Was uns gerade persönlich zu schaffen macht …

Verantwortliche sind dieser Tage echt gefordert. Entweder, weil sie eine neue Realität gestalten müssen, ohne auf reflektierte Erfahrungen zurückgreifen zu können. Oder weil sie als Beweger erleben, gerade nicht oder nur sehr überschaubar das bewegen zu können, was ihrer Leidenschaft entspricht. Hier ein paar Stichworte und gute Impulse zur Selbstreflexion. Selbstleitung ist auch und gerade jetzt die Ebene, auf der Verantwortliche punkten sollten. Los geht’s:

Welche Wirklichkeit?

Die einen träumen von einer neuen digitalen Kirchenrealität, die es mit der analogen Wirklichkeit aufnehmen kann. Andere winken ab, wie zum Beispiel die neuen Leiter von Willow in Chicago. Sie schrieben:

»We last gathered in our building on March 8, and we have missed doing so ever since. We’ve gotten creative in online worship, prayer, small groups, and events, but we know virtual meetings aren’t a long-term solution for church.«

Der digitale Weg ist keine langfristige Lösung, trotz aller Kreativität der Online-Produktionen. Trotz allem Nutzen, der digital dauerhaft das analoge Angebot begleiten wird, was gut ist. So die Einschätzung bei Willow!

Wie geht es mir damit?

In Umfragen wiederholen sich Statements zur Situation, mit denen sich viele Verantwortliche identifizieren können. Ich bringe hier ein paar Empfindungen. Wie geht es Dir mit diesen Statements?

Gemeinsamen Herausforderungen, …

  • „Ich fühle mich ausgebrannt und überwältigt davon, wie sehr sich meine Welt verändert hat.“
  • „Meine Familiendynamik hat sich erheblich verändert.“
  • „Ich möchte wissen, wie ich mit der sozialen Ungerechtigkeit umgehen soll, die ich überall um mich herum sehe.“
  • „Ich verstehe nicht, warum ich mehr denn je damit beschäftigt bin, aber weniger zu tun habe.“
  • „Ich merke, dass es mir an Beziehungsfähigkeit in einer Realität der sozialen Distanz mangelt.“
  • „Meine Organisation steht vor ernsthaften Herausforderungen, und ich weiß nicht, wie ich sie lösen soll.“

Mit welchen Aussagen würdest Du diese Liste ergänzen?

„Das Beste, was wir Menschen angesichts entfesselter Dynamiken tun können, ist, uns selbst zu führen.“ | Thomas Härry

Selbstführung!

Jetzt ist Selbstführung mehr gefragt denn je. Thomas Härry meint: „Das Beste, was wir Menschen angesichts entfesselter Dynamiken tun können, ist, uns selbst zu führen.“ Gerade in Krisenzeiten begegnen wir uns selbst auf sehr ungeschminkte Art. Und was uns da begegnet, ist nicht immer schmeichelhaft. Oder? Dennoch: Uns der eigenen Realität zu stellen ist immer der erste Schritt auf dem Weg.

Eine gute Reflexionshilfe …

Frieder Boller, ein Mitarbeiter des Instituts Compax für Konflikttransformation, ist mit dem Thema seit vielen Jahren unterwegs. Die wegweisenden Studien von Murray Bowen und Edwin Friedman, Pioniere der Familiensystemtherapie, geben wertvolle Impulse zur Selbstleitung, die Frieder Böller jetzt im Buch »Selbstführung in stürmischen Zeiten. Wie wir krisenfester und konfliktfähiger werden.« vorstellt. Wir besprechen das Buch in Kürze ausführlicher auf dem Leiterblog. Hier ein erster Auszug der aufgreift, was Leiter gerade jetzt tun können. Und Hinweise, wo die Spannung im Umgang mit der aktuellen Situation, aber auch mit sich selbst, liegen kann:


Worauf sollte ich jetzt persönlich schauen?

Mein Beitrag für konstruktive(re) und konfliktfeste(re) Beziehungen besteht am besten darin, wenn ich

▶  mich auf mein Denken, Fühlen und Handeln konzentriere anstatt auf das, was andere (nicht) tun oder tun sollten oder wie sie nach meiner Meinung sein sollten;

 intensiv und ehrlich versuche, mir darüber klar zu werden, was ich will, was mir wichtig ist, was ich kann, woran ich glaube, wofür ich stehe – und nicht so sehr darüber, wie ich die Beziehung angenehm und störungsfrei halten kann;

 von mir rede anstatt von anderen: „Ich meine …, ich glaube …, ich möchte …“ anstatt: „du bist …, du solltest …, andere sagen auch …“. Und ebenso andere ermutige, auch von sich selbst zu sprechen;

 aus meinen Überzeugungen heraus entscheide und handle, weil besonnenes Handeln, welches in eigenen durchdachten Überzeugungen wurzelt, effektiver ist als jede besorgte Bemühung, andere zu etwas zu bewegen (was sie vielleicht gar nicht wollen);

 Angst-Anspannungen aushalte und anhalte. Ich finde und übe Möglichkeiten ein, Angst-Spannungen nicht weiterzugeben, sondern ihren Kreislauf zu unterbrechen (Sie kennen das Wort Angst-Spannung nicht? Im ersten Kapitel erzähle ich Ihnen, was ich mit dieser Wortschöpfung genau meine);

 im Kontakt bleibe mit dem/der/den anderen und meinen Impuls beherrsche, mich zurückzuziehen, wenn jemand ärgerlich oder wütend auf mich ist oder mit mir nicht über- einstimmt;

 bete, und zwar regelmäßig, weil es mir hilft, mit meiner eigenen Emotionalität besser umzugehen, gelassener zu werden, klare Gedanken zu fassen, und es mich unabhängiger von anderen Menschen werden lässt. Es lässt mich wachsen in einer in Gott verwurzelten Eigenständigkeit, sodass ich ich selbst sein kann.


Diese Aufzählung umreißt den Inhalt dieses Buches. Sie macht gleichzeitig deutlich: Dieses Buch will dazu beitragen, dass Leitende persönlich darin wachsen, eigenständig und verbunden zugleich zu leben und Beziehungen konstruktiv und konfliktfest zu gestalten.

Und das ist gerade in dieser unsicheren und so ganz anderen Zeiten sehr wichtig. Auch und gerade für Leute, die Verantwortung tragen.

Boller, Frieder
155 Seiten, 16,90 €

Über Lothar Krauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
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Eine Antwort zu Was uns gerade persönlich zu schaffen macht …

  1. Dirk Grote schreibt:

    In diesen Aussagen steckt mit zuviel „Ich“. Ich fühle, ich verstehe, ich möchte, ich merke… Und dann auch noch „Selbstführung“. Wo bleibt da Gott? Wo bleibt da die Führung durch den Heiligen Geist? Ein Perspektivwechsel täte gut. Weg vom „Ich“, hin zu Gott….ER bringt mich und uns da durch. Bei soviel „Ich“ mache ich mir ernsthaft sorgen um uns Leiter, das „Ich“ führt in den Burnout…Selbstoptimierung funktioniert nämlich nicht…Das erkennt mittlerweile sogar „die Welt“…

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