Wenn man seine Berufung nicht mehr leben will

Leitende versuchen andere darin zu unterstützen, dass sie ihrer Bestimmung, Berufung, ihrem Lebensthema … auf die Spur kommen. Das ist eine der edelsten Aufgaben, die eine Führungskraft hat. Zumindest würde ich das nach über vier Jahrzehnten Leitungsaufgabe so sehen. Viele Projekte, Programme, Initiativen … sind in der Zwischenzeit „Geschichte“.

Aber Menschen, denen ich behilflich sein konnte, ihr Lebensthema (oder ihre Berufung – so würden wir Christen das nennen) zu finden und zu leben, sind mir lebendig im Gedächtnis geblieben. Und für diesen Beitrag bin ich dann mehr dankbar, als für alle erfolgreichen Veranstaltungen, Programme, Bauprojekte usw. zusammengenommen. Was aber, wenn das Lebensthema auf einmal verschwindet, obwohl man es klar gefunden hatte?

Wenn man seine Berufung nicht mehr leben will

Meiner Tochter, Nora Krauss, ist es so ergangen. Sie hat ihre Erfahrung in einem Beitrag für die Zeitschrift Joyce aufgeschrieben, den ich hier mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion posten kann:

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Nora Krauss:

Meine Berufung stand für mich schon in jungen Lebensjahren fest: Ich möchte die Welt verändern. Als Missionarin wollte ich im Ausland leben und Menschen in schwierigen Situationen unterstützen.

Dieses Ziel zeichnete meinen Lebenslauf. Schon in der Schulzeit meldete ich mich für einen Kurzzeiteinsatz in Tschechien an. Es war ein Projekt für Kinder im Ghetto und für Frauen in der Zwangsprostitution. In meinem Bachelor studierte ich Sozialwirtschaft mit der Idee eines Tages im Projektmanagement von christlichen Hilfsorganisationen tätig zu werden. Nach dem Studium machte ich einen weiteren Kurzzeiteinsatz in Uganda. Trotz einiger Herausforderungen liebte ich diese Zeit und empfand es als eine Bestätigung meiner Berufung.

Zurück in Deutschland begann ich zunächst mit einem Job in einer Unterkunft für Geflüchtete. Im Austausch mit den Menschen stellte ich fest, dass mein Herz besonders für die arabische Kultur schlägt. Ich schrieb mich für ein Masterstudium in interreligiösen Dialog mit dem Schwerpunkt Islamwissenschaft ein und lernte fleißig arabisch. Außerdem lebte ich für sechs Monate in Jordanien und absolvierte ein freiwilliges Praktikum bei einer finnischen Hilfsorganisation. Kurz vor meiner Abreise erhielt ich von einer Partnerorganisation ein spannendes Jobangebot im Nordirak. Die ersten Türen Richtung Ausland gingen endlich auf. Meine Berufung war zum Greifen nah.

Die Pandemie beendete zunächst abrupt mein Auslandsaufenthalt. In Deutschland stand aber sowieso meine Masterarbeit an. In dieser Zeit fing ich immer mehr an, meinen Traum grundsätzlich in Frage zu stellen. Dazu gab es drei große Auslöser:

1. Ich hatte mich in Jordanien viel mit dem Thema White Saviorism auseinandergesetzt.

Bei einem „White Savior“ (dt. Weiße:r Retter:in) handelt es sich um eine privilegierte Weiße Person, die in Entwicklungsregionen geht, um Menschen vor Ort zu helfen. Die Frage ist, ob eine gut gemeinte Idee wirklich nachhaltig und hilfreich ist. Das Buch von Brian Fikkert und Steve Corbett „When helping hurts“ gab mir sehr gute Impulse. Ich stelle fest, dass meine Kurzzeiteinsätze sehr kritisch zu betrachten sind. Beispielsweise habe ich in Uganda intensive Beziehungen zu traumatisierten Kindern aufgebaut und bin dann nach einem Monat ohne langfristige Perspektive gegangen. Außerdem hatte ich für die Organisation vor Ort ein erfolgreiches Fundraising Projekt gestartet, aber ich unterstützte sie nicht bei der Entwicklung einer eigenständigen, langfristigen und nachhaltigen Finanzierungsstrategie.

2. Ich stellte mir außerdem die Frage, warum ausgerechnet ich in den Irak gehen sollte.

Mein Arabisch war immer noch sehr ausbaufähig, ich müsste mir noch einiges an Fachkompetenz für den Job aneignen und ich kannte weder das Land noch die Menschen. In Jordanien hatte ich auf einer Konferenz einige irakische Frauen kennengelernt, die vor Ort bereits eine großartige Arbeit leisten. Meine potenzielle Anwesenheit im Irak schien irgendwie keinen nennenswerten positiven Mehrwert zu bringen.

