Beziehungen, Sex … Was unseren Glauben HEUTE herausfordert (Teil 4)

Tim Keller erwähnte vor einiger Zeit, dass der große Gegner des christlichen Glaubens nicht mehr die Frage nach der Wahrheit oder der anderen Religionen ist, sondern die Frage der Beziehungsethik.

UNSERE FRAGE: Sind die Aussagen des Paulus im Neuen Testament zu Ehe, Familie und Sexualität zeitbedingt zu verstehen, haben daher heute keine Gültigkeit mehr und müssen in unserer Zeit neu geklärt werden? Oder waren seine Punkte auch im 1. Jh eine radikale Neuorientierung innerhalb der Ethik der griechisch-römischen Welt, die die junge Gemeinde als Kontrastgesellschaft positionierte? Sollen Christen auch in unserer Zeit eine begründete alternative Beziehungs- und Sexualethik aufgrund der neutestamentlichen Perspektive wählen, die sie zu einer herausfordernden alternativen Ethik mitten in unserer Kultur bringt?

Das war der Anlass dieser vierteiligen Artikelserie, die mit diesem Teil abgeschlossen wird. Wer den Text aller vier Teile zusammenhängend lesen möchte, kann ihn hier als PDF Datei laden. Teil 3 kann hier aufgerufen werden.
 
 

5.1      Die Haustafel in Bezug auf die Ehe

5.1.1      Unterordnung

„Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus!“[1] Die gegenseitige Unterordnung wird zum Leitsatz der Haustafel erklärt. Das ist ein Paukenschlag gegenüber der antiken Variante, in der sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Als Motiv der gegenseitigen Unterordnung nennt Paulus die „Ehrfurcht vor Christus“: Das ist der christozentrische Ansatz: Durch Christus sind alle gleichgestellt![2]

Das Prinzip der gegenseitigen Unterordnung gilt allen, die in der Haustafel angesprochen werden. „Daß alle Glieder eines „Hauses“ angesprochen werden können, setzt christliche Gemeindeversammlungen voraus, wo alle anwesend sind.“[3]

5.1.2      Christus – Gemeinde

Paulus fordert dazu auf, das Vorbild für die christliche Ehe im Verhältnis von Christus und seiner Gemeinde zu sehen. Die Frau wird mit der Gemeinde verglichen, der Mann mit Christus. Und er kehrt in seiner Haustafel zur Schöpfungsordnung[4] zurück. Gottes ursprüngliche Idee für Mann und Frau soll bestimmend sein. Und mehr noch: Erstmals in einem Text des Alten und Neuen Testamentes wird diese Schöpfungsordnung als ein geistliches Geheimnis auf Christus und die Gemeinde gedeutet. Damit eröffnet er einen majestätischen Horizont und gibt der Idee der Ehe eine tiefere Bedeutung, wie sie nicht gekannt ist.[5] Schnackenburg schreibt dazu: „Die Ehe, der Normalfall und zugleich Exemplarfall engsten Zusammenlebens von Christen, bietet sich besonders an, um christliches Leben nach dem Willen und der Weisung des Herrn im Licht des Mysteriums von Christus und Kirche darzustellen.“[6] Mit gewaltigen Inhalten tritt Paulus in den interkulturellen Diskurs, nicht mit äußeren Formen!

5.1.3      An die Frauen

Die ermahnende Ansprache der Haustafel an die Frauen fällt deutlich kürzer aus als die an die Männer. Das ist bemerkenswert. Es geht um die Unterordnung.

