Wie professionell soll »Kirche« sein?

Wie professionell soll, darf, muss die Kirche sein? Wie professionell sollten ihre Leiter leiten, ihre Mitarbeiter sich einbringen, ihre Angebote sein? Das ist häufig ein Streitpunkt unter Christen. Während wir die Ausbildung zum pastoralen Leiter im BFP weiterentwickeln, um richtig fitte pastorale Leiter zu formen, taucht die Frage auch auf! Immer wieder. Sie begleitet uns skeptisch. Oder tritt als deutliche Forderung an uns heran: Leiter müssen besser werden! Das habe grundlegenden Einfluss auf die ganze Kirche und ihre Wirkung! Echt jetzt? 

Tobias Illig, Berater, Coach, Autor und Mitarbeiter im deutschen Vorstand der Navigatoren hat sich mit dem Thema kritisch auseinandergesetzt. Heute bringen wir seinen Diskussionsbeitrag zu dieser wichtigen Frage.

Begabt und Berufen!

Die Leitung meiner Freikirche, zu der ich gehöre (BFP), ist da eindeutig: Gott hat Menschen durch seinen Geist begabt und berufen. Diese Gaben wollen wir mit den Berufenen entdecken, sie fördern und freisetzen. Dafür eine „Bühne“ in unserer Kirche bauen. So geschieht ein Unterschied. In unseren Gemeinden. In unserem Land. Wir wollen das BESTE für den HÖCHSTEN geben. Und das wird richtig, richtig gut. Kann sogar professionell werden … 😉 Nun zu Illigs Diskussionsbeitrag:


Gib Dein Bestes

Warum Professionalität im Sinne Gottes ist

Der deutsche Stärkencoach Tobias Illig schätzt Qualität – besonders auch im Umfeld der christlichen Gemeinde. Die Angst, zu viel persönlicher Einsatz könnte zu stark wie Selbstmachen und nicht Gott-wirken-lassen sein, lässt er nicht gelten. Ein Plädoyer für Professionalität im Gemeindebau.

Das Problem

Viele Christen glauben, dass Gott in ihrer Schwachheit wirksam wird. Sie setzen das dann gleich, dass sie nicht «professionell» in der Gemeinde mitarbeiten könnten, z.B. beim Begrüssungsdienst. Bei der Technik gilt das irgendwie nicht, weil mit Technik kennen sich nur die Spezialisten aus. Die dürfen fachkundig sein. Bei den anderen Themen, z.B. wie präsentiere ich vor einer Gruppe, wie führe ich «professionell» ein Seelsorgegespräch, wie gehe ich gezielt auf Leute zu, wie erzähle ich «adressatengerecht» von meinem Glauben, wie leite ich gut einen Hauskreis, usw. scheint «Spezialistentum» verpönt zu sein. Es bekommt dann gleich den Hauch von Selbstmachen und nicht Gott-wirken-lassen, als ob Gott Stümper auf die Welt loslässt, die dann schwankend und wankend das Evangelium predigen.

Die Wahrheit

Das stimmt auch zur Hälfte, dass z.B. die ersten Jünger einfache Leute waren. Keine Professoren oder hochbegabte Menschen. Es waren ganz normale Menschen, vielleicht auch Verrückte, die an einen auferstandenen Jesus glaubten. Später jedoch rekrutiert Gott zielgenau einen Paulus, den er für eine bestimmte Aufgabe ausstattet und befähigt. Paulus war «Profi», gebildet, intelligent, usw. Es stimmt also nicht, dass wir stümperhaft und schwach sein sollen, damit Jesus umso grösser in uns wirken kann. Wir bringen Talente mit, die Gott bereits in uns hineingelegt hat. Was für eine Verschwendung, sie nicht zu nutzen.

Die Lüge

Da gibt es Christen, die ein Talent haben und es vor ihrer Entscheidung für Jesus für weltliche Ziele gebraucht haben, beispielsweise wen jemand gut schriftstellern, schauspielern oder Songs schreiben kann. Nach der Bekehrung wollen diese Christen weltlichen Talente plötzlich nicht mehr einsetzen, weil sie ihre Talente vorher weltlichen Zielen untergordnet haben und jetzt mit ihrem weltlichen Leben abgeschlossen haben. Ihre Talente wollen sie nicht für geistliche Zwecke in die Gemeinde, in den Hauskreis oder einfach nur in ihrem Leben mehr einsetzen. Das ist nicht im Sinne des Erfinders, hochentwickelte Gaben zu verteufeln, sondern sie als geheiligt zu wissen und als solche jetzt einem anderen Herrn zur Verfügung zu stellen.

