Was ich von relevanten Gemeinden gelernt habe … | Teil 3

Anfang des Jahres hatte ich fast drei Monate Zeit, um etwa 20 Gemeinden im deutschsprachigen Europa und in den USA kennen zu lernen. Was ist von diesen Gemeinden zu lernen, die christozentrisch und relevant in ihrer Kultur wirken? 

Im ersten Teil habe ich die Kerneinsichten „Auftrag und Momentum“ beschrieben. Der zweite Teil hat das Thema „Leitung“ aufgegriffen. Heute geht es um die „Gemeindegröße“

Gemeindegröße

Ist das dein Ernst? werde ich gefragt. Hast du jetzt das „Mega-Gen“? Spielt die Größe der Gemeinde für ihre Relevanz wirklich eine wichtige Rolle? Das weiß ich nicht so genau! Aber auf alle Fälle sind Gemeinden, die relevant in ihr Umfeld wirken, schon von einer gewissen Größe. Größe darf man sich dabei nicht sofort als „ein großes Gemeindezentrum, tausende Gottesdienstbesucher …“ vorstellen. Größe kann richtig klein sein, weil sie sich anders organisiert. Z.B. in einem Netzwerk! Sie muss nicht uniform auftreten, nicht über einen „Starprediger“ einen eigenartigen Personenkult entfalten usw. Ich sehe viele andere Ausdrucksformen von Größe, die meine bisherige Vorstellung von Größe sprengen während der Studienreise. Ich will in diesem und den nächsten beiden Beiträgen der Serie weiter erklären, was ich damit meine.

Warum hat Größe eine Attraktivität?

Ich lerne, dass große Gemeinden in der westlichen Welt oft wachsen. Kleine Gemeinden wachsen nicht automatisch, nur weil sie klein sind. Auch in den USA sind weit über 90% aller Gemeinden unter 100 Leuten. Und sie wachsen in der Regel nicht. Große Gemeinden haben Zulauf! Es gibt Mythen zu großen Gemeinden, die gerne auch in deutschen Köpfen spuken. Ich habe sie hier erwähnt. Wir haben Vorurteile.

Warum sprechen große Gemeinden Leute in der westlichen Welt an?

Die Familienstrukturen, auf die wir in anderen Teilen der Welt eher stoßen, sind in der westlichen Kultur am zerbrechen. In den Gegenden der USA, in denen die Familie nicht mehr so prägt, ist die große Gemeinde erfolgreicher. „Weil man anonymer sein kann“, war eine Antwort von Leitern, die ich oft hörte! Oder auch diesen Hinweis kommt häufiger: „Die Angebote einer größeren Gemeinde ersetzt vieles von dem, was bisher über die Beziehungen in der Familie, im Freundeskreis und der vertrauten Bekanntschaft erlebt wurde.“ Ob das die wichtigsten Gründe sind? Oder eine Folge der mobilen Gesellschaft, der Entwurzelung, des hohen Lebenstempos, des Individualismus … ? Ich denke, dass mir zur Beurteilung doch erheblich Hintergrundwissen fehlt. So treffe ich auf Blitzlichter, Meinungen, Beobachtungen, die mir das Bild nicht ganz erhellen. Aber viele Leute mögen diese Erscheinung, nehmen große Gemeinden als relevant war!

Einladende Orte …

Die großen Gemeinden, die ich besucht habe waren oft so, dass ich gern und ohne Scheu meine Bekannten mitgenommen hätte. Etliche Kollegen in Deutschland haben mir in der Reflexion dieses Punktes gesagt, dass sie Nichtchristen in ihren Gottesdienst nicht mitnehmen würden. Und noch etwas anderes: Das Potential für die soziale Verantwortung in der Stadt ist in diesen Gemeinden auch groß: Sie können Menschen (in der Gemeinde und außerhalb) in Not usw. einfach richtig gut helfen. Und sie tun es. Das spricht dort Nichtchristen an und ist eine Brücke, den christlichen Glauben als glaubwürdig zu erfahren und sich zu öffnen.

Überraschend – Große Gemeinde: Ganz klein!

