Menschen mit Format | 4 | Leistungsdruck

Bissiger Hund

„Wir sind erlöst vom Zwang, uns selbst beweisen zu müssen“ schreibt Swen Schönheit in diesem Beitrag zum Leistungsdruck einer Führungskraft. Zu schön um wahr zu sein, könnte man als erfahrener Verantwortlicher jetzt denken. Geht das denn wirklich? Erlebt das jemand? Hat der christliche Glaube tatsächlich diese Wirkung im Leben von Menschen? Quält sich denn nicht jeder auf eine Art mit diesem Zwang? Leere Versprechungen? Hat das Evangelium wirklich so eine Auswirkung? Und wenn ja, warum sind so wenige Christen im Genuss dieser Freiheit …? Lassen wir Swen Schönheit wieder zu Wort kommen in unserer Sommerreihe:

Auf Liebe gegründet statt auf Leistung

„Als Leiter sollten Sie wissen, dass Gott Ihr Leben lang an Ihnen arbeitet. Höchste Priorität hat dabei Ihre Umgestaltung in das Ebenbild Christi zu einem Dienst mit geistlicher Vollmacht. Dauerhafte Fruchtbarkeit entspringt unserem Wesen“, schreibt Robert Clinton in seiner Untersuchung über den „Werdegang eines Leiters“.[1] Ein Leben als Jesusjünger bedeutet, dass wir uns über die Beziehung zu Jesus definieren. Wir müssen unsere Identität nicht erst durch Leistung begründen. Wir wissen uns geliebt und glauben an eine Bestimmung, die Gott immer schon für unser Leben hatte. Jünger sind an Jesus „angewachsen“, deshalb kann Jesus auch durch sie wirken. Lasst uns diese einfache Wahrheit begreifen: „Frucht“ ergibt sich als natürliche Konsequenz aus unserem Sein, sie ist nicht das Ergebnis eigener Anstrengung! Diese Erkenntnis bringt Gelassenheit in unser Leben: Wir sind geliebt wie Jesus – Jesus selbst lebt in uns – und Jesus wirkt mit seiner Kraft durch Das gibt unserem Leben eine einzigartige Voraussetzung! Wir werden unser Bestes geben für Gott – doch wir stehen und fallen nicht mit Erfolg oder Misserfolg. Wir sind erlöst vom Zwang, uns selbst beweisen zu müssen.

Lebensbeispiel: Paulus

Paulus ist die Person im Neuen Testament, die diesen Paradigmenwechsel am radikalsten vollzogen hat. In seinen Briefen scheint immer wieder seine alte „Visitenkarte“ durch, mit der er sich im religiösen Judentum seiner Zeit durchaus sehen lassen konnte: In Bezug auf die Gesetzestreue war der junge Pharisäer „untadelig“. Doch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus stellte alle seine Werte auf den Kopf: „Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte ich alles für Dreck, um den Messias zu gewinnen und eins mit ihm erfunden zu werden.“ (Phil 3,8-9 | jüd). Paulus kannte seit seiner Lebenswende nur noch eine Leidenschaft: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir!“ (Gal 2,20) Entsprechend betont er in seinen Briefen immer wieder, dass wir „in Christus“ sind und dass „Christus in uns“ lebt. Über 160-mal stoßen wir auf die Wortverbindung „in Christus“, die sich als roter Faden durchs Neue Testament zieht.[2] Damit ist genau die Beziehung gemeint, die sich Jesus für seine Jünger wünscht: „Bleibt in mir und ich in euch!“ Wir können Jesus nach seiner Auferstehung nicht mehr physisch „nachfolgen“, doch wir können durch den Heiligen Geist „in ihm“ sein: Jesus – mein neuer unsichtbarer Lebensraum (vgl. 2.Kor 13,5; Gal 2,20; 4,19; Eph 3,16-17; Kol 1,27; 3,3)!

