Wir gewannen die Macht, schufen uns durch sie aber Katastrophe um Katastrophe

„Wir haben uns selbst gefunden, dabei aber Gott und den Bruder verloren. Wir gewannen die Macht, schufen uns durch sie aber Katastrophe um Katastrophe. Die Wissenschaft erhoben wir zu unserer Religion, sie aber raubte uns die Seele. Die Offenbarung leugneten wir und huldigten unserem beschränkten Wissen und bewunderten den Mythos und Aberglauben untergegangener Geschlechter.“

Markige Worte findet 1935 Jakob Kroeker zur Einleitung seines Kommentars zum Buch Daniel. Am Vorabend des 2. Weltkrieges, Hitler hatte die Macht ergriffen, reflektiert der kluge Professor seine Zeit mit Worten, die irgendwie auch für unsere Zeit noch sehr aktuell klingen. Sie bewegen mich, daher teile ich sie hier, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages 😉:

Wir gewannen die Macht, schufen uns durch sie aber Katastrophe um Katastrophe.

Wir haben uns selbst gefunden, dabei aber Gott und den Bruder verloren. Wir gewannen die Macht, schufen uns durch sie aber Katastrophe um Katastrophe. Die Wissenschaft erhoben wir zu unserer Religion, sie aber raubte uns die Seele. Die Offenbarung leugneten wir und huldigten unserem beschränkten Wissen und bewunderten den Mythos und Aberglauben untergegangener Geschlechter. Den Geist Jesu Christi und die Botschaft der Apostel und Propheten vertrieben wir, und wir suchten unser Evangelium im Recht der Römer, in der Bildung der Griechen, in der Vergötterung der Cäsaren und in der Weltherrschaft gerichteter Völker. Bewusst verschlossen wir uns der Orientierung im göttlichen Lichte, und wir orientierten uns an dem Geiste unserer Großstadtblätter, unserer Parteipolitiker, unserer Romanschriftsteller, unserer Sozialreformer und unserer Kulturschwärmer. Das Gesetz Gottes ersetzen wir durch die Moral der Vernunft und durch die Kausalität unseres naturhaften Trieblebens, und eine Kriegsethik wurde unser Gewissen, die sinnliche Ungebundenheit unsre Moral, die brutale Selbstbehauptung zum alleinigen Gebot der Stunde.

Den Geist Jesu Christi und die Botschaft der Apostel und Propheten vertrieben wir, und wir suchten unser Evangelium im Recht der Römer, in der Bildung der Griechen, in der Vergötterung der Cäsaren und in der Weltherrschaft gerichteter Völker.

Mit welch „unerschütterten Einbildungen über uns selbst“ überschritten wir die Schwelle des letzten Jahrhunderts! Wir glaubten zwar nicht an Gott und Dämonen, um so fester aber an uns selbst und unsere Schöpfungen. Wir waren trunken von der Weisheit und dem Wissen, die Kanzel und Katheder, Presse und Parlament, Kapital und Technik uns boten. Sie wurden unsere Altäre, auf denen wir opferten. Hier lauschten wir nach den Orakeln für die praktische Gestaltung unseres gesamten Lebens. Uns blendete der Fortschritt, uns schmeichelte der Erfolg, uns sättigte der Gewinn, uns berauschte die Macht, uns machte selbstbewusst unser Können. In diesem Geiste schufen wir unsere Kultur und Geschichte und säten unsere Hoffnungen für die fernere Zukunft. In diesem Geiste erzogen wir Kinder und Volk und machten sie zu Erben unseres egozentrischen Evangeliums, in diesem Geiste gestalteten wir auch Staat und Wirtschaft und erblickten in ihnen den alleinigen Zweck unseres Daseins. Göttliche Lebensnormen, geistliche Richtlinien, biblische Ideale waren uns viel zu jenseitig, viel zu fraglich, um sie im Blick auf Volk und Staat, auf Kirche und Gesellschaft, auf Erziehung und Beruf in praktische Erwägung zu ziehen. Wir rühmten uns, Menschen der Wirklichkeit zu sein.

