Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 1

Anfang des Jahres hatte ich fast drei Monate Zeit, um etwa 20 Gemeinden im deutschsprachigen Europa und in den USA kennen zu lernen. Ich bin durch 8 Länder gereist. Gelernt und genau hingeschaut habe ich besonders bei Gemeinden die unter den Voraussetzungen arbeiten, die mit unserer Kultur deutliche Schnittmengen haben. Denn Erfahrungen dieser Gemeinden lassen sich besser in unserer deutschen Situation fruchtbar machen. Ich hatte dabei auch die Sinus-Milieus im Kopf, die ich gerade bei dieser Fragestellung als sehr wichtigen Filter empfinde.

Was waren das für Gemeinden?

Junge Gemeinden, Gemeinden die „neulich“ noch Trendsetter waren und Gemeinden mit Geschichte. Kleinere Gemeinden. Wachsende Gemeinden. Große Gemeinden. Megachurches. Multi-Site Churches. Gemeinden, die Gemeinden gründen. Missionale Gemeinden. Attraktionale Gemeinden. Und Gemeinden, die beide Ansätze verbinden. Immer relevante Gemeinden in dem Sinne, dass sie christuszentriert ausgerichtet waren und in ihrem Umfeld als relevant wahrgenommen wurden. Und auf alle Fälle Gemeinden, die nach innen und außen etwas bewegen! Und um es gleich zu sagen: Das war eine starke Erfahrung für mich, diesen Christen und Gemeinden zu begegnen!  

Jetzt habe ich viele Wochen ausgewertet, nachgedacht, mit Leitern im Lande diskutiert, reflektiert … Meine Frage: Was verbindet diese (sehr unterschiedlichen) Kirchen und Gemeinden? Und mehr noch: Was können wir von ihnen lernen? Mehr im Sinne von Prinzipien, als von Methoden. Mich haben dabei unterschiedlichste Themenfelder beschäftigt. In diesen Beiträgen hier will ich auf den Teil zu sprechen kommen, der sich direkt mit dem Thema „Relevante Gemeinde“ beschäftigt.

Diese Auswertungen zu meinen Beobachtungen sind nicht nach „wissenschaftlichen“ Kriterien erfolgt, sondern auf dem Hintergrund meiner 34jährigen eigenen Erfahrung mit Gemeinde, viel theoretischer Reflexion über die mehr als zwei Jahrzehnte meiner hauptamtlichen Tätigkeit, in der ich viele Fachbücher, Pilotprojekte, internationale Reisen, Fachgespräche, Feldstudien, Beratungserfahrung … gesammelt habe. Ich schildere die Einsichten also in persönlicher Art als ein Beitrag zur Diskussion. Die Serie geht über mehrere Teile …

Was alle relevanten Gemeinden gemeinsam hatten …

1. AUFTRAG, MISSION

Die erste Gemeinsamkeit, die ich überall angetroffen habe, war ein außergewöhnliches und klares Bewusstsein für den Auftrag. Alle Gemeinden kann ich als „auftragsorientierte Gemeinden“ bezeichnen. Sie sind sich ihrer Berufung und Bestimmung sehr bewusst. Sie nehmen ihre Berufung sehr ernst und verfolgen ihren Auftrag mit einer erstaunlichen Hingabe, wie ich das in der durchschnittlichen Gemeinde kaum antreffe. Dort würde man diese Einstellung schnell als übertrieben bewerten.

Nicht zu anstrengend!

