Leiter im Visier des Feindes! | Integer leiten! | Teil 1

Thomas Härry Blog Thomas Härry, Bestsellerautor, Redakteur bei Aufatmen , Dozent am TDS in Aarau nimmt uns in ein wichtiges Thema als „Sommerblogger“ des Esslinger Leiterforums hinein.

Die wenigsten Leiter ahnen, wie sehr ihre Art zu leiten ein verlängerter Arm ihrer Kinderstube in die Gegenwart darstellt.

Innerhalb nur eines Monats erfahre ich von drei Leitern aus meinem Bekanntenkreis, die einen herben Zusammenbruch erfahren. Alle drei müssen ihr Tätigkeitsfeld verlassen, einige von ihnen wohl für immer.

Da ist Philipp. Verheiratet, zwei Kinder. Seit 15 Jahren Pastor einer kleinen freikirchlichen Gemeinde auf dem Land. Gerade hat der Vorstand Philipp entlassen müssen. Grund: Machtmissbrauch. Fehlende Bereitschaft, Konflikte konstruktiv zu lösen. Steuerbetrug.

Und da ist Peter. Ebenfalls Pastor einer blühenden Freikirche. Seit mehr als 20 Jahren im Dienst. Vor zwei Wochen wurde er freigestellt, dann entlassen. Grund: Wiederholte sexuelle Übergriffe auf Jugendliche seiner Gemeinde.

Und dann Bruno. Dynamischer Leiter eines christlichen Werkes. Auch er muss gehen. Er weigerte sich, partnerschaftlich mit seinem Leitungsteam zusammenzuarbeiten. Fällt eigenmächtige Personalentscheidungen. Ist nicht fähig, mit offenem Feedback und konstruktiver Kritik umzugehen. Als mehrere Mitarbeiter deswegen die Organisation verlassen, reagiert der Vorstand.

Drei Männer. Drei Lebengeschichten. Drei Mal ein abruptes Ende einer Berufung zum vollzeitlichen Dienst. Alle drei Geschichten machen mich tief betroffen. Philipp, Peter und Bruno sind nicht irgendwer. Es sind Bekannte von mir. Wir haben uns hie und da gesehen. Mit Bruno stand ich in regelmäßigem Kontakt. Und nun das!

Parallelen – und ein erschreckende Einsicht

Beim Nachdenken über ihre Geschichte fallen mir Parallelen auf: Alle drei sind Reich-Gottes-Veteranen. Keine Neulinge, sondern langjährige Leiter. Und alle drei befinden sich in ihrer Lebensmitte, sind zwischen 40 und 55.

Ihr plötzliches Ausscheiden beunruhigt mich. Mehr noch: Es quält mich. Ihre Geschichten begleiten mich tagelang und verfolgen mich bis in meine Träume. Ich sehe zerbrochene Männer vor mir. Verletzte Ehefrauen. Verunsicherte Kinder. Enttäuschte, irritierte Mitarbeiter und Gemeindeglieder. Viele sind betroffen. Wenn Leiter scheitern, wiegt das schwer.

Und dann wird mir bewusst: Ihre Geschichte könnte mehr mit mir selbst zu tun haben, als ich mir das eingestehen möchte! Denn auch in mir steckt destruktives Potential. Wenn ich nicht wachsam bin und in Gottes Gnade verwurzelt bleibe; wenn sich nicht hilfreiche Strukturen und gute Freunde ordnend in mein Leben einfügen, dann ist vieles möglich. Ich bin genauso anfällig für die Sünde. Ich kenne diese Neigungen und Versuchungen, die jeden Leiter umschleichen wie ein Raubtier, das sich auf leisen Sohlen seinem Opfer nähert: Jemanden ein bisschen manipulieren. Wenn nötig mit Bibelversen. Mich rechtfertigen, statt mich zu entschuldigen. Zurückschlagen, wenn ich angegriffen werde. Denjenigen verachten, der sich aus meinem Fanclub verabschiedet. Das Ding alleine durchziehen. Keine Rücksprache mit den anderen nehmen. Augen zu und durch! Bei den falschen Frauen Verständnis und Aufmerksamkeit suchen …

Leiter kennen diese Fallen. Keiner ist vor ihnen sicher. Petrus hat schon recht, wenn er schreibt: Seid wachsam und nüchtern! Euer Feind, der Teufel, schleicht um die Herde wie ein hungriger Löwe. Er wartet nur darauf, dass er jemand von euch verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand! (1. Petrus 5,8-9). Und Paulus doppelt nach: Du meinst sicher zu stehen? Gib Acht, dass du nicht fällst! (1. Korinther 10,12)

Leitende sind gefährdet! Ein Abteilungsleiter oder Firmenchef kämpft da an ganz ähnlichen Fronten wie ein Pastor oder der Leiter eines christlichen Werkes. Hier der Druck von Umsatz und Gewinn, da soll die Gemeinde wachsen. Hier die Erwartungen von Kunden und Mitarbeitern, da die von Mitgliedern oder Spendern. Endlose Arbeit und viel zu wenig Zeit, allen Forderungen gerecht zu werden.

