Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert! (Teil 2)

Tim Keller erwähnte vor einiger Zeit, dass der große Gegner des christlichen Glaubens nicht mehr die Frage nach der Wahrheit oder der anderen Religionen ist, sondern die Frage der Beziehungsethik.
 
Das ist der Hintergrund dieser Artikelreihe, die zu den Grundsatzthemen des Blogs gehört.
 
Hier geht es zu Teil 1: Einführung, Herkunft des Paulus u. Schöpfungsordnung.
 

In diesem Beitrag fragen wir, ob Gottes Schöpfungsordnung im Volk Israel beständig die Richtschnur für Ehe, Rolle von Mann und Frau, Familienstruktur … geblieben ist? Weiter wollen wir wissen, wie die umliegenden Völker Ehe und Familie verstanden und gelebt haben. Wurde das Volk Israel in seinem Verständnis von der Sicht der Völker beeinflusst, geprägt? Wie ist Gott in seinen Anweisungen für das Leben in Ehe u. Familie mit den möglichen Einflüssen umgegangen? Der Post gibt Anregungen, die Quellenangaben sollen bei Bedarf für die eigene Vertiefung helfen. 

2.1.1      Ethik im Wandel der Tora

2.1.1.1     Die patriarchale Familienstruktur

Aus der passenden Gehilfin des Mannes[1] wird ein Besitz des Mannes, der erworben wird. Die patriarchalische Kollektivkultur bestimmt den Mann zum Herrn und Besitzer des Hauses. Die Frau gehört zum Besitz des Mannes, was gut und ohne weiteres im Dekalog zum Ausdruck kommt.[2]

2.1.1.2     Aus Verlassen wird Patrilokalität

Die „Überlieferungen zeigen eine patriarchalische Strukturierung der E., die sich in der Patrilokalität ebenso ausdrückt wie durch die Bez. der E.frau als Gewaltunterworfene eines Herrn (…) und des E.manns als Herrn der E.frau (…).“[3] Praktisch bedeutete das, dass die Sippe vom Oberhaupt geführt wird[4], der volle Verfügung über die Mitglieder ausübt und damit auch das letzte Wort über das Ehepaar spricht. Das Sippenoberhaupt bestimmt und bestraft. Es wird innerhalb der Sippe geheiratet, innerhalb der Familie dagegen nicht.[5] Die Frau lebt bei der Sippe ihres Mannes und mit dessen Brüdern unter dem Einfluss des Patriarchen. Statt dass der Mann „Vater und Mutter verlassen würde“ verlässt nun die Frau Vater und Mutter.

2.1.1.3     Ehe: Arrangiert und polygam – statt monogam

Die Verheiratung der Tochter ist Sache des Vaters, wir sprechen von arrangierten Ehen. Natürlich kommen auch Liebesheiraten[6] vor, stellen aber Ausnahmen dar. Zum Schöpfungswillen Gottes, der Monogamie, kommt zunehmend auch die Polygamie hinzu. Ein Mann kann mehrere Frauen haben, eine Frau aber nicht mehrere Männer. Die Tora regelt dabei nun die rechtliche Stellung der Frau, die in der polygamen Wirklichkeit lebt.[7]

2.1.1.4     Ehe als Hochzeitsgeschäft

Die Ehe wandelt sich von der Liebes- und Lebensgemeinschaft zu einem Geschäft mit einem Vertrag, der vor der Verlobung aufgesetzt wird. Bei der Eheschließung werden die wirtschaftlichen Dinge in vielen Einzelheiten schriftlich und mit Zeugen verlesen. Dieser Vertrag schützt die Frau, die im Falle des Todes ihres Ehemannes oder einer Scheidung vor großem existentiell-wirtschaftlichem Schaden bewahrt werden soll.[8]

2.1.1.5     Die Frau zurzeit Jesu

Die Rolle der Frau verschlechtert sich im Judentum bis zur Zeit Jesu zusehends. Man grüßt sie nicht mehr, spricht nicht mit ihr, schaut sie nicht an und meidet ihre Nähe. Mahlzeiten werden nicht gemeinsam eingenommen. Überhaupt dürfen Frauen – bis auf den Synagogenbesuch – sich nicht dort aufhalten, wo die Männer sind. Und von der Tora sind sie weit entfernt: „Die Worte des Gesetzes sollten eher verbrannt werden, als sie den Weibern zu überliefern.“[9]

2.1.1.6     Umgang mit der Tora

„Bisweilen ging man bei der Auslegung in der Tat so weit, daß vom ursprünglichen Wortlaut des Gebots kaum etwas übrigblieb, oder ein fundamentales Gebot seine Gültigkeit verlor.“[10] schreibt Bruce. Auf diesem Hintergrund denkt und lehrt Paulus, der eifrige Pharisäer, über Ehe und Familie.

3      Ethik der alten Welt

Die ethischen Vorstellungen der alten Welt, die Israel umgibt, beeinflusst die jüdische Sicht. Die ägyptische Ethik zu Ehe und Haus unterscheidet sich von der griechischen und römischen Auffassung, wie uns Annie Forgeau im ersten Band der Geschichte der Familie zeigt.[11] Eine Zeit lang ist das Judentum davon beeinflusst.