5.1.3.1     Konkrete Ermahnung an die Ehefrauen

„Die Frauen den eigenen Männern als dem Herrn!“[7] Vergleichbare Mahnungen im Neuen Testament[8] verdeutlichen, dass es dabei um Demut, um ein einander zuvorkommendes Verhalten geht, meint Schnackenburg[9]. Nicht als Gesetz, sondern als Haltung, die Christus im Nachfolger bewirkt, durch seinen Geist. Eine Haltung, die aus der Liebe kommt[10], sich dem Nächsten zuwendet und in Demut sichtbar wird. Wie sonst hätten Frauen in der Gemeinde jetzt diese erneute Aufforderung zur Unterordnung annehmen können, ohne wieder an ihre kulturellen Zwänge erinnert zu werden? Und wie hätten sie einen Lebensstil im römischen Reich leben können, der sie auf der einen Seite ganz zur Gleichwertigkeit befreit und dennoch das Evangelium für ihren Kontext fassbar macht, was ja – wie gesagt – auch Anliegen der Haustafel ist. Paulus knüpft damit an der Gesellschaftsauffassung an, die dem Mann den ersten Platz vorbehält, schreibt Schnackenburg.[11] Der Unterschied liegt in der Gesinnung. Jesus ist das Beispiel. Der frühe Christushymnus aus Philipper 2,2-5 wird jetzt auf die Ehe von Christen im griechisch-römischen Alltag kontextualisiert. Christozentrisch!

Ist diese erneute Aufforderung zur Unterordnung unter den Mann für die christliche Ehefrau, nachdem sie vom Evangelium befreit ist, ein Problem? Oder ein Rückschritt von der neuen Freiheit? Wo findet die christliche Ehefrau das Vertrauen, um diesen Schritt zu wagen? Durch Christus! Paulus schreibt: als dem Herrn! Und durch eine neue Gesinnung des Ehemannes!

5.1.4      An die Männer

Die Männer haben bisher die Rolle als kyrios (Herr)! Kyrios ist jetzt allein der Christus, und das in der Gesinnung des doulos (Diener)![12] Sie sollen sich ihren Frauen hingaben, wie Christus es für die Gemeinde getan hat. Durch Christus lernt er seine Rolle als Ehemann.

5.1.4.1     Konkrete Ermahnung an die Ehemänner

„Ihr Männer, liebt eure Frauen!“[13] „Liebe war in der Antike kein gängiger Ausdruck, um das Verhältnis zwischen Ehepartnern zu beschreiben (obwohl es viele Zeugnisse für Liebe zwischen Ehegatten gibt!)“[14] schreibt Lutz. Er meint, dass Paulus die Aufforderung zur Liebe dann christologisch überhöht und in unserer Kulturgeschichte erst im 19. Jh. diese Form der Liebe gilt. Aber gerade sein Verweis auf die Schöpfungsordnung lässt mich zu einer anderen Überzeugung kommen. Diese Liebe zwischen Ehepartnern entspricht dem ursprünglichen Plan Gottes, zu dem Paulus die Männer zurückführt. Die Messlatte liegt hoch: „… wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat …“[15] Doch das entspricht dem allgemeinen neuen Liebesgebot, das Jesus seinen Jüngern gegeben hat. Die Steigerung[16] zu „und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“[17] in der Tora! Damit ist klar, dass es nicht um eine Überhöhung geht, sondern um die neue Gemeinschaft in Christus, auf der Grundlage der Schöpfungsordnung. Diese Selbsthingabe aus Liebe konstituiert die christliche Gemeinde! Paulus zeigt, dass die Ehe nun vollständig darin einbezogen ist. Deshalb muss Ehe geisterfüllt sein, wenn sie christliche Ehe ist! Die geforderte Liebe ist die Agape[18], die selbstlose und wertschaffende Liebe. Sie kommt durch den Heiligen Geist in das Leben des Christen, der sie in das Herz des Glaubenden ausgießt.[19] Die Ethik des Paulus für die Ehe unterscheidet sich von der gängigen Ethik der griechisch-römischen Kultur durch das Motiv, die Gesinnung und die Kraft, in der sie gelebt wird.