Lebensbeispiel: Hudson Taylor

Hudson Taylor (1832-1905), einer der großen Missionspioniere und Begründer der „China-Inlandmission“ gehört zu denen, die in besondere Weise dieses Geheimnis begriffen. Als 17-Jähriger erlebte er die persönliche Bekehrung, während seine Mutter hundert Kilometer entfernt im Gebet um ihren Sohn kämpfte. Drei Jahre später war ihm klar, dass er als Missionar nach China gehen würde. Als Hudson 1853 das Schiff besteigt und von seiner britischen Heimat Abschied nahm, ließ er Familie, Freunde und eine verheißungsvolle Karriere als Mediziner zurück. In China sterben drei seiner fünf Kinder schon in jungen Jahren, seine erste Frau verliert er im Alter von 33 Jahren. Und doch konnte Taylor anlässlich seines 55. Geburtstag die Bilanz ziehen: „Seit der Herr mich gelehrt hat, dass es sein Werk ist, kenne ich keine Angst mehr. Gott zu gefallen, das ist meine große Aufgabe in diesem Leben. Wenn ich mit ihm im Licht gehe, spüre ich keine Last.“ Diese Gewissheit trug ihn auch durch, als der Widerstand zunahm und die ersten Missionare hingerichtet wurden. Inmitten aller Kämpfe lehrte er seine Mitarbeiter: „Ihr braucht keinen großen Glauben, sondern Glauben an einen großen Gott.“[3]

Und doch ging Taylor nach 15 Jahren im Missionseinsatz noch einmal durch eine persönliche Glaubenskrise. Auch das finden wir immer wieder bei Männern und Frauen, die Gott mächtig gebrauchte: Sie gaben alles hin und dienten leidenschaftlich ihrem Gott, doch dann brauchten sie mehr und empfanden eine „heilige Unzufriedenheit“ mit sich selbst. Der Abschnitt vom „Weinstock und den Reben“ in Johannes 15 öffnete Hudson schließlich die Augen. „Ich möchte mehr und mehr ein kleines Kind sein. Mein himmlischer Vater hat Stärke genug; ich habe nicht nötig, stark zu sein“, schreibt er im Rückblick auf seine inneren Kämpfe. „Jesus liebt jeden einzelnen von uns geradeso, als ob er sonst keinen hätte, den er lieben sollte.“ Damit kam alle Kraftanstrengung zur Ruhe: „Wir brauchen gar nichts von unserem Eigenen, denn wir haben alles in Jesus.“ Wenn der Apostel Johannes uns auffordert: „Und nun, Kinder, bleibt ihn ihm!“ (1.Joh 2,28), so ist damit eben keine religiöse Vorleistung gemeint: „Ich glaube, wir bleiben nicht in Jesus, nicht weil wir zu schwach sind, sondern weil wir zu stark sind. … Bleiben in Jesus heißt ruhen in Jesus. … Wenn wir in Jesus bleiben, so empfangen wir von Gott alles, was wir brauchen. … Wenn wir in Jesus bleiben, so wird die Frucht sich einfinden.“[4] Ein „ausgetauschtes Leben“ nannte Hudson Taylor diesen inneren Paradigmenwechsel, der seinen Dienst auf eine neue Grundlage gebracht hatte. Und die Früchte seines Lebens sind bis heute spürbar!

Kann Gott mich wirklich gebrauchen?

Paulus hat für seine Gemeinden um ein starkes Fundament und um tiefe Wurzeln in der Liebe Gottes gebetet. Er wusste genau: Unsere Identität entscheidet letztlich über unser Handeln. Wenn ich weiß, wer ich in Gottes Augen bin, werde ich auf Dauer auch wissen, was Gott von mir erwartet. „Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen für ein Leben voller guter Werke, von Gott schon bereitet, damit wir sie tun“, schreibt Paulus im selben Epheserbrief (3,17; 2,10). Spannend wird unser Leben in dem Maß, wie wir entdecken, welchen Plan Gott im Auge hatte, als er uns geschaffen hat. Jeder von uns ist eine Einzelanfertigung, ein Ausdruck der Schöpferkraft und Kreativität unseres himmlischen Vaters.