Es ist ihnen nicht zu viel, zu anstrengend, zu mühsam …, sich so in den Bau der relevanten Gemeinde zu investieren. Die Hingabe ist erstaunlich. Und die Begeisterung darüber ansteckend. Es scheint ein Privileg für sie zu sein. Die Opfer, die der Kern der Gemeinde für die Umsetzung des Auftrages bringt, sind sehr groß! Sie wollen etwas bauen, umsetzen, verwirklichen! Und das darf sie etwas kosten. Es muss nicht billig sein. Deshalb geben sie sich auch nicht mit billigen, schnellen, schlechten … Lösungen zufrieden. Ich bin wieder und wieder auf Mitarbeiter gestoßen, die sehr leidenschaftlich, begeistert, bescheiden, hingegeben, fleißig … sind und auf sehr viel verzichten, um diesem Auftrag nachzukommen. Was ich als Opfer wahrnehme, empfinden sie als ein Privileg. Es ist für sie ein Vorrecht, Teil einer solchen Gemeinschaft mit Dynamik zu sein, durch die Gott in ihrem Umfeld handelt.

Begeistert

Ihre Begeisterung ist ansteckend. Ermutigend. Inspirierend. Sie sind begeistert von Jesus Christus. Der Auftrag, dem sie folgen, ist christuszentriert. Und er ist der Welt zugewandt. Sie fühlen sich im Sinne von Johannes 20,21 gesandt. Sie sind beGEISTert. Die Frage nach dem Heiligen Geist ist keine Frage: Es geht nicht ohne sein Wirken! Charismatische u. pfingstliche Privilegien sind überholt. Man kann nur noch Formen unterscheiden, also Stile. Der Inhalt ist eindeutig und immer gleich: Der Heilige Geist wirkt! Gaben sind aktiv. Vollmacht ist da. Das steckt an, begeistert.

Kernteam

Und diese Begeisterung ist im Kernteam der Gemeinden anzutreffen. „Feurige Kohlen, die zusammen liegen und eine enorme Hitze miteinander haben!“ ist das Bild, an das ich oft denken muss! Die Leiter sind zusammen unterwegs. Begeistert über die Gaben der anderen, wie Gott sie eben geschenkt hat. Neidlos sich mitfreuen, dankbar sein für die Menschen, die Gott als Gaben der Gemeinschaft schenkt. Sie feiern einander, fördern einander, stecken sich gegenseitig an und stehen loyal zueinander. Diese Leiter sind nicht allein unterwegs, sondern zusammen. Wertschätzung, Unterstützung, Zusammenarbeit und Gebet füreinander prägt diese Kultur. Das ist so ansteckend. Und diese Wertschätzung dringt nach außen. Sie reden so gut voneinander, sind begeistert übereinander. O.k. wir ziehen 40% ab um den „Kulturunterschied“ zu bereinigen. Amerikaner sind offener, begeisterungsfähiger, ermutigender … Was aber noch an den 60% bleibt ist echt, angenehm und inspirierend. Ich habe häufiger Lust zu bleiben und in so ein Team einzusteigen …

Fazit

Eine Gemeinde ohne ein klares Bewusstsein für ihren Auftrag und eine leidenschaftliche Hingabe treffe ich unter den wachsenden, anziehenden Gemeinden, nicht an. In dem Gemeindekern der Verantwortlichen pulsiert dieses Leben und wird von ihnen modelliert. Eine dynamische, relevante Gemeinde ohne eine klare Mission in der Dynamik des Heiligen Geistes? Ich kann mir das jetzt noch weniger vorstellen als zuvor.

2. MOMENTUM

Momentum. Das heißt Schwung, Bewegung. Auch das bleibt mir nicht verborgen. Diese Gemeinden haben Schwung. Dynamik. Dabei „eine Leichte“. Eben Momentum. Dieser Begriff kommt mir immer wieder auf der Reise. Die Gottesdienste sind von diesem Momentum geprägt. Oft denke ich spontan: „Da geht was. Da ist was.“ Der Heilige Geist wirkt spürbar. In den persönlichen Gesprächen mit Mitarbeitern und Leitern wird schnell klar: Die sind nicht nur begeistert, die sind bewegt. Sie bewegen sich und bewegen etwas. Gott gebraucht sie. Sie haben Hoffnung, Mut, Vertrauen. Sie haben ein Konsumleben in den Hintergrund gestellt, ihre Prios neu geregelt und packen praktisch und dienend an. Ich muss an die Beschreibung des Paulus denken in der er klärt, warum er sich so reinhängt (Philipper 3,12): Er ergreift, weil er ergriffen ist! Sie sind gemeinschaftlich ergriffen, in Bewegung, haben Schwung! Die Atmosphäre in den Gottesdiensten ist davon geprägt!