Mit welch „unerschütterten Einbildungen über uns selbst“ überschritten wir die Schwelle des letzten Jahrhunderts!

So im Materiellen und im Diesseitigen mit der Seele wurzelnd, wurde alles Leben und jedes Unternehmen nur nach materiellen und vergänglichen Gesichtspunkten bewertet. Um die eigene Machtposition zu heben, den eigenen Säckel zu füllen und das begehrliche Genussleben zu pflegen, erniedrigte man alle Kulturwerte zu einem Propagandamittel, zu einem Exportartikel, zu einem Konkurrenzobjekt. Heilig war nur noch, was nützte, gerecht nur noch, was zu neuem Gewinn führte.

Wie hat uns aber diese Kulturschöpfung unseres Geistes arm gemacht, geknechtet, vereinsamt, entseelt! Gewiss, wir beherrschten durch unsere Technik und Industrie die Schätze der Erde. Sie erniedrigten uns aber unerbittlich zu Knechten der Erde und der Maschine. Gewiss, wir erhoben Theater und Kino zum Genuss unseres Geistes, zur Speise unserer Seele. Sie sollten unserem gepeitschten Leben eine Erholung, unserem gefesselten Geiste eine Entspannung geben. In ihnen holten wir uns aber den Ekel über uns selbst, die Zerrüttung unseres Familienlebens, die gegenseitige Verhetzung im Völkerleben. Gewiss, wir haben uns Verkehrswege und – mittel verschaffen können, die alle Entfernungen überwinden und uns mit den Enden der Erde verbinden und deren Schönheiten erschließen. Sie fordern von uns aber blutige Opfer, stürzen uns in eine nie dagewesene Hast und Unruhe, machen uns vertraut mit allen Schlechtigkeiten der Welt. Gewiss, wir führen unsern Staat zur Blüte und Macht, um durch ihn unsere Existenz und unsere Zukunft zu sichern. Vielfach war es aber gerade der Staat, der durch eine kurzsichtige Diplomatie und durch eine falsche Politik mit den Nachbarstaaten das Volk in jene Katastrophen führte, die ihm Existenz und Zukunft raubten. Gewiss, wir haben Religionen, christliche und unchristliche, die unsere Seele erlösen und unserm Leben Kraft und Inhalt geben sollen. Was für innere Qual muss aber unsere Religion sein, dass wir schmachtend auf jene wenigen Tage und Wochen einer ungebundenen Karnevalszeit warten können, in denen man einmal das Leben bis ins Heiligste, bis ins Familienleben hinein austoben kann.

Alles Leben und jedes Unternehmen wurde nur nach materiellen und vergänglichen Gesichtspunkten bewertet.

Mit Schrecken sehen wir dieses Antlitz unseres abendländischen Kulturlebens. Wir können es aber nicht ändern. Es fehlt uns die erlösende Kraft, völlig neugestaltend in das Weltgeschehen einzugreifen. Und irgendwie sehen wir uns alle durch unsere Angehörigkeit zu unserm Volk und wiederum durch dasselbe zu den andern Völkern mit diesem „Todesleib“ unserer abendländischen Kulturgemeinschaft verbunden. Es gibt heute kein Volk, das sich nur noch auf sich selbst einstellen könnte. Auch gibt es kein Einzelleben innerhalb eines Volksganzen, das nicht durch Blut, Beruf, Wirtschaft und Gesellschaft mit dem Volksleben verkettet wäre.

Wie unendlich viele gehen aber an dieser Verkettung mit dem Ganzen zugrunde. Sie hören auf, eine mitaufbauende Kraft ihres Volkes zu sein. Sie vegetieren nur noch als ein von den Verhältnissen zertretenes Glied ihres Volkes. Das Leben mit seiner Existenzfrage, mit seinen Wechselbeziehungen, mit seiner politischen und sozialen Belastung ist so schwer, so rätselvoll, so voller Härte und Lüge geworden, dass sich selbst die Starken in ihrem Kampf verhetzt und in ihrem Schaffen entnervt sehen, falls sie nicht in einer höheren Lebensordnung die Lösung ihres Daseins gefunden haben.

