Perspektiven eines Witwers

In diesen Tagen habe ich gelesen, dass sich Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer nach mehr als 15 gemeinsamen Jahren getrennt haben. Eigentlich eine dieser Prominentennachrichten, die man kurz zur Kenntnis nimmt und dann weiterblättert. Bei ihrer gemeinsamen Erklärung bin ich allerdings hängen geblieben.

Die beiden schreiben: „Unsere Tätigkeiten als Schauspielerin und Produzentin beziehungsweise als Investor beanspruchen uns zeitlich sehr und verlangen unsere Anwesenheit an vielen Orten der Welt, weit weg von Zuhause.“ Und dann folgt der Satz: „Mit der Zeit ist aus unserer Liebe eine tiefe, vertrauensvolle Freundschaft entstanden.“

Ich kenne die beiden nicht und weiß nichts über das Innenleben ihrer Ehe. Deshalb möchte ich auch nicht darüber urteilen, warum diese Beziehung am Ende nicht gehalten hat. Aber sie selbst stellen in ihrer Erklärung einen Zusammenhang her: Auf der einen Seite ein beruflich außerordentlich erfolgreiches Leben, das viel Zeit fordert und sie an viele Orte der Welt führt. Auf der anderen Seite die Erfahrung, dass aus ihrer Liebe mit der Zeit etwas anderes geworden ist.

Das hat mich bewegt. Vielleicht auch, weil die Erklärung so nüchtern klingt. Wollten sie das eigentlich so? Sicher nicht. Wahrscheinlich hat keiner irgendwann entschieden: Der berufliche Erfolg ist mir wichtiger als unsere Liebe. So funktioniert das Leben meistens nicht. Wir treffen viele einzelne Entscheidungen, die vernünftig, reizvoll oder notwendig erscheinen. Erst im Rückblick erkennen wir manchmal, was sie in ihrer Summe mit unserem Leben gemacht haben.

Und damit bin ich bei einer Frage, die mich seit einiger Zeit ohnehin sehr beschäftigt: Was ist welchen Preis wert?

Der Blick zurück verändert manches

Vielleicht beschäftigt mich diese Frage auch deshalb so sehr, weil ich durch den Abschied von Heike gezwungen bin, manches in meinem eigenen Leben noch einmal anzuschauen.

Im Januar ist sie nach über 40 Ehejahren heimgegangen. Seit August 2025 war sie im Hospiz, und so lebe ich inzwischen schon seit mehr als einem Jahr im Grunde allein. Den Verlust von Heike selbst habe ich in der Zwischenzeit annehmen können, auch wenn sie mir sehr fehlt. Schwieriger finde ich im Moment fast den Verlust unseres gemeinsamen Lebens. Dieser tiefe Austausch von Herz zu Herz, das selbstverständliche Teilen des Alltags, gemeinsam auf Dinge schauen, lachen, überlegen, Pläne machen. Das ist gerade eine meiner großen Baustellen.

Ich weiß nicht, ob und wie ich das alles auf Dauer packe. Oder ob ich grundlegend noch einmal Weichen für mein Leben stellen muss. Ich habe aber Heike versprochen, im ersten Jahr nach ihrem Heimgang das nicht zu tun. Also die Fragen jetzt nicht angehe, wie z.B.: Was ich mit meinem Leben grundsätzlich noch machen möchte? Wo ich lebe will? Ob ich mich jetzt beruflich neu orientieren werde, da ja der Berufsweg immer unser gemeinsamer Berufungsweg war … usw. Das alles ist ja noch einmal ein anderes Thema.

Zurückgeschaut haben Heike und ich eigentlich schon immer gerne. Das gehörte zu uns. Wir konnten ziemlich tief miteinander reden, manchmal sehr grundsätzlich, und genauso gehörten Humor, Begeisterung und eine gewisse Gelassenheit dazu. Immer wieder haben wir unser Leben miteinander angeschaut: Wo stehen wir eigentlich? Was ist uns wichtig geworden? Was wollen wir noch? Und was vielleicht auch nicht mehr?

In den acht Monaten zwischen ihrer Diagnose und ihrem Tod bekamen solche Gespräche natürlich noch einmal ein anderes Gewicht. Im Podcast „Durch Dick und Dünn“ habe ich einiges davon erzählt. Eine Frage war dabei immer wieder: Was war welchen Preis wert? Was würden wir noch einmal genauso machen? Wo würden wir heute anders entscheiden? Wofür haben wir zu viel Kraft eingesetzt? Was erschien uns einmal unglaublich wichtig und ist im Rückblick erstaunlich klein geworden? Und was hätten wir gerne noch stärker gepflegt?