Das Motiv

Viele verstecken sich auch bewusst hinter ihrer Schwäche, weil sie eigentlich Angst vor sich selbst, Angst vor Menschen oder sonst etwas haben. Das wird dann vom Begrüssungsdienst z.B. benutzt, um zwar zu Beginn nett jedem die Hand zu schütteln, aber nach dem Gottesdienst trauen sie sich nicht, auf Fremde zuzugehen, die einsam und verlassen in der Gegend rumstehen. Was für eine Verschwendung! Sie schieben ihre eigenen Ängste («Das kann ich nicht!») vor und sagen, dass Gott in ihrer Schwachheit gross wird. Das ist nur eine Ausrede. Auch Präsentieren vor Gruppen, das Leiten von Hauskreisen, Predigen und alles andere in einer Gemeinde will gelernt werden. Wir haben Gaben und Talente vom Schöpfer bekommen. Es wäre ein Jammer, wenn wir unsere Talente aus Feigheit oder Angst vor uns selbst nicht nutzen würden.

Die Herausforderung

Dabei ist es doch immens wichtig, seine eigenen Stärken und Talente zu kennen und sie auch zu verfeinern, Gott zur Verfügung zu stellen, damit er etwas noch Grösseres machen kann. Natürlich fühlen wir uns auch angesichts grosser Herausforderungen klein und schwach. Und natürlich kann Gott, wenn er uns für eine Aufgabe beruft, auch die nötigen Fähigkeiten, Kompetenzen oder auch ergänzende Menschen zur Seite stellen. Wenn wir nicht gut reden können, aber strategisch denken, wird Gott uns vermutlich mit einem Rhetorikmeister assistieren. Christen haben viel zu viel Angst und denken zu klein. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer nicht über seine Schwäche springt, kann nicht erleben, wie Gott ihn grösser macht. Gott will uns nicht klein halten, er will unser Licht nicht unter dem Scheffel sehen, sondern dass wir seinen Glanz in unserem Leben zu seiner Ehre widerspiegeln.

Deine Hausaufgabe

Suche Dir einen Bereich, in dem Du stark bist und professionalisiere ihn. Auch mit weltlichen Mitteln, also Seminaren, Coaching, Ratgeberliteratur, Mentoren, Vorbildern.
Suche Dir einen Bereich, in dem Du schwach bist und springe über Deinen Schatten. Nimm Dir etwas bewusst vor, beispielsweise im Begrüssungsdienst jemand Fremdes anzusprechen.

Gib Gott die Ehre. Indem Du ihm (!) mehr zutraust als Dir selbst, dann kannst Du positiv überrascht werden.

Zum Autor

Tobias Illig ist Coach, Berater und Organisationsentwickler. Er berät Menschen und hilft Teams, besser zusammenzuarbeiten, in ihren Stärken selbstbewusst zu wachsen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln (www.tobiasillig.com) Ehrenamtlich ist er im Vorstand der deutschen Navigatoren (www.navigatoren.de) und engagiert sich im eigenen Hauskreis. Tobias ist verheiratet und hat vier Kinder.

 

Quelle: Der Beitrag ist zuerst bei livenet.ch erschienen. Bild Computer by Mikaela Shannon on Unsplash

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2 Antworten zu Wie professionell soll »Kirche« sein?

  1. ThoBu schreibt:

    Professionelle Führungsstrukturen sind leider Mangelware. Hier finden sich leider zu oft streng hierarchische Vorstellungen mit kurzfristigen „Erfolgen“…..

  2. Siegmar schreibt:

    Wie professionell soll »Kirche« sein? und Gib Dein Bestes das ist der zweite Titel und das sind zwei verschiedene Aspekte eines immer größer werdenden Problems. Dem eigentlichen Artikel kann ich nur zustimmen. Aber das hat auch Folgen … Ich will mit einer Geschichte beginnen. Wir starteten als Gemeindegründung und machten professionelle (Gäste-)Gottesdienste. Mit allem was dazu gehört.
    Aber das macht auch etwas mit mir. Ich wurde Schauspieler!
    Vielleicht sind alle Pastoren Entertainer, aber es macht etwas mit der Person!!! Und das ist nicht immer gut. Und wenn – dann muss ich konsequent diese Rolle ausfüllen. Sonst nimmt man mir das nicht ab. Die Leute stehen auf Authentizität, trotz Professionalität. Dazu gehört ein Social Media Auftritt, man braucht fast Berater nur dafür. Und einiges mehr…
    Ich beobachte es bei Pastoren aller Konfessionen, dass es ihnen nicht gut tut. Und wahrscheinlich tut es auch nicht der Gemeinde gut. Wenn ich eine glänzende Welt um mich aufrecht erhalte (-n muss).
    Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wir bedienen dies mit unserer Professionalisierung! Emotionaler Erschöpfung und dem Gefühl von Überforderung, eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität gehen dem sehr oft einher.
    Diese Professionalisierung hat auch ihren weiteren Preis, ich muss aus meiner Organisation Leute entfernen die Leistungsbremsen sind, die sich den Veränderungen verwehren. Und vielleicht werde nicht mal ich meinen Anforderungen gerecht.

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