  • Dies meint das erste griechische Wort poiema: Jedes Menschenleben ist Gottes „Handarbeit“, entstanden durch einen einzigartigen, liebevollen Akt (vgl. Jes 64,7).
  • Der zweite griechische Begriff in diesem Vers ist ergos: „Arbeit, Tätigkeit, Leistung“. Und auch dies hat Gott schon für uns vorbereitet seit dem Tag, als sein Ruf unser Leben traf.

Was für eine Arbeitsteilung! Welch eine Entlastung! Wenn wir uns Gott anvertrauen, führt er uns in Seine Art der „guten Werke“ hinein! Ein Leben in Einheit mit Gott ist eine spannende Entdeckungsreise: Wir dürfen immer mehr entdecken, wer wir in Gottes Augen schon sind. Wir dürfen anfangen zu tun, was Gott in seiner Weisheit gerade für uns bereitgestellt hat. Dein Leben ist Gottes Geschenk an dich. Was du daraus machst, das ist dein Geschenk an ihn!

Zur Vertiefung: Bekenne, wer du für Gott bist!

    • Ich bin ein Freund von Jesus | Johannes 15,15
    • Ich bin Gottes Kind | Johannes 1,12; 1. Johannes 3,1-2
    • Ich gehöre zu Gottes Familie | Epheser 2,19
    • Ich gehöre zu Gottes heiligem Volk | 1. Petrus 2,9-10
    • Ich bin ein Heiliger und Geliebter    Kol 3,12
    • Ich bin aus der Finsternis gerettet    Kol 1,13
    • Ich bin ein freigekaufter Sklave    1.Kor 6,20
    • Ich bin durch seine Wunden geheilt    1.Pt 2,24
    • Ich bin gegenüber der Sünde tot     Röm 6,7.11.22
    • Ich bin eine neue Schöpfung    2.Kor 5,17
    • Ich bin ein guter Duft des Christus    2.Kor 2,15
    • Ich bin ein Brief von Christus    2.Kor 3,3
    • Ich bin auserwählt zur Erbschaft mit Christus    Röm 8,17.33
    • Ich bin ein Teil von Gottes heiligem Volk    1.Pt 2,9-10
    • Ich bin ein Tempel des Heiligen Geistes    1.Kor 6,19
    • Ich bin ein Organ am Leib von Christus    1.Kor 12,27
    • Ich bin ein Bürger des Himmels    Phil 3,20
    • Ich bin ein König und ein Priester    Offb 1,6; 5,10
    • Ich bin ein Kind des Lichts    1.Thes 5,5; Eph 5,8
    • Ich bin ein Licht in dieser Welt     Phil 2,15
[1] J. Robert Clinton, Der Werdegang eines Leiters. Lektionen und Stufen in der Entwicklung zur Leiterschaft; CH-Greng-Murten (1992), S. 54
[2] Leonhard Goppelt, Theologie des Neuen Testaments, Band 2, Göttingen 1976, S. 433
[3] Roger Steer, Mit Hudson Tylor unterwegs, Basel / Gießen 1998, S. 103; 35
[4] Hudson Taylor, Das ausgetauschte Leben, Bad Liebenzell (o. J.), S. 19-22
Titelfoto: (c) Lothar Krauss
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Swen Schönheit
Swen Schönheit ist seit 1989 Pfarrer an der Apostel-Petrus-Gemeinde im Märkischen Viertel in Berlin. Als Gründungsmitglied des Netzwerks „Gemeinsam für Berlin“ engagiert er sich seit vielen Jahren für die Einheit der Christen in der Stadt und die Förderung jüngerer Leiter. Seit November 2012 ist Swen Schönheit mit einer viertel Pfarrstelle bei der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung Deutschland als theologischer Referent tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.
Buchcover
Menschen mit Format, Leiten lernen von Jesus, Swen Schönheit, Asaph-Verlag, 320 S., € 17,95 | eBook: € 14,95
Die Kurzrezi zu “Menschen mit Format” auf dem Leiterblog gibt es hier.

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