Resilienz – die Kraft der Stehauf-Menschen

happy-286152_1280Führungskräfte müssen regelmäßig Krisen bewältigen. Ob im Beruf, dem Ehrenamt oder in der Familie. Das kostet Kraft, kann einem den letzten Nerv rauben und manchmal an den Punkt bringen, alles hinschmeißen zu wollen. Manche scheitern in einer Krise. Andere gehen gestärkt aus Krisen hervor. Was ist ihr Geheimnis? Der Arbeits- und Organisationspsychologe Ulrich Siegrist hat diesen Sachverhalt untersucht und mit Martin Luitjens im Gabal-Verlag das Buch „30 Minuten Resilienz“ veröffentlicht, das bereits in der 7. Auflage vorliegt. Für den LEITERBLOG hat er eine knackige Einführung in das Thema geschrieben. Wie gewinnt man die Widerstandskraft in den Krisen?

(Ulrich Siegrist) Stehaufmännchen – dieses Spielzeug kennen die meisten Menschen aus ihrer Kindheit. Egal wie sehr wir versuchen, die Figuren aus dem Gleichgewicht zu bringen: der tiefe Schwerpunkt oder eine Rückholfeder bringt sie schnell wieder auf die Beine. Wäre es nicht schön, eine solche Rückholfeder auch im echten Leben zu haben? Nach besonderen Belastungen und Krisen nicht zerstört am Boden liegen zu bleiben, sondern aufzustehen und zuversichtlich und kraftvoll in die Zukunft zu gehen? Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von Resilienz. Eine Fähigkeit, die gerade angesichts einer komplexen und dynamischen Arbeitswelt und bei immer wiederkehrenden zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten an Bedeutung gewinnt. 

Das Resilienzkonzept

geht zurück auf die Soziologin Emmy Werner, die sich besonders der Frage widmete, wie Kinder trotz widriger Bedingungen gedeihen können. Sie beschreibt Resilienz als die Fähigkeit, zerrüttenden Herausforderungen des Lebens standzuhalten und aus diesen Erfahrungen gestärkt und bereichert hervorzugehen.

Das lateinische Wort „resiliere“ bedeutet in unserem Sprachgebrauch „zurückfedern“. In der Physik wird damit beschrieben, wie gut ein Metall, nachdem es verbogen wurde, wieder in seinen Normalzustand zurückfedert – oder sogar ein bisschen über den Normalzustand hinaus. Auf uns Menschen übertragen, heißt das: Nach einer starken körperlichen oder seelischen Belastung sind resiliente Menschen in der Lage, zu ihrem „Normalzustand“ zurückzukehren oder sogar ein Stück über sich selbst hinauszuwachsen. Oft werden dafür auch Begriffe wie Stressresistenz, psychische Robustheit oder psychische Elastizität verwendet.

Das Resilienzmodell

zeigt auf, dass Resilienz immer dann gefordert ist, wenn wir mit einer Anforderung oder Belastung konfrontiert sind, die wir in unserer Bewertung als bedrohlich oder krisenhaft einstufen. Es kommt dann zu einem Verarbeitungs- und Bewältigungsprozess, an dessen Ende im Idealfall ein positives Ergebnis steht.

Sehr wichtig ist dabei, dass wir auf Ressourcen zurückgreifen können, die uns bei der Bewältigung helfen und uns stabilisieren. Dazu gehören:

resilienz

Soziale Ressourcen

Hierzu zählen vor allem Familie, Freundeskreis, Vorbilder, Berater. Wichtig sind dabei verlässliche und belastbare Beziehungen, die Hoffnung, Zuversicht und Geduld vermitteln.

Als Betroffene können wir selbst einen Beitrag zur Schaffung und Stabilität dieses Umfelds leisten.

Arbeits-Ressourcen

Dazu gehört, dass wir unsere Arbeit generell als sinnvolle passende Tätigkeit erleben. Sie muss eine gewisse Bedeutung für uns haben, ohne uns aber intensiv zu überfordern.