Rechtzeitig die Kurve bekommen

Unsere ersten Ehejahre waren durchaus nicht nur romantisch. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Jeder von uns wollte seine Berufung und seinen Weg mit voller Kraft gehen. Bis wir wirklich unseren gemeinsamen Weg gefunden hatten, hat es gedauert. Aber irgendwann haben wir etwas verstanden, das für unsere Ehe enorm wichtig wurde: Wir wollten nicht gegeneinander oder nebeneinander erfolgreich sein. Wir wollten, dass der andere aufblüht. Den Erfolg des anderen feiern, wirklich für ihn sein, zu ihm stehen – und auch seine Peinlichkeiten aushalten. Das wurde uns kostbar.

Im Rückblick empfinde ich es als eines der großen Geschenke unseres Lebens, dass wir bei manchen Dingen früh genug die Kurve bekommen haben. Unsere Ehe ist dadurch über weite Strecken sehr reich geworden. Und trotzdem würde ich heute unglaublich viel darum geben, Heike noch einmal meine Zuneigung zeigen zu können. Sie noch einmal unterstützen, für sie sorgen, ihr sagen und sie vor allem erleben lassen, wie sehr ich sie liebe. Obwohl es viel davon gab, hätte es aus heutiger Sicht immer noch mehr sein dürfen.

Vielleicht ist das bei der Liebe einfach so. Wenn der gemeinsame Weg zu Ende gegangen ist, zieht man keine Bilanz und sagt: Das war jetzt eigentlich genug. Ich jedenfalls denke eher: Ach, hätte ich doch noch mehr davon geben können.

Am Ende konnten wir unsere Ehe sehr bewusst und voller Dankbarkeit in Gottes Hände zurückgeben. Wir konnten einander loslassen und freigeben für die unterschiedlichen Wege, die nun vor uns lagen. Das gehört für mich zu den kostbarsten Erfahrungen meines Lebens. Und wahrscheinlich schaue ich auch deshalb heute auf manche Dinge anders als früher.

Gewinn und Preis

Wir haben in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert, und vieles davon war gut und überfällig. Ich möchte nicht zurück zu einem Rollenbild, in dem selbstverständlich der Mann Karriere macht und die Frau ihm dafür zu Hause den Rücken freihält. Was wäre verloren gegangen, wenn Heike nicht ihr Potenzial hätte entfalten können – für sie, für mich, unsere Kids, die Gemeinden, Freunde … Nicht vorstellbar.

Aber genauso wenig möchte ich das heutige Modell einfach zum Ideal erklären: Beide starten beruflich voll durch, beide entwickeln ihre Karriere, beide verdienen möglichst gut – und das übrige Leben wird mit guten Supportsystemen organisiert. Das kann gut funktionieren. Und viele Familien brauchen schlicht zwei volle Einkommen, um ihr Leben finanzieren zu können.

Andere haben Spielräume. Und da finde ich die Fragen interessant. 100 oder 80 Prozent? Muss ich die nächste berufliche Chance unbedingt wahrnehmen? Brauchen wir tatsächlich noch mehr Einkommen? Wollen wir für einen bestimmten Lebensstandard beide so viel arbeiten? Ist mir die zusätzliche Verantwortung das wert, was sie an Zeit und innerer Aufmerksamkeit beansprucht?

Ich weiß darauf keine allgemeingültige Antwort und möchte auch niemandem eine geben. Mir fällt nur auf, dass wir bei solchen Entscheidungen ziemlich selbstverständlich fragen, was sie uns bringen. Die andere Seite der Rechnung übersehen wir leichter: Was kostet es uns?

Denn jede Entscheidung hat einen Preis. Mehr beruflicher Erfolg kann Zeit und Aufmerksamkeit kosten, weniger Arbeit Einkommen und berufliche Möglichkeiten. Kinder kosten Freiheit, Kraft und Geld und schenken dafür etwas völlig anderes. Ein bestimmter Lebensstandard kostet nicht nur Geld, sondern auch die Lebenszeit, in der wir es verdienen. Freundschaften, Gemeinde, eine Ehe – auch all das braucht etwas von unserer begrenzten Kraft.

Wir entscheiden uns also selten nur für etwas. Fast immer entscheiden wir damit zugleich, wofür weniger übrig bleibt. Das meine ich mit „Leben braucht Platz“: Zeit, Aufmerksamkeit, Kraft, innere Gegenwart. Unser Leben hat eine begrenzte Kapazität.

Die alte Frage nach der Weisheit

An diesem Punkt finde ich die Bibel wohltuend, weil sie uns keine fertigen Lebensmodelle liefert. Sie sagt mir nicht, ob 80 oder 100 Prozent richtig sind oder welchen Karriereschritt ich gehen sollte. Aber sie stellt Fragen, die helfen, solche Entscheidungen anders anzuschauen.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in Psalm 90,12. Früher fand ich den Satz eher schwer. Inzwischen empfinde ich ihn fast als freundlich. Die Begrenztheit unseres Lebens soll uns nicht bedrücken, sondern helfen, heute klüger damit umzugehen. Vielleicht ist Weisheit genau das: manches ein wenig früher zu verstehen, was man sonst erst im Rückblick erkennt.

