Leitung in einer internationalen Kirche | 3

CDC_2861Mario Wahnschaffe ist Pastor einer internationalen Gemeinde in Bonn. Jeden Sonntag versammeln sich fast 600 Menschen aus ca. 70 verschiedenen Nationen. Jeder Gottesdienst wird in 4-6 Sprachen simultan übersetzt. Wie muss man sich Leitung in so einer internationalen Gemeinde vorstellen? Mario war so großzügig, für den Leiterblog seine Erfahrungen zu schildern. Wir bringen seinen ausführlichen Bericht in drei Teilen. Heute der Abschluss: Was ist die wichtigste Aufgabe eines internationalen Pastors?

Die wichtigste Aufgabe eines internationalen Pastors:

Überwinde die „geistliche Arbeitslosigkeit“ in der Gemeinde!
Wir haben herausgefunden, dass es in unserer internationalen Gemeinde in Bonn immer wieder eine große Schwierigkeit für Internationale gibt: Die sogenannte „geistliche Arbeitslosigkeit“.

Verschiedene Lügen …

Sie ist begründet durch verschiedene Lügen, die unsere Geschwister aus anderen Ländern lähmten:

  • Du kannst nicht richtig oder ausreichend Deutsch sprechen, um deinen Dienst hier zu tun.
  • Die Deutschen brauchen meine Begabungen nicht.
  • Die Deutschen verstehen und schätzen meine Mentalität 
nicht.
  • Ein Ausländer sollte nicht Leiter von Deutschen sein. 
In unsere internationale Gemeinde kommen regelmäßig sehr begabte und erprobte Männer und Frauen Gottes, die in ihrem Heimatland mächtig von Gott gebraucht wurden und bei uns als leitende Persönlichkeiten ihre Berufung leben und ihre Gaben einbringen.

Beherrscht von dieser Lüge …

GitarreSo kann ich mich an einen sehr begabten und bevollmächtigten Bruder aus der ehemaligen Sowjetunion erinnern. Er war in einer großen Bibelschule der betreuende Pastor. Dort leistete er einen sehr gesegneten Dienst an vielen Bibelschülern. Als er nach Deutschland ausreiste und hier ankam, passierte ihm, was den meisten Dienern Gottes passiert, wenn sie die Grenze Deutschlands überschreiten: Die Lüge fing an, ihn zu beherrschen und sein Denken und Handeln zu bestimmen. Die Lüge, dass er in Deutschland Gott mit seiner Leitergabe nicht dienen könne, weil er die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrsche. 
So kam er mich eines Abends bei einem Straßeneinsatz besuchen. Als ich ihn sah, ging ich direkt auf ihn zu und sagte ihm, dass ich mir wünschen würde, dass er an dem Abend für uns predigen würde. Aber er verneinte höflich, mit der Entschuldigung, dass ihn niemand in die deutsche Sprache übersetzen könne. Ich sagte zu ihm, dass er mich nicht verstanden hätte, denn ich wollte, dass er in russischer Sprache predige.

Er wehrte sofort ab, mit der Begründung: „Was bringt es, auf deutschen Straßen in 
Russisch zu predigen? Niemand wird mich verstehen können!“. Dennoch bestand ich darauf und ließ nicht locker.

Er wehrte sofort ab, mit der Begründung: „Was bringt es, auf deutschen Straßen in 
Russisch zu predigen? Niemand wird mich verstehen können!“. Dennoch bestand ich darauf und ließ nicht locker. Mit einiger Zurückhaltung folgte er nach einiger Zeit meinem Wunsch und predigte in Russisch. Was er nicht wusste, war, dass ein russischer Drogenabhängiger ihm zuhörte und nachher auf ihn zukam, um Jesus als Retter und Herrn in sein Leben aufzunehmen. Was für eine Freude und was für ein Wunder! Als der Bruder mir dies nachher mit glänzenden Augen berichtete, sah ich, dass Jesus auch ein Wunder in ihm vollbracht hatte: Er hatte verstanden, dass Jesus ihn auch in Deutschland mit seiner Gabe gebrauchen kann. Was für ein großes Wunder, wenn Jesus die Hoffnungslosigkeit von „geistlicher Arbeitslosigkeit“ bei Internationalen überwinden kann!

Der Leiter macht den Unterschied!

AusschnittEin weiteres Beispiel für die Überwindung dieser Barriere ist ein Bruder aus Italien, der vor einigen Jahren in unsere Gemeinde kam. Er hatte eine Bibelschule in England absolviert, sprach Italienisch und Englisch, aber kein Wort Deutsch. Er ist ein gesegneter Mann Gottes, der in seiner Heimatgemeinde in Italien die Jugend geleitet und regelmäßig in der Gemeinde gepredigt hat. Hier in Deutschland traute er sich keinen Dienst zu tun, da er die deutsche Sprache nicht beherrschte. Zu der Zeit gab es einen wichtigen technischen Arbeitskreis in der Gemeinde, der kurz vor dem Kollaps stand. In diesem Arbeitskreis waren nur noch zwei Personen vorhanden – der Leiter und ein Mitarbeiter. Der Leiter war zwar der beste Techniker, den man sich vorstellen konnte, aber von seiner Begabung her kein Leiter, der Mitarbeiter gewinnen und ausbilden konnte. Als der Leiter dann auch unsere Stadt aus beruflichen Gründen verließ, stand der Dienst vor dem Aus.

Dieser italienische Bruder sprach zwar kein Wort deutsch, dafür wusste er, wie man Mitarbeiter rekrutiert und bindet.

