Leiter im Visier des Feindes! | Integer leiten! | Teil 4

„Ich selber bin zu einem Zeitpunkt Leiter geworden, als ich von solchen Eigenschaften eines Leiters noch sehr wenig wusste. Und so habe ich viele Fehler gemacht. Aber es war gerade mein Versagen, das mich vorwärts brachte und mir zum Lehrmeister wurde. Niemand wird als guter, fähiger und fehlerfreier Leiter geboren.“

Nachdem uns unser “Sommerblogger” THOMAS HÄRRY die DNA eines gefährdeten Leiters vor Augen geführt hat, wechselt er mit den nächsten drei Beiträgen den Blickwinkel: Welche Eigenschaften, Haltungen und Fähigkeiten bildet eine Führungskraft aus, um ein integrer Leiter zu sein?

Als Bestsellerautor, Redakteur bei Aufatmen und Dozent am TDS Aarau hat er sich selbst auf diesen Weg aufgemacht und geht ihn immer noch. Gehen wir nun den Weg ein wenig mit ihm mit:

Thomas Härry Blog

Im ersten Teil von „Leiten mit Integrität“ habe ich beschrieben, welche Verhaltensmuster Leiter gefährden. Wer ein guter, gesunder Leiter werden will, muss aber auch wissen, was die DNA eines solchen Leiters ausmacht. Ich verstehe die folgenden Eigenschaften nicht als Voraussetzungen, die bereits ausgereift sein müssen, wenn jemand eine Leitungsfunktion übernimmt. Ich selber bin zu einem Zeitpunkt Leiter geworden, als ich von solchen Eigenschaften noch sehr wenig wusste. Und so habe ich viele Fehler gemacht. Aber es war gerade mein Versagen, das mich vorwärts brachte und mir zum Lehrmeister wurde. Niemand wird als guter, fähiger und fehlerfreier Leiter geboren. Aber wir müssen willig sein, zu lernen. Welche DNA, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen, entwickeln also gesunde Leiter?

 Loslassen können

Sie werden nicht viele Lehrbücher finden, in denen diese Fähigkeit hochgehalten wird. Normalerweise betont man im Blick auf Führung das unbeirrte Festhalten an Zielen und Visionen. Es gibt aber Momente, an denen wir loslassen müssen. Wenn ein Leiter das nicht lernt, schadet er seiner Organisation, den Menschen, die er führt – und nicht zuletzt sich selbst.

Ein guter Leiter entwickelt die Fähigkeit, eigene Vorstellungen loszulassen (die oft genug fixe Bilder sind, wie die ideale Gemeinde oder Firma aussehen soll). Ziel und Vision bleiben verbindlich, aber das Wie und Wann muss ich immer wieder überprüfen und korrigieren. Es gehört zum Alltag eines Leiters, dass seine Vorstellungen ständig durchkreuzt werden durch Umstände, Menschen und Führungen Gottes. Wer da nicht beweglich reagieren kann, der wird zum Kämpfer und Verteidiger fixer Vorstellungen und Zeitraster. Gott hat viele Wege, wie er zu einem Ziel führt, darum sollte ich große Flexibilität entwickeln.

Hier geht es um die geistliche Disziplin, seine Wege Gott anzubefehlen und ihm zu erlauben, das Wie und das Wann nach seinem Willen gestalten zu lassen. Nach dem Motto: Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertrau ihm; er wird es fügen (Psalm 37,5).

Manchmal muss ein Leiter auch seine Träume und Visionen loslassen können. Damit meine ich jene Ziele, die er als Willen Gottes für sich, seine Gemeinde oder Organisation erkannt zu haben meint. Viele Leiter haben auf ihre Organisationen Druck ausgeübt, weil sie ihre eigene Vision nicht loslassen konnten – das neue, große Gebäude; Gottesdienste in vollen Sportstadien; eine bestimmte Gottesdienst- und Lobpreiskultur, die alle in der Gemeinde „cool“ finden werden; ein ganz bestimmtes Gemeindeaufbau-Modell.

Wenn eine Vision von Gott ist, dann sorgt er dafür, dass sie Realität wird. Dazu braucht es den vollen Einsatz von Leitern und Mitarbeitern. Aber es braucht vor allem von Gott geschenkte Ressourcen, offene Türen und übernatürliche Wunder. Wenn sie ausbleiben (vielleicht auch nur deshalb, weil Gott einen anderen Zeitplan hat), dann werden viele Leiter nervös und beginnen, ihre Leute zu manipulieren. Dabei werden Träume und Ziele zu Götzen, denen man um jeden Preis treu bleiben muss – zum gegenseitigen Schaden.

Ein Leiter muss auch seine Position loslassen können. Manche blühende Gemeinde und Organisation entwickelte sich negativ, weil die Gründerperson oder der lange führende Leiter seine Position nicht loslassen konnte – eine weit verbreitete Leiterkrankheit. Sie entsteht dort, wo jemand sich zu sehr mit seiner Arbeit identifiziert. Überidentifikation führt dazu, dass die Gemeinde, in der ich arbeite, meine Gemeinde wird. Meine Gemeinde und ich werden zu einer untrennbaren Einheit. Ohne meinen Dienst dort verliere ich meinen Status, meinen Wert und alles, was mir lieb geworden ist.

