten sich unbestreitbar auch durch Einflüsse von außen.“, Andre Burguiere, Christiane Klapisch-Zuber, and Martine Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum (Magnus, Essen, 2005), 224.
[18] 1. Mose 2,18 + 23-25.
[19] 1. Mose 2,24.

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3 Antworten zu Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert! (Teil 1)

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