Auch wenn die Argumentation in den Versen 25 – 32 etwas unübersichtlich[20] und kompliziert[21] ist, führt sie schließlich zu einem klaren Fazit in Vers 33: Der Ehemann soll seine Frau lieben, wie Christus die Gemeinde liebt. Und die Ehefrau soll ihrem Ehemann mit Ehrfurcht begegnen. Beide leben elementare christliche Werte miteinander in der Ehe. Die christozentrische, geisterfüllte und respektvoll dienende Ehe ist die Erfüllung der ursprünglichen Idee der Schöpfung und das Geheimnis, das uns mit der Zukunft verbindet, in Christus und seiner Gemeinde. Damit bekommt die Ehe einen kaum zu fassenden, hohen Stellenwert vor Gott, der Gemeinde und der Welt.

5.1.5      Sexualethik

Die Sexualethik für die Christen der jungen Gemeinde entnimmt Paulus ebenfalls der Schöpfungsordnung (Vers 31): Ein Mann, eine Frau, die ihre Eltern verlassen und „ein Fleisch“ werden. Nicht das leibfeindliche Bild der Antike oder die Sichtweise der umgebenden Kultur prägen die Werte der jungen Gemeinde, sondern die ursprüngliche Idee Gottes. Der Mann, der nun als Christ lebt, kann nicht über den Körper der Frau als seinen Besitz bestimmen (vgl. 1. Kor. 7,3-5), wie es das Gesetz das vorsieht. Noch kann er die laxe Sexualmoral der Griechen übernehmen. Im Sex soll der Christ ein Geheimnis Gottes erfahren und widerspiegeln (Vers 32). „Die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau ist wie ein Finger, der auf die Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn zeigt. Sie ist eine Widerspiegelung der freudigen Selbsthingabe und Liebe, die das Wesen Gottes ausmacht.“ schreibt Tim Keller in Ehe. [22] Das ist die neue Qualität und geistliche Tiefe, die Sexualität im Christentum aus der Schöpfungsordnung wiederentdeckt und christozentrisch versteht.

6      Fazit

Paulus tritt in die interkulturelle Herausforderung mit einer grundlegend erneuerten Dogmatik, die ihn zu einer klaren Ethik führt. Dafür lässt er seine Geschichte, Bildung und Zugehörigkeit ganz hinter sich.[22] Er denkt seinen Glauben und sein ganzes Leben neu[23] von Christus, durch Christus und auf Christus hin.[24] Er greift Strukturen, Gedanken und Begriffe der umgebenden Kultur auf und füllt sie mit provozierend neuen Perspektiven, Reihenfolgen und Gesinnungen, die sich alle an Christus orientieren. So kontextualisiert er die Botschaft des Evangeliums. Ob die Aufforderung zur Unterordnung der Frau unter den Mann ein Zugeständnis an die umgebende Kultur ist und die gegenseitige Unterordnung eine Weichenstellung für die Zukunft darstellt, muss im Rahmen dieser Artikelreihe offen bleiben. Es würde ihren Umfang sprengen. Als Christ des 21. Jh. bin ich auf jeden Fall aufgefordert, meine mich umgebende Kultur zu begreifen, ihre Bilder, Worte, Strukturen … mir fruchtbar zu machen und sie doch gleichzeitig radikal neu auszudeuten. Das wirft mich auf die dogmatische Frage, also die engagierte Arbeit an der Bibel mit Hilfe einer soliden Hermeneutik zurück.

6.1 Ursprung und Zukunft!

Frauen erhalten in der Rückbindung zur Schöpfungsordnung in der Ethik des Paulus einen deutlich würdevolleren Stand, als es seine Herkunftskultur im Judentum und die umgebende griechisch-römische Kultur sahen. Gemeinsam spiegeln Mann und Frau in ihrer Beziehung das Geheimnis der Zukunft wieder. Das hebt die Beziehung von Mann und Frau in der Ehe über alle kulturellen Gepflogenheiten und Bewertungen des Zeitgeistes. Gottes Geheimnis der Zukunft in Christus und die Gemeinde, kommt in der christlichen Ehe zum Ausdruck. Die Sexualität ist dabei tiefer Ausdruck der Einheit, die Christus mit seiner Gemeinde in Ewigkeit lebt. Diese geistliche Sicht der Sexualität ist eine Herausforderung in der damaligen, wie auch in unserer Zeit. Diese Glaubenssicht wird entscheidend, wie die Ehepraxis im Alltag wirklich gelebt wird. Paulus zeigt: Das christliche Ehemodell ist das Zukunftsmodell!