3. Außerdem setzte ich mich viel mit Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit oder moderne Sklaverei auseinander.

Ich stellte fest, dass ich bereits mit meinem Konsum in Deutschland einen großen Unterschied machen kann. Dafür muss ich nicht ins Ausland.

Diese Gründe führten dazu, dass ich meine ursprüngliche Berufung nicht mehr leben wollte. Diese Erkenntnis hat mich sehr viel Identitätsfindung, Unsicherheit und Verzweiflung gekostet. Warum schenkt mir Gott diese Berufung und nimmt sie anscheinend wieder? Was möchte ich stattdessen mit meinem Leben machen? Ich habe all die Jahre darauf hingearbeitet – war das jetzt umsonst?

In dieser Zeit las ich mit einer Freundin das Buch „Berufung – eine neue Sicht auf unsere Arbeit“ von Timothy Keller. Besonders drei Punkte haben mich nachhaltig bewegt:

1. Welche Identität gibt mir Arbeit?

Arbeit ist eine Idee Gottes. Er hat selber aus Spaß an der Freude gearbeitet. Doch das Evangelium befreit uns von dem Druck, dass unsere Arbeit Identität gibt. In erster Linie ist es eine Methode um Gott zu ehren – Ich stellte fest, dass ich Arbeit als Selbstverwirklichung genutzt hatte. Ich war so darauf fokussiert WAS ich mache und nicht für WEN.

2. Wer verändert diese Welt?

Gott schenkt Gaben und Leidenschaften, die wir zum Wohle der Welt einsetzen können. Wenn Gott uns Gunst in unserer Arbeit schenkt, ist dies kein Verdienst des Menschen, sondern unverdiente Gnade. – Ich hatte meinen Traum sehr selbstbezogen formuliert: ICH wollte die Welt verändern.

3. Dürfen sich Berufungen verändern?

Arbeit wird immer unvollkommen sein, denn diese Welt ist unvollkommen. Es ist völlig normal, dass wir auf der Arbeit regelmäßig Frust und Enttäuschung erleben und trotzdem können wir exakt am richtigen Platz sein. Und manchmal sind wir es nicht und das ist auch in Ordnung. Gott verändert auch Berufungen.

Durch das Buch kehrte Frieden in mir ein. Ich lernte meine Identität unabhängig von meiner Berufung zu kennen. Ich entwickelte eine neue Einstellung zu meiner derzeitigen Arbeit. Ich begann loszulassen. Diese Prozesse kosteten viel Kraft und brachten mich an meine Grenzen. Aber es schenkte mir neue Freiheit und Zufriedenheit.

Doch egal was kommen mag, solange ich nah an Gottes Herz bin, solange bin ich auch nah an meiner Berufung.

Auch wenn ich nicht mehr als Missionarin ins Ausland gehen will, zieht sich ein roter Faden durch mein Leben. In einem Coaching mit meinem Vater versuchten wir diesen in Worte zu fassen: „Menschen fördern, damit sie sich weiterentwickeln und ihre Lebensumstände sich zum Guten verändern“.

Meine Berufung muss nicht mehr eine konkrete Situation sein, sondern sie kann und darf vielfältig aussehen. Gott schreibt in meinem Leben verschiedene Kapitel. Während ich diese Zeilen verfasse, habe ich gerade meinen Job in der Unterkunft für Geflüchtete gekündigt. Mir ging es körperlich und mental nicht mehr gut und ich musste die Notbremse ziehen. Ich habe noch keine spezifische Idee, wie mein Leben weitergeht. Aber ich habe wieder Träume. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen ein Sozialunternehmen zu gründen. Doch egal was kommen mag, solange ich nah an Gottes Herz bin, solange bin ich auch nah an meiner Berufung. Ich möchte meine Begabungen ihm zur Verfügung stellen, sodass GOTT diese Welt verändern kann.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Joyce. Nachdruck mit freundlicher Erlaubnis.

Über Lothar Krauss

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Eine Antwort zu Wenn man seine Berufung nicht mehr leben will

  1. Alexander Bischoff schreibt:

    Berufung geht oft mit einer bestimmten Theologie einher. Schlagworte wie Berufen, Salbung, Autorität bis Autorität und Selbstüberschätzung verbinden sich. Eine Frage die sich mir stellt ist, was ist, wenn Lebenserfahrung, Brüche zu einer anderen Theologie führen, welche Auswirkungen hat das dann auf das Thema Berufung?

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