Ein Leiter sollte sich darum immer wieder mit zwei Fragen beschäftigen. Erstens: „Kann ich die Organisation noch immer zu neuen Ufern hinführen, oder ist das, was ich dieser Gemeinde/Organisation geben kann, ausgeschöpft?“ Falls das Zweite der Fall ist, könnte das ein Hinweis sein, dass meine Zeit an diesem Ort langsam zu Ende geht. Zweitens: „Wer könnte mein Nachfolger sein und wie könnte ich diese Person darauf vorbereiten?“

Leiter, die ihre Vorstellungen, ihre eigenen Ziele und ihre Position im richtigen Moment loslassen können, beweisen damit, dass sie wirkliche Diener der Sache sind, in die Gott sie für eine gewisse Zeit hinein gesandt hat. Leiter, die nicht loslassen können, erweisen sich oft als Diener ihrer selbst.

Ergänzung suchen

Im ersten Teil habe ich davon gesprochen, dass besonders Leiter mit einer dominanten Persönlichkeitsstruktur sich schwer in anders geprägte Menschen hineinversetzen können. Was kann ein solcher Leiter tun, damit er nicht zum rücksichtslos vorwärts preschenden Patron wird? Eins ist sicher: Er kann die Grundstruktur seiner Persönlichkeit nicht einfach umbiegen. Vielleicht kann er ein wenig lernen, die Art und Weise, wie andere Menschen gestrickt sind, besser wahrzunehmen und zu verstehen. Die verändernde Kraft des Heiligen Geistes will bewirken, dass wir im Bereich unserer größten Einseitigkeiten neue Qualitäten entwickeln können. Aber wir werden unsere Grenzen behalten. Vielleicht belässt sie Gott auch deshalb, damit wir nicht dem Irrtum verfallen, perfekte – und darum von anderen unabhängige – Leiter sein zu können.

Weil das so ist, sollten wir uns ergänzen lassen durch Mitleiter, die anders funktionieren als wir. Diese Mitleiter können ausgleichen, was mir fehlt. Allerdings muss ich diese Ergänzung bewusst und aktiv suchen. Das ist schwer genug, denn am einfachsten arbeiten wir ja mit Menschen zusammen, die ähnlich gestrickt sind. Und ich muss die Personen, die mich ergänzen, nicht nur neben mir dulden, sondern ihnen Kompetenzen zugestehen. Sonst wird aus der erwünschten Ergänzung eine kraftlose Alibi-Übung.

Dieser Grundsatz der Ergänzung gilt für alle Leitertypen. Initiative Leiter brauchen die Ergänzung beständiger Mitleiter, die darauf achten, dass angefangene Dienste seriös zu Ende geführt werden. Gewissenhafte Leiter brauchen mutige, initiative Mitleiter, die dafür sorgen, dass eine Arbeit nicht stagniert – usw.

Um eine solche Ergänzung aktiv zu suchen, muss ich über eine wichtige geistliche Charaktereigenschaft verfügen: Demut. Demut bedeutet für einen Leiter, dass er um seine Grenzen und die damit verbundenen Gefahren weiß. Wo er über diese Demut verfügt, verliert er die unter Leitern weit verbreitete Angst vor starken Mitleitern. Demütige Leiter lassen andere Leiter neben sich stark werden und stark sein. Sie sehen sie nicht als Konkurrenten, die sie bedrohen, sondern als Partner, die sie bereichern. Leiter, die sich mit starken, sie ergänzenden Mitleitern umgeben, werden große Ziele erreichen und am Ende selber dadurch gewinnen.

Mehr fördern als fordern

Hier geht es um eine Folge der Demut, die ein Leiter sucht und von Gott für sein Leben erbittet. Gute Leiter erkennt man daran, dass sie andere Menschen aufbauen und fördern. Sie verstehen sich als Menschen, die anderen ermöglichen, in ihrer Berufung aufzublühen. Paulus sagt: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude (2. Korinther 1,24).

Leiter, die von den ihnen anvertrauten Menschen mehr fordern, als sie ihnen geben, stehen nicht auf dem Boden des Evangeliums. Das Evangelium der Gnade Gottes bedeutet, dass Gott uns weit mehr schenkt, als er von uns fordert. Geistliche Leitung verkörpert diesen Wesenszug Gottes, indem sie den Menschen mehr gibt, als sie von ihnen verlangt.

Konkret heißt das, dass ein gesunder Leiter viel Zeit damit verbringt, seine Mitarbeiter zu begleiten. Er trifft sich regelmäßig mit jedem der ihm anvertrauten Leiter oder Mitarbeiter. Im persönlichen Gespräch ermutigt und coacht er, betet für ihn oder sie und sorgt für die Ressourcen, die dieser Mitarbeiter für seine geistliche und charakterliche Entwicklung braucht.

Mit dieser Grundhaltung begegnet der Leiter auch den Menschen an der Basis seiner Organisation. Er bewegt ständig die Frage: „Wie kann ich diesen Menschen besser dienen? Was brauchen sie, um starke, eigenständige, mündige und geistlich fitte Menschen zu werden? Wie können wir sie noch besser aufbauen und fördern?“

Im fünften Teil spürt Thomas der Herausforderung eines Leiters nach, wie er zu einer angemessenen SELBSTWAHRNEHMUNG findet und ein EINFÜHLUNGSVERMÖGEN entwickelt, das die Klarheit des Leitens mit den Bedürfnissen der Menschen verbindet!
 
Weitere Beiträge von Thomas Härry sind in AUFATMEN zu finden!
 
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Über lotharkrauss

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