Leiter brauchen Ermutigung

Rückblick aus einer neuen Lebensperspektive

Winding dirt path through countryside fields at sunset with trees and distant village
KI Bild – ein Weg ins Abendrot

Seit Heike bei Jesus ist, denke ich oft über unseren gemeinsamen Weg nach. Unsere Erinnerungen an unseren Weg begleiten mich. Manche verblassen aber auch, andere gewinnen an Tiefe. Vieles, was wir damals einfach gelebt haben, verstehe ich heute besser. Vielleicht braucht ein Mensch den Abstand vieler Jahre, um das eigene Leben richtig einordnen zu können. Ich werde es entdecken.

Wenn ich zurückblicke, denke ich nicht zuerst an die Orte, an denen wir gelebt haben. Ich sehe Menschen vor mir. Gesichter. Geschichten. Gemeinden, die wir über viele Jahre begleiten durften. Altensteig, Oldenburg, Regensburg, Esslingen am Neckar, Gifhorn und Mannheim – jede Gemeinde hatte ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Herausforderungen und ihre eigenen Wunder. Es war ein großes Vorrecht, Menschen in ihren Begabungen zu entdecken, sie zu fördern und mitzuerleben, wie sie ihre Berufung fanden. Es gibt kaum etwas Schöneres, als zu sehen, wie Menschen wachsen und anfangen, andere mit ihrer Leidenschaft anzustecken.

Wer Gemeindeerneuerung begleitet, erlebt allerdings nicht nur diese schönen Momente. Er erlebt vor allem den langen Weg dorthin. Erneuerung beginnt selten mit Begeisterung. Meist beginnt sie mit Zuhören. Mit Gebet. Mit langen Gesprächen. Mit Vertrauen, das langsam wächst. Mit vielen kleinen Entscheidungen, die niemand bemerkt und die doch den Boden bereiten, auf dem später neues Leben entstehen kann.

Von außen sieht man irgendwann eine lebendige Gemeinde. Man erlebt motivierte Mitarbeiter, Hoffnung, Aufbruch und neue Dynamik. Was kaum jemand sieht, sind die Jahre davor. Die vielen Stunden des Gebets. Die Gespräche bis spät in den Abend. Die Widerstände. Die Rückschläge. Das geduldige Ringen um eine gemeinsame Vision. Das Entdecken und Fördern von Menschen. Das Werben um Vertrauen. Gemeindeerneuerung entsteht nicht auf einer Bühne. Sie wächst im Verborgenen.

Gerade dann, wenn all das beginnt, Frucht zu tragen, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und eine Gemeinde ihre eigene Dynamik entwickelt, kam für uns häufig der nächste Ruf Gottes. Von außen war das schwer zu verstehen. Auch gute Freunde fragten uns: „Warum geht ihr gerade jetzt? Jetzt beginnt doch alles zu laufen. Jetzt könntet ihr endlich ernten.“

Diese Frage hat mich lange begleitet.

Wenn andere ernten

Natürlich hätte ich manches gern weiter begleitet. Natürlich hätte ich mich gefreut zu sehen, wie sich Menschen weiter entwickeln, in die wir über Jahre investiert hatten. Wer würde das nicht? Und doch wurde mir mit den Jahren klar, dass Gott uns offenbar eine andere Aufgabe anvertraut hatte.

Ich habe dafür einmal ein Bild gefunden, das mich bis heute begleitet. Vielleicht bestand unsere Berufung darin, Bühnen zu bauen, auf denen später andere ihren Dienst tun würden. Oder anders gesagt: Viele Früchte unseres Lebens wachsen auf den Bäumen anderer Menschen. Manchmal habe ich – ehrlich gesagt – diesen Gedanken als Verlust empfunden. Heute empfinde ich ihn als Freiheit. Im Reich Gottes geht es nicht darum, wer die Ernte einfährt. Es geht darum, dass Gottes Reich wächst. Einer pflanzt, ein anderer begießt, ein dritter darf ernten. Entscheidend ist nicht, wem die Frucht zugerechnet wird. Entscheidend ist, dass sie wächst.

Der Preis des Neuanfangs

Der Preis dieses Weges bestand allerdings nicht nur darin, immer wieder loszulassen. Er begann oft gerade dort, wo andere ihn gar nicht wahrnahmen.

Jeder Wechsel bedeutete einen Neuanfang. Unsere Abschiede waren selten schmerzhaft, weil etwas zerbrochen wäre. Im Gegenteil. Wir durften Gemeinden verlassen, in denen wir geliebt wurden und Freunde gefunden hatten. Gerade deshalb fiel das Loslassen schwer. Doch der eigentliche Preis begann erst am neuen Ort.

Dort waren wir wieder die neue Pastorenfamilie.

Niemand kannte unsere Geschichte. Niemand wusste, welche Wege bereits hinter uns lagen. Niemand ahnte, wie viele Gespräche, wie viel Gebet, wie viele Kämpfe und wie viel Hoffen unser Leben bereits geprägt hatten. Das war auch ganz normal. Vertrauen lässt sich nicht in Umzugskartons verpacken. Es wächst nur dort, wo Menschen Zeit miteinander verbringen. Beziehungen brauchen Geduld. Freundschaften entstehen nicht durch ein erstes Kennenlernen, sondern durch gemeinsam gelebtes Leben.

Diese Neuanfänge betrafen nie nur uns beide. Sie betrafen unsere ganze Familie. Deshalb haben wir unsere Kinder, sobald sie alt genug waren, bewusst in unsere Entscheidungen einbezogen. Wir wollten nie, dass sie den Eindruck hatten, sie müssten einfach den Weg ihrer Eltern mitgehen. Wenn Gott eine Familie ruft, dann muss dieser Ruf auch bei den Kindern ankommen. Darauf haben wir vertraut.

