Der geheime Schmerz eines Pastors (3)

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Die Führungslegende Peter Drucker hat in seinen späten Jahren Partei für geistliche Führungskräfte ergriffen: Der Beruf eines Pastors ist eine der schwierigsten Führungsrollen überhaupt! Warum ist das so?, fragen wir in dieser Reihe, die heute zum Abschluss kommt. KRITIK und ABLEHNUNG als auch VERRAT und EINSAMKEIT waren die ersten vier Gründe, die Philip Wagner bei „Church Leaders“ vorstellt. Die ersten beiden Teile der Reihe haben diese Gründe aufgegriffen. Heute schauen wir ERSCHÖPFUNG sowie FRUSTRATION u. ENTMUTIGUNG als weitere Ursachen an.

Sicher sind diese sechs Stichworte nicht allein auf den Pfarrberuf begrenzt. Führungskräfte aller Berufsfelder werden diesen Erfahrungen von Zeit zu Zeit begegnen und sie ebenfalls als Schmerz u. Belastung empfinden.

ERSCHÖPFUNG

  • 50% der US-Pastoren, die als Berufsanfänger beginnen, halten keine 5 Jahre – laut dem Barna Institut – durch.
  • 70% empfanden bei Dienstbeginn, dass Gott sie in diese Aufgabe berufen hat. Nur 50% sagen das noch nach 3 Jahren.

Die deutsche Situation …

  • … ist nicht umfangreich untersucht. Seit den frühen 2000er Jahren hat Prof. Dr. Andreas von Heyl begonnen seine Untersuchungen zu veröffentlichen.
  • Der Professor für praktische Theologie hat in seiner Habilitationschrift „Zwischen Burnout und spiritueller Erneuerung: Studien zum Beruf des evangelischen Pfarrers und der evangelischen Pfarrerin“ die Ergebnisse wissenschaftlich dargestellt.
  • Populärwissenschaftlich sind seine Einsichten auf den 180 Seiten seines Buches „Das Anti-Burnout-Buch für Pfarrerinnen und Pfarrer“ verarbeitet.

14 Belastungspotentiale …

… können Pastoren zur Erschöpfung, dem Burnout treiben, schreibt Heyl. Es sind …

  1. Der Erwartungshorizont des Berufes
  2. Ein diffuses Berufsbild (Ein Bild im Wandel!!! Was ist heute ein Pastor, was macht heute ein Pastor?)
  3. Die Rollenvielfalt der Aufgabe
  4. Die Arbeitsvielfalt und Aufgabenart
  5. Eine unzureichende Ausbildung im Blick auf die Rollen u. Erwartungen
  6. Die Arbeitszeit(en)
  7. Das Organisationsdesign des Arbeitsfeldes
  8. Die Verwaltungsorganisation
  9. Das Verhältnis von Lohn zu Leistung
  10. Der Arbeitserfolg
  11. Die innerpsychische Faktoren
  12. Eine mangelnde Wertschätzung und Unterstützung
  13. Persönliche geistliche Dürre u. Zweifel
  14. Die Lösungsversuche der Führungskraft, die – gerade im geistlichen Anliegen – an die Grenzen der „Machbarkeit“ stoßen

Kurz: Die überforderte Führungskraft!

Prof. Dr. Manfred Josuttis beschreibt in seinem Buch „Der Pfarrer ist anders“ das Spannungsfeld, in dem sich der Pastor als Führungskraft und geistlicher Leiter befindet. Die Rolle „an sich“, der eigene Anspruch an sich selbst, die Erwartung der Gemeinde und der Vorwurf, dass der „konkrete Pastor“ nicht so ist, wie der „ideale Pastor“ sein sollte, belasten u. überfordern! meint Josuttis. Eine kurze Zusammenfassung zu den Thesen des Pastoraltheologen habe ich im 2. und 3. Teil der Artikelreihe „Der Leiter ist anders! Und einsam!“ auf diesem Blog gepostet.

Überforderung, die zum Ausbrennen führt ist aber auch eine Erfahrung, die immer mehr Führungskräfte sammeln. Die Gründe sind vielschichtig, haben aber immer mit der Person der Führungskraft zu tun, wie sie auf die Herausforderungen ihres Alltags reagiert. Einen Online-Test, der die eigene Gefährdung checkt, kann hier aufgerufen werden.