3.1      Griechische Sicht

Doch die griechische Kultur hat auf Dauer mehr Einfluss in Israel. Aristoteles gibt uns in seiner Politik Zugang zur griechischen Idee für Ehe und Familie. Dort „beginnt er nämlich mit einer genauen Analyse der Gemeinschaft (koinonia). Diese Gemeinschaft heißt oikia oder oikos (Haus, Familie).“[12] In dieser oikia gruppiert sich alles um einen Mann. Er soll „auch über die Frau und die Kinder herrschen.“[13] Die Monogamie steht im Vordergrund aber es scheint, dass „die Zeit des Hellenismus auch hier ein Doppelgesicht trägt. … Einerseits hört man von vielen guten Ehen …“[14], auf der anderen Seite hielt man es mit der ehelichen Treue nicht so genau. Der vielzitierte Ausspruch aus der fiktiven Rede gegen Neaira legt das offen: „Die Hetären haben wir zum Vergnügen, die Konkubinen zur täglichen leiblichen Pflege …, die Ehefrauen, um rechtmäßige Kinder zu erzeugen und um eine treue Wächterin für die häuslichen Dinge zu haben.“[15]

3.2      Römische Sicht

Im römischen Haus stehen für den pater familias seine Söhne an erster Stelle. Dann die gesellschaftliche Stellung, öffentliche Anerkennung, das Vermögen, die Beziehungen und ganz am Ende der Aufzählung die Gattin! Sein Vermögen bezieht sich ohne Unterscheidung auf Personen und Sachen. „Der Familienvater übt die Gewalt in seinem Hause aus, und eben darum heißt er pater familias.“[16] Die Zusammenstellung der familia ist vielschichtig: Sklaven, Freigelassene, Erbvermögen, häusliche Gruppen und in Ausnahmen auch die Nachkommen der männlichen Linie, gehören dazu. Sie alle stehen in einem bestimmten rechtlichen oder natürlichen Verhältnis zum pater familias. In eine Familie hineingeboren zu sein bedeutet noch wenig. Der pater familias trifft eine willentliche Entscheidung. Darauf kommt es an.[17] Die Ehe entwickelt sich zu einer Beziehung auf Zeit. Es ist leicht möglich und gesellschaftlich anerkannt, sich scheiden zu lassen.[18] Frauen werden untereinander verliehen, wenn sie im gebärfähigen Alter sind und einer nicht genug Kinder hat. Dabei bleibt das Prinzip der väterlichen Autorität bestehen: „Ein Gatte kann nicht verweigern, was der Vater erlaubt.“[19] Verheiratet zu sein ist erwünscht in der römischen Kultur.[20]

3.3      Ägyptische Sicht

In der ägyptischen Sprache gibt es keine Bezeichnung für die Institution Ehe. Die Hochzeit ist keine öffentliche oder religiöse Angelegenheit. Die beiden Partner gründen einen eigenen Hausstand und es ist eine seltene Ausnahme, wenn sie sich im Haus der Frau oder bei den Eltern des Mannes niederlassen. Für die Wahl des Partners ist die gegenseitige Zuneigung der wichtigste Beweggrund. Das Thema Liebe ist in der ägyptischen Literatur, vor allem im neuen Reich, ausführlich behandelt. Es geht weniger um einen ökonomischen Tausch und die Partnerwahl ist mehr Sache des einzelnen als der Gruppe.[21]

Im dritten Teil betrachten wir, wie Paulus – nachdem er Christ wird – mit dieser erworbenen Sicht von Ehe im Judentum umgeht. Übernimmt er es und überträgt er es auf die junge Kirche, verändert er die Sicht? Was finden wir im NT vor?

[1] 1. Mose 2,18. Die Idee des Helfers bezieht Gott auf seine Rolle für Menschen! Vgl. Hosea 13,9.
[2] 2. Mose 20,17.
[3] Hans Dieter Betz (Hrsg.), Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, 4. vollständig neu bearb. Aufl., (UTB, Stuttgart, 2008), 1071.
[4] „Der Älteste der ältesten Generation ist der Hausvater.“ Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 220.
[5] „Die E. ist sippenendogam und familienexogam (Lev 18,8-16; Gen 24,15. 27).“, Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 220.
[6] Beispiel: Jakob u. Rahel: 1. Mose 29,20. Isaak u. Rebekka wurden ein Liebespaar! 1. Mose 26,8.
[7] 2. Mose 21,10.
[8] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, Vgl. 216 – 220.
[9] Hermann L. Strack and Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament. Aus Talmud und Midrasch: Kommentar zum Neuen Testament, 6 Bde., Bd.3, Die Briefe des Neuen Testaments und die Offenbarung Johannis, 8. A. (C.H.Beck, 1979), 468.
[10] Bruce, Zeitgeschichte des Neuen Testaments, Teil 1, 83.
[11] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 161 – 195.
[12] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 237.
[13] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 242.
[14] Wolfgang Schrage, Ethik des Neuen Testaments (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1982), 216 – 217.
[15] Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 217.
[16] Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 279.
[17] Vgl. Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 279 – 288. Besonders ist auch der Punkt der                         Geburtenkontrolle mit diesem formalen Akt häuslicher Souveränität verbunden. Sowohl bei armen als auch bei reichen Römern!
[18] Schrage, Ethik des Neuen Testaments, 219.
[19] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 310f.
[20] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 313.
[21] Burguiere, Klapisch-Zuber, and Segalen, Geschichte der Familie 1. Altertum, 164f.

Über Lothar Krauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
Dieser Beitrag wurde unter Grundsatzthemen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert! (Teil 2)

  1. Pingback: Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert! (Teil 1) | Esslinger Leiterforum

  2. Pingback: Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert (Teil 3) | Esslinger Leiterforum

Kommentare sind geschlossen.