Die Welt umarmen. Kapieren statt kopieren!

Der Buchtipp am Freitag

Wie wäre das: Eine Kirche, die so von Gott berührt ist und verändert wird, dass sie diese Welt im Namen Jesu berühren kann? Die relevant für Gott und die Welt ist. Und durch die die Bitte aus dem Vaterunser anbricht Wirklichkeit zu werden: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“ Ist das ein berechtigtes biblisches Anliegen, oder ein Trend des Zeitgeistes?

die welt umarmen

Dieser Frage geht Prof. Dr. Johannes Reimer im ersten Band der Transformationsstudien, die Tobias Faix im Francke Verlag herausgibt, nach. „Die Welt umarmen“ will eine Theologie mitten im Leben sein, eine veränderte Gemeindepraxis fördern und ist auf dem Weg ein internationaler Verkaufserfolg zu werden, der in sieben Sprachen übersetzt wird. Was bringt der Band einem christlichen Leiter, warum sollte er oder sie sich durch die 326 Seiten wühlen? Viel! Es ist ein starkes und kluges Buch für Denker und Praktiker. Es gibt enorm viel Anstöße, denen es sich nachzuspüren lohnt. Hier nur ganz wenige Skizzen dazu:

Provozierende Anstöße

Prof. Reimer scheut sich nicht den Finger in die Wunden zu legen, die Verantwortliche in Kirche und Gemeinde gut kennen. Eine Kostprobe: „Oft hat eine restaurierte Gemeindeidee nicht die gewünschten Resultate, sondern eher die Spaltung im Leib Christi verursacht.“ Leitende wissen darum: Wie oft wurden neue Ideen, Konzepte, Mustergemeinden … mit viel Hoffnung verehrt und kopiert! Nach einigen Jahren folgte die Ernüchterung. Die Ergebnisse in Deutschland sind – offen gesagt – sehr bescheiden. Das gilt für die Kirchenlandschaft, die viel Transfer zu verkraften hatte. Als auch für unser Land. Keine Gemeindeidee, die für die Breite der deutsche Bevölkerung bedeutend geworden wäre! Ganz gleich ob die Impulse aus konservativen, liberalen, evangelikalen, charismatischen oder pfingstlichen … Quellen kamen. Immer wieder wird jetzt gefordert: Kapieren statt kopieren! Richtig.

Gründlich „theologisch“, statt rein „pragmatisch“ denken

Da setzt das Buch an! Gut verständlich auch für den interessierten Nichttheologen geschrieben, aber dennoch herausfordernd. Aus gutem Grund: „Um Gemeinde neu zu konzipieren, muss zuallererst neu gedacht werden.“ meint Reimer und nimmt den Leser deshalb auf eine theologische Reise mit. Das Gemeindebild des Neuen Testamentes wird beleuchtet und die Entwicklung der Kirche in ihrer Geschichte kritisch reflektiert. Diese theologische Grundlegung des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus, die Reimer im ersten Teil des Buches intensiv betreibt, gefällt mir sehr gut, auch wenn ich nicht jedem Gedanken unkritischen folgen kann. Am Ende dieses Teils fordert er „eine bewusste Rückkehr zum missionarischen Auftrag im Kontext der gelebten Kultur“ auf, die seiner Meinung nach einen „Aufbruch und eine Erweckung zur Folge“ haben wird (S. 147). Starke These. Zu optimistisch? Ich für meinen Teil will Gott viel zutrauen, Reimer ermutigt dazu. Aber werden nun die missionarischen Misserfolge durch soziale Erfolge ausgewechselt, um „erfolgreich“ zu werden?

Kein sozialer Humanismus

„Die Gemeinde entsteht in der Gegenwart des Geistes Gottes.“ Reimer plädiert voller Leidenschaft und schlüssig für eine Erneuerung der Kirche und begründet das von Christus her. Sie soll vom Heiligen Geist bewegt und auf die Welt ausgerichtet (Johannes 3,16) sein. Gemeindebau ist immer Sache des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Daher eine spirituelle Angelegenheit, die zur Verherrlichung Christi dient. Und sie geschieht durch Menschen und für Menschen! Also eine charismatische Angelegenheit, wie Reimer schreibt. (In dem Sinn, dass Gott Menschen durch seinen Geist begabt und für Menschen beauftragt.) Mit gleicher Leidenschaft plädiert Reimer weiter, dass diese geistliche Gemeinde in dieser Welt konkret werden muss. Als Ortsgemeinde. In irdischer Gestalt. „Sie ist untrennbar mit der Lebenswelt der Menschen, in der sie existiert, verbunden.“ Wenn eine Gemeinde diese Verbindung aufgibt, entfremdet sie sich von ihrem Auftrag und stirbt. Ja, das kennen wir aus eigener Erfahrung! Und daran leiden viele Verantwortliche in den Kirchen. Hier braucht es jetzt Ermutigung, Ausrichtung, theologische Tiefe, kluge Überlegung und geistliche Dynamik.

Gemeinde für die Welt werden – die Welt umarmen

Dazu ist „Die Welt umarmen“ eine guter Anstoß! Mit dem Verständnis zur Identität und zum Auftrag der Kirche Jesu in der Welt zeichnet Reimer im Abschluss eine erste Skizze der gesellschaftsrelevanten Gemeinde. Gerade diese Vorarbeit auf den ersten 250 Seiten hilft jetzt, Gemeinde nicht als „Kopie“ sondern als „Unikat“ für die jeweilige örtliche Situation und Berufung zu denken und zu sehen. Das ist sehr wertvoll. Mit einigen Beispielen konkreter Gemeinden schließt das Buch und am Ende hat man den Wunsch, so eine Gemeinde jetzt tiefer, konkreter, praktischer weiter zu verfolgen. Als Leser ist man dankbar, dass bereits 5 weitere Bände in der Reihe erschienen sind, die diesem Prozess theologisch und praktisch dienen. Das ist hilfreich für alle, die sich für eine Kirche berufen wissen, die christozentrisch, jüngerschaftsorientiert, gesellschaftrelevant und geistlich ist.

Interessant empfand ich den Umgang von Prof. Reimer mit der bekannten Willow Creek Gemeinde in seinem Buch. Während er sie am Anfang eher kritisch beleuchtet (S. 21), nimmt er sie später als Beispiel eines gelingenden Models einer gesellschaftsrelevanten Gemeinde (S. 262, 290). Als Mitglied im Vorstand von Willow Deutschland habe ich das mit Humor wahrgenommen.

Johannes Reimer, Die Welt umarmen, 2. Auflage, (Francke Verlag, Marburg, 2013)

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3 Antworten zu Die Welt umarmen. Kapieren statt kopieren!

  1. arnosadventure schreibt:

    Das kommt auf die Leseliste! Danke für die Rezession

    • Lothar Krauss schreibt:

      Der Band 3 „Die Welt verstehen“ ist für Leute, die nicht ganz so tief in die Materie eintauchen wollen, es gerne schneller praktisch haben, ohne aber einen Qualitätsverlust hinnehmen zu wollen, die fast bessere Wahl! Das wäre mein Tipp dazu … 🙂

  2. Pingback: Hilfen, um eine auftragsorientierte, relevante Gemeinde zu formen! | DER LEITERBLOG

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