Diese großen Gemeinden erlebe ich nicht sofort als groß! Sie sind oft persönlicher, offener, wärmer, als ich es aus meinem Kulturkreis kenne. Denn diese Mega-Gemeinden sind auf eine Art richtig klein! Ihre Gottesdienste erreichen viele tausende Besucher. Aber nicht nur in einer Veranstaltung! Sie haben nicht nur einen Gottesdienst! Und nicht nur an einem Ort, an dem sie sich treffen. Viele arbeiten im „Multi-Site“ Stil. Eine Gemeinde, viele Locations. An den Locations (Sites) finden oft mehrere Gottesdienste am Sonntag statt. Es sind Gemeinden, die 10 – 30 Gottesdienste am Wochenende anbieten. Einige machen (noch) Video Übertragung. Ein Prediger, eine Predigt – an allen Orten. Aber das könnte bald „Old-School“ sein. Neue Wege der Umsetzung, die viel mehr Berufungen und Begabungen fördern, entwickeln sich gerade! Ein Trendgemeinde macht es so: Dienstags treffen sich alle Verkündiger der Gemeinde zum gemeinsamen Bibelstudium über den Abschnitt der Predigt. Gemeinsam erarbeiten sie die Kernaussage, die Struktur usw. Jeder nimmt dann diese Grundlage und erarbeitet eine Predigt mit seinem Profil, seiner Persönlichkeit, seiner geistlichen Begabung. Und dann wird am Wochenende über den gleichen Text, in der ähnlichen Struktur, mit der ganz eigenen Färbung gepredigt.

Immer mehr neue Locations kommen in diesen Gemeinden dazu. Für unterschiedliche Milieus! Viele Leute sind dabei aktiv. Viele Gaben werden entwickelt und eingesetzt. Sehr dynamisch. Und gleichzeitig mit hoher Qualität und geschonten Ressourcen, da die Verwaltung und viele andere Dienstleistungen zentral verwaltet werden.

Zwischengedanke: Ist das ein Impuls für kleine, sterbende Gemeinden im Umfeld einer wachsenden, größeren Gemeinde? Ich denke an meine erste Dienststelle vor 25 Jahren bei JMS Altensteig zurück. Irgendwie haben wir ähnliches schon damals gemacht, wie ich es auf der Reise beobachte. Wir haben es nicht konsequent durchgehalten … Aber es hatte schon damals im Schwarzwald ein enormes Potential. Könnte das für unsere Situation in Deutschland ein wesentlicher Impuls der Zukunft werden?

Große Gemeinde – noch kleiner!

Die kleinen Gruppen spielen nach wie vor eine zentrale Rolle. In allen Abschnitten auf dem Weg Christ zu werden, Christ zu bleiben, geistlich zu wachsen, Nöten zu begegnen, gemeinsam zu dienen, zu feiern, zu trauern, zu sorgen … Ich denke immer wieder, dass die Fürsorge in so einer Mega-Church zum Teil persönlicher und wirksamer ist, als ich es von unseren 60 Personen Gemeinden kenne.

Fazit: Die Stärke einer großen Gemeinde, die dynamisch in ihrer Gestalt ist und von innen lebt, fasziniert. Gibt es für Deutschland eine Gemeindegröße, die besonders hilfreich in unserer Kultur ist, um den Glauben zu bezeugen und zu leben? Trifft das auf alle Milieus in gleicher Weise zu? Wie groß sollte eine Gemeinde wenigstens sein, um relevant in der Gesellschaft Christus mit Worten und Taten zu bezeugen? Diese Fragen treiben mich um …

Ausblick: Zwei weitere Beobachtungen zu großen Gemeinden ziehen mich in ihren Bann. Die nächsten beiden Beiträge der Reihe lüften den Vorhang.
 

UPDATE: (1.7.2014) Hier geht es zu den neuesten Einsichten zur Frage, wer eigentlich die großen Gemeinden (Megachurches) in den USA besucht. Überraschende Ergebnisse! Die nachfolgende Grafik fasst die Einsichten zusammen:

(c) leadnet.org

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