Führung im interkulturellen Kontext | 1

together-235128_1280Die Artikelreihe war schon länger geplant. Doch die Flüchtlingsströme in Richtung Deutschland macht sie aktueller als gedacht: Die interkulturelle Herausforderung für Führungskräfte. Der Daimler-Boss Dieter Zetsche will in Flüchtlingszentren neue Arbeitskräfte finden: „Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir.“ Welche Situationen werden entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, Werte, Prägungen … miteinander arbeiten? Welches Verstehen und Wissen ist gefragt, damit das Miteinander in Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche gelingen kann? 


Dr. Eberhard Mühlan, Pädagoge und Religionswissenschaftler forscht schon seit Anfang der 2000er Jahre zu dem Thema. Ich habe ihn gebeten eine einführende Artikelreihe für den LEITERBLOG zu verfassen, um eine erste Orientierung zu dieser Herausforderung für Verantwortliche zu geben. Wie können sich die Unterschiede gegenseitig bereichern? Welches Verständnis der Andersartigkeit ist nötig, um ein Miteinander zu schaffen? Fragen, die uns in Deutschland, auch in der Kirche, immer mehr beschäftigen müssen. Die Reihe ist auf mehrere Teile, die im Abstand von 14 Tagen erscheinen, angelegt. Sie knüpft an der Wirklichkeit der Freikirche an, zu der ich gehöre: dem Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) KdöR. Sicher sind diese Überlegungen aber leicht auf andere gesellschaftliche Situationen zu übertragen.


Interkulturelles Herausforderung im BFP

Von den zurzeit 778 BFP-Gemeinden in Deutschland sind rund 63% deutsche Gemeinden und 37% Gemeinden anderer Sprache und Herkunft. Es gibt wohl kaum eine BFP-Gemeinde, in der sich nicht Besucher und Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturen bewegen. Auch finden sich immer mehr bi-kulturelle Paare, die Begleitung und Beratung suchen. Leiter, sowohl der deutschsprachigen wie auch der Ausländergemeinden, sind vielfach unsicher und hilflos, wie sie den Menschen aus anderen Kulturen begegnen sollen. Da treffen zwei unterschiedliche Welten aufeinander, die doch im Bau des Reiches Gottes ein Team sein sollten, denn Gott ruft sein Volk aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen (Offenbarung 7,9).

Zwei Welten – ein Team?

Wollen Leiter Menschen aus anderen Kulturen wie auch bikulturelle Paare verstehen und mit ihnen zusammenarbeiten, benötigen sie ein Grundverständnis über folgende kulturübergreifende Themen:

  • Das Muster von Individualkulturen im Vergleich zu Kollektivkulturen.
  • Aufwachsen und Persönlichkeitsprägung in den unterschiedlichen Kulturen.
  • Direktes, offenes versus indirektes, verschlüsseltes Kommunikationsverhalten.
  • Unterschiedliche Weltbilder und Wertemuster, Verhalten und Auftreten.

Individualismus versus Kollektivismus

Die Völker dieser Erde kann man grob in zwei Hauptgruppen einteilen, in solche mit kollektivistischer Werthaltung (zum Beispiel Asiaten, Afrikaner, Lateinamerikaner, Ost- und Südeuropäer), und solche mit individualistischer Werteinstellung (zum Beispiel West- und Nordeuropäer wie Deutsche, Schweizer, Österreicher, Niederländer, Briten, Skandinavier, aber auch US-Bürger, Kanadier, Australier, Neuseeländer).

Schaut man auf eine Weltkarte, so erkennt man sofort, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in kollektivistischen Gesellschaften leben, in denen das Interesse der Gruppe (der Staat, die Firma, die Familie) dem Interesse des Individuums grundlegend übergeordnet ist.

In den meisten kollektivistischen Gesellschaften wachsen Kinder in Großfamilien auf. Da sind nicht nur die leiblichen Eltern, sondern auch die Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und weitere Personen, die alle in einem Haus oder auf einem Grundstück miteinander wohnen. Sie alle lieben und beeinflussen das Kind; so lernt es schon früh, sich als Teil einer Wir-Gruppe zu begreifen. Diese Wir-Gruppe beeinflusst und formt die Identität des kleinen Menschen und wird zu dessen sicheren Schutz gegen die Gefahren des Lebens. Deshalb schuldet man seiner Wir-Gruppe lebenslange Loyalität. Diese Vorgänge spielen sich unbewusst ab, vor allem weil sie in den stark prägenden frühkindlichen Jahren verlaufen. Sie haben aber Auswirkungen auf das gesamte Leben und können kaum abgelegt werden. Bei kollektivistischen Kulturen kann man vereinfachend auch von Wir-Kulturen sprechen. Bildlich gesprochen weist der dort aufwachsende Mensch ein „verflochtenes Selbst“ auf.

