Leiter in der Falle: Übertragungen | Teil 1

(c) Nadine Jung

(c) Nadine Jung

ES IST DIE UNSICHTBARE BEZIEHUNGSFALLE, in die Führungskräfte schnell tappen. Sie kann unendlich weh tun. Die Falle der „Übertragungen“. Verantwortliche in allen Rollen und auf allen Ebenen lernen sie irgendwann kennen. Aber wie entstehen überhaupt diese Übertragungen, was richten sie an und wie können sie entmachtet werden? Dr. Christel Ruth Vonholdt geht der Frage im Buch „Besser streiten“ von Dr. Dominik Klenk nach, aus dem ich in drei Teilen ihren Aufsatz „nachdrucke“. Mit freundlicher Genehmigung des Brunnen Verlages. Danke!

Jeder Mensch ist von dem geprägt, was er in seiner Geschichte erlebt hat. Nicht zuletzt unsere Art, auf Menschen zu reagieren, Beziehungen zu knüpfen und zu gestalten, unterliegt bewussten oder unbewussten Mustern, die sich im Laufe des Lebens entwickeln. Wenn solche Muster die Sicht auf eine Situation oder auf einen Menschen in der Gegenwart verstellen, weil alte, unverarbeitete Verletzungen die Wahrnehmung bestimmen, steckt oft eine „Übertragung“ dahinter.

Ein typisches Beispiel: Ein junger Mann kommt in einen Hauskreis. Vom Hauskreisleiter, einem väterlichen Menschen, fühlt er sich sehr verstanden. Er fühlt ihm gegenüber eine ungewohnte, positive Nähe und wünscht sich, dass der Hauskreisleiter ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt. Um diese zu bekommen, bringt er zahlreiche „seelsorgerliche Probleme“ vor, die mehr und mehr die Zeit des Hauskreisleiters beanspruchen. An einer Stelle setzt ihm dieser deshalb eine Grenze.

Ganz unerwartet reagiert der junge Mann darauf mit großer Wut und plötzlichen Vorwürfen gegen den Leiter. Der Versuch einer sachlichen Klärung bringt keine Lösung oder Entspannung. Im Gegenteil: Die Vorwürfe weiten sich aus. Der junge Mann sucht sich jetzt Verbündete, mit denen er gemeinsam stundenlang die „Fehler“ des Hauskreisleiters beredet.

Der moderne Begriff der Übertragung wurde von Sigmund Freud und seinem ungarischen Kollegen Sándor Ferenczi geprägt. Sie beschrieben damit ihre Erfahrung, dass Patienten unbewusste Erwartungen und Gefühle, die mit unerfüllten Bedürfnissen aus ihrer Vergangenheit zu tun haben, in der Gegenwart auf den Therapeuten übertragen. So kann ein Patient alte Wutgefühle, die eigentlich seinem Vater gelten, oder auch unerfüllte Sehnsucht nach der Wertschätzung seines Vaters (Gefühle aus der Vergangenheit also) auf die „Vaterfigur“ des Therapeuten in der Gegenwart übertragen.

In der Therapie werden Übertragungen gezielt bearbeitet. Viel häufiger aber kommen sie im Alltag vor: in der Ehe, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder in der Gemeinde. Oft sind Vorgesetzte, Ärzte, Pfarrer — Menschen in helfenden Berufen, die Zuwendung und Sicherheit ausstrahlen — Objekte von Übertragung. Übertragung, kann man sagen, geschieht vor allem dort, wo menschliche Not auf menschliche Freundlichkeit trifft.

Wird eine Übertragung im Alltag nicht rechtzeitig erkannt, kann sie großen Schaden anrichten. Wird sie aber erkannt und stellt man sich ihr ehrlich, kann man großen Gewinn daraus ziehen; sie wird ein Tor zum tieferen Heilwerden der Seele.

DEN SCHMERZ UMGEHEN

Das Wesentliche an der Übertragung ist nicht nur, dass Gefühle, die aus der Vergangenheit stammen, auf einen Menschen in der Gegenwart übertragen werden. Übertragung ist vielmehr der unbewusste und verzweifelte Versuch der Seele, in der Gegenwart zu heilen, was in wichtigen Vergangenheitsbeziehungen verwundet wurde, oft (nicht immer) in Beziehungen zu Mutter, Vater, Geschwistern oder Spielkameraden. Es geht um tiefe Bedürfnisse, die in der Vergangenheit ungestillt blieben, um Verwundungen der Seele.

Heilung wäre möglich, wenn man sich den Verletzungen ehrlich stellen würde. Übertragung aber ist der Versuch, „gutzumachen“, was einem die Vergangenheit noch „schuldet“ (zu Recht oder zu Unrecht), ohne sich der eigenen Wirklichkeit und dem inneren Schmerz stellen zu müssen.

Die Wahrheit zulassen würde zum Beispiel bedeuten: Sich eingestehen, dass der frühe Tod der Mutter (als das Kind noch klein war) oder die Scheidung der Eltern und damit der Verlust des Vaters unsägliche Verlassenheitsängste verursacht haben, die bis in die Gegenwart hinein wirksam sind. Oder: Sich eingestehen, dass da immer noch Verzweiflung und ein Gefühl der Ohnmacht ist, dass man eine irrationale Wut auf die Eltern empfindet, und dass darunter schmerzhafte Gefühle von Wertlosigkeit, Trauer und Verwirrung liegen. Oder: Zugeben, dass man auch als Erwachsener sich noch nach der Geborgenheit einer Mutter und dem Schutz und der Wertschätzung eines Vaters sehnt. Nur wo wir diese Gefühle ehrlich zulassen und uns dem damit verbundenen inneren Schmerz stellen, kann die Seele gesunden.

Übertragung aber lebt gerade aus der Verleugnung der Wirklichkeit — damals und heute. Übertragung soll heilen, ohne dass man sich die Wunde ansehen möchte. Unbewusst hat Übertragung sogar die Funktion, von der Wunde und damit von der eigenen Wirklichkeit abzulenken; sie wirkt wie ein „Betäubungsmittel“ gegen den Schmerz. Dazu gehört auch, dass derjenige, der überträgt, sich manchmal geradezu zwanghaft mit dem Objekt seiner Übertragung beschäftigt. Auch das ist ein Verhalten, das unbewusst verhindern soll, dass man sich mit der eigenen Wahrheit auseinandersetzt.

Wie sieht das konkret aus, wenn Führungskräfte Ziel einer Übertragung werden?

Antwort auf diese Frage folgt im Teil 2.
Teil 1 | 2 | 3
vonholdt
Dr. Christl Ruth Vonholdt ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie leitet das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft in Reichelsheim

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Besser streiten“, Dr. Dominik Klenk (Hg.), Brunnen Verlag Gießen, S. 99 – 107. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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