FRUSTRATION u. ENTMUTIGUNG

  • Enttäuschungen kommen auf vielen Wegen zu Führungskräften! Auch zu geistlichen Leitern, zu Pfarrern und Pastoren.
  • Kleinere Gemeinden können ihren Hauptberuflichen oft nur ein geringeres Gehalt bezahlen. Was in den ersten Jahren mit der Leidenschaft der Berufung kompensiert wird, kann sich in späteren Jahren zu einem dicken Frust auswachsen. Denn:
  • Die Familie gründet sich, die Kosten steigen, Gleichaltrige machen Karriere, bauen Häuser, reisen in attraktive Urlaubsgebiete, fahren schicke Autos … Der Pastor dreht jeden Cent um, wird zunehmend frustriert! Das trifft besonders auf freikirchliche Pastoren zu.
  • Überhaupt ist es – wie in vielen sozialen Berufen – so eine Sache mit „dem Erfolg“.
  • An den Besucherzahlen der Gottesdienste soll er sich nicht messen. Auch nicht an der Anzahl der Kleingruppen, dem wachsenden Budget der Gemeinde, den neuen Christen, dem ermutigenden Feedback zu den Predigten … Woran aber dann?
  • Theorie und Praxis des geistlichen Erfolges (oder Fruchtbarkeit im Glauben 😉 ) sind ein harter Punkt für Frauen und Männer in den besten Jahren ihres Lebens, die sie im Dienst für Gott geben! Das ist eine Quelle der Frustration und Entmutigung.
  • Amerikanische Pastoren scheitern in der Überforderung des Erfolges und an der Abwesenheit des Erfolges! Dino Rizzo ist ein gutes Beispiel für die destruktive Kraft des Erfolges. Sein offener Umgang mit dem Scheitern und der gute Weg der Wiederherstellung zeigen die Gefahr.
  • Erfolg und Misserfolg können gleichermaßen eine toxische Quelle für Frustration und Entmutigung werden. Eine Quelle geheimen Schmerzes!
  • Pastoren arbeiten hart, dennoch kommt es nicht zum Durchbruch! Sie sind gute Leute, aufrichtige u. ernsthafte Christen, sie lieben Gott, kennen das Wort, halten richtig gute Predigten, aber es „funkt nicht“.
  • So geht es auch anderen Führungskräften in der Kirche. Zum Beispiel einem Anbetungsleiter. Er liebt Jesus, hat eine tolle Stimme, spielt sein Instrument klasse …, aber irgendwie führt er die Gemeinde nicht in eine bewegende Anbetungszeit.
  • Dann kommt der Tag, wo sich der geistliche Leiter einfach nur noch wie ein Versager fühlt. Es klappt nichts. Im Gegenteil: Es wird immer mühsamer.
  • Es kann einem einfach alles „über den Kopf wachsen“.

US-Zahlen

  • 4000 neue Gemeinden starten jedes Jahr in den USA. Aber 7000 Kirchen schließen die Türen!
  • Über 1700 Pastoren verlassen jeden Monat den Dienst in den USA!
  • Über 3500 Leute haben jeden Tag im letzten Jahr der Kirche in den USA den Rücken gekehrt.
  • 50% aller Pastoren sagen, dass sie so entmutigt sind, dass sie ihren Beruf verlassen würden, wenn sie nur einen Weg fänden, wie sie den Lebensunterhalt bestreiten könnten.
  • 45,5% der Pastoren sagen, dass sie schon Depressionen oder Erschöpfung durchlebt haben, sodass sie eine Zeit den Dienst verlassen mussten und Abstand zur Kirche brauchten!

Sicher sind die deutschen Realitäten anders als die US-Zahlen. Wie sieht es bei uns konkret aus? Was spielt sich hinter unseren Fassaden ab? Wie geht es geistlichen Leitern in unseren Reihen?

Was ist zu tun?

Und was kann in Gemeinden u. Kirchen getan werden, dass auch ein gesundes Klima für unsere Führungskräfte entsteht? Wie könnte ein Klima entstehen, in dem auch Führungskräfte aus der Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung, Verwaltung … in der Kirche aufatmen und zu einem gesunden Lebensstil im Alltag zurückfinden?

Die Krankenkassen, Familien, Ehepartner, Kinder, Eltern, Freunde … würde es der Kirche danken! Es würde unsere Gesellschaft verändern. Die Kirche ist die Hoffnung der Welt, wenn sie Christus in ihrer Mitte hat und auf eine Art wieder zu leben lernt, wie Gott es für sie gedacht hat.

Wie die Kirche lebt, wird sichtbar im Umgang mit ihren Kindern, ihren Alten, ihren Schwachen und auch ihren Führungskräften.

Wir brauchen gesunde Gemeinden, die von gesunden Leitern geführt werden, damit gesunde Christen in der Gesellschaft, im Beruf, in den Vereinen … geistliche u. seelische Gesundheit verbreiten. Das ist die Kirche, die Jesus stiftet. Und sie braucht Leiter, die nicht an ihrem geheimen Schmerz verkümmern!

Lasst uns die Tür aufstoßen …

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Über Lothar Krauss

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5 Antworten zu Der geheime Schmerz eines Pastors (3)

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  4. Pastorin schreibt:

    Danke für diese Worte. Ich fühle mich total gut wiedergespiegelt.

  5. Christoph Kipping schreibt:

    Sehr gute Beschreibung der Situation von Pastoren. Für mich als Pastor steht ganz stark seit Jahren schon die Frage im Raum, inwieweit all die pastoralen Probleme doch daher rühren, dass es die Pastorenrolle so wie sie heute verstanden, gewollt und gelebt wird, in der Bibel nicht gibt. Das muss man sich meine ich deutlich vor Augen halten. Die Lösungsansätze gehen oft in bessere Ausbildung, Leitungsfähigkeiten stärken etc., aber das setzt nicht an der Wurzel an. DER PASTOR als der BEZAHLTE LEITER DER GEMEINDE…..aufrichtige Bibelleser wissen, daß gibt es so nicht in der Bibel gibt (Timotheus war ja kein Pastor in unserem Sinne, sondern er wurde von Paulus als Teil seines apostolischen Team für eine Zeit in Ephesus zurückgelassen). Darüber stärker nachzudenken, passende Lösungen zu suchen, wäre sicher sehr hilfreich, anstatt weiterhin Menschen unreflektiert in diese doch teils recht „unbiblische Rolle“ zu senden.

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