Auf dem Weg zu einer guten Führungskraft: Mühe, Arbeit, Disziplin und eben viel Zeit

painting-911800_640Zu dem Maler Adolph Menzel (1815 -1905) kam ein junger Künstler und berichtete ihm von seiner existentiellen Not: „Ich schaffe es zwar leicht, an einem Tag ein Bild zu malen. Doch bis ich es verkauft habe, vergeht ein ganzes Jahr.“ Menzel soll darauf geantwortet haben: „Vielleicht geht es umgekehrt besser. Malen Sie ein Jahr lang an einem Bild und Sie verkaufen es bestimmt an einem Tag.“

Andreas_Klotz  Von unserem Gastautor Andreas Klotz, Generalsekretär des Bibellesebundes:

Ausgereift oder geschludert?

Wir erkennen sofort, wenn wir auf ein ausgereiftes Werk stoßen, wenn wir einer durchdachten Argumentation begegnen, wenn wir mit einer durchkalkulierten Analyse zu tun haben…! Allerdings ist die Entstehungszeit für solche Arbeiten in der Regel sehr lang. So etwas ergibt sich nur selten in einem Augenblick. Das bedarf viel Mühe, Arbeit, Disziplin und eben viel Zeit.

Das bedarf viel Mühe, Arbeit, Disziplin und eben viel Zeit.

Nur wer sich diese Zeit nimmt und vorher überlegt und Kraft investiert, der wird danach etwas liefern können, was Bestand hat und eventuell auch Anerkennung findet (wobei das nicht immer automatisch der Fall ist).

Von diesen Anstrengungen spricht Paulus gegenüber Timotheus: „Gib dir Mühe, dich in Gottes Augen zu bewähren als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen braucht, der das Wort der Wahrheit richtig behandelt.“ (2Tim 2, 15).

Inspiration vs. Transpiration?

Paulus fordert seinen Mitarbeiter zu einer stetigen und gewissenhaften Anstrengung heraus im Hinblick auf das Schriftstudium und die Schriftauslegung. Es geht nicht nur um Inspiration, sondern auch um Transpiration, um Arbeit, um ein gutes Handwerk. Für unser geistliches Arbeiten gilt genauso wie für jede andere Tätigkeit in der gefallenen Schöpfung, dass wir „im Schweiße des Angesichts unser Brot essen“. Ohne ordentliches und angestrengtes Arbeiten werden wir keine guten Leiter, Theologen, Seelsorger und Mitarbeiter sein.

Ein Konzept aus dem Handgelenk?

Jedoch erinnern sich wahrscheinlich jede Führungskraft an Situationen, in denen sie Zeuge war oder es persönlich erlebt hat, dass einer Person ohne lange Vorbereitungszeit eine Glanzleistung gelungen ist. Ganz schnell und scheinbar ohne große Mühe nehmen Menschen gekonnt Stellung, erfassen mit schlafwandlerischer Sicherheit ein verborgenes Problem, entwerfen aus dem Handgelenk ein Konzept oder liefern eine gründliche und gleichzeitig packende Auslegung zu einem Bibeltext. Und zwar ohne lange und anstrengende Vorbereitung! Geht also doch – oder? 🙂

Wie kann das sein?

Für dieses Phänomen gibt es zwei Erklärungen: Die eine besteht in der biblischen Verheißung, dass Gott uns durch seinen Geist mit inhaltlicher Substanz, mit stilistischem Geschick und mit göttlicher Vollmacht ausstattet. Und das tut er in bestimmten Situationen vollkommen losgelöst von unseren Bedingungen, ohne dass dafür auch nur annähernd die Voraussetzungen bei mir gegeben wären, ja eigentlich handelt es sich um Herausforderungen, in denen ich – auf mich alleine gestellt – scheitern würde. Aber Jesus sagt: „Es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die reden, sondern der Geiste eures Vaters ist es, der durch euch redet.“ (Matthäus 10, 19-20). – Dieses übernatürliche Wirken Gottes durch seinen Geist soll Gottes Diener allerdings nicht nachlässig im Arbeiten machen. Sonst könnte in der entscheidenden Situation – wie Spurgeon es beschreibt – dem Prediger nur eine Weissagung des Heiligen Geistes geschenkt werden, nämlich die Anklage: „Du bist faul gewesen!“.

Dieses übernatürliche Wirken Gottes durch seinen Geist soll Gottes Diener allerdings nicht nachlässig im Arbeiten machen.

Entwicklungsphasen und Reifeprozessen im Leben

Neben dieser unverzichtbaren Inspirationskraft Gottes in unserem Leben und Dienst gibt es für ausgereifte Arbeiten auch noch eine andere Erklärung: Spontane Höchstleistungen, die geprägt sind von inhaltlicher Qualität, lassen sich in der Regel oft erklären mit langen Entwicklungsphasen und Reifeprozessen im Leben der Persönlichkeit, die dem entscheidenden Moment vorausgingen und die in einem inhaltlichen Zusammenhang mit dem punktuellen Ereignis stehen.