Eine Minderheit der Menschen in unserer Welt – dazu zählen auch wir Deutschen – lebt in Gesellschaften, in denen das Interesse des Individuums Vorrang vor den Interessen der Gruppe genießt. Diese Gesellschaften werden als individualistisch bezeichnet. Hier werden die meisten Kinder in Familien hineingeboren, die aus zwei Elternteilen und eventuell weiteren Kindern bestehen. Man bezeichnet diesen Typ als Kleinfamilie. Die meisten Individualgesellschaften weisen hohe Scheidungszahlen und eine wachsende Zahl Alleinerziehende auf, hauptsächlich Frauen. Andere Verwandte wohnen anderswo, und man sieht sich nur selten. Wenn ein Kind in so einer Familie heranwächst, lernt es schnell, sich selbst als Ich zu begreifen. Dieses Ich, seine persönliche Identität, unterscheidet sich vom Ich anderer Menschen. Ziel der Erziehung ist es, das Kind in die Lage zu versetzen, auf eigenen Beinen zu stehen. Man erwartet vom Kind, dass es zunehmend selbständig wird, das Elternhaus als junger Erwachsener verlässt und finanziell unabhängig lebt. Manche erwachsenen Kinder halten die Beziehung zu den Eltern und Geschwistern auf einem Minimum oder brechen sie ganz ab. In einer Individualkultur achtet jeder stark auf seine eigenen Bedürfnisse. Die Gruppe, der man sich zugehörig fühlen möchte, wird frei gewählt, manche schlagen sich auch als Einzelkämpfer durchs Leben. Bei individualistischen Kulturen kann man vereinfachend auch von Ich-Kulturen sprechen. Bildlich gesprochen weist der dort aufwachsende Mensch ein „autonomes Selbst“ auf.

Kollektivismus
beschreibt Gesellschaften, in denen der Mensch von Geburt an in starke, geschlossene Wir-Gruppen integriert ist, die ihn ein Leben lang schützen und dafür starke Loyalität verlangen.[1]
Man spricht von einem „verflochtenen Selbst“.
Individualismus
beschreibt Gesellschaften, in denen die Bindungen zwischen den Individuen locker sind: man erwartet von jedem, dass er für sich selbst und seine unmittelbare Familie sorgt.
Man spricht von einem „autonomen Selbst“.

Diese grundlegende, weitestgehend frühkindliche kulturelle Prägung ist wie eine mentale Programmierung der Persönlichkeit, die das gesamte weitere Leben prägt und wohl niemals abgelegt werden kann, auch wenn man lange Zeit in einer anderen Kultur lebt. Jeder beobachtet und beurteilt seine Umwelt durch seine eigene „kulturelle Brille“. Das eigene Denken und Verhalten wird als so selbstverständlich gehalten, dass das Verhalten eines Mensch aus einer anderen Kultur vielfach als seltsam oder falsch erlebt wird.

Im nächsten Teil wird es um die interkulturelle Kommunikation gehen.

AKTUELLES SEMINAR zum THEMA Dr. Eberhard u. Claudia Mühlan bieten am kommenden Samstag ein Seminar zu dieser Fragestellung in Braunschweig an. Anmeldungen sind noch möglich. Weitere Informationen finden sich hier. 

4219Dr. Eberhard Mühlan ist Pädagoge und Religionswissenschaftler sowie Autor zahlreicher Bücher zu Erziehung und interkulturellen Beziehungen. Er ist Mitbegründer der Familienorganisation Team.F und der Team.F Akademie sowie Dozent an verschiedenen theologischen Einrichtungen zur Rolle von Mann und Frau, zu Familienleben und Religionen in fremden Kulturen.

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[1] Hofstede, Geert, Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, Beck-Wirtschaftsberater im dtv, 2. Auflage 2001, S. 66ff.
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