Krebs bekommen andere …

Wenn die Einschläge dichter kommen, es richtig stürmisch wird, beginnen die Gedanken zu rotieren. Oder? Wird es mich treffen? Coronavirus! Muss ich mir Sorgen machen? Werde ich in Panik verfallen. Aktuell berichten wir von unserer Quarantäne Erfahrung. Ängste sind aber immer auch irrational. Wir haben als Leiterehepaar das ganze Thema schon einmal grundsätzlich durchlitten, durchreflektiert und schließlich durchlebt.

Krebs bekommen andere! – heißt der Artikel, den meine Frau Heike vor Jahren dazu in Aufatmen veröffentlicht hat. Ein Beitrag, der auch in diesen Tagen helfen kann und der für uns nach wie vor gleich gültig ist. Hier ist er …

Was zählt, wenn es eng wird

Heftiger Regen prasselt an die Scheibe. Auf dem Flughafen geht nichts mehr. Mein Flugzeugnachbar seufzt. Ich auch. Für eine Stunde Flugzeit sitze ich jetzt 50 Minuten auf dem Rollfeld fest. Aber es war sowieso ein Wunder, so kurzfristig noch einen Platz zu ergattern. Beerdigungen kann man nun mal nicht planen.

Einer unserer engsten Freunde starb mit nur 40 Jahren an Krebs. Lothar, mein Mann, ist schon seit ein paar Tagen dort. Er wollte ihn noch ein letztes Mal sehen – und kam 24 Stunden zu spät. Aus der Zeit des Abschiednehmens ist nun unverhofft die Zeit der Vorbereitungen für die Beerdigung geworden. Er wird predigen, so wie er es dem Freund versprochen hat. Ich weiß, wie schwer dieser Freundesdienst ihm fallen wird.

Nur zwei Stunden später sitzen wir dann im Haus eines Witwers, der uns beherbergt. Lothar hat vor nur einem Jahr dessen Ehefrau beerdigen müssen. Auch sie starb an Krebs. Und nur diesem einen Mann erzählen wir die ganze Geschichte: Denn auch ich habe Krebs – Brustkrebs. Seit fünf Tagen erst wissen wir es. Was für ein absurdes Drehbuch …

Völlig unvorbereitet

14 Tage früher, Besuch bei einer engagierten Mitarbeiterin unserer Gemeinde im Krankenhaus. Mit Anfang sechzig hat sie Brustkrebs. Vor wenigen Tagen wurde sie operiert. Wir sitzen zusammen, und ich denke: „Da bin ich Gesunde, die einen Krankenbesuch macht. Wer weiß, was in meinem Körper so alles vor sich geht …“ Ich habe keine Ahnung, dass ich „meinen“ Tumor bereits mitgebracht habe.

Zwölf Tage früher. Bei einer Wanderung erzähle ich einer Freundin von meinem jüngsten Erleben: „Stell dir vor, kürzlich bin ich mitten in der Nacht aufgewacht und hatte heftige Schmerzen auf der linken Seite!“ Ich wusste, was man bei einem Infarkt tun kann und setzte mich aufrecht ins Bett und versuchte, gut Luft zu bekommen. Erst nach einer Weile merkte ich, dass der Schmerz gar nicht vom Herzen, sondern von darüber kommt. Also ging ich noch am gleichen Tag zu meiner Frauenärztin. Bei Unklarheiten nur nicht zögern – ich will wissen, was los ist.

Nach einem Ultraschall ist sich meine Ärztin sehr sicher, dass es sich um eine Zyste handelt. Da sie aber eine vorsichtige Frau ist, muss ich zur Kontrolle einen Mammographietermin vereinbaren. Davor habe ich ein bisschen Angst. Was erwartet mich da? Aber naja, es ist ja nur eine harmlose Zyste …

Fünf Tage früher, kein Tag wie jeder andere. „Mammographie ist unangenehm, aber machbar. Was liegt heute sonst noch an?“ In Gedanken gehe ich im Wartezimmer meinen Tagesplan durch. Schließlich bittet mich der Arzt herein, um mit mir die Röntgenbilder zu besprechen. Er macht ein ernstes Gesicht: Hinter der Zyste liegt ein Tumor – und der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit bösartig.

Wir halten uns fest und wissen doch, dass wir uns nicht festhalten können. Nicht in diesem Leben.

Da sitze ich nun mit meiner Diagnose. Obwohl auch meine Mutter früh an Krebs gestorben ist, habe ich dieses Thema nie für mich in Betracht gezogen. Krebs bekommen andere. Der Satz des Doktors stellt mein Leben komplett auf den Kopf. Was wollte ich heute noch erledigen? Das interessiert nun nicht mehr. Alles ist anders.