Auch dafür gibt es ein Beispiel aus dem Leben von Adolph Menzel. Der siebzigjährige Maler bekam Besuch von einem Verleger, der ihn um ein Titelblatt für ein Buch bat. Nach einer Viertelstunde überreicht ihm Menzel eine fertige Zeichnung, die meisterlich ausgefallen war. Als er zum Honorar befragt wurde, forderte Menzel einhundert Taler. Der Verleger erschrak heftig und meinte: „Ist das nicht etwas reichlich? Einhundert Taler für ein Viertelstündchen Arbeit?“. Darauf verfinsterten sich die Züge von Menzel und er antwortete: „Um dieses Bildchen in einer Viertelstunde liefern zu können, habe ich siebzig Jahre meines Lebens als Lehrzeit gebraucht.“

Ausgereifte Persönlichkeiten …

Es gibt eben nicht nur ausgereifte Arbeiten, die unter viel Mühe in einer dafür erforderlichen Zeitdauer entstanden sind. Es gibt auch ausgereifte Persönlichkeiten, die vom Leben, von langer Diensterfahrung, von kontinuierlicher Arbeit und von Gottes Geist geprägt sind und darum durchaus sehr spontan und doch gekonnt den Herausforderungen begegnen können. Gebe Gott, dass wir zu solchen Persönlichkeiten „heranwachsen“ + „ausreifen“.

Die Frage danach, ob ich eine Persönlichkeit bin, die den Leitungsaufgaben „gewachsen“ ist, macht bereits in der Formulierung deutlich, wie gute Leitereigenschaften in unserem Leben entstehen. Es ist das Ergebnis eines „Wachstumsprozesses“. So etwas stellt sich in unserem Leben nicht schlagartig ein, sondern das „wächst“ langsam und stetig.

… oder doch ins Kraut geschossen?

Wenn meine geistlichen Erkenntnisse nur auf die Schnelle „ins Kraut geschossen“ sind und nicht die vielen kleinen Schritte eines langfristigen Entwicklungsprozesses hinter sich haben, steht es schlecht um die Verankerung, um die Gewissheit und die Nachhaltigkeit meiner Erkenntnisse und meiner geistlichen Kraft.

„Gesundes Wachstum“ und Dynamik passen selten zusammen.

„Gesundes Wachstum“ und Dynamik passen selten zusammen. Was „schnell wächst“, das ist Unkraut oder ein Tumor im Bauch oder ein schädlicher Pilz in einer feuchten Wohnung.

Wenn etwas „wachsen“ und „reifen“ soll, dann benötigt es Zeit und entwickelt sich langsam zu einer Kostbarkeit: Wie ein gut und lang gelagerter Wein oder wie ein unter sorgfältigen Bedingungen ausgereifter Serrano-Schinken. 🙂

Mit Geduld zur gestandenen Leiterpersönlichkeit reifen

Um zu einer gestandenen Leiterpersönlichkeit zu werden, die dem Wind und Wetter der freien Wildbahn „gewachsen“ ist, benötigen wir Geduld. Ein belastbarer Erkenntnisgewinn, eine tragende Gewissheit, eine Ausreifung unserer Begabung, hilfreiche Erfahrungen, vertrauensvolle Beziehungen, ein gesundes Gemeindewachstum… alle diese Dinge ergeben sich nicht über Nacht, sondern das „wächst“. Dafür brauchen wir viel Zeit und Ausdauer.

Fühlst Du Dich den zukünftigen Leiteraufgaben gewachsen?

Zu einem solchen „inneren Wachstum“ werden wir im NT an verschiedenen Stellen aufgefordert (Eph 4, 15; 2Thes 1, 3; 2Pe 3, 18). Herausgreifen möchte ich eine Aussage des Paulus aus dem Kolosserbrief, wo er darum bittet, dass die Gemeinde „in“ oder „durch die Erkenntnis Gottes wächst“ (Kol 1, 10). Dieses Gebetsanliegen liegt eingebettet mitten in einer Fülle anderer geistlicher Eigenschaften, die damit in einem Zusammenhang stehen und die sich daraus ergeben.

Ich weiß nicht, ob Du Dich den zukünftigen Leitungsaufgaben „gewachsen“ fühlst? Aber ich darf Dich daran erinnern, dass Du Dich in der Lebens- und Glaubensschule Gottes befindest. Er hat uns mit „Geist und Mut ausgerüstet“ (2Tim 1, 6.7). Mit dieser Ausrüstung können wir viele gute Entwicklungsschritte machen, in denen unser Glaube „wächst“, unsere Persönlichkeit „reift“ und unser Dienst noch fruchtbarer wird.

Andreas_KlotzAndreas Klotz ist Baujahr 1961 und seitdem ziemlich viel in Deutschland herumgekommen. Mittlerweile wohnt er wiedermal in Gummersbach, wo er auch geboren wurde. Er ist leidenschaftlich gerne verheiratet mit Brigitte und Vater von drei erwachsenen Töchtern. Nach über 20 Jahren Gemeindedienst in Saarbrücken, Essen und Köln war er von 2007 bis 2015 als Direktor seines Gemeindeverbandes, der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland (EG), tätig. Seit Oktober ist er Generalsekretär des Bibellesebundes.

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