EINE (UNGESUNDE) LOBPREISKULTUR?

audience-945449_1920Die »musikalische Kultur« einer Kirche hat eine große Auswirkung darauf, welche Menschen angezogen werden und sich wohl fühlen! Die HILLSONG CHURCH zeigt uns das sehr deutlich, aber auch die ICF CHURCHES spiegeln das wieder. BETHEL prägt eine musikalische Spur die vielen Menschen hilft Gott zu begegnen. Ist das gut? Fördert es die richtige Entwicklung? Gibt es Fragen, die Verantwortliche in der Kirche aufwerfen müssen, um dauerhaft eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen?

Aaron Niequist, einer der Lobpreisleiter von Willow hat einen Beitrag verfasst, der zwar nicht so ganz zum angesagten Trend passt, aber dennoch wertvolle Stichworte gibt. Hier ist er:

ZU VIEL BONO IN DER GEMEINDE?

Vor einiger Zeit habe ich in Chicago ein U2-Konzert besucht. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Etliche Male habe ich die irische Rockband bereits live erlebt. An diesem Abend war Bonos Stimme erneut in Hochform, die Show atemberaubend, die Stimmung elektrisierend. Schon jetzt freue ich mich auf die nächste Tour von U2.

paul-david-hewson-434928_1920Aber in meine Begeisterung über Bonos Fähigkeit, solch ein monumentales Musikerlebnis abzuliefern, mischte sich ein anderer Gedanke: Obwohl diese hymnische, fast erlösende Euphorie für ein Konzert völlig angemessen ist, entspricht sie nicht der Lebenswirklichkeit eines normalen Alltags. Dennoch versuchen viele Lobpreisleiter Sonntag für Sonntag solch ein musikalische ›Gipfelerlebnis‹ zu kopieren. Haben die Leute ihre Hände gehoben? Haben sie laut mitgesungen? Wurden ihre Emotionen angesprochen? Diese und ähnliche Fragen haben zahlreiche Worshipleiter von herumreisenden Rockstars übernommen und zum Maßstab der christlichen Lobpreiskultur erhoben.

12-Gänge-Menü

Ein ausgefallenes 12-Gänge-Menü ist für einen Hochzeitstag großartig – aber für die normale Alltagsküche kaum praktikabel. Ein Lobpreiserlebnis wie ein Rockkonzert ist in kleinen Dosen sicher eine inspirierende Erfahrung. Erhebt man es aber zur Norm, wird es gefährlich.

Dazu einige Überlegungen:

Gipfelerlebnisse sind nicht alles, was den Glauben ausmacht. Wenn wir in der Lobpreiszeit fälschlicherweise vermitteln, dass sie für jeden Christen zu jeder Zeit Standard sein müssen, erweisen wir den Menschen, die sich gerade in einer Krise befinden – oder sich irgendwann einmal befinden werden (also jeder) – einen Bärendienst. Es hat einen guten Grund, dass die Psalmen die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle abdecken: Feiern, Klagen, Wut, Freude, Tanz und Zweifel.

»Gipfelerlebnisse sind nicht alles, was den Glauben ausmacht.«

Ständiger ›Rockkonzert-Lobpreis‹ ist keine Hilfe für den Alltag, also für 99,9 Prozent des wirklichen Lebens. Der Alltag ist oft weder spektakulär noch besonders unterhaltsam, häufig ist er mit Unannehmlichkeiten verbunden. Eine Lobpreiskultur, die uns nicht dahin führt, Gott in jedem Augenblick unseres Lebens zu entdecken, ist einfach zu unausgewogen.

Der Druck, Spektakuläres auf die Beine zu stellen, kann belastend sein: für Lobpreisleiter, Pastoren und Mitarbeitenden. Nicht jeder Sonntag ist wie ein EM-Endspiel. Der Versuch, jede Woche Leben verändernde Erlebnisse zu schaffen, führt nicht selten ins Burnout, weil man meint: alles muss größer und besser sein als in der vergangenen Woche.