Persönliche Kompetenzen

Hierzu zählen emotionale Stabilität, akkurates Denken, Empathie und Mitteilungsfähigkeit. Dabei geht es nicht in erster Linie um intellektuelle Kompetenzen, sondern um Aspekte wie das Erkennen und Neubewerten von Zusammenhängen, das bewusste Steuern von Gedanken und der Versuch, sich selbst Gutes zu tun. Dazu gehören Mechanismen wie das Beiseiteschieben von Gedanken, das Setzen und Verfolgen von Zielen, die Entscheidung gegen Selbstmitleid und Bitterkeit, das Aufgreifen früherer Erfahrungen, die Übernahme von Verantwortung und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen.

Proaktive Grundhaltung

Proaktive Menschen haben erkannt, dass sie auch unter schwierigen Umständen immer noch selbst für ihr Leben verantwortlich sind. Sie übernehmen die Initiative zur Gestaltung des Lebens und ihres direkten Umfelds und orientieren sich dabei an ihren Werten und Zielen. Sie begreifen ihr Leben als eine Funktion ihrer Entscheidungen, nicht der gegebenen Bedingungen. Das zeigt sich darin, dass sie anstelle einer Opferhaltung eine hohe Selbstverantwortung übernehmen und aktiv nach Lösungen suchen. Tragfähige Sinnkonzepte und der Glaube spielen dabei eine wichtige Rolle.

Bewältigungsprozess

Menschen, die über Resilienz verfügen, sind nicht von vornherein erhaben über die Krise. Auch sie kennen die Gefühle der Enttäuschung und Verzweiflung, die Gedanken der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, den Wunsch nach Rückzug oder nach kurzfristiger Erleichterung. Aber sie finden dann zu einem Bewältigungsprozess, der Schlimmes nicht ausgrenzt und ihnen doch neue Horizonte für ihr Denken und Fühlen eröffnet. Dieser Prozess gelingt durch emotionale und kognitive Auseinandersetzung mit der Situation, und er gelingt vor allem dann, wenn die Betroffenen die oft erlebten Gegensätze und Polaritäten im Bewältigungsprozesses zulassen.

Uli SiegristUlrich Siegrist
Arbeits- und Organisationspsychologe
Supervisor DGSv/GWG
Coach dvct
http://www.ulrichsiegrist.de
Weiterführende Infos
www.ulrichsiegrist.de/resilienz
Buchtipp: Ulrich Siegrist, Martin Luitjens: 30 Minuten Resilienz, Gabal-Verlag

Dr. Heinrich-Christian Rust | Geistliche Resilienz

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5 Antworten zu Resilienz – die Kraft der Stehauf-Menschen

  1. Anette Schol-Bermel schreibt:

    Wovon hier nicht gesprochen wurde ist, dass dies zum Teil von der angeboren Persoenlichkeit abhaengt.

    Zweitens sind die Erlebnisse in den Baby und fruehen Kindheitsjahren einflussreich: ist die Welt ein guter/schlechter Platz? Wenn ich schreie, kommt jemand und hilft mir? Sind die Menschen meist gut oder meist boese….

    Letztens, die Kultur der Gesellschaft um uns herum: hoert man meisten negative Kommentare oder positive Kommentare? „das sind ja nur Luftschloesser“, „kannst Du ja eh nicht“, „lern lieber was Richtiges“, „du bildest Dir immer so viel ein“…. usw… ODER „das packst Du schon“, „wird schon werden“, „trau dich“, „du bist stark/mutig/intelligent“…. usw…

    • Ulrich Siegrist schreibt:

      Es ist richtig, dass Resilienz auch wesentlich in der Kindheit ausgeprägt wird. Eltern können einen großen Beitrag zur Resilienzstärkung ihrer Kinder leisten. Auch positiv bewältigte Krisen im Jugend- und Erwachsenenalter führen zum Aufbau von Resilienz.
      Zu welchem Anteil genetische (angeborene) Faktoren eine Rolle spielen, ist wissenschaftlich umstritten. Unabhängig von der Umwelt, der Kindheit oder den Genen bleibt aber ein nicht zu unterschätzender Anteil an Resilienzfaktoren, die ich als Erwachsener aus eigener Initiative heraus stärken und fördern kann.

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