Daher begegnen wir heute in der Welt auch so unendlich vielen zerrissenen Seelen. Sie konnten keine Ruhe im Strom der gewaltigen Geschehnisse und im Fluss der Geschichte finden. Glaubten sie auch, in dieser oder jener Weltanschauung, in diesem oder jenem politischen Evangelium, in diesen oder jenen sozialen Wirtschaftsreformen die Lösung der Geschichte und deren Zukunft finden zu können, – wie schnell sahen sie sich durch die unwiderstehliche Wucht der Ereignisse aufs neue aus ihrer Ruhe gerissen und mitten in das aufreibende Treiben und das Ringen der Zeit hineingeworfen. Anstatt dass man die Zeit und die Verhältnisse meisterte und gestaltete, wurde man beherrscht und geknechtet, gejagt und zerrissen, bis man sich eines Tages – in seinen Energien und Hoffnungen gebrochen – ruhe- und friedlos dem Geschehen der Zeit preisgegeben sah.

Daher begegnen wir heute in der Welt auch so unendlich vielen zerrissenen Seelen.

Zwar arbeiten wir um unser täglich Brot, als Menschen der Gegenwart sehen wir uns aber rettungslos „der Konjunktur des Arbeitsmarktes“ innerhalb der Weltwirtschaft ausgeliefert. Wir suchen zwar die Wahrheit und ringen nach Freiheit, man nimmt uns jedoch das Recht der eigenen Meinung und liefert uns irgendeiner Propaganda aus. Wir haben zwar die Überzeugung, dass der Geist allein absolute Bedeutung hat, und dass alle Organisationen und Institutionen nur einen relativen Wert in unserem gesamten Leben haben können. Unsere Verkettung mit Verbänden und Trusts, mit Vereinen und Gesellschaften lässt uns aber den neuen Geist nicht finden, der stärker ist als der Stoff, um sich aus demselben eine neue Welt- und Wirtschaftsordnung zu schaffen.

Es gibt aber dennoch einen Geist, der zu völlig Neuem erlösen kann, es gibt eine Ruhe, die niemals einen Abend sah.

Es gibt aber dennoch einen Geist, der zu völlig Neuem erlösen kann, es gibt eine Ruhe, die niemals einen Abend sah. Wie sehr unser Leben auch mit der Zeit verkettet ist, wie gewaltig auch die Katastrophen der Geschichte immer waren, wie sehr wir uns mit unseren Verhältnissen auch in dunkelste Nacht gehüllt sahen, diese Ruhe wankte nicht und ihr Licht beherrschte auch das Dunkel der Zeiten. Sie liegt im Walten Gottes auch im Weltgeschehen. Wer sich in dieses Walten und Wirken Gottes hineingestellt sieht, der hört auf, ein Spielball der Zeit und ein Knecht der Verhältnisse zu sein. Was würde es für uns persönlich und auch für unser Volk und mit ihm für die Völker Europas bedeuten, wenn wir diese Ruhe in Gott und mit ihr jenen neuen Geist finden würden, unter dessen Leitung und in dessen Aktivität es uns zur weltüberwindenden Gewissheit würde, dass „denen, die Gott lieb haben, alle Dinge zum Guten mit wirken“. Wir würden jene Gotteswarte entdecken, von der aus wir das ganze Geschehen in göttlicher Beleuchtung sehen könnten. Es würden sich uns alsdann jene großen Gottesziele eröffnen, denen alles letzthin entgegengeführt werden soll.

Solch eine Gotteswarte ist uns auch das Buch des Propheten Daniel. Mit seinen! inneren Offenbarungsgehalt stellt es das große Weltgeschehen auch unserer Tage in eine göttliche Beleuchtung. Es wirft ein so helles Licht auf die vielfach so verworrenen und rätselhaften Zeitströmungen und Geschichtsentwicklungen unseres Zeitalters, wie kaum ein zweites Buch unseres biblischen Kanons.[1]

 

[1] Kroeker, J., 1935. Daniel als Staatsmann und Prophet Zweite, stark erweiterte Auflage., Gießen: Brunnen-Verlag.

Über Lothar Krauss

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