»Permanenter ›Rockkonzert-Lobpreis‹ bringt oberflächliche Christen hervor.«

Permanenter ›Rockkonzert-Lobpreis‹ bringt oberflächliche Christen hervor: wenn wir immer nur das bekommen, was wir mögen, werden wir gewisse Tiefen des Glaubens nicht erleben. Oft lernen wir gerade dann am besten, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Außerdem spricht Gott häufig durch Flüstern zu uns. Ständige Überreizung kann uns von dem ablenken, was Gott sagen und tun möchte. Manchmal ist Einfachheit und Ruhe das Beste, was wir der Gemeinde anbieten können.

»Eine Lobpreiskultur, die uns nicht dahin führt, Gott in jedem Augenblick unseres Lebens zu entdecken, ist einfach zu unausgewogen.«

Trotzdem etwas von Bono lernen?

Können wir Lobpreisleiter trotzdem etwas von Bono lernen? Ja, eine ganze Menge! Aber ebenso können wir von Dichtern, Priestern, Therapeuten und Theologen lernen, von betenden Großeltern, engagierten Grundschullehrern und gläubigen Managern. Das Reich Gottes ist unendlich weit und geheimnisvoll und näher als die Luft, die wir atmen. Diese Vielfalt sollten wir für unsern Lobpreis erschließen und uns zu Nutze machen.

AARON NIEQUIST ist einer von vier Worship-Leitern in der Willow Creek Community Church. www.aaronniequist.com

Dieser Beitrag erschien zuerst im Willow Creek Magazin von Willow Deutschland. »Nachdruck« mit freundlicher Genehmigung. Das Magazin kann auch online gelesen und als PDF geladen werden.

Weitere Artikel zur »Lobpreiskultur« und zum „One Team“ Konzept der ELIM Kirche Hamburg sind hier zu lesen.

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4 Antworten zu EINE (UNGESUNDE) LOBPREISKULTUR?

  1. Christian Herrling schreibt:

    Als Lobpreisleiter kann ich mich hier nur teilweise anschließen. Natürlich geht es nicht, wenn Lobpreis immer ein Highlight sein muss und der Lobpreisleiter oder die Gemeinde anhand der erhobenen Hände die „Qualität“ des Lobpreises misst. Aber wir gehen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit und benötigen manchmal – gerade wenn wir in der Wüste sind – eine außerordentliche Begegnung mit Gott. Lobpreis als Event muss nicht falsch sein, zumindest wenn das Ziel ist, wirklich bei Gott anzukommen. Für mich ist Lobpreis immer ein Weg: man kann die Gemeinde rockig abholen, aber auch die leiseren Töne sind wichtig und das Ziel muss immer eine persönliche Begegnung mit dem dreieinigen Gott sein. Bei Mose war Gott ja auch nicht im Sturm, sondern im leisen Säuseln, dennoch hat Er den Sturm geschickt, also wie gesagt: bedingte Zustimmung.

  2. Tobias Michel schreibt:

    Als Kind der 90er erinnere ich mich noch an die Lieder dieser Zeit, im gegensatz zu heute waren diese Lieder oft sehr unterschiedlich und im Vergleich zu heute passten sie musikalisch nicht immer zueinander.

    Ganz am Anfang der 90er waren Keyboard-Trompeten-Klänge und Marschier-Lieder von Graham Kendrick bunt gemischt mit typisch deutschen Liedern und zumindest bei „Familiengottesdiensten“ ein obligatorisches Samba/Latino inspiriertes Lied (Oder zumindest „Freude die von innen kommt“) ….

    Das war oft geprägt von durchwachsener musikalischer Qualität, ja, aber es zeugte auch von einer gewissen Vielfalt, Unabhängigkeit, Unangepasstheit, Variation und dass manche Menschen eher von den ruhigen, andre von den lauten, den Samba oder sonstwas für Liedern angesprochen werden….

    Die Theologie hinter Vielfalt und Annehmen von vielen Verschiedenen Stilen (und Menschen) geht leicht unter „wenn jeder Gottesdienst sich anhört wie ein Hillsong/Jesus Culture /Delirious? / U2 Konzert!“

    Das Leben und das Reich Gottes ist vielfältig

    Deswegen gefällt mir „einsförmiger“ Lobpreis von heute (oder egal welcher Art) nicht… (wenn ich das so sagen darf) …

    Ausserdem entwickelte ich mich zu einem „Lobpreis-Dance/EDM-DJ“ für die ganz aussergewöhnlichen Anlässe 🙂

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