Eine Auswirkung …

Der „ergriffene“ Kern von Leitern und Mitarbeitern, von dem ich im ersten Punkt berichte, gebraucht Gott für die ganze Gemeinde. Man kann sich kaum entziehen. In einer Gemeinde höre ich von einem vielfachen Immobilien-Millionär, der bei ihnen Christus gefunden hat. Er ist ergriffen von Christus und der Berufung der Gemeinde, dass er sein Leben umstellt und dient. Sein Job? Toiletten putzen und den Raum klar machen, damit die vier Gottesdienste am Sonntag auch von dieser Seite aus gut vorbereitet werden. Er hat seine Wochenenden neu organisiert, so dass er ganz oft da sein kann und nutzt seine Gabe ein Team zu bilden und Leute zu gewinnen, die mit ihm diesen Dienst tun. Das steckt andere an und stellt die üblichen Werte auf den Kopf. Sie sind in Bewegung!

Mitgerissen werden …

Dieses Momentum in den Kirchen ist faszinierend. Es macht einfach Spaß da zu sein, die Gemeinschaft mitzuerleben und mitzuhelfen, dass Gottes Plan vorankommt. Ich erlebe Energie, Begeisterung, Anziehung. Wie ein Magnet wirkt das. Wieder denke ich: Ein Teil so einer Bewegung will ich sein. Dafür möchte ich den Rest meines Lebens geben. Im letzten Gottesdienst meiner USA Reise besuche ich noch die legendäre Willow Gemeinde. Ein Taufsonntag. 80 Leute wollen sich in der Taufe zu Jesus und der Gemeinde stellen. Ein guter Lobpreis, aber nicht herausragend. Bill Hybels predigt. Es ist o.k., die Predigt habe ich auch schon ein paar mal von ihm gehört. Wie oft wohl die Gemeinde? Dann macht er einen Aufruf zum Glauben. Wer sein Leben Jesus geben will, soll an die Bühne zum Kreuz kommen. Pastoren warten und helfen … Die Leute beginnen zu strömen. Ich kann es nicht wirklich verstehen was hier passiert. Bill wird mutiger: „Wer den Ruf von Jesus verstanden hat soll sich direkt auch taufen lassen. „Deine Eltern meinten es vielleicht gut mit dir und haben dich versucht in der Kindertaufe zu Gott zu bringen! Du musst diese Entscheidung aber selbst treffen, selbst zu Jesus kommen. Wenn du ihm den ersten Schritt der Nachfolge verweigerst, wie willst du dann ein echter Nachfolger werden?“ hören wir ihn sagen. Die Leute kommen. Immer mehr kommen. Sie lassen sich taufen, beten, weinen, beten an, sind erstaunt. Bill Hybels: „Das haben wir in der Geschichte von Willow so noch nicht erlebt!“ Über 230 Leute lassen sich an diesem Morgen taufen. Viele stehen am Kreuz. Beten, sprechen, weinen … Gott ist da. Momentum. Mein Herz brennt!

Fazit

Dynamische, relevante, in der westlichen Welt wachsende Gemeinden sind bewegt. Durch Christus und seinen Geist. Sie haben deshalb Momentum. Es beginnt mit Menschen, die bewegt werden. Die von Christus ergriffen sind. Und daher den Auftrag mit Leidenschaft und Hingabe leben. Als Team, ermutigt, miteinander, füreinander, für andere …

Nächster Teil: Was für Leiter sind in relevanten Gemeinden zu treffen?

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