Das Tal der Trauer

Benommen verlasse ich die Praxis. Bin ich überhaupt in der Lage, Auto zu fahren? Ich ahne, wie sehr das auch Lothar treffen wird. Seit unserer Krise vor vielen Jahren ist unsere Ehe ein echtes Geschenk geworden. Er ist meine „beste Freundin“, wir sind ein „Wir“. Gemeinsam von Gott berufen und gemeinsam mit ihm unterwegs. Wie soll ich ihm das nur sagen, wie es ihm beibringen? Ich beschließe, zuerst zu meiner Ärztin zu fahren. Ich brauche Fakten. Zufällig ist sie an der Rezeption. Als sie mein Gesicht sieht, nimmt sie mich direkt mit in ihr Zimmer. Sie weiß Bescheid. Eine Stanzbiopsie, ein kleiner lokaler Eingriff, muss so schnell wie möglich erfolgen. Ab jetzt tickt die Uhr. Wenn ein Tumor erkannt ist, muss man schnell handeln – möglichst bevor er streut.

Dann fahre ich zu Lothar. Nachdem ich jetzt Genaueres weiß, kann ich das nicht hinauszögern. Das bin ich ihm schuldig. Noch habe ich nicht geweint, aber das hole ich jetzt nach. Die nächsten 48 Stunden sind für uns die schwierigsten. Vor einem Jahr starb unsere Freundin an Krebs. In drei Tagen will Lothar unseren Freund besuchen, der im Sterben liegt. Ich habe noch maximal zwei Jahre Lebenszeit, denke ich. Genau wie meine beiden Freunde.

Wir gehen durch das Tal der Trauer. Halten uns fest und wissen doch, dass wir uns nicht festhalten können. Nicht in diesem Leben. Es sind unbeschreibliche Stunden …
Gemeinsam sagen wir es den Kindern. Sie sind 17 und 19 Jahre alt. Unser Sohn ist schon ausgezogen und steht auf eigenen Füßen. Er fragt, ob er zurückkommen soll, ob wir seine Hilfe brauchen. Eine schöne Geste, in diesem unfassbaren Erleben. Nein, das ist zur Zeit nicht nötig. Sie versuchen gefasst zu sein, um es mir nicht unnötig schwer zu machen. Sie tun mir leid.

Wie Glaube wach wird

Mir bleibt das Wochenende, bevor ich zur Stanzbiopsie muss. Wir sagen es in der Gemeinde nur dem engen Leitungskreis. Sie beten für mich. Ich glaube nicht, dass die Stanzbiopsie an meiner Lage etwas ändert. Der erfahrene Arzt hat mir wenig Hoffnung gemacht.

Und nun stelle ich mich dem Gedanken an den Tod. Was ist, wenn mein Leben jetzt bald zu Ende geht? Ich will nicht weglaufen. Ich bilanziere mein Leben. Was ist, was wird bleiben?

Und auf einmal werde ich dankbar. Ich habe ein schönes und abwechslungsreiches Leben gelebt. Ich habe einen Mann, der mich liebt, zwei gesunde Kinder, die ihren eigenen Weg mit Jesus gehen. Sie haben nicht einfach den Glauben ihrer Eltern übernommen, sondern können ihre eigene Geschichte erzählen. Ich habe so manchem Menschen in seinen Krisen beistehen können, so manches Wunder erlebt. Ich habe viele Freunde gefunden. Ich habe Jesus zum Freund. Ihn kennen gelernt zu haben, ist mit Abstand das Beste, was mir je passiert ist. An ihm zu sehen, wie Menschsein aussehen kann, in ihm Gottes liebevolles Wesen zu erkennen, von seiner Weisheit zu lernen, hat mein Leben auf eine andere Ebene gebracht. An seine Kraft angeschlossen zu sein, meine Schuld vergeben zu bekommen, trägt mich. Das reicht! Das reicht für meine bisherigen 48 Jahre. Das reicht auch für das, was jetzt kommt.

Was ist, wenn mein Leben jetzt bald zu Ende geht? Ich will nicht weglaufen. Ich bilanziere mein Leben.

Zwei Dinge gibt es aber doch, die ich zutiefst bedauere: Nicht mehr bei Lothar zu sein. Nicht mehr am weiteren Schicksal meiner Kinder Anteil nehmen zu können. Welche Ehepartner würden sie sich aussuchen, wie wären meine Enkel? Und: nicht noch mehr Menschen von diesem „Zuhause jenseits des Todes“ erzählt zu haben. Habe ich meine Lebenszeit dafür gut genug genutzt?

Das also bleibt für mich im Angesicht des bevorstehenden Todes bestehen: meine engsten Beziehungen und dass ich zu Gott und seiner Familie gehöre. Meine Gedanken wandern zu einem Satz, den Lothar immer wieder predigt: „Ich habe noch nie eine Beerdigung miterlebt, wo ein Möbelwagen hinter dem Sarg herfährt.“ Nein, Dinge können wir nicht mitnehmen! Dinge sind mir jetzt auch nicht wichtig.