Ich wusste, dass der italienische Bruder ein geborener Leiter war, und so fragte ich ihn, ob er nicht diesen Arbeitszweig übernehmen könnte, um die Mitarbeiterschaft neu aufzubauen. Er meinte schon am Anfang, dass ich ein verrückter Pastor sei und dass es eine ganz schön gewagte Idee wäre, jemanden als technischen Leiter einzusetzen, der kein Wort Deutsch spreche und sich darüber hinaus in der Technikthematik noch einarbeiten müsse. Doch das Risiko gingen wir ein! Nach drei Monaten hatte sein Arbeitskreis, der vor Kurzem noch vor dem Zusammenbruch stand, neun Mitarbeiter! Ich wollte unbedingt von ihm wissen, wie er dieses immense Mitarbeiterwachstum erreicht habe. „Nun“, sagte er mir, „das ist ganz einfach gewesen, denn ich lade alle Mitarbeiter einmal im Monat zum Kaffeetrinken zu mir nach Hause ein. Da haben wir eine wunderbare und fröhliche Zeit!“. Dieser italienische Bruder sprach zwar kein Wort deutsch, dafür wusste er, wie man Mitarbeiter rekrutiert und bindet. Beziehung ist der Schlüssel! Die Mitarbeiter wollten bei ihm sein, nicht wegen der technischen Aufgaben, sondern wegen seiner Freundschaft.

Dies waren wichtige Lektionen, wie die sogenannte „geistliche Arbeitslosigkeit“, die unsere internationalen Mitglieder lähmen will, beendet werden kann.

Ihr braucht uns nicht!

Sehr gut kann ich mich noch an ein Gespräch mit einem russlanddeutschen Musikleiter erinnern. Er sagte zu mir: „Ihr Deutschen seid perfekt und in allem gut und vorbildlich! Ihr seid so freundlich zu uns Internationalen, ihr helft und unterstützt uns, ihr seid gastfreundlich und ladet uns in eure Häuser ein. Und dennoch habt ihr einen Fehler!“. Ich schaute ihn gespannt an, was er jetzt sagen würde. Dann sagte er mir, während er mir mit Schmerz tief in die Augen schaute: „Ihr braucht uns nicht!“.

Ich war verblüfft und vom Donner gerührt. Diese Aussage hatte mir einen der wichtigsten Schlüssel zur Überwindung der „geistlichen Arbeitslosigkeit“ unter Internationalen gegeben.

Meine Hauptaufgabe als Pastor einer internationalen Gemeinde …

muensterplatzfestRUECKBLICK_14Nun verstand ich, was meine Hauptaufgabe als Pastor einer internationalen Gemeinde war: Ich muss beständig auf Internationale zugehen und sie ermutigen und einladen, mit in der Gemeinde zu dienen. Es ist meine vornehmste Aufgabe als Pastor, Internationalen zu zeigen, wie wertvoll ihre Gaben sind und dass wir sie und ihre vielfältigen Begabungen brauchen.

In diesem Zusammenhang war es auch besonders wichtig, in unserer Gemeinde auf die Worthygiene zu achten:

Worthygiene

„Deutsche Gemeinde“ – Wir kommunizieren regelmäßig, dass wir eine „Internationale Gemeinde“, in der wir Schulter an Schulter gleichberechtigt nebeneinander arbeiten und unsere verschiedenen Begabungen und kulturellen Hintergründe schätzen.

„Ausländer“ – Dieses Wort ist demotivierend, da es ausgrenzt und klassifiziert. Viele unserer internationalen Asylbewerber werden durch dieses Wort an demütigende Stunden in den Asylämtern unseres Landes. Deswegen sprechen wir sie gleichberechtigt als Internationale an.

Bürger des Himmels

Das Wort „Ausländer“ ist außerdem biblisch gesehen nach Hebräer 11:13-16 und Galater 3:28 nicht mehr gültig. Danach sind wir als gläubige Christen in erster Linie nicht mehr Bürger einer Nation auf Erden, sondern Bürger des Himmels.

„Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt. Sondern sahen sie von fern und begrüßten sie und bekannten, dass sie Fremde und ohne Bürgerrecht seien. Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen. Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgezogen waren, so hätten sie Zeit gehabt zurückzukehren. Jetzt aber trachten sie nach einem besseren, das ist nach einem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ Hebräerbrief 11:13-16

„Da ist nicht Jude noch Grieche…; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Galaterbrief 3:28

Alle Bilder (c) CLW Bonn

Grundsatzartikel zur interkulturellen Leitung sind hier zu finden.

Teil 1 | 2

CDC_2861Mario Wahnschaffe ist Pastor des CLW Bonn. Nach einem Bibelschulbesuch in England begann er 1989 seinen Dienst als Jugendpastor des CLW Bonn. Seit 1995 ist er der leitende Pastor der Gemeinde. Die Gemeinde ist durch ihre starke Internationalität geprägt, hat einen Kindergarten, eine überkonfessionelle Grundschule und zwei Lebensmittelausgaben für Arme und Drogenabhängige.

 

Mario hat eine besondere Liebe für Menschen aus der islamischen Welt. Sein YouTube Kanal für Muslime ist sehr stark aufgesucht. Hier die Links, um mit Marios Arbeit in Berührung zu kommen:

Youtube Channel für Muslime: https://www.youtube.com/channel/UCQuNhvkibRyKAbm-B6R7eug
Marios Blog: http://www.mariowahnschaffe.de
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