BILL HYBELS: STAFFELWECHSEL BEI WILLOW | 1

8282655742_7741e9195b_oVor zwei Jahren hat Bill Hybels im Rahmen des Leadership Summit überraschend offen darüber gesprochen, wie die Willow-Gemeindeleitung die Nachfolgeregelung ihres Hauptpastors handhaben wird. Hier spricht der 63-jährige über den aktuellen Stand sowie Fragen, die für jede Gemeinde bei einem Pastorenwechsel wichtig sind.

Bill, jede Gemeinde oder Organisation muss sich früher oder später Gedanken über die Nachfolgeregelung für ihren Pastor oder ihre Führungsperson machen. Auch die Willow-Gemeinde steckt gerade in diesem Prozess.

Bill Hybels: Ja – wir befinden uns in einer spannenden Phase. Ich muss das so deutlich sagen: in einer kleinen Gemeinde oder Organisation kann der Pastor oder Chef ohne größere Probleme ausgetauscht werden. Man gefährdet damit nicht gleich die Zukunft der Gemeinde oder Organisation. Aber wenn man eine bestimmte Größer erreicht hat, gibt es immer weniger Personen, die in der Lage sind, sie ordentlich zu führen. Deshalb ist es wichtig, sich sehr früh über die Nachfolgeregelung Gedanken zu machen.

Wer stößt diesen Prozess an?

Leider läuft es oft so, dass ein mutiges Vorstandsmitglied aus der Deckung kommt und sagt: „Fred, du wirst bald 80 – wir sollten über deine Nachfolge sprechen.“ Oder ein Pastor spürt, dass er müde wird und den Ältesten sagt: „Ich halte das nicht mehr durch und höre in ein paar Monaten auf.“ Zweierlei sollte bedacht werden. Erstens die Amtszeit: wie lang hat jemand die Gemeinde oder Organisation bereits geleitet? Wenn das 20, 25 Jahre sind, sollte man – auch, wenn alles gut läuft und die Person noch verhältnismäßig jung ist – beginnen, über die Nachfolge zu sprechen. Das schuldet man der Organisation. Zweitens: das Alter und der Gesundheitszustand. Auch wenn viele mit Anfang 60 noch eine ganze Menge Energie haben: eine Gemeinde verlanget von ihren Führungspersonen viel mehr ab als früher. Das darf man nicht unterschätzen.

In der Willow-Gemeinde habt ihr bereits vor einigen Jahren begonnen, über dieses Thema zu sprechen. Wie beginnt man den Prozess?

Mit der Planungsphase. In der sollte man so unemotional wie möglich bei einer Tasse Kaffee miteinander sprechen. Diese Phase kann sechs Monate oder auch 2 Jahre dauern – da gibt’s keinen Stichtag. Man spricht einfach über die Zukunft der Gemeinde oder Organisation. Das Vorstandsmitglied fragt dabei den Pastor nicht: „Fühlst du dich amtsmüde?“ Stattdessen: „Du hast die Gemeinde schon recht lange geleitet. Lass uns heute einfach nur über ihre Zukunft sprechen: wie finden wir gemeinsam heraus, wer in der Zukunft die nächste Etappe anführen soll?“ Dieses Gespräch sollte frei von versteckten Agenden sein. Es ist nur der Anfang eines Prozesses. Nach jedem Gespräch wird entschieden, wann das nächste stattfinden soll.

So halten wir es auch bei den Treffen, in denen es um meine Nachfolge geht. Wenn mich in den Gesprächen etwas aufgewühlt hat und ich das Gefühl habe, das mit meiner Familie oder einem kompetenten Berater besprechen zu müssen, sage ich offen: „Können wir ein paar Monate warten, bis ich mehr Klarheit habe?“

Das heißt, der Vorstand gibt den Takt an?

Wer die Führung bei der Nachfolgeregelung übernimmt ist eine wichtig Frage, die man klären muss. Ist es der bisherige Pastor oder der Vorstandsvorsitzende? Es geht ja um mehr, als nur die Festlegung eines Abschiedsdatums. Man muss sich einigen, wie viel Einfluss der Vorstand hat, wer entscheidet, welche Person anschließend an Bord kommt und welche Rolle der leitende Pastor nach seinem Ruhestand einnimmt. Kein Wunder, dass sich diese Planungsphase über mehrere Jahre erstrecken kann. Zur Klärung gehört auch, wo die Suche nach einem Nachfolger beginnt – in den eigenen Reihen oder extern. Und in welcher Zeitspanne das geschehen soll. Wenn dann die geeignete Person gefunden wurde, erfolgt die Staffelübergabe. Und dann wird der „alte Mann“ auf die Eisscholle gesetzt und auf die offene See hinausbefördert (lacht). Das ist nun mal der Lauf der Dinge.