Anderes wird mir wichtig, zum Beispiel die Gedanken aus Psalm 139. Sie werden zu meinem ständigen Begleiter: „Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch. Ob ich gehe oder liege – du siehst mich, mein ganzes Leben ist dir vertraut … Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir … Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich… Als ich gerade erst entstand, hast du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast du in dein Buch geschrieben – noch bevor einer von ihnen begann!“

Ich lese diese Worte und erfahre, wie Glaube in mir wach wird: „Ja, alle Tage meines Lebens sind bei Gott aufgeschrieben. Für meinen Todestag gibt es ein Datum. Das wird kein Krebs verkürzen und kein Arzt verlängern. Dieses Datum steht – und alles was mit mir geschieht liegt allein in Gottes Hand.“

Diese Verheißung verscheucht die schwarzen Vögel aus meinen Gedanken, und ich kann es selbst kaum fassen: In keiner der weiteren Phasen, die jetzt folgen, kommen sie wieder! Dieses Geschenk des Glaubens trägt mich durch die Operationen, die Chemozeit, durch die Bestrahlungen. Durch „haarige“ und „haarlose Zeiten“ – durch alle Höhen und Tiefen.

Graben nach Fundamenten

Gezwungen durch die Situation graben wir nach den Fundamenten unseres Glaubens. Drei Überzeugungen tragen uns in diesen Anfechtungen, Anfragen und Krisen besonders. Sie sind in drei Jahrzehnten des Lebens mit Jesus gewachsen und bewähren sich jetzt auch in dieser Feuerprobe:

Gottes Liebe ist abschließend am Kreuz bewiesen
Der Blick ans Kreuz sagt mir, wie Gott zu mir steht. Jesus hat aus Liebe zu uns Menschen sein Leben an unserer Stelle geopfert. Das sagt mir, dass ich auch in meiner Krankheit nicht vergessen bin. Nicht weniger wert. Und wenn Gott nicht eingreift, mir das Leben hier noch einmal neu schenkt, dann bedeutet es nicht, dass seine Liebe und Fürsorge mich vergessen hat. Der Blick zum Kreuz wird mir zu einer beständigen Erinnerung, dass Gott für mich ist, mich mag und mit mir durch mein Leid geht.

Ich muss Gott nicht verstehen
Christen fragen mich, wie ich damit umgehe, dass mich, die engagierte Pastorenfrau, diese Krankheit trifft. Andere sagen, dass sie sehr verunsichert sind, wie es für sie ausgeht, wenn es „schon mich“ trifft. Ich weiß es nicht. Ich habe mich entschieden, die „Warum-Frage“ nicht zu stellen. Einen Gott, den ich mit meinem Verstand ergründen kann, wird immer nur die Projektion meines Verstandes, meiner Wünsche, meiner Hoffnungen sein. Gott muss per Definition meinen Verstand übersteigen. An einen souveränen Gott zu glauben, hilft mir sehr in dieser Zeit. Ich finde Frieden, obwohl ich nicht verstehe, es mir anders wünsche. Ich erfahre die Freiheit, „nicht verstehen zu müssen“.

Ich bin für die Ewigkeit bestimmt
Diese dritte Überzeugung wird ebenfalls zu einer wertvollen Quelle. Ich muss nicht „um jeden Preis“ alles auf dieser Seite der Wirklichkeit erleben. Ich erfahre Gelassenheit in der Hoffnung auf die Zukunft bei Gott und mit Gott. Dort wird jede Träne abgewischt, jede Krankheit besiegt. Ein wunderbares, ein befreites Leben ohne das Krebsgeschwür von Sünde und Tod. Das wartet auf jeden, der mit Jesus unterwegs ist.

Medizinisch gelte ich heute als geheilt. Aber es ist gut zu wissen, dass Gott – und nur er – das letzte Wort über mein Leben spricht.

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man bekommt.“ sagt Forrest Gump.

Aber Gott hat meine Pralinenschachtel bestückt. Bei ihm habe ich Zukunft – so oder so.

Heike Krauss ist Diplom-Sozialarbeiterin und Pastorenfrau. Sie engagiert sich mit ihrem Mann Lothar in der Kirche im Brauhaus. Was die beiden sonst noch so beschäftigt kann man unter http://www.der-leiterblog.de verfolgen.

Über Lothar Krauss

Ehemann | Vater | Pastor | Blogger | Netzwerker
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3 Antworten zu Krebs bekommen andere …

  1. Selbstwertpflege schreibt:

    Wunderschön geschrieben.

    „Der Glaube versetzt Berge“, sagt man doch. Das Vertrauen in die Selbstheilungskraft und in eine höhere Macht – Gott, hat mir auch schon durch Lebenskrisen geholfen.

    Ich selbst hatte auch schon mal eine Diagnose „bösartig“.
    Ich habe da auf meine innere Stimme gehört und vieles, von dem, was die Ärzte mir anrieten, nicht machen lassen.
    Ich gelte auch als geheilt.

    Eine Patientin, mit der ich im Krankenhaus in einem Zimmer lag, sagte mir: „Als Patient muss man (leider) immer auch für sich selbst sorgen.“

    Ich wünsche Ihnen weiterhin den tiefen Glauben und das Vertrauen in Gott.
    Es tut gut, Ihre Worte zu lesen, danke.

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