6.2 Geisterfüllte Ehe!

Dieses Geheimnis soll in jeder christlichen Ehe bestimmend sein! Beide Partner wissen um die hohe Berufung, lassen sich gerne in dieses Geheimnis einbinden und dabei, dass sie ihre Rolle nur als geisterfüllte Christen leben können.


[1] Epheser 5,21, Neue Genfer Übersetzung (NGÜ): Neues Testament. Genf: Deutsche Bibelgesellschaft/Genfer Bibelgesellschaft, 2009.

[2] Galater 3,28.

[3] “Bibliotheca Classica”, http://www.bibliotheca-classica.org, 304, (eingesehen am 22.01.2013).

[4] 1. Mose 2,18 + 24. Die Ehe mit einer Frau (Schöpfungsordnung) nimmt Paulus wieder als Norm für die Gemeinde, wie er es auch im Anforderungskatalog an Älteste »Mann einer (Zahlwort) Frau« voraussetzt. Vgl. 1. Timotheus 3,2. Der Auftrag einer gesellschaftlichen Erneuerung durch die christozentrische Gemeinde deutet sich darin an, die erst am Ende der Zeit erfüllt werden wird!

[5] Timothy Keller, The Meaning of Marriage, 45 – 49.

[6] Schnackenburg, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, EKK, Bd.10, Der Brief an die Epheser, 247.

[7] Epheser 5,22, Elberfelder Bibel 2006. Standardausgabe. R. Brockhaus, 2006.

[8] Römer 12,16; Philipper 2,3; Galater 6,2; 1. Petrus 5,5.

[9] Schnackenburg, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, EKK, Bd.10, Der Brief an die Epheser, 250.

[10] Vgl. 1. Korinther 13; Römer 5,5.

[11] Schnackenburg, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, EKK, Bd.10, Der Brief an die Epheser, 251.

[12] Matthäus 20,28, Johannes 13,13 – 17.

[13] Epheser 5,25, Elberfelder Bibel 2006. Standardausgabe. R. Brockhaus, 2006.

[14] “Bibliotheca Classica”, http://www.bibliotheca-classica.org, 306, (eingesehen am 22.01.2013).

[15] Epheser 5,25, Elberfelder Bibel 2006. Standardausgabe. R. Brockhaus, 2006.

[16] 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. 35 Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Johannes 13,34-35, Elberfelder Bibel 2006. Standardausgabe. R. Brockhaus, 2006.

[17] 3. Mose 19,18, Elberfelder Bibel 2006. Standardausgabe. R. Brockhaus, 2006.

[18] „Agape muß nicht im Gegensatz zu Eros stehen, schließt auch freundschaftliche Bindung ein (Philia), aber übertrifft alle sonstige Liebe in der auf das Wohl des andern bedachten, das eigene Ich zurückstellenden Art, in Selbstaufopferung und Fürsorge für den anderen.“ Vgl. ThWNT I, 34- 35 zit. in Schnackenburg, Epheser, 254.

[19] Römer 5,5.

[20] Paulus will die geistliche Bedeutung der Ehe unterstreichen, die asketische Abwertung der Ehe wehren und einer Höherbewertung der Ehelosigkeit entgegentreten, der er ja selbst im Korinther brief das Wort redet. Ehelosigkeit als Charisma ausdrücklich herausgestellt, was für die Ehe nicht in Anspruch genommen werden kann. Sie bekommt ihre besondere Würdigung und Stellung von der Schöpfungsordnung. Vgl. “Bibliotheca Classica,” http://www.bibliotheca-classica.org, 311.

[21] “Bibliotheca Classica”, http://www.bibliotheca-classica.org, 311, (eingesehen am 22.01.2013).

[22] Timothy Keller, Ehe – Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens, Gießen, 2013, 241.

[23] Philipper 3,7-8.

[24] Römer 12,2.

[25] Philipper 1,21.

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