Berufung hat immer auch eine ganz praktische Seite. Darüber wird oft wenig gesprochen. Umzüge kosten Kraft. Sie kosten Geld. Sie kosten Beziehungen. Sie kosten Vertrautheit. Irgendwann las ich den Satz: „Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt.“ Ich musste schmunzeln und wusste doch sofort, wie viel Wahrheit darin steckt. Über die Jahre haben unsere vielen Umzüge uns wirtschaftlich viele zehntausend Euro gekostet. Noch schwerer wog allerdings die innere Anstrengung. Ein Umzug gehört zu den größten Belastungen, die Menschen erleben können. Genau das haben wir erfahren. Nicht einmal, sondern immer wieder.

Wir waren einander Heimat

Und dennoch würde ich unseren Weg nicht als Opfergeschichte erzählen.

Er war anstrengend.

Er war teuer.

Er war manchmal mühsam.

Vor allem aber war er reich.

Reich an Menschen. Reich an Begegnungen. Reich an Erfahrungen mit Gottes Treue.

Heute wird mir bewusst, dass diese Berufung nie nur mein Weg gewesen ist. Sie war unser gemeinsamer Weg. Heike war nie einfach die Frau an meiner Seite. Sie war Mitberufene. Wir haben gemeinsam gebetet, gemeinsam geleitet, gemeinsam gerungen, gemeinsam Entscheidungen getroffen und gemeinsam getragen, was diese Entscheidungen für unser Leben bedeuteten. Damals erschien uns das selbstverständlich. Erst heute verstehe ich, wie sehr dieses kleine Wort – wir – unser Leben geprägt hat.

Wir. Wir waren einander Heimat.

Heimat war für uns nie zuerst ein Ort. Nicht Altensteig. Nicht Oldenburg. Nicht Regensburg. Nicht Esslingen. Nicht Gifhorn. Nicht Mannheim. Heimat war dort, wo wir gemeinsam waren. Vielleicht konnten wir deshalb so oft neu anfangen. Nicht, weil uns Abschiede leicht gefallen wären, sondern weil wir das Eigentliche immer mitnahmen.

Seit Heike bei Jesus ist, hat dieses Wort einen anderen Klang bekommen. Wir hatten unsere Zukunft immer gemeinsam gedacht. Dass einer von uns den anderen früher zurücklassen würde, gehörte nie zu unseren Vorstellungen. Heute fühlt sich manches tatsächlich heimatlos an. Die Zwischenzeit ist anstrengend. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Nach ihrem Tod habe ich mich oft gefragt, ob ich diesen Weg noch einmal gehen würde.

Mit Heike? – Jederzeit.

Allein? – Eher nicht.

Nicht, weil ich Gottes Führung infrage stelle. Sondern weil ich heute besser weiß als damals, was dieser Weg gekostet hat. Damals sahen wir vor allem den Auftrag. Heute sehe ich auch die Last, die wir gemeinsam getragen haben. Beides gehört zur Wahrheit.

Empfehlen würden wir diesen Weg als Standardoption niemandem.

Nicht deshalb, weil Gott nicht treu gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Sondern weil Berufung ihren Preis hat. Wer nur von ihrer Schönheit erzählt, erzählt nicht die ganze Wahrheit. Wer aber nur vom Preis spricht, ebenso wenig.

War Jesus diesen Weg wert?

Deshalb ist die entscheidende Frage für mich heute auch nicht mehr, ob es sich gelohnt hat. Diese Frage stellt mich selbst in den Mittelpunkt. Die eigentliche Frage lautet: War Jesus diesen Weg wert? War dieser Weg unser Weg, unsere Berufung?

Darauf fällt mir die Antwort leicht.

Ja.

Nicht, weil alles leicht gewesen wäre. Nicht, weil wir alles richtig gemacht hätten. Nicht, weil wir nie müde geworden wären. Sondern weil wir ihn als treu erlebt haben.

Der Satz des Paulus aus Römer 8 begleitet mich seit vielen Jahren: 

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ 

Als junger Pastor war das für mich eine Hoffnung auf die Zukunft. Heute ist dieser Vers zugleich ein Schlüssel, die Vergangenheit zu verstehen. Ich sehe zurück und erkenne, dass Gott keinen einzigen Schritt vergessen hat. Keinen Umzug. Kein Gebet. Kein Gespräch. Keine Enttäuschung. Kein Loslassen. Alles hat seinen Platz in seiner Geschichte mit uns.

Ich weiß nicht, was die nächsten Jahre bringen werden. Vier Jahre trennen mich noch vom offiziellen Ruhestand, doch ich hoffe, dass Gott mit seiner Berufung für mich, die anders sein wird, keinen Ruhestand kennt. Ich weiß auch nicht, wo ich einmal leben werde. Da taucht der Heimatgedanke wieder auf – Heimat mit Heike, die nicht mehr ist. Meine wirkliche Heimat ist bei Jesus, das ist klar. Und doch soll auch hier ein Ort, eine Berufung, Menschen sein, die ein Wegweiser für die finale Heimat sind. Ich habe in all den Jahren eines gelernt: Gott geht voraus. Oft habe ich seine Führung erst im Rückblick erkannt. Doch sie war immer da.

Deshalb möchte ich einfach verfügbar bleiben.

Nicht für meine Pläne.

Sondern für seine.

Das genügt mir.


Die Story und Einsichten aus unserem Weg der Gemeindeerneuerung haben wir in diesem eBook aufgeschrieben. (Klick auf das Cover)

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