Das ist die sachliche Seite. Oft sind mit einem möglichen Abschied auch viele Emotionen verbunden.

Jeder kennt vermutlich einen Pastor oder eine Führungspersönlichkeit, die den richtigen Zeitpunkt des Absprungs verpasst hat. Warum bleibt ein gute Führungsperson oft zu lange im Amt? Die Standardantwort: Macht und Ego! Meiner Meinung nach ist das selten der Fall. Es hat oft mit seiner oder ihrer Identität zu tun. Wer 30, 40 Jahre eine Organisation oder Gemeinde geleitet hat und sich dem Ende der Amtszeit nähert, kennt nichts anderes als die Leitung dieser Organisation. So jemand stellt sich dann die Frage: „Wer bin ich überhaupt, wenn ich nicht mehr Führungsperson dieser Organisation bin? Alle meine Freunde sind hier. Ich habe mein Selbstwertgefühl aus den Leistungen der Organisation bezogen. In dem Moment, in dem ich mein Büro verlasse, falle ich in einen Identitätsabgrund.“ Wenn man sein Leben lang nichts anderes gemacht hat, als Pastor zu sein und die Lebensuhr langsam abläuft, da kann ich schon verstehen, dass so jemand sagt: „Ich habe keine Ahnung, wer ich bin, wenn ich nicht mehr leiten darf.“ Deshalb halten viele zu lange am Amt fest.

Wie geht es dir mit dieser Frage?

Das war richtig schwer. Ich musste tiefer in mein Innerstes schauen, als je zuvor. Bevor man sich mit dem Thema Nachfolgeregelung beschäftigt, denkt man: „Wenn ich hier fertig bin, reise ich vielleicht um die Welt. Oder man kommt auf andere ausgefallene Ideen. Wenn der Termin aber tatsächlich näher rückt, fragt man sich: „Will ich wirklich den Rest meines Lebens reisen? Ein, zwei Wochen sind ja ganz nett. Aber meistens hab ich doch schon nach zwei Wochen Heimweh.“ Je näher der Tag des Rücktritts kommt, desto mehr muss man sich fragen: „Was würde mich wirklich befriedigen, wenn Gott mir noch 15, 20 Jahre schenkt?“ Zwei Jahre habe ich über diese Frage gebrütet und mir ist klar geworden, dass ich weder herumreisender Kongress-Redner ohne Bodenhaftung, noch Profi-Segler sein will. Rumgammeln will ich auch nicht. Ich will vielmehr einer Gemeinde dabei helfen, das Vorbild aus Apostelgeschichte 2 zu erreichen. Das wird auf keinen Fall in oder um Chicago sein. Das ist klar. Ich muss auch nicht mehr leitender Pastor sein, sondern einfach Teil eines Teams.

In einigen Gemeindesituationen spielen auch finanzielle Gründe eine Rolle, dass ein Pastor nicht zurücktreten will. Wie offen sollten der Pastor und der Vorstand darüber sprechen?

Das gehört vermutlich zu den schwierigsten Gesprächen, wenn es um Nachfolgeregelungen geht. In der Geschäftswelt bekommt man einen goldenen Fallschirm. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Vorstand sagt: „Du hast hier viele Jahre Großartiges geleistet. Wir geben dir zum Abschied diese stattliche Summe“. Bei Pastoren sieht das anders aus. Da gibt es eine ganze Reihe, die in ihren ersten Jahren schlecht bezahlt wurden und wenig für ihren Ruhestand tun konnten – und auch die Gemeinde sich nicht daran beteiligt hat. Dennoch sind diese Hauptamtlichen mit aufopferungsvollem Beispiel voran gegangen. Wenn dann der Ruhestand vor der Tür steht, weiß niemand, wie angemessener Respekt aussieht. Die Bibel klammert dieses Thema nicht aus. In 1. Timotheus 5 steht, dass Gottes Diener doppelte Ehre verdienen. Was das konkret für den Pastor, Vorstand und die Gemeinde bedeutet – das sind interessante Gespräche. Aber sie müssen offen geführt werden.

Im Teil 2: Soll der ehemalige Pastor nach seinem Ausscheiden die Gemeinde verlassen, oder kann er bleiben? Wie sieht es zur Zeit bei Willow zu dem Thema aus?

Teil 2 folgt am Donnerstag.

Das Interview führte Jim Mellado und erschien auf deutsch zuerst im im Willow Creek Magazin 2/2014. www.willowcreek.de Verwendung mit freundlicher Erlaubnis!

Bill Hybels ist im Februar live in Hannover auf dem Leiterkongress zu erleben.

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