Jeder Leiter kann scheitern – auch der Glaube schützt davor nicht automatisch. Das Ausbilden, Fördern und Begleiten gesunder Leiter gehört für mich deswegen zu einer der Hauptaufgaben der christlichen Gemeinde. Ohne gesunde Leiter gibt es keine gesunden Gemeinden, keine gesunden Firmen. Ein altes Sprichwort sagt: „Ein toter Fisch beginnt am Kopf zu stinken.“

Die DNA gefährdeter Leiter

Wenn ich die Geschichte gescheiterter Leiter näher betrachte, dann fallen mir Muster auf, die sich wiederholen. Es gibt eine Art DNA, diee besonders gefährdeten Leitern innewohnt. Wenn bestimmte „Gene“ zusammenkommen, dann ist die Gefahr groß, dass er zu Fall kommen wird, wenn er nicht rechtzeitig die Bremse zieht und sich zu einem TÜV seiner Seele und seiner Persönlichkeit begibt.

Philipp, Peter und Bruno scheiterten alle in der gleichen Phase ihre Lebens, nämlich in der Lebensmitte – eine Zeit, besonderer Herausforderungen. Romano Guardini hat ein hilfreiches Buch geschrieben, in dem er die verschiedenen Lebensphasen des Menschen beschreibt. (Titel: Die Lebensalter) Guardini sieht zwischen den verschiedenen Lebensaltern (Kindheit, der junge Mensch, der mündige Mensch, der ernüchterte Mensch, der weise Mensch) jeweils eine Zwischenphase, die mit einer Krise verbunden ist. Bei Menschen in der Lebensmitte spricht Guardini von der „Erfahrung der Grenze“. Diese Krise begegnet dem Menschen ungefähr zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr. Kennzeichen sind Erfahrungen und Gefühle wie die folgenden:

  • Ein Zuviel an Arbeit, Mühen und Verantwortung.
  • Parallele Herausforderungen in Ehe, Familie, Haus, Arbeit und Ehrenämtern.
  • Zunehmende Schwierigkeiten, Spannungen, Widerstände in den verschiedenen Aufgabenbereichen.
  • Man spürt die Grenzen der eigenen Kraft.
  • Man ist enttäuscht von Menschen und manchmal auch vom Leben.
  • Schmerzhafte Ernüchterung, weil sich viele persönliche Pläne, Ziele, Visionen und Ideen scheinbar doch nicht realisieren.
  • Verunsicherung: Kann ich mich in meiner beruflichen Stellung halten?

Leiter sind Menschen mit hohen Zielen. Sie haben Träume, verfolgen eine Vision, haben Ideen und investieren sich mit Begeisterung in deren Umsetzung. Sie glauben, dass Großes möglich ist und geben ihre beste Lebenskraft, um Menschen dafür zu motivieren. Ansteckende Vision, hohe Begeisterung, überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, Motivation der anvertrauten Mitarbeiter – das macht einen Leiter aus. Wer darüber hinaus vom Reich Gottes und vom biblischen Auftrag erfüllt ist, der bekommt einen zusätzlichen Energieschub.

Wenn eine christliche Führungsperson in der Lebensmitte nun plötzlich mit der Krise der Grenz-Erfahrung konfrontiert wird, dann ist das, wie wenn ihm jemand böswillig einen Stock in die Fahrradspeichen stößt. Vorwärtsdrang und Enthusiasmus sind gebremst. Kräfte und zeitlichen Ressourcen sind nicht endlos. Menschen und Erwartungen sind enttäuscht. Auch bei mir selbst: Der Traum von der blühenden Gemeinde. Der Traum von den vielen Menschen, die zu hingegebenen Jüngern werden. Eine Gemeinde, die für ihr gesellschaftliches Umfeld relevant ist. Eine Firma, die auf ethischen Werten aufbaut und dennoch rentabel wirtschaftet. So viele Ziele! Die Krise der Grenzerfahrung lässt das alles plötzlich unrealistisch erscheinen und sogar platzen. Das tut weh.

Genau an diesem Punkt begegnet der Leiter einer Versuchung: Die Krise nicht zu akzeptieren, sondern ihr ein Schnippchen zu schlagen. Wenn ein Leiter sich nicht von unrealistischen Träumen und Zielen lösen will, dann wird er versuchen, ihnen mit vermehrter Kraftanstrengung doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. Und wenn die Kraft erschöpft ist? Dann sucht er nach andern Mitteln, um den Traum doch noch zu realisieren. In einer solchen Situation greifen viele Leiter (oft unbewusst) zu unlauteren Methoden, die sie ihre Integrität kosten. Sie beginnen, ihre Macht auszuspielen, um Entscheidungen doch noch herbeizuführen. Menschen zu ihren Gunsten zu beeinflussen und manchmal auch zu missbrauchen. Sie schwören ihre Mitarbeiter und ihre Gemeinde auf scheinbar biblische Ziele und von Gott gegebenen Visionen ein und hinterlassen bei all jenen ein schlechtes Gewissen, die ihre Ambitionen nicht teilen. Ganz langsam kann sich hier Führungsstärke und Entschlossenheit mit subtiler Manipulation zugunsten eigener Ziele vermischen. Die „Krise der Grenzerfahrung“ ist einer der Mosaiksteine, die Leiter zum Scheitern bringt. Wir begegnen Leitern, die sich mit Unsicherheit plagen.

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Ausblick Teil 2: Verunsicherte Leiter. Was ist das eigentlich?
 

Über Lothar Krauss

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3 Antworten zu Leiter im Visier des Feindes! | Integer leiten! | Teil 1

  1. Stephan Panter schreibt:

    Rüttelt auf – vielen Dank!
    Was aber sind Kriterien um „urealistische Ziele“ und „Glaubensziele“ zu unterscheiden? Wenn wir das nicht definieren, opfern wir u.U. viel „unentdecktes Land“ auf dem Altar „sicherer Heimathäfen“.

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