Jesus erzählt von einem wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreichen Mann. Seine Ernte ist so groß, dass er größere Scheunen plant. Die Zukunft ist gesichert, er hat ausgesorgt. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Und trotzdem stimmt für Jesus etwas Grundsätzliches an seiner Rechnung nicht (Lk 12,16–21). Der Mann weiß sehr genau, was seine Ernte wert ist, und hat aus dem Blick verloren, was sein Leben wert ist.

Dazu passt die verstörend einfache Frage von Jesus: „Was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben einbüßt?“ (Mt 16,26). Gewinn und Preis – offenbar ist die Frage älter, als wir denken.

Wann ist eigentlich genug?

Unsere Zeit bietet uns ungeheuer viele Möglichkeiten. Ich mag das und genieße vieles davon selbst. Aber aus Möglichkeiten werden schnell Erwartungen. Wenn beruflich noch etwas geht, warum sollte ich es nicht machen? Wenn wir uns mehr leisten können, warum nicht? Wenn ich noch ein Projekt übernehmen kann, warum nicht?

Vielleicht muss aus einem „Ich könnte“ nicht immer ein „Ich sollte“ werden.

Paulus schreibt: „Die Gottseligkeit mit Genügsamkeit aber ist ein großer Gewinn“ (1Tim 6,6). Genügsamkeit klingt schnell nach Verzicht und kleinen Ansprüchen. Ich frage mich inzwischen, ob darin nicht vielmehr eine große Freiheit steckt: sagen zu können, es ist genug. Ich muss nicht jede Möglichkeit ausschöpfen, nicht alles besitzen, was ich bezahlen könnte, und beruflich nicht alles erreichen, wozu ich vielleicht in der Lage wäre. Ich kann einen Teil meiner Kraft und Aufmerksamkeit bewusst für Menschen und Dinge freihalten, deren Wert sich nicht so leicht messen lässt.

Denn Leben braucht Platz. Liebe braucht ihn, eine Ehe sowieso. Kinder brauchen nicht nur Betreuung und gute Angebote, sondern Menschen, die auch innerlich anwesend sind. Freundschaften brauchen Zeit. Unsere Seele braucht Zeiten, in denen sie nicht funktionieren muss. Der Glaube braucht Raum. Und manchmal braucht ein Mensch, den ich liebe, meine Aufmerksamkeit ausgerechnet dann, wenn sie überhaupt nicht in meinen Kalender passt.

Vielleicht ist ein vollkommen ausgelastetes Leben deshalb nicht automatisch ein reiches Leben.

Mit den Augen des Rückblicks

Ich merke, dass ich mir heute Fragen stelle, die ich gerne auch früher immer wieder gestellt hätte. Was bekommt gerade das Beste von mir und was nur noch das, was übrig bleibt? Wofür bezahle ich mit Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit, ohne bewusst entschieden zu haben, dass es mir diesen Preis wert ist? Was erscheint mir heute ungeheuer wichtig und könnte im Rückblick erstaunlich klein werden? Und was behandle ich gerade eher beiläufig, obwohl ich eines Tages vielleicht denken werde: Das war doch ein wesentlicher Teil meines Lebens.

Ich habe darauf keine fertigen Antworten. Die Antworten verändern sich wahrscheinlich auch in unterschiedlichen Lebensphasen. Aber nach allem, was Heike und ich miteinander erlebt haben und was ich jetzt ohne sie noch einmal neu anschaue, glaube ich stärker als früher, dass es sich lohnt, solche Fragen nicht erst ganz am Ende zu stellen.

Wir können unser Leben nur nach vorne leben. Weisheit könnte darin bestehen, gelegentlich schon heute mit den Augen des Rückblicks daraufzuschauen. Manches verspricht uns einen Gewinn, der rückblickend gar nicht so groß war, während der Preis höher ausfiel, als wir damals dachten. Und manches, was zunächst wie Verzicht aussieht, erweist sich später vielleicht als großer Gewinn.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Heike und ich bei einigen Dingen rechtzeitig die Kurve bekommen haben. Und gleichzeitig weiß ich heute: Von dem, was wirklich kostbar war, hätte ich gerne noch mehr gehabt und noch mehr gegeben.

Vielleicht ist genau deshalb „Leben braucht Platz“ für mich gerade mehr als eine schöne Überschrift. Es ist eine Erinnerung an mich selbst, mit dem begrenzten Platz meines Lebens sorgfältig umzugehen.

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